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Gedanken zum Sonntag

Gedanken zum Predigttext für Ostersonntag, 12. 04. 2020

1. Korinther 15, 20-28: Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus, danach die Christus angehören, wenn er kommen wird, danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott „alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „alles hat er unter seine Füße getan“ (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

Liebe Mitchristen!

Dieses Osterfest ist anders als wir es gewohnt sind. Kein Ostereiersuchen beim Osterspaziergang in großer Familienrunde, keine Verwandtenbesuche, keine Fahrten zu den beliebten Ausflugszielen. An Festtagen wie heute treffen uns die Einschränkungen, die zur Eindämmung des Corona-Virus notwendig sind, besonders hart. Denn Ostern ist nur einmal im Jahr. Und wir haben unsere vertrauten Abläufe, wie wir dieses Fest im Kreise unserer Familie oder unserer Freunde Jahr für Jahr feiern – vielleicht schon seit unserer Kindheit. Dieses Osterfest reißt uns heraus aus unseren vertrauten Abläufen. Nichts ist mehr selbstverständlich und wie immer. Das ist verstörend. 

Und doch sind wir gerade mit dieser Erfahrung ganz nahe dran an dem, was Ostern eigentlich war, ist und sein will: Ein Tag, der uns aus unseren gewohnten Abläufen herausreißt. Ein Tag, der uns mit verstörenden Erfahrungen konfrontiert. Ein Tag, an dem es um Leben und Tod geht – oder besser gesagt: Um Tod und Leben. Am Ostermorgen sind drei Frauen zu Jesu Grab gegangen, um Jesus die letzte Ehre zu erweisen. Es muss zutiefst verstörend für sie gewesen sein, dass ihr geliebter Verstorbener nicht mehr im Grab war. Stattdessen ist da ein Engel und redet von Auferstehung. Alles, was für sie bisher selbstverständlich war und nicht in Frage gestellt werden konnte, ist nun auf den Kopf gestellt. Tot ist tot. Von den Toten ist noch keiner zurückgekommen. Gilt das noch? Oder ist das jetzt außer Kraft gesetzt? 

„Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind“, schreibt der Apostel Paulus der jungen christlichen Gemeinde in Korinth. Auferstehung von den Toten, das konnten die Korinther sich genauso wenig vorstellen wie wir heute. Alle Menschen sind sterblich. Das war schon immer so. Und wenn man die ganze Geschichte der Menschheit durchgeht und bei Adam anfängt. Daran ist nichts zu rütteln. 

Aber Paulus sagt: Was da bei Adam angefangen hat, das ist jetzt anders. Mit Jesus Christus fängt etwas Neues an. Er ist der erste Mensch, der von den Toten auferstanden ist. Damit ist etwas Neues in die Welt gekommen, eine unglaubliche Hoffnung, die es so noch nie gegeben hat. Eine Hoffnung, die stärker ist als der Tod. Denn wenn Jesus Christus auferstanden ist von den Toten, dann werden wir alle eines Tages auferstehen von den Toten. Jesus Christus, er ist der Erste, er ist der Kopf dieser Bewegung. Martin Luther vergleicht das mit einer Geburt: „Christus als das Haupt ist durch. Wie die Weiber sagen, ist des Kindes Haupt geboren, dann hat’s nicht not.“ 

„In Christus werden alle lebendig gemacht“, schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth in ihren Zweifeln und Ängsten. Wenn es so weit ist, dann passiert Revolutionäres im Himmel und auf der Erde. Alle Obrigkeit wird abgesetzt – die braucht es dann nicht mehr. Alle Herrschaft und Gewalt wird entmachtet – die gibt es dann nicht mehr. Schließlich wird der Tod als letzter Feind und mächtigster Gegenspieler des Lebens vernichtet. Dann werden Gott der Vater und der Sohn vereint sein, „damit Gott sei alles in allem“. 

Eine großartige Zukunftsvision ist das, die Paulus uns da vor Augen stellt. Aber noch ist es nicht so weit. Bis dahin wird noch gestorben, alt und lebenssatt oder jung und lebenshungrig. Der Tod ist ein höchst vitaler Feind. Mitten ins Leben bricht er herein, in unsere scheinbar so sichere Welt. Trotz aller Technologie und allem wissenschaftlichen Fortschritt. An dieser schmerzlichen Wahrheit kommen wir nicht vorbei. Jetzt in der Corona-Krise steht sie uns deutlich vor Augen. 

Paulus will diese schmerzliche Wahrheit nicht schönreden. Er schreibt auch gegen eine Verharmlosung des Todes. Aber trotz allem, was an Schrecklichem passiert und noch passieren wird: Die grandioseste Verheißung, die alles Begreifen übersteigt, steht! Da geht es nicht nur um meine persönliche Sehnsucht nach Auferstehung. Da geht es um ein weltumspannendes Ereignis, um die Vernichtung der Macht des Todes, um die Befreiung der ganzen Schöpfung. „Damit Gott sei alles in allem“. Man könnte nun sagen, diese grandiose Zukunftsvision ist wohl eine Nummer zu groß für uns heute. Was hat sie mit unserem Leben zu tun, in dieser von der Corona-Krise gebeutelten Welt? 

Ich denke an die Menschen in Italien, in diesem vom Corona-Virus besonders schlimm betroffenen Land. Sie hängen Plakate in ihre Fenster, auf denen steht: „Alles wird gut“. Ich denke an die Kinder in unseren Ortschaften. Sie malen einen Regenbogen ans Fenster – das Zeichen der Hoffnung: Nach Unwetter und Gefahr kommt wieder Sonnenschein und Freude. 

Das alles sind für mich Osterzeichen. Sie stehen dafür, dass wir von der Zukunft her leben. Dass wir getragen sind von dieser Hoffnung, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird. Auch wenn wir es jetzt noch nicht erkennen können. Auch wenn wir selber die Welt nicht retten und den Tod nicht beseitigen können. Das müssen wir auch nicht. Unsere menschlichen Möglichkeiten sind begrenzt. Was wir im Rahmen dieser Möglichkeiten tun können, das sollen wir tun. Mehr musss es nicht sein. Das „Alles“ ist uns in dieser Welt nicht versprochen. Wir sind Fragment. Gott wird sein alles in allem – und das genügt. Das gibt uns Grund, zu glauben, zu hoffen, zu lieben – auch über den Tod hinaus. So können, so sollen wir fröhlich Ostern feiern – auch wenn dieses Jahr das Osterfest so ganz anders abläuft als wir es gewohnt sind. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer 

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Gedanken zum Predigttext für Gründonnerstag, 09. 04. 2020

2. Mose 12, 1-4+6-8+11-14: Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Und ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und dem Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 

So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. 

Liebe Mitchristen!

Menschen sterben. Im heutigen Predigttext aus 2. Mose sind es die Erstgeborenen, die jede Familie zu beklagen hat. Ihr Sterben ist eine der 10 Katastrophen, die über Ägypten kommen, als das Volk Israel dort in der Sklaverei gefangen war. Solche Katastrophen, die Menschenleben kosten, sind uns heute näher gerückt. Täglich hören wir neue Nachrichten über die Ausbreitung des Corona-Virus, der seine Opfer fordert. Manchmal gelingt es, dass wir uns darüber informieren können, ohne dass es uns persönlich zu schaffen macht. Und es ist wichtig, dass wir das können. Nicht die schlechten Nachrichten sollen die Oberhand über uns haben, sondern das Vertrauen auf Gott, der in den Höhen und Tiefen des Lebens unser Begleiter und Helfer ist. 

Und doch können und sollen diese Nachrichten niemanden ganz kalt lassen. Immer wieder gibt es auch bei mir welche, die mir richtig an die Nieren gehen. Das Altenheim in Wolfsburg zum Beispiel, in dem der Corona-Virus ausgebrochen ist und so viele Todesopfer gefordert hat. Ich kenne dieses Altenheim. Meine Großmutter hat dort ihren Lebensabend verbracht, bis zu ihrem Tod vor 7 Jahren. Vielen von Ihnen wird es bei der einen oder anderen Nachricht so gehen. Da geht es auf einmal um Orte und Personen, die ich kenne, zu denen ich einen Bezug habe in meinem Leben. Was kann ich tun, dass nicht die schlechten Nachrichten die Oberhand bekommen bei mir? Dass nicht Angst und Verzweiflung regiert in meinem Leben, sondern das Vertrauen auf Gott? 

Die Israeliten sind nicht in Angst und Verzweiflung versunken, damals in Ägypten. Ihre Lage war aussichtslos. Sie waren Sklaven, die unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten mussten. Wer nicht mehr konnte, blieb auf der Strecke. Ein Menschenleben zählte da nichts. Alle Verhandlungen, die Mose schon mit dem Pharao geführt hatte, waren vergeblich gewesen. Auch die vielen Katastrophen, die sein Land schon erschüttert hatten, konnten das Herz dieses mächtigen Herrschers nicht erweichen. Die Israeliten blieben in Ägypten gefangen. Aber die Hoffnung haben sie nicht aufgegeben. Sie haben festgehalten am Glauben an Gott. Gott, dem es richtig an die Nieren geht, wenn Menschen leiden. Gott hat die Israeliten aus dieser tödlichen Lage herausgeholt und in die Freiheit geführt. 

Bevor die Israeliten bei Nacht und Nebel aufbrechen, gibt es noch etwas zu Essen. Sie haben keine Zeit, um ein richtiges Essen zuzubereiten. Ihre letzte Mahlzeit in Ägypten ist eher improvisiert. Da wird dann eben ohne Hefe und Sauerteig Brot gebacken, weil es so schneller geht. Das Bündel ist schon geschnürt, und der Wanderstock in der Hand.  Für das Lamm, das sie schlachten und braten, nehmen sich die Israeliten in ihrer Aufbruchstimmung aber doch Zeit. Mit seinem Blut bestreichen sie die Türpfosten ihrer Häuser. Das hilft gegen das Sterben, gegen diesen plötzlichen und unheimlichen Tod aller Erstgeborenen. 

Krankheiten, gegen die kein Kraut gewachsen war – die Israeliten kannten das, was wir heute auch wieder erleben müssen. Mit dem Blut des Passa-Lamms setzten sie ein Zeichen gegen die Angst und die Verzweiflung. Es ist ein Zeichen, das Gott ihnen gegeben hat. Ein Zeichen, das ihnen sagt: Ihr sollt leben. Auch wir haben von Gott ein solches Zeichen bekommen – Jesus Christus, Gottes Sohn, der am Kreuz sein Blut für uns vergossen hat. Johannes der Täufer sagt über ihn: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29) 

Am heutigen Gründonnerstag denken wir daran, wie Jesus Christus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern zusammen das Passah-Mahl gefeiert hat. Die alte Geschichte, wie Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei befreit hat, ist ihnen ganz nahe an diesem Abend. Gerade auch Jesus geht sie an die Nieren. Er denkt daran, dass er ans Kreuz gehen und sterben wird. Angst und Verzweiflung wollen die Oberhand gewinnen bei ihm. Sie treiben ihn um, bis er spät am Abend beim Gebet im Garten Gethsemane seinen Frieden machen kann damit, dass sein Weg ans Kreuz führt. 

Gottes Wege mit uns führen nicht immer nur geradeaus. Manchmal sehen wir nicht einmal hinter die nächste Wegbiegung. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Vielleicht ist das auch Ihr Lebensgefühl in der jetzigen Krisensituation. Auch für uns heute gilt das Vermächtnis, das Jesus seinen Jüngern am Abend vor seinem Tod mit auf den Weg gegeben hat. Im Vertrauen auf Gott, der retten kann, selbst aus auswegslosen Situationen wie der Sklaverei in Ägypten. Im Vertrauen auf diesen Gott reicht Jesus seinen Jüngern Brot und Wein und sagt: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ 

Auch wenn wir das Abendmahl heute nicht miteinander feiern können – diese Worte gelten auch und gerade für uns. Gott führt uns in die Freiheit. Frei von Sünde und Schuld, frei von Angst und Verzweiflung dürfen wir leben. Wenn uns die aktuellen Nachrichten erschrecken und wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, dann rufen wir uns doch immer wieder in Erinnerung: Die Zukunft steht in Gottes Hand. Gott ist für uns da – an jedem neuen Tag.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer 

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Gedanken zum Predigttext für Palmsonntag, 05. 04. 2020

Markus 14, 3-9: Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander. Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. 

Liebe Mitchristen!

Wie geht es Ihnen gerade jetzt, wo Sie diese Predigtgedanken lesen? Ist es Sonntagmorgen, weil für Sie der Sonntag der Tag des Gottesdiensts und der Andacht ist? Oder ist für Sie gerade ein anderer Zeitpunkt wichtig und richtig, um zur Ruhe und zu Gott zu finden? Sind Sie allein oder können Sie in Gemeinschaft beten und auf Gottes Wort hören? Haben Sie sich bewusst dazu entschlossen, jetzt diese Predigtgedanken zu lesen, oder sind Sie eher zufällig hier hängen geblieben? 

Unsere gottesdienstliche Gemeinschaft hat sich radikal verändert, seit wir durch die Corona-Krise nicht mehr sonntagmorgens in der Kirche zusammenkommen können. Wir wollen einladen. Wir wollen offen sein für alle. Aber Manche haben wir damit nicht erreicht. Manche haben sich nicht in unsere Gottesdienste getraut, auch wenn wir keine verschworene Gemeinschaft sein wollen, sondern eine offene und einladende. Vielleicht haben diese Menschen es jetzt leichter, wenn sie die Predigt und die Gebete schwarz auf weiß vor sich haben, und der Gottesdienst auf unserer Homepage nur einen Mausklick entfernt ist. Ich weiß es nicht. Jedenfalls möchte ich es Ihnen wünschen, wenn Sie zu diesen Menschen gehören. 

Es ist ein Segen, dass es die Medien gibt, über die wir auch in dieser Zeit in Kontakt bleiben können – die Zeitung und unsere lokalen Nachrichtenblätter hier vor Ort, die Homepage unserer Kirchengemeinde, und die Netzwerke, die wir über Email, WhatsApp und Telefon aufgebaut haben. Allen, die daran mitarbeiten und dafür sorgen, dass wir so in Verbindung bleiben, möchte ich herzlich danken. Vieles können wir so miteinander tun – ja, auch Gottesdienst feiern und Andacht miteinander halten. Im Singen, Beten und auf Gottes Wort hören bleiben wir verbunden. 

Und doch – Manches ist auch nicht möglich. Taufe und Abendmahl gibt es jetzt nur noch bei Lebensgefahr. Konfirmanden bei der Konfirmation die Hand auflegen zum Segen ist auch nicht möglich. Das alles muss verschoben werden auf später. Das tut mir weh. Und gerade weil es mir weh tut, merke ich, wie wichtig das für mich ist: Diese Sakramente und Rituale, die oft mehr sagen als viele Worte. Weil wir dabei noch auf einer ganz anderen, viel tieferen Ebene angesprochen werden, wenn Gottes Nähe für uns auch körperlich spürbar wird. 

Gottes Nähe wird für mich spürbar im Geschmack von einem Stück Brot und einem Schluck Wein beim Abendmahl. Gottes Nähe wird spürbar in der Wärme der Hand, die mich berührt und segnet. Nähe und persönliche Zuwendung, die körperlich spürbar wird. Davon erzählt auch der Predigttext für den Palmsonntag. Da ist eine Frau, die Jesus körperlich nahekommt. Sie salbt seinen Kopf mit Öl. 

Eigentlich ist Jesus gerade mit Anderem beschäftigt. Er ist bei Jemanden zum Essen eingeladen. Offen und einladend für alle ist das nun absolut nicht. Man könnte sich vorstellen, an der Tür hängt das Schild: Geschlossene Gesellschaft. Aber diese Frau traut sich, durch diese Tür zu gehen. Sie geht zu Jesus. Auch wenn es für sie so aussehen muss, als ob das eine verschworene Gemeinschaft ist, die ihn da umgibt.

Sie kommt mit ihrer Parfümflasche. Kostbares Nardenöl ist da drin. Das war weit und breit das teuerste Duftöl, das es damals gab. 300 Silbergroschen ist es wert, erfahren wir. Das war damals das Jahreseinkommen eines einfachen Arbeiters. Das Jahreseinkommen! Das muss man sich vorstellen. In unserer Zeit wären das mindestens 20.000 €. Und dieses Geld verbrennt sie einfach, wirft es zum Fenster raus, leert es Jesus über den Kopf. Komplett, die ganze Parfümflasche. Alles auf einmal, in einem Schwall. Sie bricht den Flaschenhals auf, der seinen kostbaren Inhalt sonst nur tröpfchenweise preisgeben würde. Kein Wunder, dass sich da Widerstand regt: Das Geld hätte man doch besser den Armen geben sollen! 

Ich finde, dieser Einwand wiegt schwer. Da gibt es Menschen, die jeden Tag schauen müssen, wie ihnen das Geld reicht zum Lebensnotwendigen. Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus in unserem Predigttext. Das ist die traurige Wahrheit, bis heute. Ich finde es wichtig, dass wir gerade in dieser schwierigen Zeit die Armen nicht vergessen, denn die jetzige Krise trifft sie doppelt hart. Ich denke an die sozial Schwachen, die auf den Tafelladen in Trossingen angewiesen sind. Dort gibt es in letzter Zeit nicht mehr viel zu kaufen, es fehlt an Grundnahrungsmitteln. Vielleicht können Sie ja helfen mit einer Spende. 

Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus. Und er weiß auch: Die Armen sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Gutes tun. Das ist wichtig. Aber die Sorge um die Armen soll uns nicht den Blick verstellen für das Besondere und Einzigartige. Auch die vielen anderen Sorgen, die wir uns jetzt in dieser Krise machen, sollen uns diesen Blick nicht verstellen. Mich habt ihr nicht allezeit, sagt Jesus. Er weiß, was ihn erwartet – Folterqualen, Schmerzen und Tod. Er weiß, diese Frau salbt ihn zu seinem Begräbnis. Im Blick auf all das Schwere, was er zu erleiden hat, gönnt Jesus sich diesen besonderen Moment der persönlichen Zuwendung. Er genießt die Nähe dieser Frau und den wunderbaren Duft ihres kostbaren Öls. 

Den Moment genießen in schwerer Zeit. Das ist das, was wir hier von Jesus lernen können. Für unseren nächsten Gemeindebrief sammeln wir solche Hoffnungszeichen: Das, was Menschen in diesen Tagen Hoffnung gibt und Freude bereitet. Viel könnte das sein: Vielleicht ein Lächeln oder ein gutes Wort, ein Sonnenstrahl oder eine Begegnung – auch auf Abstand oder über die Medien. Ich lade Sie ein, Augen, Ohren und alle Sinne offen zu halten für solche besonderen Momente, die Gott uns auch in dieser Zeit schenkt, wo wir auf Vieles verzichten müssen, was uns lieb geworden ist. Vielleicht gelingt es uns ja dadurch, auch in den unscheinbaren Dingen und Ereignissen etwas zu entdecken von dem Glanz und der Schönheit, die Gott in unser Leben bringen will.  

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer 

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Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Judika, 29. 03. 2020

Hebräer 13, 12-14: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 

Liebe Mitchristen!

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Dieses Bibelwort aus Jeremia 29, 7 hat uns unser Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July ans Herz gelegt in diesen Tagen, in denen sich der Coronavirus immer weiter ausbreitet. Es beeindruckt mich, wie viele Menschen unter uns sind, die das ganz praktisch umsetzen und mit Leben füllen. Menschen, die ihren älteren Nachbarn ihre Unterstützung anbieten. Menschen, die sich zusammentun, um die Betreuung der Kinder privat zu organisieren. Menschen, die ganz neue Ideen entwickeln, wie wir miteinander in Kontakt bleiben können, ohne dass wir durch die persönliche Begegnung die Gesundheit unseres Gegenübers gefährden. Die neuen Medien und das Internet sind dabei ganz wichtig. Aber auch die Glocken unserer Kirchen hier auf dem Heuberg, die jeden Abend um 19.00 Uhr zum Gebet einladen, und auch sonntags zu den üblichen Gottesdienstzeiten. 

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Mir selber fällt es nicht leicht, dieses Gebet für unsere Ortschaften, unser Land und unsere Welt nun nicht mehr in der Kirche zu verrichten, sondern zuhause am Esszimmertisch. Es hilft, wenn ich dabei eine Kerze anzünde. Ich stelle sie ins Fenster. Vielleicht können die Nachbarn sie so sehen. Leichter fällt es mir, wenn wir zu Mehreren um den Esszimmertisch versammelt sind, wie wenn ich dort allein sitze. Aber auch allein ist es möglich. Ich weiß mich dann verbunden mit den anderen Menschen hier in unseren Ortschaften und Kirchengemeinden, die jetzt gerade auch die Glocken hören, auf die brennende Kerze in ihrem Fenster schauen und beten. 

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So sagt es der Predigttext aus dem Hebräerbrief. Wir haben in dieser Welt keine Garantie darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass wir am Wochenende in einen Gottesdienst gehen können, ins Fußballstadion, ins Konzert oder in unser Lieblingsrestaurant. Das alles war ganz selbstverständlich für uns alle. Niemand hätte gedacht, dass das jemals anders werden könnte. Und doch ist es jetzt so gekommen. Unser Predigttext bringt das auf den Punkt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“. Stattdessen sind wir unterwegs auf der Suche nach dem, was unserem Glauben Hoffnung und Zukunft gibt. Im Glauben leben heißt: sich in Bewegung setzen. Neue Wege suchen, wie wir mit den Herausforderungen unserer Zeit leben können. Und dabei nicht den Mut verlieren, sondern auf Gott vertrauen. Er ist unsere Zukunft. 

Auf den ersten Seiten der Bibel ist von einem Mann und einer Frau die Rede, die den Aufbruch wagen. Abraham und Sara verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihre Gewohnheiten. Sie wagen den Aufbruch in die Fremde. Interessant ist dabei, dass gerade dieser Mann zum Urvater des Glaubens wird. Abraham weiß genauso wenig wie Sara, was sie erwartet. Einzig im Vertrauen auf Gott begeben sie sich auf den Weg. In ihrem Herzen die Zuversicht, dass Gott mit ihnen ist. Das reicht ihnen. Das ist ihre Hoffnung. Darauf setzen sie ihr Vertrauen. Das macht sie stark und selbstgewiss. Da ist es egal, wo und wie sie ankommen werden. Ihr Glaube, ihr Vertrauen zu Gott setzt sie in Bewegung. 

Machen wir uns hoffnungsvoll auf und suchen wir nach der zukünftigen Stadt – in einer Welt, in der neue Formen des christlichen Miteinanders nötiger werden denn je. In einer Zeit, die uns vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und die größte Herausforderung ist wohl die, dass wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Aus der Erstarrung aufbrechen, sich für unsere Mitmenschen stark machen, Trost und Hoffnung verbreiten, sichtbar unseren Glauben leben. All das ist jetzt mehr gefragt denn je. Und all das passiert ja jetzt auch. Jede brennende Kerze, die abends beim Glockenläuten in einem Fenster zu sehen ist, steht für diese Hoffnung.

Unsere christliche Hoffnung trägt auch in schweren Zeiten. Sie ist keine Schönwetter-Hoffnung. Sie ist gegründet in Jesus Christus, der alles Elend und Leid der Welt auf sich genommen hat. Und das nicht als allmächtiger Strahlemann, der über dem allen drübersteht. Sondern als einer, der das Elend und Leid versteht, weil er es selber durchgemacht hat. Draußen vor dem Tor der Stadt hat er gelitten, hat er sein Blut vergossen am Kreuz, verachtet und verspottet. Er lässt uns nicht im Stich, egal was kommt. Zu ihm können wir kommen mit unseren Gebeten, gerade auch in schweren Zeiten. Er versteht, wie es uns jetzt geht. 

Vertrauen wir einem Gott, bei dem Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene steht für den neuen Weg, der nicht stehen bleibt bei Althergebrachtem. Aus unserem Glauben an Gott sind wir aufgefordert, nach dem Guten zu streben und darin Jesus nachzufolgen. Wir können das, weil wir glauben dürfen, dass wir auf dem Weg in die zukünftige Stadt sind. Im Vertrauen auf Jesus Christus, der nicht so bleiben wollte, wie er war und der nicht alles beim Alten belassen wollte, können wir getrost sein und das Zukünftige suchen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

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Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Lätare

Jesaja 66, 10-14: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie eine seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. 

Liebe Mitchristen!

Freut euch, ruft uns der Prophet Jesaja entgegen. Gibt es denn Grund zur Freude? Das Leben ist in diesen Tagen wirklich kein Zuckerschlecken. Da ist die Mutter mit den drei kleinen Kindern, die nun alle zuhause sind, weil Kindergärten und Schulen geschlossen haben. Ihre Arbeit kann sie im Homeoffice weiterführen. Aber dazu bleiben ihr eigentlich nur die Nachtstunden. Tagsüber muss sie ihre Kinder beschäftigen, denen die Zeit lang wird ohne ihre Freunde und Freizeitaktivitäten. Da ist der Mann, der einen Partyservice hat. Ein fröhlicher Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht. Aber als sein letzter Kunde seine Betriebsfeier abgesagt hat, sind im fast die Tränen gekommen. Er weiß nicht, wie es für ihn weitergehen soll. Da sind diejenigen unter uns, die in Quarantäne sind oder um ihre Gesundheit bangen müssen wegen dem Corona-Virus. 

Jeder könnte in diesen Tagen solche Geschichten erzählen. Und da hilft es nicht, wenn dann jemand kommt und ruft: Freut euch! Freu dich! Das kann kein Trost sein in einer solchen Situation. So etwas zu sagen, wäre sogar zynisch. Was tröstet wirklich? Was kann uns jetzt helfen, diese schwierige Zeit durchzustehen? 

Wie ging es damals den Israeliten, denen der Prophet Jesaja das „Freuet euch“ zurief? Auch sie hatten eine schwere Zeit erlebt, im Exil, fernab der Heimat, wo alles zerstört war, auch ihre geliebte Stadt Jerusalem. Was hilft in schwerer Zeit?

Jesaja verkündet mit großartigen Bildern, dass die Stadt Jerusalem den Bewohnern Grund zum Fröhlichsein geben wird. Wiederaufgebaut, voller Schönheit, glanzvoll, überströmend wie eine Mutter, die mit ihrer Fürsorge und vollen Brüsten den Säugling umhegt. Eine Stadt des Friedens, wie es der Name verspricht. Der Reichtum der Völker wird sich in ihr widerspiegeln. Und unaufhaltsam wie bei einem Strom ist der Frieden. 

Aber wie kann das Bild einer blühenden, friedlichen Stadt Trost sein? Wenn ich hier in Wehingen im Ort unterwegs bin, treffe ich kaum noch Jemanden. Und das bei schönstem Frühlingswetter, wo die Menschen nach dem Einkaufen beim Bäcker oder im Supermarkt sonst immer gerne noch ein Schwätzchen miteinander gehalten haben. Jetzt sieht jeder zu, dass er möglichst schnell wieder nach Hause kommt. Es gibt keine öffentlichen Veranstaltungen mehr, ja selbst die Gottesdienste in unserer Kirchengemeinde finden nicht mehr statt. Das blühende und pulsierende Ortsleben, das der Prophet Jesaja hier für Jerusalem beschreibt, steht uns jetzt gerade nicht vor Augen. 

Auch damals, zur Zeit des Propheten, stand dieses blühende Ortsleben den Menschen nicht vor Augen. Aber der Prophet Jesaja hält daran fest, er verkündet es mit Vollmacht: „Es wird so sein!“ „Ihr werdet es sehen!“ Es ist Spruch Gottes: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Wenn Sie darüber nachdenken, wie trösten Eltern im besten Fall, wenn das Kind sich das Knie aufgeschlagen hat? Sie nehmen es in den Arm, versorgen die Wunde, trocknen die Tränen und sagen: „Es wird alles wieder gut.“ Sind sie sich da so sicher? Sie sagen es und vertrauen darauf, dass es so sein wird, auch wenn sie es in dem Moment vielleicht nicht garantieren können. Und das Kind? Es glaubt daran, es vertraut, weil es die Eltern sind, die es gut mit ihm meinen.

Glauben und darauf vertrauen, dass alles gut wird. Dazu möchten uns die Worte des Propheten Jesaja einladen. Er ruft uns zu: Da gibt es Jemanden, der dich in den Arm nimmt und dich tröstet, wenn du nicht mehr kannst. Da gibt es Jemanden, der dich stärkt und aufrichtet, wenn du keine Kraft mehr hast. Gott ist es, der so für uns da ist. Er ist so umfassend für uns da wie eine Mutter, die 24 Stunden am Tag ihr kleines Kind versorgt. Er gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Nichts wird uns fehlen. So wie das kleine Kind alles hat, was es zum Leben braucht, wenn es an der Brust seiner Mutter gestillt wird. 

„Es wird alles wieder gut.“ Noch ist es nicht zu erkennen, dass es so ist. Und doch ändert es jetzt schon unser Leben, wenn wir uns diese guten Worte von Gott und seinem Propheten zusprechen lassen. Wenn wir uns von Gott in den Arm nehmen lassen. Denn mit dem Gottvertrauen ist es so wie mit dem Kind, das seinen Eltern vertraut. Da schmerzt das aufgeschlagene Knie immer noch. Aber das Kind lässt sich von seinen Eltern in den Arm nehmen. Es vertraut ihren Worten, dass alles wieder gut wird. So kann das Kind trotzdem wieder fröhlich sein, denn es weiß: Ich bin nicht allein. Lassen wir uns also von Gott in den Arm nehmen. Lassen wir uns ein auf dieses Gottvertrauen. Damit wir wieder fröhlich sein können – auch und gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer