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Gedanken zum Sonntag

Rogate

Predigt zum Sonntag Rogate

Lk 11, 1-13: Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung. Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Mitchristen!

Jesus bete. Immer wieder erzählt die Bibel davon, wie Jesus sich zurückgezogen hat zum Beten. Wie er allein sein wollte mit seinem Gott. Was macht Jesus da nur, wenn er allein ist mit Gott? Wie macht er es, dass er Gottes nähe erfahren kann? Welche Worte spricht er? Oder ist es ein Gebet ohne Worte, wo er im Herzen ganz bei Gott ist- wie die Liebenden, die keine Worte mehr brauchen, um sich zu verstehen? Wenn ich das doch auch könnte, Gott so nahe zu sein. Wenn ich mich doch wirklich darauf konzentrieren könnte, zu Gott zu beten. Aber immer wieder kommen diese störenden Gedanken dazwischen: Ist da wirklich jemand, der mich hört, oder rede ich nur ins Leere, wie gegen eine Wand? Ist das nur ein Selbstgespräch, eine Selbsttäuschung? Was ändert sich schon durch mein Gebet? Kann Beten wirklich helfen? Herr, lehre uns beten, sagen die Jünger. Und Jesus erhört ihre Bitte. Er antwortet ihnen nicht irgendwie theoretisch oder abgehoben. Er gibt auch keine Anleitung, wie ich zur inneren Ruhe und Konzentration finde. Er sagt nicht: So wie ich müsst ihr es machen. Steigt auf einen Berg, wo ihr allein seid und niemand euch stört. Dort oben könnt ihr in Ruhe beten. Es braucht keinen besonderen Ort, um mit Gott reden zu können. Wenn ich einen solchen Ort für mich gefunden habe, ist es gut. Auch der Gottesdienst kann ein solcher Ort sein, wo ich zur Ruhe kommen und mich Gott zuwenden kann. Aber beten kann ich überall. Es braucht keine besonderen Voraussetzungen dazu. Auch wenn mein Kopf leer ist und meine Gedanken abschweifen kann ich beten. Ich kann beten mit den Worten, die Jesus uns geschenkt hat. „Herr, lehre uns beten,“ sagen die Jünger. Und Jesus antwortet mit dem Vaterunser. So sollt ihr beten, sagt Jesus: „Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.“ Das sind Worte, die uns vertraut sind. In aller Kürze hat sie der Evangelist Lukas aufgeschrieben – so kurz, dass uns hier manches fehlt von diesen vertrauten Worten. Die fehlenden Worte finden wir im Matthäusevangelium überliefert.

Es gibt wohl kaum einen anderen Bibeltext, der uns so vertraut ist wie das Vaterunser. Das Vaterunser haben wir zumeist schon als Kinder auswendig gelernt. „Herr, lehre uns beten.“ Überlegen wir mal, wo wir beten gelernt haben: War es im Kindergarten oder in der Schule, vielleicht im Konfirmandenunterricht? Waren es die Eltern oder die Großeltern, die mit mir gebetet haben? Beten ist Vertrauen. Das deutsche Wort „Vertrauen“ kommt von dem gotischen Wort „trauan“. Übersetzt heißt das „fest“ oder „stark“. Das Schwierige am Vertrauen ist, ich kann mich nicht dazu entscheiden. Vertrauen kann ich mir nicht vornehmen. Sondern: Ich muss es trainieren. Es muss wachsen. Ich stelle mir ein kleines Mädchen vor, das mit seinem Vater spielt. Sie stellt sich auf einen kleinen Tisch. Er breite seine Arme aus. Und sie springt – weil sie weiß, dass ihr Vater sie natürlich auffängt. Dann lacht sie, kreischt ein bisschen und will das gleiche Spiel noch mal und noch mal und noch mal. Dieses kleine Mädchen übt Vertrauen mit dem Vater. Später sitzt der Vater bei ihr an der Bettkante. Die beiden werden still und falten die Hände. Sie beten. Welche Worte sie dafür wohl verwenden, der Vater und seine kleine Tochter? „Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.“ Vielleicht beten sie so. Oder so, wie ich es noch aus meiner Kindheit kenne: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein.“ Was war Ihr Abendgebet, damals, als Sie ein Kind waren? Und haben Sie dieses Abendgebet weitergeben können an Ihre Kinder und Enkel? Herr, lehre uns beten.

Beten ist kein Reden ins Leere, kein Sprechen gegen eine Wand. Wenn ich Gott um etwas bitte, dann ist das so, wie wenn ich meinen besten Freund oder die beste Freundin um etwas bitte. Es gibt Bitten, die sind so gewagt, dass ich mich nur bei meinen allerbesten Freunden traue, sie um so etwas zu bitten. Nur die beste Freundin oder den besten Freund würde ich nachts aus dem Schlaf klingeln, wenn ich in Not bin. So wie dieser Mensch, von dem Jesus erzählt, der nachts dringend noch drei Brote braucht. Besuch hat er bekommen. Sein Freund ist von weither angereist, mit staubigen Füßen und knurrendem Magen. Er braucht dringend etwas zu Essen. Er kann nicht warten bis morgen. Unverschämt ist das, mitten in der Nacht beim Freund zu klingeln. Aber dieser Mensch tut es. Und er bekommt die drei Brote, um die er gebeten hat. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan,“ sagt Jesus. Gebt nicht auf, euch mit euren Bitten an Gott zu wenden. Auch nicht mitten in der Nacht. Auch nicht, wenn es hoffnungslos scheint. Mitten in der Nacht von Krieg und Gewalt sollt ihr Gott um Frieden bitten. Um Frieden zwischen den Menschen und Völkern. Um Frieden für die Ukraine. Gebt nicht auf – nicht eure Hoffnung und nicht eure Gebete.

Um Brot geht es in den Geschichten, die Jesus erzählt: Drei Brote werden mitten in der Nacht gebraucht. Drei Brote, ein Fisch, ein Ei – das ist es, was wir zum Leben brauchen. Nicht die Schlangen und Skorpione brauchen wir, die das Leben zerstören. Die wollen wir unseren Kindern nicht geben, sondern das, was zum Leben dient – ein Brot, ein Gutenachtgebet, unsere offenen Arme, in die sie sich fallen lassen können. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ So beten wir im Vaterunser. Martin Luther erklärt das im Kleinen Katechismus so: „Was heißt denn tägliches Brot? Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ Unser tägliches Brot, das ist: Alles was wir zum Leben brauchen. Auch der Friede gehört dazu, ein gutes Miteinander zwischen den Menschen. „Bittet, so wird euch gegeben,“ sagt Jesus. Beten ist Vertrauen. Manchmal bete ich lange. Manchmal immer und immer wieder. Manchmal weiß ich nicht, ob ich gehört werde. Manchmal kommt alles ganz anders, als ich es erhofft und erbeten habe. Dann übe ich Vertrauen, so wie das kleine Mädchen mit seinem Vater. Ich lasse mich fallen in Gottes offene Arme. Auch wenn es da tief nach unten geht und ich nicht sicher sein kann, dass es gutgehen wird. Ich lasse mich fallen und bete: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Kantate

 

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Kantate, 15. Mai 2022

Jesus Christus spricht: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5, 9).

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, für eure Konfirmation habt ihr ein Bild ausgewählt mit einer Friedenstaube, die aus lauter einzelnen Menschen besteht. Frieden und Gemeinschaft, gegenseitiger Respekt voreinander, Recht auf Frieden, dass niemand im Krieg sein Leben lassen muss und wir inneren und äußeren Frieden haben. Das sind die Wünsche und Hoffnungen, die ihr mit diesem Bild verbindet. Vielleicht hättet ihr ein anderes Bild für Eure Konfirmation ausgewählt, wenn wir diese Bild-Auswahl schon vor dem 24. Februar getroffen hätten. Aber der Krieg, der seit diesem Tag in der Ukraine tobt, zeigt uns allen, wie zerbrechlich und wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir in Frieden leben dürfen.

Frieden passiert nicht von allein. Frieden gibt es nur, wenn Menschen sich aktiv darum bemühen. Und es braucht viele Menschen, die am Frieden arbeiten, damit Frieden wachsen kann. Es braucht uns alle. Daran erinnert Eure Friedenstaube. Sie besteht aus lauter einzelnen Menschen, die den Frieden wollen. Kein einziger von diesen Menschen könnte allein eine Friedenstaube bilden. Nur gemeinsam geht es. Nur, wenn man sich einigt und alle mitmachen. Nur so können wir den Weg des Friedens gehen, wie es Jesus uns aufgetragen hat: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Ich wünsche euch, dass euer Lebensweg ein solcher Weg des Friedens wird, und dass ihr euch nicht von den Mächtigen dieser Welt in die Knie zwingen lasst. Heute werdet ihr knien, um Gottes Segen zu empfangen, hier vor diesem Altar. Vor Gott sollt ihr knien, nicht vor den Menschen.

Pfarrer Matthias Storck hat dazu einmal erzählt: „In der Dorfkirche meiner Kindheit wurde beim Abendmahl gekniet. An besonderen Tagen, etwa am Gründonnerstag, kamen viele: fast alle Bauern von der LPG, der Schmied, der Bäcker, sogar die Postfrau, die Frau aus dem Konsum und manchmal die Dorfärztin. Festlich gekleidet und in strenger Reihenfolge gingen sie nach vorn. Und alle knieten nieder. Die großen Männer wirkten unbeholfen am ungewohnten Ort. Wenn sie sich nach dem Segen wieder der Gemeinde zuwandten, lernte ich ihre etwas derben, aber feierlichen Sonntagsgesichter schnell und genau auswendig. Etwas wie ein Bekenntnis stand allen hell und deutlich ins Gesicht geschrieben, wenn sie vom Altar zurück in ihre Bänke gingen: „Vor Gott knie ich. Aber kein Mensch soll je versuchen, mich in die Knie zu zwingen!“ Nie wieder habe ich den tieferen Sinn des Kniens so klar und ohne Wenn und Aber begriffen. Ihr Kniefall vor Gott schützte diese Menschen wirksam und dauerhaft vor jeder Art falscher Demut oder vorauseilendem Gehorsam. Später begriff ich: Diese Menschen übten jedes Mal für den Ernstfall. So hat mich die kleine Abendmahlsgemeinde in der Mark Brandenburg mit ihrem Beispiel vor mancher Feigheit bewahrt.“

So weit die Erzählung von Pfarrer Storck. Gerade auch euch, den Konfirmandinnen und Konfirmanden, möchte ich das mit auf den Weg geben: Geht euren eigenen Lebensweg. Lasst ihn euch nicht vorschreiben von anderen Menschen. Es ist euer Leben. Macht etwas daraus. Gestaltet es im Rahmen Eurer Möglichkeiten, so dass es gut wird für euch und für eure Mitmenschen. Sagt eure Meinung und steht dazu, auch wenn sie dem Anderen nicht passt. Bleibt trotzdem respektvoll gegenüber dem Anderen, der eine andere Meinung hat als ihr. Denkt dabei an Jesus Christus, der uns gesagt hat: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Aber lasst euch nicht in die Knie zwingen von Menschen, denn das hat Jesus Christus auch nicht getan. Beugt eure Knie allein vor Gott. Er hat euch das Leben geschenkt. Er will euch auch weiterhin begleiten auf eurem Lebensweg. Gott will, dass euer Leben gut wird. Denkt an Gott und betet zu ihm, wenn ihr Entscheidungen zu treffen habt auf eurem Lebensweg. Und entscheidet euch für das Gute und nicht für das Böse. Auch wenn das Böse manchmal verlockender aussieht als das Gute: Beugt vor ihm nicht die Knie! Bleibt bei Gott. Er wird euch helfen, auch in schwierigen Zeiten.

 

Gott ist unser Vater, und wir alle sind seine Kinder. Ja, alle Menschen sind Gottes Kinder. Egal, in welchem Land der Erde sie wohnen und welche Sprache sie sprechen. Egal, ob sie arm sind oder reich, jung oder alt, Frauen oder Männer. Jeder Mensch auf dieser Erde ist Gottes geliebtes Kind- ob er das nun weiß und sich daran freut, oder ob er noch nie darüber nachgedacht hat. Alle Menschen sind Gottes Kinder. Wenn Ihr euch das klar macht, dann fällt es leichter, das auch zu leben und sich für den Frieden einzusetzen, wie es Jesus uns aufgetragen hat. Und wenn ihr Friedensstifter seid, dann werden die anderen Menschen euch auch so erleben – als Kinder Gottes:  „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Jesus wollte den Frieden. Er wollte niemanden ausschließen. Ich denke an den reichen und betrügerischen Zöllner Zachäus, der mit den Römern gemeinsame Sache gemacht und an seiner Zollstation in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Zu diesem Zachäus ging Jesus hin und ließ sich von ihm zum Essen einladen. Davon war Zachäus so begeistert, dass er sein Leben geändert hat und den Menschen nichts Böses mehr getan hat, sondern Gutes. Jeder hat bei Gott eine Chance. Keiner ist von vornherein abgeschrieben, auch dann nicht, wenn schon viel schief gelaufen ist in seinem Leben. Wenn ihr so denkt, dann werdet ihr Friedensstifter sein. Auch euer Bild mit der Friedenstaube zeigt das: Ganz verschiedene Menschen sind da auf dem Bild – eine bunte Mischung, so wie auch ihr ganz verschiedene Menschen seid, mit euren Sorgen und Freuden. Mit dem, was ihr schon erlebt habt in Eurem Leben an Gutem und an Schwierigem. So wie ihr seid, seid ihr bei Gott willkommen – ja, wir alle, die wir heute versammelt sind, sind bei Gott willkommen, jeder Mensch auf dieser Erde. Machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Frieden!

Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

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Predigt zum Ostersonntag, 17. April 2022



Markus 16, 1-8: Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Mitchristen!

„Frohe Ostern!“ Das wünschen wir uns heute gegenseitig zum Fest. Auch bei anderen christlichen Festen ist das so. Wir wünschen uns gegenseitig „Frohe Weihnachten“ und vielleicht sogar „Frohe Pfingsten.“ Bei den nichtkirchlichen Feiertagen ist das anders. Wir wünschen uns keinen frohen Tag der Arbeit und auch keinen frohen Tag der Deutschen Einheit. Zu den ernsten und stillen kirchlichen Feiertagen wie dem Totensonntag und dem Karfreitag wünschen wir uns natürlich auch keinen frohen Tag. Aber jedenfalls bei den Wünschen zu Ostern und Weihnachten darf dieses kleine Wörtchen froh nicht fehlen. So auch am heutigen Morgen: „Frohe Ostern!“ Denn Christus ist auferstanden. 

„Frohe Ostern!“ Dabei war das erste Ostern zunächst einmal überhaupt nicht kein froher und fröhlicher Tag. Jedenfalls nicht für die drei Frauen, die in der Ostergeschichte im Markusevangelium vorkommen: Zwei mit dem Namen Maria, eine heißt Salome. Alle drei waren Jüngerinnen von Jesus. Sie waren von Anfang an dabei gewesen, schon in Galiläa, wo alles anfing. Und sie haben es mit eigenen Augen sehen müssen, wie Jesus gekreuzigt wird und stirbt. Von den „Frauen, die von ferne zuschauten“ ist im Evangelium (Markus 15, 40) die Rede. Und zumindest die beiden Marias waren auch dabei, als Jesus ins Grab gelegt wurde: „Sie sahen, wo er hingelegt wurde.“ (Markus 15,47)

Drei Frauen, die Schreckliches erlebt haben. Jesus, der ihrem Leben Sinn und Ziel gegeben hat, wurde mit brutaler Gewalt gefoltert und hingerichtet. Die Bilder haben sich in ihre Seele eingebrannt und lassen sie nicht los. Angstvoll, verstört, traumatisiert sind Salome und die beiden Marias. Ich sehe die Gesichter dieser Frauen vor mir in den Gesichtern der ukrainischen Frauen, die in diesem furchtbaren Krieg alles verloren haben. Entwurzelte Frauen, die um ihre Liebsten weinen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden. Nein, es ist kein „frohes Ostern“ für diese Frauen, sondern Zittern, Entsetzen, Schweigen und Furcht. Wie können sie jemals wieder froh werden? Die beiden Marias und Salome wissen darauf keine Antwort. Aber immerhin schaffen sie es, sich in Bewegung zu setzen. Wenn mir Trauer, Angst und Mutlosigkeit den Boden unter den Füßen wegziehen wollen, dann hilft es, die einfachen Dinge des Alltags zu tun: Morgens aufstehen, mich waschen und frühstücken, dann Einkaufen gehen und der Gang auf den Friedhof zum Grab des geliebten Menschen. Diese einfachen Dinge des Alltags tun mir gut. Es hilft mir, sie einfach zu erledigen, und den Fragen, ob das jetzt alles überhaupt noch einen Sinn hat, nicht zu viel Raum zu geben.  

Salome und die beiden Marias machen es auch so. Sie stehen frühmorgens auf. Sie kaufen Sachen für das Grab Jesu ein. Sie gehen zum Grab. Die Frage, ob das jetzt alles noch einen Sinn hat, begleitet sie. Aber sie schaffen es, diese Dinge des Alltags jetzt trotzdem zu erledigen, und dieser Frage nicht zu viel Raum zu geben. Erst als es nichts mehr zu erledigen gibt, als sie schon aufgestanden sind und eingekauft haben, erst da wird die Frage groß: Was hat das überhaupt noch für einen Sinn, was wir hier tun? Jesus ist tot. Es ist alles vorbei. Alle unsere Hoffnungen und Pläne, alles, was uns wichtig war im Leben. Dunkel und schwer wie ein Stein lasten diese Gedanken auf den drei Frauen. Der Stein am Grab fällt ihnen jetzt wieder ein. Groß und schwer war er. Mehrere Männer hatte es gebraucht, um das Grab Jesu mit diesem Stein zu verschließen. Es ist endgültig vorbei, durchfährt es die drei Frauen. Diesen Stein wälzt niemand mehr weg. Jesus ist für uns nicht mehr erreichbar. Tot und begraben liegt er auf der anderen Seite des Steins. Was hat das alles für einen Sinn? Warum gehen wir überhaupt noch weiter in Richtung Grab? Warum drehen wir nicht einfach um? Die Fragen werden lauter und lauter. Aber Salome und die beiden Marias schaffen es, diesen Fragen zu trotzen und weiterzulaufen zum Grab. Und dann geht es Schlag auf Schlag: Der Stein am Grab ist weggerollt. Das Grab ist offen. Der tote Jesus ist verschwunden. Der fremde junge Mann im weißen Gewand, der sagt. „Entsetzt euch nicht!“ Aber wie sollten seine Worte jetzt ankommen bei den drei Frauen? „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. “ Die Worte des jungen Mannes im weißen Gewand kommen nicht an bei den beiden Marias und Salome. Es nützt alles nichts, was er sagt. Zu viel Schreckliches haben diese drei Frauen erlebt in letzter Zeit. Zu vieles, was sie aus der Bahn geworfen hat. Mit Mühe hatten sie es geschafft, trotz allem die Dinge des Alltags zu erledigen und irgendwie weiterzumachen an diesem ersten Werktag der neuen Woche, die sie ohne Jesus beginnen mussten. Aber jetzt waren sie erneut aus der Bahn geworfen. Nichts war so, wie sie es erwartet hatten. Ja, selbst ein verschlossenes Grab mit einem Stein davor, den sie keinen Millimeter von der Stelle bewegt bekommen hätten, wäre ihnen noch lieber gewesen als das hier: Nichts war von Jesus übriggeblieben, buchstäblich gar nichts. Nicht einmal sein toter Körper. Nicht einmal ein Ort, an dem sie um ihn trauern und ihm den letzten Liebesdienst der Totensalbung erweisen konnten. Menschen, die keinen Ort haben, um um ihre Liebsten zu trauern. Wieder bin ich mit den Gedanken in der Ukraine – bei den unbegrabenen Toten dieses Krieges, bei den Massengräbern, bei den notdürftig Begrabenen mit den improvisierten Holzkreuzen und weißen Tüchern, die ihre Gräber markieren. Für Salome und die beiden Marias ist das jetzt zu viel. Sie halten es nicht mehr aus. Sie fangen an zu zittern. Entsetzen packt sie. Sie laufen weg. Was sie am Grab gesehen und gehört haben, hat sie so verstört, dass sie es nicht in Worte fassen können. Sie erzählen Niemandem davon. 

Frohe Ostern sieht anders aus als diese Ostererzählung, die uns das Markusevangelium überliefert. Und mit der das Markusevangelium ursprünglich auch endet. Ein Schluss, der schwer auszuhalten ist. Kein Wunder also, dass später noch weitere Verse hinzugefügt wurden, die davon erzählen, wie die Jünger dem Auferstandenen begegnen. Aber der Evangelist Markus hatte sich ursprünglich für diesen Abschluss seines Evangeliums entschieden: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ Was könnte ihn dazu bewegt haben? Er muss doch auch gewusst haben, dass die Geschichte von Jesus hier nicht zu Ende war. Er muss doch davon gewusst haben, dass die Furcht und das Schweigen der Frauen schließlich doch noch umgeschlagen ist in Freude über die Gewissheit: Jesus lebt! Eine Freude, die weitererzählt und weitergetragen wurde. Wenn es nicht so gewesen wäre, dann wäre überhaupt nie ein Evangelium verfasst worden, in dem die Geschichte Jesu erzählt wird. 

Vielleicht will der Evangelist Markus uns mit seinem verstörenden Schluss daran erinnern, dass wir – die Menschen damals und heute – viel gemeinsam haben mit den drei Frauen am Grab von Jesus. Wie die Frauen am Grab bekommen wir viel zu sehen: Schreckliche Bilder, die sich in unsere Seele eingebrannt haben. Bilder aus unserem eigenen Leben und Umfeld, Bilder aus Kriegsgebieten wie der Ukraine. Bilder, die uns bedrücken und lähmen. Wie die Frauen am Grab ist es für uns nicht unmittelbar einleuchtend, dass Jesus Christus auferstanden ist, dass das Leben den Tod besiegt. Wir sind darauf angewiesen, dass andere es uns sagen: Christus ist auferstanden! Wir können uns das nicht selber sagen. Wir können nicht aus eigener Erfahrung und Anschauung zur Osterfreude kommen. Für die Frauen am Grab geht der Weg zur Osterfreude über das Entsetzen. Entsetzen ist ein sehr starkes Gefühl, so wie auch die Freude ein sehr starkes Gefühl ist. Vielleicht braucht es diese Dünnhäutigkeit, die bereit ist, auch das Entsetzen an sich heranzulassen, um zur wahren Osterfreude kommen zu können. Eine Osterfreude, die mehr ist als nur ein gedankenlos dahingesagtes: „Frohe Ostern!“ Eine Osterfreude, die die Abgründe des Grauens nicht ausblenden muss. Denn gerade diese Abgründe hat Jesus Christus durch sein Leiden und Auferstehen durchschritten. Wir brauchen uns nicht mehr zu entsetzen. Wir brauchen nicht mehr zu schweigen. Wir haben die Hoffnung, dass das das Leben stärker ist als der Tod und dass die Macht des Bösen gebrochen ist. Darum können wir uns freuen und die Osterbotschaft weitersagen, in alle Dunkelheit dieser Welt hinein: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

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[Goldene Konfirmation]Palmsonntag

Feier der Goldenen Konfirmation

 

Am Palmsonntag, 10. April, haben ihr 50jähriges Konfirmationsjubiläum gefeiert: Gudrun Marquart (Reichenbach), Elisabeth Narr (Gosheim), Ramona Narr (Gosheim ), Uwe Schön (Gosheim) und Sylvia Volz (Wehingen). Wir wünschen den Jubilarinnen und Jubilaren auch weiterhin Gottes Segen und Beistand auf ihrem Lebensweg.

 

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Palmsonntag

 

Predigt zur Goldenen Konfirmation am Palmsonntag, 10. April 2022

Johannes 17, 1-9: Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. 

 

Liebe Jubilarinnen und Jubilare, liebe Mitchristen,

Wir feiern goldene Konfirmation. Wir schauen zurück auf Lebenswege. 50 Jahre sind seit Ihrer Konfirmation vergangen. Am 19. März 1972 war das, als Pfarrer Autenrieth Sie hier in der Christuskirche konfirmiert hat. Damals, bei Ihrer Konfirmation, da haben Sie auf dem Weg in die Zukunft geschaut – gespannt und erwartungsvoll, wie unsere jetzigen Konfirmanden, die kurz vor der Konfirmation stehen. Sicher waren damals nicht nur Optimismus und Zuversicht vorhanden. 1972 – das war die Zeit des Kalten Krieges und des RAF-Terrors. Das war das Jahr der blutigen Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München. Ich weiß nicht, wie Sie diese Nachrichten damals berührt haben. Sie transportieren ja nicht nur Fakten, sondern eine tiefere Botschaft über uns und unser Leben: Es ist in Gefahr. Wir sind von vielen Seiten bedroht. Und unsere Zukunft ist nicht gesichert.

Was trägt uns hindurch durch ungewisse Zeiten? Was hat Ihnen geholfen in Ihrem Leben, damit Sie Ihren Weg gestärkt weitergehen konnten? Vielleicht waren da Menschen, die zu Ihnen gehalten haben. Vielleicht waren da gute Erfahrungen. Vielleicht waren da Anstrengungen, die sich gelohnt haben. Und vielleicht waren da auch Erfahrungen mit dem Glauben. Vielleicht haben Sie es immer wieder gespürt: Ich bin nicht allein. Und was ich wirklich wert bin, das entscheiden nicht die Menschen, die mich beurteilen und bewerten. Was ich wirklich wert bin, das entscheidet sich bei Gott. Denn ich bin Gottes geliebtes Kind. Gott ist für mich da, egal was die Zukunft bringt. Gott kann ich alles anvertrauen, wenn ich zu ihm bete.

Ich weiß nicht, ob Sie diese Erfahrung machen durften. Vielleicht gab es da auch Zeiten in Ihrem Leben, in denen Ihnen die Kirche und der christliche Glaube eher fremd geworden sind. Aber heute sind Sie gekommen, hier in die Kirche, in der Sie damals vor 50 Jahren Ihre Konfirmation gefeiert haben. Heute wollen Sie Ihre Bitten und Ihren Dank für die vergangenen 50 Jahre vor Gott bringen und mit den vertrauten Worten zu ihm zu beten: Vater unser im Himmel. Vater Unser: Das sind die Worte Jesu. Er selbst hat uns dieses Gebet geschenkt. Er hat seine Jünger gelehrt, so zu beten. Und so wurde dieses Gebet weitergegeben von Generation zu Generation – in den Familien, im Gottesdienst, im Konfirmandenunterricht. Vater unser, das bedeutet auch: Wir dürfen Gott Vater nennen. Jesus selber hat so gebetet. „Vater, die Stunde ist gekommen.“ „Vater, verherrliche du mich bei dir.“ Dieses Gebet Jesu überliefert uns das Johannesevangelium im 17. Kapitel. Jesus betet. Seine Verhaftung steht unmittelbar bevor. Sein Weg ins Leiden, ans Kreuz, in den Tod. Das Gebet Jesu, das das Johannesevangelium überliefert, hat einen ganz anderen Klang als das, was wir aus den anderen Evangelien kennen. In Todesangst betet Jesus dort im Garten Gethsemane: „Vater, nimm diesen Kelch von mir!“ (Mk 14, 36). Ja, Jesus war auch ganz Mensch, schwach und verzagt. Er hat wirklich gelitten, hatte Angst und hatte Schmerzen. Jesus, der Mensch. Wenn wir Angst haben und Schmerzen, wenn wir denken, unser Weg ist zu schwer für uns und wir schaffen das nicht -dann können wir sicher sein: Jesus versteht, wie es uns jetzt geht. Er hat das alles selber auch schon durchgemacht. Jesus, ganz menschlich. Das hilft mir, dass ich ihm meine eigene Not anvertrauen kann.

Wir feiern Konfirmationsjubiläum in einer schwierigen Zeit. Wir stehen fassungslos vor dem blutigen Krieg in der Ukraine. Die grausamen Bilder von zerstörten Städten und ermordeten Zivilisten lassen uns nicht mehr los. Das Elend der traumatisierten Flüchtlinge geht uns nahe. Wir machen uns Sorgen um die Zukunft: Welche Einschränkungen auf uns noch zukommen als Folge dieses Krieges? Wir hätten einen solchen Krieg nicht für möglich gehalten.

Gerade in schwierigen Zeiten brauche ich den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der zusammen mit Gott dem Vater und dem Heiligen Geist die Welt in seinen Händen hält. Von ihm kann ich Hilfe erwarten in all dem Elend, das mich umgibt. Nicht ein Mensch, nur der Sohn Gottes kann die Not wenden. Jesus, der Sohn Gottes. So begegnet er uns im Johannesevangelium. Auch bei seinem Gebet vor seiner Verhaftung, auch da ist Jesus ganz der Sohn Gottes: „Vater, verherrliche du mich bei dir.“ Im tiefsten Elend zeigt sich Gottes Herrlichkeit – in Jesus Christus am Kreuz. Am Kreuz hält Jesus segnend die Hände über uns alle und sagt uns: Dir sind deine Sünden vergeben. Jesus macht sein Angebot – es enthält auch die Bereitschaft, die Kraft zum Frieden. Jesus sagt uns: Keiner von uns ist schon am Ende. Gott schenkt uns Zukunft. Er gibt uns sein Wort. Und er lädt uns ein, sein Wort zu bewahren – das Wort von Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod, stärker als alles Leid und alle Schuld. Das Wort von Jesus Christus, der uns ewiges Leben verspricht. Das ist der Halt, den wir als Christinnen und Christen im Glauben haben: Die Hoffnung, dass unser Leben Zukunft hat trotz aller Bedrohungen, trotz Elend, Not und Tod.

Das sind große Worte. Und vielleicht erscheinen sie dem einen oder der anderen von Ihnen eine Nummer zu groß – gerade in Zeiten wie der unsrigen, wo das Elend der Welt zum Himmel schreit, und wir uns fragen: Warum greift Gott nicht ein? Warum lässt Gott das alles zu? Fragen, die einen ins Zweifeln bringen können. Kommen die Worte der Bibel nicht ins Wanken angesichts solcher Schrecken? Ja, es ist alles andere als selbstverständlich, beim christlichen Glauben zu bleiben, so wie Sie es bei Ihrer Konfirmation vor 50 Jahren versprochen haben. In manchen Zeiten ist es ganz einfach, in anderen ist es jeden Tag eine neue Herausforderung. In seinem Gebet in Johannes 17 sagt Jesus uns: Wir gehören zu Gott, trotz aller Zweifel, die wir immer wieder haben. Und Jesus betet für uns zu Gott. Er betet darum, dass wir es schaffen, am Glauben dranzubleiben: „Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

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Gedanken zum Sonntag

Reminiscere

Predigt zum Sonntag Reminiszere, 13. März 2022

Matthäus 26, 36-46: Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Liebe Mitchristen!

Manchmal möchte ich auch einfach einschlafen, so wie die drei Jünger im Garten Gethsemane. Einfach die Augen schließen und die Realität ausblenden. Mich einfach mal wegbeamen aus dieser Welt voller Krieg und Angst, und eintauche in die heile Welt der Träume. Manchmal ist mir einfach alles zu viel. Ich lasse den Fernseher ausgeschaltet, weil ich die schlechten Nachrichten aus der Ukraine nicht mehr hören kann und die schrecklichen Bilder aus dem Kriegsgebiet nicht mehr ertrage.

Jesus hatte nur seine engsten Vertrauten mitgenommen in den Garten Gethsemane. Petrus, Johannes und Jakobus waren von Anfang an mit ihm unterwegs gewesen. Jesus braucht jetzt diese drei Freunde. Sonst hatte er sich immer ganz allein zum Beten zurückgezogen. Er brauchte die Ruhe und Abgeschiedenheit für das Gespräch mit seinem himmlischen Vater. Aber an diesem letzten Abend vor seinem Tod ist es anders. Zu bedrückt ist Jesus, zu aufgewühlt. Zu groß ist seine Angst vor dem, was ihm bevorsteht. Werden seine Freunde ihm beistehen können in dieser Not?

„Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot,“ sagt ein altes Sprichwort. Viele Menschen haben diese schmerzliche Erfahrung schon machen müssen. „Von meinen Freunden hat keiner angerufen, als meine Frau so plötzlich verstorben ist,“ erzählt mir ein Mann. „Manchmal habe ich sogar den Eindruck, die Nachbarn wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen.“ Der unerwartete Tod seiner Frau hat diesen Mann sehr verletzlich gemacht. Dass seine Freunde und Nachbarn ihn offenbar meiden, trifft ihn deswegen besonders hart. vielleicht sind seine Freunde und Nachbarn einfach nur unsicher, wie sie sich ihm gegenüber jetzt verhalten sollen. Sie wollen nichts Falsches tun oder sagen und tun deswegen lieber gar nichts. Aber das ist sicherlich das Falscheste, was sie tun können. Ihr Freund und Nachbar fühlt sich von ihnen im Stich gelassen.

So wie Jesus sich von seinen drei Freunden im Stich gelassen fühlt: „Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ fragt er Petrus, Johannes und Jakobus. Die drei konnten es nicht. Dabei haben sie schon so viel mit Jesus erlebt. Gebannt haben sie seinen gewaltigen Predigten gelauscht: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die Frieden stiften, denn wie werden Gottes Kinder heißen.“ Einmal wird alles gut werden. Einmal wird wirklich Frieden werden, Frieden für alle. Krieg und Leid werden für immer vorbei sein. Davon hatte Jesus gesprochen, immer wieder, voller Überzeugung, voller Begeisterung. Und seine Begeisterung war ansteckend. Seine Begeisterung hat sie, die Jünger, mitgerissen. Mit dieser Begeisterung im Herzen konnten sie alles ertragen, was das harte Leben unterwegs mit Jesus ihnen auferlegte: Hunger, Armut und die kalten Nächte unter freiem Himmel, wenn sie mal wieder kein Nachtquartier gefunden hatten. Die Jünger wussten ja: Wenn Jesus da war, dann wird alles gut. Immer wieder haben sie das so erlebt. Kranke hat Jesus geheilt und Hungrigen zu essen gegeben. Und als das Boot der Jünger zu kentern drohte bei diesem schrecklichen Sturm auf dem See Genezareth, da hat Jesus ihnen das Leben gerettet.

Aber da, was sie jetzt erlebten mit Jesus hier im Garten Gethsemane, das war anders. So wie an diesem Abend, so hatten sie Jesus noch nie erlebt: Jesus, der starke Retter, Gottes Sohn! Vor Angst zitternd, verzweifelt, völlig verzagt, ein Häufchen Elend. Was war aus Jesus bloß geworden? Keine Spur mehr vom starken Retter, vom Sohn Gottes! War das alles ein Irrtum gewesen? Sollten sie, Petrus, Johannes und Jakobus, jetzt Jesus stützen, der doch immer ihre Stütze gewesen war? Diese Stütze war jetzt weggebrochen. Wie sollte es bloß weitergehen? Die drei Jünger wissen es nicht. So schließen sie die Augen und schlafen ein.

Einfach die Augen schließen und einschlafen und all das Bedrohliche und Schreckliche ausblenden. So mancher wünscht sich das, gerade auch in unseren Tagen. „Mein Vater weint den ganzen Tag,“ erzählt mir eine Frau. „Alle seine Kriegserlebnisse sind jetzt wieder da. Nie hat er darüber sprechen können, und schon gar nicht weinen. Jetzt weint er und kann nicht mehr aufhören.“ Krieg ist schrecklich. Und selbst nach 70 Jahren wirft der zweite Weltkrieg immer noch lange Schatten in unsere Familiengeschichten, wird er immer noch jede Nacht neu durchlebt in den Alpträumen derer, die ihn miterleben mussten. Und jetzt ein neuer Krieg in Europa. Wo soll das alles enden? Frieden scheint nicht in Sicht. Unzählige Menschen sind auf der Flucht. Manchmal kann ich es nicht mehr ertragen, weiter darüber nachzudenken. Dann schließe ich die Augen vor dieser Realität. Wie im Traum lebe ich mein Leben weiter wie bisher. Vielleicht ist ja auch manchmal gut und richtig, das zu tun. Denn was wird aus mir, wenn ich den ganzen Tag nur noch gebannt auf die neuesten schlechten Nachrichten starre wie das Kaninchen auf die Schlange? Dann kann ich Niemandem mehr eine Hilfe sein. Auch nicht den Menschen, die mich jetzt gerade brauchen.

Petrus, Johannes und Jakobus schlafen. Dem Menschen, der sie jetzt gerade braucht, können sie deswegen keine Hilfe sein. Jesus ist ganz allein, ganz menschlich, ganz verletzlich. Die Jünger können es nicht ertragen, Jesus so zu sehen, und fliehen in den Schlaf. Können wir Jesus so ertragen? Jesus – nicht der starke Retter, der die Kriege und das Elend in dieser Welt einfach mit einem Handstreich beendet. Jesus, der schwach ist, der leidet und stirbt. Und in seinem Leiden und Sterben ist er all denen ganz nahe, die leiden und sterben. Jesus ist da – in den Luftschutzkellern in der Ukraine, bei den auseinandergerissenen Familien, bei den Flüchtlingen an den Grenzen, bei den Verwundeten, bei den Sterbenden. Jesus ist da, schwach und zitternd. Einer, der die Schmerzen wirklich gespürt hat, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Zu Jesus können wir beten, auch in der größten Not und im tiefsten Leiden. Jesus versteht das. Er hat das selbst erlebt und durchlitten. Und seine Worte gelten – die kraftvollen Worte, die er gesprochen hat: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Daran will ich festhalten, in all der Zerbrochenheit, die ich in unserer Welt erlebe. Und wenn ich daran festhalte, dann schaffe ich es vielleicht, dass ich den entscheidenden Augenblick nicht verschlafe, in dem ich gebraucht werde. Dann schaffe ich es vielleicht, die Augen offen zu halten, auch wenn das, was ich sehe, schrecklich ist und mir Angst macht. Dann schaffe ich es vielleicht, dass das Schreckliche und Angst Machende mich nicht in seinen Bann zieht. Denn ich will nicht sein wie das Kaninchen vor der Schlange. Vielleicht schaffe ich es dann, mich nicht lähmen zu lassen, sondern handlungsfähig zu bleiben – wach und bereit für die Menschen, die mich jetzt brauchen. Ich weiß, das alles kann ich nicht aus mir selbst heraus schaffen. Ich brauche dazu Hilfe von oben, Hilfe von Gott. Ich brauche dazu das Gebet. Und manchmal wird es wohl trotzdem schiefgehen. Manchmal wird es auch mir passieren, dass ich die Augen schließe, wo ich sie eigentlich hätte offen halten sollen – so wie es Petrus, Johannes und Jakobus passiert ist. „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ sagt Jesus zu den Dreien. Und ich weiß, auch ich habe diese Ermahnung nötig: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Estomihi

Predigt zum Sonntag Estomihi, 27. Februar 2022

Markus 8, 31-38: Und Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Liebe Mitchristen!

„Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“ fragt Jesus. Diese Frage geht mir nach in diesen Tagen, wo wir erleben müssen, dass der seit vielen Jahren zwischen Russland und der Ukraine schwelende Konflikt zum offenen Krieg wird. Der russische Angriff auf die Ukraine erfüllt mich mit großer Sorge, und ich frage mich: Was hilft es, Gebiete und Ländereien gewinnen zu wollen und deswegen einen Krieg anzufangen? Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer, auf beiden Seiten. Menschen sterben bei Kampfhandlungen. Menschen sind auf der Flucht. Angst und Verunsicherung greifen um sich, auch bei uns in unserem Land: Wie wird es weitergehen mit der Gasversorgung in unserem Land? Werden sich die Armen bald keine warme Wohnung mehr leisten können? Wie weit wird dieser Krieg gehen? Wird er sich noch ausweiten? Mein Sohn fragt mich, ob ich mir vorstellen kann, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt wird in Deutschland. Als ich das nicht ausschließen will, fragt er mich nach dem Recht auf Kriegsdienstverweigerung. „Ich will keinen Menschen umbringen müssen,“ sagt er. Er hat es für sich erkannt: Wir nehmen Schaden an unserer Seele, wenn wir uns auf Krieg und Gewalt einlassen.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein! Das haben einhundertfünfzig Kirchen aus der ganzen Welt 1948 in Amsterdam einmütig gesagt. Nach dem millionenfachen Tod und Leid und der himmelschreienden Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg war das ihr gemeinsames Bekenntnis: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

In Europa war es mit dem Ende des schrecklichen Weltkriegs in den Jahrzehnten danach stiller um den Krieg geworden. Gekämpft wurde anderswo, in anderen Gegenden der Erde. Es schien so, als hätten die Menschen Europas miteinander beschlossen: So etwas darf nie wieder geschehen. Doch dann kehrte der Krieg auf dem Balkan auf unseren Kontinent zurück mit Tod und Verderben. Und er ist geblieben: Im Osten der Ukraine, mitten in Europa, herrscht bereits seit einigen Jahren wieder Krieg. Menschen töten Menschen, Städte und Dörfer werden unbewohnbar. Das Leid derjenigen, die in ihrer Heimat ausharren, ist unvorstellbar.

Jetzt droht dieser schmutzige, vermeintlich regionale Krieg zu einem großen Krieg zu werden. Was ist unsere gemeinsame Aufgabe dabei als Christinnen und Christen? Was hätte Jesus in dieser Situation getan? Ganz sicher hätte Jesus nicht zur Waffe gegriffen. Jesus ist den Weg der Gewaltlosigkeit gegangen. Und er ist diesen Weg konsequent zu Ende gegangen, bis zum Tod ans Kreuz. „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten wird, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten,“ sagt uns Jesus. Das ist ganz sicher nicht der bequeme Weg – nicht heute und auch nicht in früheren Zeiten. Noch nie war dieser Weg bequem und einfach, nicht einmal für die Jünger, die engsten Vertrauten von Jesus. Es sicher kein Wunder, dass die Jünger weggelaufen sind, als Jesus verhaftet wurde. Und es ist auch kein Wunder, dass Petrus Jesus dreimal verleugnet hat, als Jesus verhört wurde vor dem Hohen Rat. Genauso wenig ist es verwunderlich, dass Petrus in unserem Predigttext Jesus abbringen will von diesem Weg der Gewaltlosigkeit, der Jesus ins Leiden und in den Tod führt. Aber Jesus weist Petrus schroff zurück: „Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“

Jesus wird zornig und schleudert Petrus, der zu seinen engsten Vertrauten gehört, diese harten Worte entgegen. Ob er diesen Wutausbruch später wohl bedauert hat? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass Jesus Petrus immer wieder eine neue Chance gegeben hat und ihm viel zugetraut hat. Was will Jesus mit diesen harten Worten sagen? In der jetzigen Krisensituation würde ich es so ausdrücken: Es gibt Momente, da gibt es nicht den einfachen und bequemen Weg. Da kann man sich nicht einfach rausreden oder zur Seite schauen. Da muss man Farbe bekennen und offen Stellung beziehen. Jesus hat uns gezeigt, welcher Weg zum Leben führt – zum Leben in Frieden und Freiheit, zum Leben ohne Angst. Zu diesem Leben in Fülle, das für die Menschen in der Ukraine jetzt in so weite Ferne gerückt ist. Jesus ist diesen Weg vorausgegangen, und wir haben die Aufgabe, ihm nachzufolgen.

Ich möchte mich den Gedanken anschließen, die Andreas Klodt von der Evangelischen Kirche in Mainz dazu geäußert hat: „Gott ist ein Gott des Friedens. Ein Gott des Miteinanders, nicht des Gegeneinanders. Er hat uns einen Kopf und ein Herz gegeben, damit wir Wege finden, um zu verhindern, dass Menschen getötet werden. Wir können in seinem Namen zu Friedensstifterinnen und Friedensstiftern werden: Wir können dagegenhalten, wenn der Krieg schöngeredet wird. Wir können uns an die Seite der Opfer stellen, wo immer es geht. Wir können Politikerinnen und Politiker auffordern, alles zu tun, was dem Frieden dient. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Um der Menschen willen soll Frieden sein.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

4. Sonntag vor der Passionszeit

Predigt zum 4. Sonntag vor der Passionszeit, 6. Februar 2022

Mt 14, 22-33: Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Liebe Mitchristen!

Es stürmt. Scharf pfeift der Wind ins Gesicht. Gegenstände wirbeln durch die Luft. Die Äste der Bäume knarren und ächzen. Jesus ist auf einen Berg gestiegen. Endlich mal allein sein und abschalten. Endlich mal Zeit haben – nur für mich, nur für Gott. Jesus betet. Es ist schon Abend. Jesus will neue Kräfte schöpfen für den nächsten Tag. Heute waren über 5000 Menschen da, die Trost und Heilung brauchten: Kranke und Gesunde, vom Schicksal gebeutelte und solche, die einfach nur neugierig waren. Gottes Wort hatte er ihnen gegeben und Heilung und Brot. Es war ein langer Tag gewesen. Es war wirklich Zeit, jetzt Feierabend zu machen – für Jesus und erst recht für seine Jünger. Den Jüngern hatte Jesus schon früher Feierabend gegeben als sich selbst: „Fahrt ihr schon mal mit dem Boot voraus, bis ich die Leute hier vollends nach Hause geschickt habe,“ hatte er ihnen gesagt. „Ich komme dann später nach – am Ufer entlang.“ Eigentlich war das ein guter Plan. Wenn da nur nicht dieser Sturm gewesen wäre.

Jesus steht auf dem Berg und schaut hinunter zum See Genezareth. Die Wellen des Sees schlagen immer höher ans Ufer. Schaumkronen sind auf den Wellen des Sees, so weit das Auge blickt – bis sich das alles verliert im Dunkel der heraufziehenden Nacht. Dort unten auf dem See gibt es einen winzigen Punkt, der auf den Wellen tanzt – ein kleines Fischerboot. In dem Boot sitzen die Jünger vorn Jesus und kämpfen mit den Wellen. Sie kämpfen um ihr Leben. Sie sind in Seenot. Und Jesus ist weit weg von ihnen – dort oben auf dem Berg. Jesus macht sich Sorgen um seine Jünger: War es ein Fehler, dass er sich diese Zeit zum Alleinsein genommen hat? Hätte er bei ihnen bleiben sollen? Wird er ihnen jetzt noch helfen können? Wird Gott ihm die Kraft dazu geben? Die Sorgen treiben Jesus vom Berg, runter zum See, wo seine Jünger ihn brauchen. In tiefster Nacht erreicht er das Seeufer.

In tiefster Nacht kämpfen die Jünger auf dem See mit den Wellen. Das rettende Ufer ist nicht weit. Aber es ist unmöglich, das Ufer zu erreichen. Der Wind steht ihnen entgegen. Verzweifelt legen sie sich in die Riemen, um gegenzusteuern. Verzweifelt schöpfen sie Wasser aus dem Boot, damit es nicht sinkt. Wie lange wird das Boot dem Sturm wohl noch standhalten? Jeden Moment kann es auseinanderbrechen. Dann ist es aus. Die Jünger versuchen, nicht daran zu denken. Keiner spricht ein Wort. Verbissen machen sie weiter. Auch wenn die Hoffnung schwindet, dass sie es schaffen werden. Auch wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. Die Nacht ist tief. Man sieht kaum die Hand vor Augen. Eine schlaflose Nacht in den Stürmen des Lebens. Wie spät ist es eigentlich? Müsste es nicht bald Morgen werden? Wird es da hinten nicht schon heller – ein Lichtblick, ein Silberstreif am Horizont? Oder ist das eher ein Nebelstreif, was da im Sturm über dem Wasser zu sehen ist? Es kommt näher, unheimlich, unentrinnbar – wie ein Alptraum, der nach den Jüngern greift in dieser schlaflosen Nacht: Jetzt ist es aus. Jetzt werden die Fluten uns verschlingen. Die Jünger schreien laut auf. Aber eine vertraute Stimme reißt sie heraus aus ihrem Alptraum – eine Stimme, die sogar das Pfeifen und Heulen des Sturmes durchdringt: „Fürchtet euch nicht. Ich bin es.“ Das ist die Stimme von Jesus. Und jetzt sehen die Jünger ihn auch. Es ist kein Gespenst, es ist Jesus. Jesus auf dem Wasser, mitten im Sturm, einfach so? Als ob es keine Naturgesetze gäbe. Als ob das so einfach wäre mit den Stürmen des Lebens: Da kämpfe ich schon eine ganze schlaflose Nacht lang. Ich kämpfe mit Wind und Wellen und Sorgen und Alpträumen. Und dann kommt da Jesus ganz leichtfüßig über das Wasser gelaufen und sagt: „Fürchte dich nicht. Ich bin es.“ Als ob das gleich alle meine Probleme lösen würde. Schließlich stürmt es noch immer in meinem Leben. Wieso sollte ich also keine Angst mehr haben? Da könnte ja jeder kommen und behaupten, jetzt wird alles gut. Wer sagt mir, dass das wirklich Jesus ist und nicht nur ein Gespenst? Irgendein Hirngespinst, das sich meine verworrenen Gedanken selber ausgedacht haben in dieser schlaflosen Nacht? „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser,“ sagt Petrus. Schließlich muss ich meinen Weg selber gehen. Ich muss selber das durch durch diese Nacht. Ich muss selber erfahren, dass der Boden trägt unter meinen Füßen, egal, wie schwankend er ist. Jesus sagt zu Petrus: „Komm her!“ Und Petrus wagt es. Er steigt aus dem Boot. Er verlässt das letzte bisschen Sicherheit, das ihm geblieben ist im Sturm seines Lebens. Petrus riskiert es, vollends den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit dem Mut der Verzweiflung steigt er aus dem Boot, das wohl ohnehin bald zerschellen wird in den Stürmen dieser Nacht. Aber jetzt hat er ein Ziel vor Augen. Er hat einen Weg, der ihn aus dieser Ausweglosigkeit herausführt. Petrus geht zu Jesus. Er weiß: Nur Jesus kann mir helfen. Auch wenn da überhaupt kein Weg ist, den ich gehen kann – nur Sturm und Wellen und Vernichtung. Jesus weiß einen Weg für mich.

Petrus vertraut Jesus. Aber der Sturm ist immer noch da. Die Wellen stehen vor Petrus wie Berge. Es ist Wahnsinn, was ich hier tue, durchfährt es Petrus wie ein Blitz. Es ist Wahnsinn, einfach loszulassen und zu vertrauen. Einfach loszugehen ohne Weg und nicht danach zu fragen, wie tief es runter geht unter mir. Der Wind pfeift Petrus ins Gesicht. Und nach unten geht es tief runter. Wie konnte er da jemals so etwas wie Boden unter den Füßen verspüren? Petrus versinkt in den Fluten. Er kommt da nicht mehr raus aus dieser schlaflosen Nacht. Die Tiefe verschluckt ihn. Jetzt ist es aus, durchfährt es ihn. Aber da spürt er eine Hand. Eine Hand, die ihn hält. Eine feste und kräftige Hand. Die Hand zieht Petrus aus den Fluten. Jesus ist da – greifbar, spürbar, erfahrbar. „Warum hast du gezweifelt?“ fragt Jesus ihn. Petrus weiß keine Antwort. Er weiß nur: Ich bin gerettet. Die Abgründe, die sich vor mir aufgetan haben, haben sich wieder geschlossen. Und wenn ich es nicht allein schaffe, dann ist Jesus da und nimmt mich bei der Hand. Die Stürme des Lebens legen sich wieder. Die schlaflose Nacht ist vorüber mit ihrer Verzweiflung und ihren Sorgen. Jesus kann helfen. Die Jünger fallen vor Jesus nieder und sagen: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Letzter Sonntag nach Epiphanias

 

Predigt von Pfarrerin Esther Kuhn-Luz

Am 30. Jan. 2022, Letzter Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

wir brauchen immer wieder Worte, mit denen wir gestärkt werden, wenn wir nicht richtig weiter wissen. Worte, die jemand zu uns sagt oder schreibt, Worte, die wir lesen… auch in der Bibel. Und da lesen wir heute in einem Brief eines Mannes, der wohl der Apostel Petrus war, wie er mit seinen Worten Menschen stärkt, ihnen Mut macht, nicht zu verzweifeln, sondern die innere von Gott geschenkte Hoffnung zu behalten.

Predigttext: 2. Petr.1,16-19

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Petrus schreibt an die kleinen christlichen Gemeinden, die sehr angegriffen wurden. Zum einen von römischer Militärmacht, aber auch von Menschen, die andere Religionen hatten.  Was – ihr glaubt an einen Gott, den man nicht sieht? Ihr glaubt an einen Mann, den ihr Christus nennt, Gottes Sohn – und der auferstanden sein soll? Wo sind die Beweise? Erzählt ihr nicht nur Fabeln?
Das war nicht einfach, diesen Angriffen etwas entgegenzusetzen. Denn – sie waren manchmal selber in diesem Zwiespalt. Auf der einen Seite spürten sie diese starke Kraft in ihnen: an Christus zu glauben, an seine Auferstehung. Und diese Hoffnung – dass Gott jeden Tag da ist, mich begleitet, egal, welchen Weg ich gehe, wo ich gerade innerlich und äußerlich bin.
Das zu spüren tat gut. Aber – ganz ehrlich war es auch immer wieder schwer, mit der Unsichtbarkeit Gottes zu leben.

Mit diesen innerern Zweifeln, mit dieser Verunsicherung leben wir ja in unserer Zeit heute auch. Auch wir sind inzwischen kleine Gemeinden – und werden herausgefordert. Von kritischen Fragen von außen und von innen.

Auch die Pandemie fordert uns in unserem Glauben heraus. Mich fragen immer wieder Erwachsene und auch Jugendliche:
Hat Corona etwas mit Gott zu tun? Hat uns Gott Corona als Strafe geschickt?
Nein. Da ist in mir eine ganz klare Antwort. Gott schickt nicht einfach Pandemien.

Die Pandemie ist keine Strafe Gottes – aber sie zeigt uns auf, dass wir als Menschheit nicht mehr auf die Grenzen achten, die Gott uns Menschen in seiner Schöpfung gegeben hat. Die Erde bebauen und zu bewahren.
Die wichtigen Diskussionen um die Klimakrise zeigen uns, welche Grenzen überlebenswichtig sind: es kann nicht um ständig weiteres Wachsen gehen, sondern um die Frage: was brauche ich, was brauchen wir, um gemeinsam gut leben zu können?
Die Coronakrise ist ein Brennglas auf die Zerbrechlichkeit der Welt. Es macht Leid noch sichtbarer. Es zeigt, wie verwundbar wir alle sind – und dass wir uns gegenseitig brauchen, um uns zu unterstützen. Es zeigt, dass es nichts bringt, nur für sich selber zu sorgen, nur für die eigene Freiheit einzutreten. Wir müssen solidarisch miteinander sein. Wir gehören als große Menschheitsfamilie zusammen. Auch in der Beschaffung und Verteilung des Impfstoffes.  Es genügt nicht, nur für sich selber achtsam zu sein, sondern immer den Blick auch dafür zu haben, was andere gerade brauchen. Hier bei uns in Deutschland – in Europa – auf der Welt. Denn – alles hängt mit allem zusammen.
Gott hat uns Verantwortung füreinander gegeben.
Ja, aber – fragen manche weiter – was tut Gott?

Gott ist die Kraft in uns.
„Umso fester vertrauen wir auf Gottes Wort und achten darauf als ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“ So schreibt es der Verfasser des Petrusbriefes an die Christen, die damals nicht von einer Pandemie, aber von römischer Militärgewalt immer wieder bedroht waren.
Die Kraft Gottes in mir – wie ein Morgenstern, der aufgeht in unseren Herzen. Wie ein Licht, das scheint an einem dunklen Ort.
Das ist ein starkes Bild. Es tut sehr gut, sich darauf mal ganz einzulassen. In mir wohnt Gott – als ein Licht. Und das scheint gerade auch in dunklen Zeiten. Wenn man dieses Bild ganz verinnerlichet hat, dann spürt man, welche Kraft sich daraus entwickelt.
Ich selber kann immer wieder mutlos sein, kann spüren, dass sich in mir eine Resignation ausbreitet, es dunkel in mir wird.

Dann brauche ich die Erinnerung – wie heute im Gottesdienst:
Gott wohnt in mir – und in den andren auch! –„… als ein Licht, das scheint an einem dunklen Ort. Bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“ Dieses Licht ist immer da – ich muss mich nur immer wieder daran erinnern, mir Zeit nehmen, um mir darüber bewusst zu werden.

Was heißt das, Gott wohnt in mir?
Erinnern Sie sich noch an das Weihnachtslied von Paul Gerhardt: Ich steh an deiner Krippen hier? Da kommen 2 Strophen vor, die uns davon erzählen, dass Gott in Jesus wie ein Licht in die Welt gekommen ist – und nun auch in uns wohnt.
„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne. Die Sonne, die mir zugedacht, Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir (!) zugericht, wie schön sind deine Strahlen!“
Und in der letzten Strophe heißt es dann:
„Eins aber, hoffe ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: dass ich dich möchte für und für in, bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.
Seit Weihnachten ist also unser Herz, vielleicht besser: unsere Seele die Krippe der Ort, an dem das Licht Gottes in uns scheint.
Da tragen wir einen riesigen Hoffnungsproviant in uns. Und wo Licht scheint, will das auch nach außen.
Das bedeutet nun nicht, dass man selbst nicht auch immer wieder Dunkles in sich trägt, viele Fragen, vielleicht auch Zweifel hat. Die sind auch nötig, um mich immer wieder zu fragen: auf welche Weise soll ich in diese Welt Licht bringen? Welche Aufgabe habe ich mit meinen Fähigkeiten, mich so einzubringen in die Welt, in Familie, Freundschaft, Schule, Arbeit etc – …. dass es etwas heller wird in der Welt?

Für Dietrich Bonhoeffer, den Theologen und evang. Pfarrer, der in der Zeit des Nationalsozialismus im Widerstand gegen die Nazis gearbeitet hat, war es wichtig, dass ein Engagement für eine friedliche Welt aus diesem inneren Licht Gottes kommt. Nur so bekommt man Orientierung und Mut mitten im Alltag. Er war aber gleichzeitig überzeugt, dass wir immer so handeln müssen, dass wir selbst Verantwortung übernehmen müssen und nicht sagen können: Gott, nun mach doch mal.
Er hat geschrieben, dass wir vor Gott leben –als würde es Gott gar nicht geben – etsi deus non daretur. Um nicht Gott die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, sondern selbst bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen. – und so vor Gott zu leben.

Das klingt kompliziert. Aber ehrlich gesagt hat mir das immer sehr viel bedeutet. Wir leben in einer Welt, in der in unserem Alltag nicht viel von Gott die Rede ist – und es geht nicht darum, dass wir ständig den Namen „Gott“ im Munde haben, wenn wir mit anderen reden. Aber es ist wichtig, dass dieses innere Licht auch nach außen strahlen kann.

„Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen.“
Das heißt, mit dem Tag unserer Geburt kommen wir in eine Welt, die Gott geschaffen hat. Wir treffen auf Menschen, die Gott auch zu seinen Ebenbildern geschaffen hat. Wir leben in einem großen Horizont, den Gott uns aufspannt – weil er Himmel und Erde und das Meer erschaffen hat.

Wenn man am Meer steht oder auf einem hohen Berg, dann versteht man das noch besser, dass Gott uns in einen ganz großen Lebenshorizont gestellt hat – und wir uns immer wieder auch in unserem Denken von dieser Weite Gottes berühren lassen können, sollen.

Wenn man den Horizont sieht in der Ferne, dann öffnet sich vor mir ein weiter Raum… und ich weiß nicht, was hinter dem Horizont kommt… ich weiß nur, dass es weiter geht.
Und Gott stellt mich, stellt uns in diesen weiten Raum.
Es sind keine Fabeln, die wir da erzählen, sondern Erfahrungen!

„Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.“
Der Apostel Petrus trägt in sich als ein inneres Licht die Erinnerung an dieses besondere Ereignis auf dem Berg, als er mit  Johannes und Jakobus  erlebt hat, wie Jesus ganz vom Licht umgeben ist. Verklärung hat man das später genannt.

Und jetzt sieht er und die anderen beiden Jünger, wie auch Jesus leuchtet, wie das innere Licht ganz nach außen kommt – so wie wir manchmal auf Menschen treffen, die ganz erleuchtet sind. Weil sie etwas so Schönes, so stärkendes erfahren haben.

Und tatsächlich erscheinen jetzt neben Jesus auch Mose und Elia…. Die diesen inneren äußeren Glanz Gottes tragen.

Petrus ist selber so erfüllt. So soll es immer bleiben: So nah bei Gott. So ganz und gar erfüllt vom Licht Gottes oder wenigstens so nahe bei Menschen, die von Gottes Licht erfüllt sind. Klar – wer würde nicht gerne in so einer besonderen Situation bleiben wollen? „Ach Jesus, am liebsten würde ich jetzt hier sofort 3 Hütten bauen – für dich und für Mose und für Elia… und dann bleiben wir auf dem Heiligen Berg!“
Nie wird er das Vergessen. Am liebsten wäre er und die anderen 3 Jünger da oben geblieben. Weit weg von allen Problemen dieser Welt. Miterleben, wie Gott spricht, wie Gott ganz gegenwärtig ist, wie man selber das Gefühl hat, von Gott erfüllt zu sein. Aber gerade das wollte Jesus nicht. Nein, die Begegnung, die Berührung von Gottes Gegenwart ist nicht dafür da, um sich zu trennen von allen Themen des Alltags, sondern um Kraft zu bekommen, um mit den Problemen des Alltags um gehen zu können. Das Ziel ist nicht, auf einem heiligen Berg zu bleiben. Aber -es ist immer wieder notwendig, solche besonderen Zeiten mit Gott zu haben, um sich stärken zu lassen.
Wie gut, dass wir jeden Sonntag Gottesdienst feiern können, um uns durch die biblischen Worte, durch Gebete und Lieder erinnern zu lassen:
Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.
Amen

 

 

 

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3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

Matthäus 8, 5-13: Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Mitchristen!

„Können wir den Patenonkel für unser Kind nachträglich ändern?“ Diesen ungewöhnlichen Wunsch hatte eine Mutter an mich herangetragen. Ich habe diese Frau dann gefragt, warum sie das möchte. Und sie hat mir ihre Geschichte erzählt: Die Geschichte von ihrem 5jährigen Sohn Leon, der Krebs hatte. Viele Woche war er in Tübingen in der Kinderklinik. Seine Eltern haben ihn begleitet, und auch sein Onkel Michael, der nicht sein Patenonkel war. Der eigentliche Patenonkel hatte sich zurückgezogen. Vielleicht war er mit der Situation überfordert – ich weiß es nicht. Es war eine lange Zeit des Hoffens und Bangens für diese Familie. Und immer wieder gab es Phasen, wo die Ärzte gesagt haben: „Es sieht nicht gut aus für Leon. Wir wissen nicht, ob er es schaffen wird.“ Doch dann ging es aufwärts. Die Hoffnung wuchs: Leon wird es schaffen. Endlich durfte er wieder nach Hause und konnte sogar wieder in den Kindergarten gehen. „Wir haben so viel Schweres erlebt in dieser Zeit“, sagte mir Leons Mutter. „Wir haben so viele Kinder sterben sehen dort in der Kinderklinik auf der Krebsstation. Und unser Kind ist gesund geworden. Wir wollen das im Gottesdienst feiern; mit Michael als neuem Paten für Leon.“ Diese Mutter und ich, wir haben uns dann so geeinigt: Der bisherige Pate wird nicht gestrichen, und Leon bekommt seinen Onkel Michael als zusätzlichen Paten. So haben wir es in einem Gottesdienst gefeiert. Viele Jahre ist das nun her, und ich weiß nicht, was aus Leon inzwischen geworden ist, dort in meiner früheren Gemeinde. So Gott will, müsste er inzwischen wohl schon ein junger Mann sein.

Ein schwer krankes Kind ist gesund geworden, und die Eltern wissen: Es hätte auch ganz anders kommen können. Die Eltern haben es hautnah erlebt dort in der Kinderklinik: Andere Kinder mit derselben Krankheit sind gestorben. Dass uns das Leben geschenkt ist, versteht sich nicht von selbst. Dass ich heute das Licht des neuen Morgens sehen darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Geschenk, diesen neuen Tag leben zu dürfen; es ist Gnade. Und es ist ein Geschenk, wenn in schweren Zeiten Menschen da sind, die mich begleiten. So wie Leon von seinen Eltern und von seinem Onkel Michael begleitet wurde. Wenn wir das erleben dürfen, dann ist das ein Grund, Gott dankbar zu sein. Es ist ein Grund, einen Gottesdienst zu feiern. So wie die Familie von Leon es getan hat. So wie wir es Sonntag für Sonntag miteinander tun. Immer wieder gibt es solche Wunder, dass ein Mensch gesund wird. Auch unsere heutige Bibelgeschichte erzählt von einem solchen Wunder. Ein junger Mann ist schwer krank. „Es sieht nicht gut aus“, sagen die Ärzte. „Wir wissen nicht, ob er es schaffen wird.“ Dieser junge Mann hat einen Menschen, der für ihn da ist. Ein römischer Hauptmann ist das, und der junge Mann ist sein Diener. Warum geht ein römischer Hauptmann wegen seines Dieners zu einem jüdischen Rabbi -was ein römischer Hauptmann damals normalerweise nie machen würde? Warum ist ihm dieser Diener so wichtig? Was verbindet die beiden Männer außer dem Dienstverhältnis? Einen Hinweis gibt der Evangelist Lukas, der diese Geschichte auch erzählt. Bei Lukas heißt es, dass dieser Diener dem Hauptmann „lieb und wert war“ (Lukas 7,2). Liebe zwischen zwei Männern war in der römischen und griechischen Kultur zur Zeit Jesu nichts Anstößiges. Ja, ich möchte sagen. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist eigentlich nie ein Grund, Anstoß zu nehmen – wenn es die frei entschiedene Liebe zwischen zwei Menschen ist, wenn niemand Drittes dadurch hintergangen wird. Liebe, das bedeutet Gegenseitigkeit, Begegnung auf Augenhöhe. Einer ist für den anderen da. Beide übernehmen Verantwortung füreinander. Ich erlebe unsere Bibelgeschichte zunächst einmal so. Denn dieser Hauptmann denkt nicht nur an sich und seine Bedürfnisse. Er denkt an seinen Diener. Er hat diesen jungen Mann ins Herz geschlossen. Und es dreht ihm das Herz um, wie dieser junge Mann leidet. So tut er alles, um ihm zu helfen. Die kulturellen Schranken zwischen der römischen Besatzungsmacht und der jüdischen Bevölkerung, sein Stolz als Hauptmann – das alles spielt keine Rolle mehr für ihn. Seine Liebe und Sorge treiben ihn zu Jesus: „Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.“ Jesus antwortet: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Jesus schert sich nicht um Regeln und Grenzen. Grenzenlose Liebe zu den Menschen leitet ihn. Keine Volkszugehörigkeit, keine Religionsgrenze, keine Berufsgruppe kann ihn davon abhalten, zu kommen und zu heilen. Aber der Hauptmann will Rücksicht auf Jesus und seinen jüdischen Glauben nehmen. Er weiß: Als Jude würde Jesus sich nach damaligem Verständnis verunreinigen, wenn er das Haus eines Nichtjuden betritt. Das will er von Jesus nicht verlangen. Aber er ist überzeugt davon: Jesus kann helfen. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Diener gesund!“ Wie kommt der Hauptmann zu dieser Überzeugung? Es hat etwas mit seinem militärischen Hintergrund zu tun. So erklärt er es Jesus: Er selber hat als Hauptmann Befehlen von oben zu gehorchen. Und wenn er zu einem seiner Soldaten sagt: Geh hin! Dann geht er. Und wenn er zu seinem Diener sagt: Tu das! Dann tut er es.

An dieser Stelle wird mir der Hauptmann etwas unheimlich. Befehl und Gehorsam – wie lebt er das wohl in der Beziehung zu diesem jungen Mann, den er liebt? Eine Beziehung mit Machtgefälle ist das. Der eine ist der Vorgesetzte, der andere ist der Knecht. Liebe bedeutet Beziehung auf Augenhöhe. Liebe bedeutet Freiheit. Das gilt für alle Liebesbeziehungen, egal, welches Geschlecht die beiden Partner haben. Ich kann es nicht beurteilen, ob diese beiden Männer damals ihre Beziehung in Freiheit und auf Augenhöhe leben konnten. Vielleicht konnten sie es. Dass der Hauptmann für seinen Knecht Verantwortung übernimmt, spricht dafür. Trotzdem muss ich an dieser Stelle der Geschichte an die vielen Menschen denken, die Sexualität unter dem Vorzeichen von Befehl und Gehorsam erleben mussten, und die nicht danach gefragt wurden, ob sie das wollen. Ich denke an die Menschen, die sexuell missbraucht worden sind. An all das, was das Missbrauchs-Gutachten der katholischen Kirche im Erzbistum München aufgedeckt hat. An die vielen menschlichen Schicksale, die sich dahinter verbergen. Und ich denke, wir als evangelische Kirche sollten hier nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Denn auch in der evangelischen Kirche gibt es Fälle von Missbrauch. Es ist wichtig, dass das alles aufgearbeitet wird – im Namen Jesu Christi, der auf der Seite der Opfer steht, und für den jeder Mensch Würde und Wert hat. Im Namen Jesu Christi, der die Liebe gelebt hat – Liebe in Freiheit und ohne Machtgefälle.

Jesus wundert sich über die Worte des Hauptmanns. Ich denke, er wundert sich darüber, dass dieser Mann jetzt von Befehl und Gehorsam redet. Befehl und Gehorsam – das passt nicht, wenn es um die Liebe geht. Das darf da keinen Platz haben. Und dass Jesus dann noch bittere Worte spricht gegen seine eigenen Volksgenossen, die nicht zum Glauben an ihn gefunden haben, das ändert nichts daran. Ich denke, Jesus ist hier einfach enttäuscht und verletzt von diesen Menschen aus seinem eigenen Volk. Jesus wundert sich über die Worte des Hauptmanns – und trotzdem: Es geht ja um diesen kranken Menschen, der im Dienst dieses Hauptmanns steht. Ein Mensch, der jetzt Hilfe braucht. Und Jesus hilft und heilt. Aber dem Hauptmann sagt er: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Ich finde das wichtig, dass Jesus hier sagt: „wie du geglaubt hast“ und nicht: „weil du geglaubt hast“. Jesus übernimmt damit nicht die Denkart des Hauptmanns mit diesem Schema von Befehl und Gehorsam. Aber Jesus würdigt die Liebe, die den Hauptmann bewegt hat, sich an ihn zu wenden. Und im Heilen schenkt Jesus seine Liebe. Liebe überschreitet Grenzen und verbindet uns. Liebe kann heilen. Leben wir aus dieser Liebe!

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer