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Gedanken zum Sonntag

3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 23. Januar 2022

Matthäus 8, 5-13: Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Mitchristen!

„Können wir den Patenonkel für unser Kind nachträglich ändern?“ Diesen ungewöhnlichen Wunsch hatte eine Mutter an mich herangetragen. Ich habe diese Frau dann gefragt, warum sie das möchte. Und sie hat mir ihre Geschichte erzählt: Die Geschichte von ihrem 5jährigen Sohn Leon, der Krebs hatte. Viele Woche war er in Tübingen in der Kinderklinik. Seine Eltern haben ihn begleitet, und auch sein Onkel Michael, der nicht sein Patenonkel war. Der eigentliche Patenonkel hatte sich zurückgezogen. Vielleicht war er mit der Situation überfordert – ich weiß es nicht. Es war eine lange Zeit des Hoffens und Bangens für diese Familie. Und immer wieder gab es Phasen, wo die Ärzte gesagt haben: „Es sieht nicht gut aus für Leon. Wir wissen nicht, ob er es schaffen wird.“ Doch dann ging es aufwärts. Die Hoffnung wuchs: Leon wird es schaffen. Endlich durfte er wieder nach Hause und konnte sogar wieder in den Kindergarten gehen. „Wir haben so viel Schweres erlebt in dieser Zeit“, sagte mir Leons Mutter. „Wir haben so viele Kinder sterben sehen dort in der Kinderklinik auf der Krebsstation. Und unser Kind ist gesund geworden. Wir wollen das im Gottesdienst feiern; mit Michael als neuem Paten für Leon.“ Diese Mutter und ich, wir haben uns dann so geeinigt: Der bisherige Pate wird nicht gestrichen, und Leon bekommt seinen Onkel Michael als zusätzlichen Paten. So haben wir es in einem Gottesdienst gefeiert. Viele Jahre ist das nun her, und ich weiß nicht, was aus Leon inzwischen geworden ist, dort in meiner früheren Gemeinde. So Gott will, müsste er inzwischen wohl schon ein junger Mann sein.

Ein schwer krankes Kind ist gesund geworden, und die Eltern wissen: Es hätte auch ganz anders kommen können. Die Eltern haben es hautnah erlebt dort in der Kinderklinik: Andere Kinder mit derselben Krankheit sind gestorben. Dass uns das Leben geschenkt ist, versteht sich nicht von selbst. Dass ich heute das Licht des neuen Morgens sehen darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Geschenk, diesen neuen Tag leben zu dürfen; es ist Gnade. Und es ist ein Geschenk, wenn in schweren Zeiten Menschen da sind, die mich begleiten. So wie Leon von seinen Eltern und von seinem Onkel Michael begleitet wurde. Wenn wir das erleben dürfen, dann ist das ein Grund, Gott dankbar zu sein. Es ist ein Grund, einen Gottesdienst zu feiern. So wie die Familie von Leon es getan hat. So wie wir es Sonntag für Sonntag miteinander tun. Immer wieder gibt es solche Wunder, dass ein Mensch gesund wird. Auch unsere heutige Bibelgeschichte erzählt von einem solchen Wunder. Ein junger Mann ist schwer krank. „Es sieht nicht gut aus“, sagen die Ärzte. „Wir wissen nicht, ob er es schaffen wird.“ Dieser junge Mann hat einen Menschen, der für ihn da ist. Ein römischer Hauptmann ist das, und der junge Mann ist sein Diener. Warum geht ein römischer Hauptmann wegen seines Dieners zu einem jüdischen Rabbi -was ein römischer Hauptmann damals normalerweise nie machen würde? Warum ist ihm dieser Diener so wichtig? Was verbindet die beiden Männer außer dem Dienstverhältnis? Einen Hinweis gibt der Evangelist Lukas, der diese Geschichte auch erzählt. Bei Lukas heißt es, dass dieser Diener dem Hauptmann „lieb und wert war“ (Lukas 7,2). Liebe zwischen zwei Männern war in der römischen und griechischen Kultur zur Zeit Jesu nichts Anstößiges. Ja, ich möchte sagen. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist eigentlich nie ein Grund, Anstoß zu nehmen – wenn es die frei entschiedene Liebe zwischen zwei Menschen ist, wenn niemand Drittes dadurch hintergangen wird. Liebe, das bedeutet Gegenseitigkeit, Begegnung auf Augenhöhe. Einer ist für den anderen da. Beide übernehmen Verantwortung füreinander. Ich erlebe unsere Bibelgeschichte zunächst einmal so. Denn dieser Hauptmann denkt nicht nur an sich und seine Bedürfnisse. Er denkt an seinen Diener. Er hat diesen jungen Mann ins Herz geschlossen. Und es dreht ihm das Herz um, wie dieser junge Mann leidet. So tut er alles, um ihm zu helfen. Die kulturellen Schranken zwischen der römischen Besatzungsmacht und der jüdischen Bevölkerung, sein Stolz als Hauptmann – das alles spielt keine Rolle mehr für ihn. Seine Liebe und Sorge treiben ihn zu Jesus: „Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.“ Jesus antwortet: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Jesus schert sich nicht um Regeln und Grenzen. Grenzenlose Liebe zu den Menschen leitet ihn. Keine Volkszugehörigkeit, keine Religionsgrenze, keine Berufsgruppe kann ihn davon abhalten, zu kommen und zu heilen. Aber der Hauptmann will Rücksicht auf Jesus und seinen jüdischen Glauben nehmen. Er weiß: Als Jude würde Jesus sich nach damaligem Verständnis verunreinigen, wenn er das Haus eines Nichtjuden betritt. Das will er von Jesus nicht verlangen. Aber er ist überzeugt davon: Jesus kann helfen. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Diener gesund!“ Wie kommt der Hauptmann zu dieser Überzeugung? Es hat etwas mit seinem militärischen Hintergrund zu tun. So erklärt er es Jesus: Er selber hat als Hauptmann Befehlen von oben zu gehorchen. Und wenn er zu einem seiner Soldaten sagt: Geh hin! Dann geht er. Und wenn er zu seinem Diener sagt: Tu das! Dann tut er es.

An dieser Stelle wird mir der Hauptmann etwas unheimlich. Befehl und Gehorsam – wie lebt er das wohl in der Beziehung zu diesem jungen Mann, den er liebt? Eine Beziehung mit Machtgefälle ist das. Der eine ist der Vorgesetzte, der andere ist der Knecht. Liebe bedeutet Beziehung auf Augenhöhe. Liebe bedeutet Freiheit. Das gilt für alle Liebesbeziehungen, egal, welches Geschlecht die beiden Partner haben. Ich kann es nicht beurteilen, ob diese beiden Männer damals ihre Beziehung in Freiheit und auf Augenhöhe leben konnten. Vielleicht konnten sie es. Dass der Hauptmann für seinen Knecht Verantwortung übernimmt, spricht dafür. Trotzdem muss ich an dieser Stelle der Geschichte an die vielen Menschen denken, die Sexualität unter dem Vorzeichen von Befehl und Gehorsam erleben mussten, und die nicht danach gefragt wurden, ob sie das wollen. Ich denke an die Menschen, die sexuell missbraucht worden sind. An all das, was das Missbrauchs-Gutachten der katholischen Kirche im Erzbistum München aufgedeckt hat. An die vielen menschlichen Schicksale, die sich dahinter verbergen. Und ich denke, wir als evangelische Kirche sollten hier nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Denn auch in der evangelischen Kirche gibt es Fälle von Missbrauch. Es ist wichtig, dass das alles aufgearbeitet wird – im Namen Jesu Christi, der auf der Seite der Opfer steht, und für den jeder Mensch Würde und Wert hat. Im Namen Jesu Christi, der die Liebe gelebt hat – Liebe in Freiheit und ohne Machtgefälle.

Jesus wundert sich über die Worte des Hauptmanns. Ich denke, er wundert sich darüber, dass dieser Mann jetzt von Befehl und Gehorsam redet. Befehl und Gehorsam – das passt nicht, wenn es um die Liebe geht. Das darf da keinen Platz haben. Und dass Jesus dann noch bittere Worte spricht gegen seine eigenen Volksgenossen, die nicht zum Glauben an ihn gefunden haben, das ändert nichts daran. Ich denke, Jesus ist hier einfach enttäuscht und verletzt von diesen Menschen aus seinem eigenen Volk. Jesus wundert sich über die Worte des Hauptmanns – und trotzdem: Es geht ja um diesen kranken Menschen, der im Dienst dieses Hauptmanns steht. Ein Mensch, der jetzt Hilfe braucht. Und Jesus hilft und heilt. Aber dem Hauptmann sagt er: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Ich finde das wichtig, dass Jesus hier sagt: „wie du geglaubt hast“ und nicht: „weil du geglaubt hast“. Jesus übernimmt damit nicht die Denkart des Hauptmanns mit diesem Schema von Befehl und Gehorsam. Aber Jesus würdigt die Liebe, die den Hauptmann bewegt hat, sich an ihn zu wenden. Und im Heilen schenkt Jesus seine Liebe. Liebe überschreitet Grenzen und verbindet uns. Liebe kann heilen. Leben wir aus dieser Liebe!

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

2. Sonntag nach Epiphanias

 

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 16. Januar 2022

1.Kor 2,1-10: Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3): „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“ Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. 

Liebe Mitchristen!

So reden möchte ich können, dass Menschen gebannt zuhören, dass sie alles um mich herum vergessen und auf meine Stimme hören. So reden möchte ich können, dass niemand mehr Zweifel hat, dass man meinen Worten bedingungslos vertraut. So sprechen möchte ich können, dass meine Stimme wie ein Weckruf klingt, der uns unseren christlichen Auftrag in Erinnerung ruft: Dass Gottes Reich kommt, und dass es schon jetzt anfängt, mitten unter uns – seid bereit!

So würde ich gerne reden können. Aber nur zu schnell stößt mein Wunschtraum an eng gesteckte Grenzen. Ich denke an Gespräche, die ich mit Menschen geführt habe, die am Glauben zweifeln. Und noch viel mehr denke ich an Gespräche mit Menschen, die am Leben verzweifeln. Immer wieder muss ich bei solchen Gesprächen erleben, wie ich mit meinen Worten und Argumenten an diese eng gesteckten Grenzen stoße: Der Glaube und die Hoffnung, aus denen ich lebe, das alles ist für diese Menschen nicht tragfähig. Da helfen auch nicht wohlgesetzte Worte und ausgefeilte Argumente. Das Einzige, was bleibt, sind die alten und vertrauten Worte und Geschichten von Jesus. Da ist die Geschichte von Weihnachten, vom Licht, das Gott in unsere dunkle Welt bringt. Von Weihnachten kommen wir her. Das Licht von Weihnachten soll weiterscheinen in unseren Alltag. Es soll der Welt erscheinen und erkennbar werden. Epiphanias – die Herrlichkeit des Herrn soll erkennbar werden, das ist die Bedeutung der jetzigen Zeit nach Weihnachten. So wie diese Herrlichkeit für die drei Weisen oder Könige erkennbar geworden ist, als sie von weither angereist sind, um das Jesuskind in der Krippe anzubeten. Ja, auch wir haben oft einen weiten Weg zur Krippe. Es ist schwer für uns, die Herrlichkeit des Herrn zu erkennen, in unserer zerrissenen Welt, in der es Krieg und Hunger gibt und wir weiter unter den Folgen der Pandemie leiden. Die Herrlichkeit des Herrn wird erfahrbar in einer armseligen Krippe. Und von dort führt der Weg ans Kreuz. „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten,“ sagt der Apostel Paulus in unserem Predigttext.

Paulus war ja zuerst ein Verfolger der jungen Christengemeinde gewesen. Seine Bekehrung zum christlichen Glauben war für ihn eine einschneidende und völlig überraschende Erfahrung. In einer Vision hat Paulus erkannt: Jesus Christus gibt meinem Leben Tiefe. In Jesus bin ich geborgen. In ihm bin ich angenommen – auch in meinen Schwächen, auch in meiner Verzweiflung, meiner Unsicherheit und Überheblichkeit. Diese Erkenntnis traf Paulus völlig unvorbereitet. Seine ganze Lebensplanung war damit über den Haufen geworfen. Alles, was ihm bisher im Leben heilig war, war auf einmal in Frage gestellt. Seine Weisheit und Gelehrsamkeit, seine Frömmigkeit und seine Herkunft aus gutem Hause – all das spielte auf einmal keine Rolle mehr. Sein neues Leben stand im Widerspruch zu allem, was er früher für wichtig und richtig gehalten hatte. Paulus war mit seiner Weisheit am Ende, und das, worauf er jetzt sein Leben aufbaute, hatte er bisher für Unsinn gehalten. Und in diesem vermeintlichen Unsinn hat Paulus für sich die wahre Weisheit entdeckt. Echter Lebenssinn und echte Tiefe ist verborgen in diesem Geheimnis Gottes, das Gott ihm durch seinen Geist offenbart hat. Diese Weisheit, die von Vielen für Unsinn gehalten wird, sie hat einen Namen: Jesus Christus, der Gekreuzigte. In ihm begibt sich Gott ins Leid, in die Schwäche, in den Tod. In ihm stellt sich Gott an die Seite der Ohnmächtigen, der Unscheinbaren und Verachteten.

Paulus hat nur diesen Gekreuzigten gepredigt. Auch in der Gemeinde in Korinth war das so. Aber diese Predigt ist nicht bei allen gut angekommen. Unscheinbar war dieser Paulus, ohne besondere Ausstrahlung, kein begnadeter Prediger. In den sozialen Medien hätte er wohl nicht viele Follower gehabt. Paulus redet den Menschen nicht nach dem Mund. Er setzt sich nicht in Szene – auch nicht mit wohlformulierten Worten und Argumenten. Paulus weiß: Letztlich bringt das alles nichts. Denn es geht ja nicht um uns und unsere Weisheit. Es geht um Gott und Gottes Weisheit. Verstehen Sie mich nicht falsch: Paulus lehnt die menschliche Weisheit und Lebenskunst nicht ab. Sie kann uns wichtige Erkenntnisse bringen. Sie kann uns helfen, unser Leben besser zu verstehen und zu bewältigen. Paulus knüpft an all das an. Aber er geht zugleich darüber hinaus in seiner Predigt von Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Paulus erinnert uns daran: Das Kreuz ist es, das alle menschliche Weisheit überbietet und verwandelt. Im Kreuz liegt das Geheimnis der Welt verborgen. Paulus hat dieses Geheimnis in immer neuen Bildern beschrieben, die in seiner Glaubens- und Lebenserfahrung begründet waren – das Geheimnis des christlichen Glaubens.

Ich denke wieder an die Gespräche mit Menschen, die am Glauben zweifeln oder am Leben verzweifeln. Ist es nicht alles Unsinn, dass wir als Christen all unsere Hoffnung auf einen Gekreuzigten setzen? So fragen mich diese Menschen. „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten,“ sagt Paulus den Korinthern. Und ich denke, Paulus meint damit auch: Manchmal sind wir mit unserer Weisheit am Ende. Manchmal leiden wir daran, dass wir anderen in ihrem Zweifel und in ihrer Verzweiflung nicht weiterhelfen können. Manchmal können wir uns nur unsere Ratlosigkeit eingestehen. Aber wenn es so ist, dann bleibt uns die Hoffnung auf Jesus Christus – die Hoffnung, dass sich Gottes Nähe auch im Dunkel von Ratlosigkeit und Verzweiflung zeigt. Dafür steht das Kreuz. Im Kreuz fand Paulus neues Leben und Hoffnung. Im Kreuz leuchtet Gottes Herrlichkeit auf, auch in Dunkelheit und Schwachheit. Gegen alle Wahrscheinlichkeit und wider alle Erwartung. Daran wollen wir festhalten- an Jesus Christus, der für uns gekreuzigt und auferstanden ist.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

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Gedanken zum Sonntag

1. Sonntag nach dem Christfest

Predigt zum Jahresanfang, Sonntag 2. Januar 2022

1.Joh 1,1-4: Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –,was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.

 

Liebe Mitchristen!

Ein neues Jahr ist da, ein neuer Anfang. „Guten Rutsch!“ Das wünschen wir uns gegenseitig zum Jahreswechsel. Ein merkwürdiger Wunsch ist das eigentlich. Niemand rutscht gerne aus. Und niemand wird gerne aufs Glatteis geführt. Warum wünschen wir uns also einen „Guten Rutsch“? Ist das so etwas, wie wenn man Jemandem beim Sport Hals- und Beinbruch wünscht und damit das genaue Gegenteil meint – dass er beim Ausüben seines manchmal auch gefährlichen Sports unverletzt bleiben möge? Mit dem „Guten Rutsch“ verhält es sich anders. Dieser Wunsch zum neuen Jahr hat nichts mit Ausrutschen und Glatteis zu tun. „Guten Rutsch“, das kommt von dem hebräischen Wort „Rosch“ „Rosch“ ist der Kopf oder der Anfang. „Rosch Haschana“ heißt der Neujahrstag. Ein neues Jahr hat begonnen. Der Anfang ist schon gemacht. Der Kopf ist schon da – wie bei der Geburt eines Kindes. Zuerst kommt der Kopf, und dann der Körper, mit Armen und Beinen, Bauchnabel und Nabelschnur. Wird es ein Junge oder ein Mädchen? In früheren Zeiten, als es noch keine Ultraschalluntersuchungen gab, da konnte man das noch nicht wissen, wenn erst der Kopf durch war bei der Geburt. Was wird das neue Jahr bringen? Wir wissen es nicht, wir stehen noch ganz am Anfang. Ein neues Jahr liegt vor uns, 365 Tage voller Leben. Neujahr haben wir gefeiert. Der Kopf ist schon durch. Aber alles andere ist uns noch verborgen.

Der Anfang ist schon gemacht. Davon schreibt unser Predigttext aus dem 1. Johannesbrief. Der Verfasser dieses Briefs schreibt voller Begeisterung von diesem neuen Anfang, der sein Leben verändert hat. Gottes Wort hat ihn innerlich berührt. Es hat ihm neue Zugänge zum Leben freigemacht – aus dem alltäglichen Einerlei hin zu Weite und Tiefe. Seine lange und einsame Suche nach dem, was im Leben wirklich Bestand hat, ist endlich an ihr Ziel gekommen. Er ist angekommen, er ist endlich am richtigen Ort, dort in der Gemeinschaft der Christen. Er verspürt eine tiefe innere Geborgenheit. Er hat die Konsequenz daraus gezogen und hat sich taufen lassen. Wie eine Geburt war das für ihn. Wie neu geboren fühlt er sich. Das alte Leben ist gestorben und zählt nicht mehr. Neues Leben liegt vor ihm – ewiges Leben. Große Freude erfüllt ihn, vollkommene Freude. Diese Freude kann und will er nicht für sich behalten. Er möchte sie weitergeben, nicht nur an die Menschen in seiner Nähe, auch an die in der Ferne – an fernen Orten und in fernen Zeiten. Und so schreibt er diesen Brief und trägt die Freude weiter, über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Ein Brief, der damals die Menschen an anderen Orten erreichte und uns heute in unserer Zeit, wenn wir diesen Brieftext in der Bibel lesen.

Der Anfang ist schon gemacht. So lesen wir es in diesem Brief. Von Anfang an war Gott für seine Menschen da. Von Anbeginn der Welt war er nicht nur der große und mächtige Gott, der über allem thront. Von Anfang an war da auch Jesus Christus, Gottes Sohn, der mitten unter uns gelebt hat als ein Mensch wie wir. Unsere Augen haben ihn gesehen, und unsere Hände haben ihn berührt. Und er hat uns berührt in unserer Seele, dieser von den Soldaten des Pilatus ans Kreuz genagelte Jude Jesus. Dieser Jesus, der den Zöllner Zachäus aus seinem Versteck in der Baumkrone herausgerufen hat. Er wollte bei ihm essen. Und der empörten Menschenmenge rief er zu: „Heute ist ein Festtag für dieses Haus! Wer will sich ärgern? Gehört nicht auch dieser Mann zu uns?“ Jesus, der uns damit sagt: Wenn du Menschen ändern willst, dann musst du sie lieben. Jesus, der damit zeigt: Das tut Gott. Tu also auch du das in deinem Umfeld. Tu dich zusammen mit deinem Nachbarn und mit dem Fremden, den alle verachten und übersehen. So wirst du Gott finden und deine eigene Heimat dazu. Worte, die uns in der Seele berühren. Worte, die unser Verhalten, ja unser ganzes Leben verändern können – über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Auch uns erreichen diese Worte, wenn wir sie heute in der Bibel lesen und uns in der Gemeinschaft der Christen versammeln, um diese Freude zu feiern. Auch wenn wir längst keine Augenzeugen mehr sind. Dieses Wort hat unsere Seele berührt – Jesus Christus, das Wort des Lebens, das auch unserem Leben Sinn und Ziel gibt und uns als christliche Gemeinschaft zusammenhält.

All das versteht sich nicht als christliche Schönfärberei. So einfach waren die Lebensumstände zu Zeiten der Römer nicht für die Menschen zur Zeit Jesu und auch nicht für die jungen christlichen Gemeinden. Und auch wir haben heute unsere Sorgen, wenn nun das neue Jahr vor uns liegt, und wir nicht wissen, was es bringen wird: Wie geht es weiter mit unserer Welt? Gibt es einen Ausweg aus der Klimakatastrophe? Wird die Pandemie endlich überwunden werden? Unser Vertrauen auf Gott ist kein Garantieschein für ein Leben ohne Probleme, nicht im persönlichen Bereich und auch nicht im globalen. Aber der Anfang ist gemacht. Der Kopf ist schon da. Jesus Christus ist in unsere Welt geboren. Er verbindet uns mit Gott, und wir sind mit ihm verbunden als seine Gemeinde. Was auch kommt im neuen Jahr an Schönem oder Schwerem, es ist Gottes Geschenk an uns. Nehmen wir es dankbar und mit Freude aus seiner Hand.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Predigt zum Jahresanfang


Predigt zum Jahresanfang, Sonntag 2. Januar 2022

1.Joh 1,1-4: Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –,was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.


Liebe Mitchristen!

Ein neues Jahr ist da, ein neuer Anfang. „Guten Rutsch!“ Das wünschen wir uns gegenseitig zum Jahreswechsel. Ein merkwürdiger Wunsch ist das eigentlich. Niemand rutscht gerne aus. Und niemand wird gerne aufs Glatteis geführt. Warum wünschen wir uns also einen „Guten Rutsch“? Ist das so etwas, wie wenn man Jemandem beim Sport Hals- und Beinbruch wünscht und damit das genaue Gegenteil meint – dass er beim Ausüben seines manchmal auch gefährlichen Sports unverletzt bleiben möge? Mit dem „Guten Rutsch“ verhält es sich anders. Dieser Wunsch zum neuen Jahr hat nichts mit Ausrutschen und Glatteis zu tun. „Guten Rutsch“, das kommt von dem hebräischen Wort „Rosch“ „Rosch“ ist der Kopf oder der Anfang. „Rosch Haschana“ heißt der Neujahrstag. Ein neues Jahr hat begonnen. Der Anfang ist schon gemacht. Der Kopf ist schon da – wie bei der Geburt eines Kindes. Zuerst kommt der Kopf, und dann der Körper, mit Armen und Beinen, Bauchnabel und Nabelschnur. Wird es ein Junge oder ein Mädchen? In früheren Zeiten, als es noch keine Ultraschalluntersuchungen gab, da konnte man das noch nicht wissen, wenn erst der Kopf durch war bei der Geburt. Was wird das neue Jahr bringen? Wir wissen es nicht, wir stehen noch ganz am Anfang. Ein neues Jahr liegt vor uns, 365 Tage voller Leben. Neujahr haben wir gefeiert. Der Kopf ist schon durch. Aber alles andere ist uns noch verborgen. 

Der Anfang ist schon gemacht. Davon schreibt unser Predigttext aus dem 1. Johannesbrief. Der Verfasser dieses Briefs schreibt voller Begeisterung von diesem neuen Anfang, der sein Leben verändert hat. Gottes Wort hat ihn innerlich berührt. Es hat ihm neue Zugänge zum Leben freigemacht – aus dem alltäglichen Einerlei hin zu Weite und Tiefe. Seine lange und einsame Suche nach dem, was im Leben wirklich Bestand hat, ist endlich an ihr Ziel gekommen. Er ist angekommen, er ist endlich am richtigen Ort, dort in der Gemeinschaft der Christen. Er verspürt eine tiefe innere Geborgenheit. Er hat die Konsequenz daraus gezogen und hat sich taufen lassen. Wie eine Geburt war das für ihn. Wie neu geboren fühlt er sich. Das alte Leben ist gestorben und zählt nicht mehr. Neues Leben liegt vor ihm – ewiges Leben. Große Freude erfüllt ihn, vollkommene Freude. Diese Freude kann und will er nicht für sich behalten. Er möchte sie weitergeben, nicht nur an die Menschen in seiner Nähe, auch an die in der Ferne – an fernen Orten und in fernen Zeiten. Und so schreibt er diesen Brief und trägt die Freude weiter, über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Ein Brief, der damals die Menschen an anderen Orten erreichte und uns heute in unserer Zeit, wenn wir diesen Brieftext in der Bibel lesen. 

Der Anfang ist schon gemacht. So lesen wir es in diesem Brief. Von Anfang an war Gott für seine Menschen da. Von Anbeginn der Welt war er nicht nur der große und mächtige Gott, der über allem thront. Von Anfang an war da auch Jesus Christus, Gottes Sohn, der mitten unter uns gelebt hat als ein Mensch wie wir. Unsere Augen haben ihn gesehen, und unsere Hände haben ihn berührt. Und er hat uns berührt in unserer Seele, dieser von den Soldaten des Pilatus ans Kreuz genagelte Jude Jesus. Dieser Jesus, der den Zöllner Zachäus aus seinem Versteck in der Baumkrone herausgerufen hat. Er wollte bei ihm essen. Und der empörten Menschenmenge rief er zu: „Heute ist ein Festtag für dieses Haus! Wer will sich ärgern? Gehört nicht auch dieser Mann zu uns?“ Jesus, der uns damit sagt: Wenn du Menschen ändern willst, dann musst du sie lieben. Jesus, der damit zeigt: Das tut Gott. Tu also auch du das in deinem Umfeld. Tu dich zusammen mit deinem Nachbarn und mit dem Fremden, den alle verachten und übersehen. So wirst du Gott finden und deine eigene Heimat dazu. Worte, die uns in der Seele berühren. Worte, die unser Verhalten, ja unser ganzes Leben verändern können – über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Auch uns erreichen diese Worte, wenn wir sie heute in der Bibel lesen und uns in der Gemeinschaft der Christen versammeln, um diese Freude zu feiern. Auch wenn wir längst keine Augenzeugen mehr sind. Dieses Wort hat unsere Seele berührt – Jesus Christus, das Wort des Lebens, das auch unserem Leben Sinn und Ziel gibt und uns als christliche Gemeinschaft zusammenhält. 

All das versteht sich nicht als christliche Schönfärberei. So einfach waren die Lebensumstände zu Zeiten der Römer nicht für die Menschen zur Zeit Jesu und auch nicht für die jungen christlichen Gemeinden. Und auch wir haben heute unsere Sorgen, wenn nun das neue Jahr vor uns liegt, und wir nicht wissen, was es bringen wird: Wie geht es weiter mit unserer Welt? Gibt es einen Ausweg aus der Klimakatastrophe? Wird die Pandemie endlich überwunden werden? Unser Vertrauen auf Gott ist kein Garantieschein für ein Leben ohne Probleme, nicht im persönlichen Bereich und auch nicht im globalen. Aber der Anfang ist gemacht. Der Kopf ist schon da. Jesus Christus ist in unsere Welt geboren. Er verbindet uns mit Gott, und wir sind mit ihm verbunden als seine Gemeinde. Was auch kommt im neuen Jahr an Schönem oder Schwerem, es ist Gottes Geschenk an uns. Nehmen wir es dankbar und mit Freude aus seiner Hand. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

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2. Advent


Wochenspruch für die 2. Woche im Advent:

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

Liebe Leserinnen und Leser,
Corona dauert. Und Corona hat uns verändert, verändert uns weiter.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen diesbezüglich geht. Aber ich selbst spüre diese Veränderungen immer deutlicher.
Wir haben über bald zwei Jahre hinweg gelernt, „kleinteiliger“ zu leben, mussten es lernen, weil immer weniger planbar war und ist in unserem Leben. Unübersichtlichkeit prägt noch immer unsere Wochen und Tage.
Worauf können wir uns noch verlassen? Höchste Flexibilität ist angesagt. Und hohe Frustrationstoleranz. Perspektiven fehlen, die über den Tag, die Woche, erst recht über den Monat hinausreichen.

Das ist auf Dauer anstrengend. Und verändert uns Menschen. Bei vielen liegen die Nerven blank. Sie sind dünnhäutiger geworden, reagieren schneller über und anders, als sie es vielleicht wollten. Andere finden sich erneut mit ihren Depressionen konfrontiert, von denen sie meinten, sie im vergangenen Sommer hinter sich gelassen zu haben. Und wiederum andere spüren große Einsamkeit und Trauer – und wissen nicht wohin damit.

Es sind unüberschaubare Zeiten. Erwartungen bleiben unerfüllt. Missverständnisse schleichen sich ein – und mitunter auch starke Gefühle wie zum Beispiel Wut, denen manche immer ungehemmter freien Lauf lassen.
Menschen sind verunsichert, enttäuscht, haben Angst und fragen sich, wohin das Ganze noch führen soll. Das Verständnis füreinander, das einst vermeintlich Selbstverständliche, steht zunehmend offener in Frage. Die Kommunikation ist schwieriger geworden, die Meinungen zeigen sich vielschichtiger. Und die Einfallstore für „alles Mögliche“ inklusive diverser Verschwörungstheorien sind weit offen.

Wie gut, dass wenigstens eines in diesen merkwürdigen und unsicheren Zeiten sicher ist: Gott kommt! Gott ist, bleibt und wird uns nahe sein.
Advent, Weihnachten – das ist eine einzige Botschaft: Gott kommt uns nahe. Gott selbst wird einer von uns – nämlich Mensch. Er will einer von uns sein, mit uns – egal wo wir gerade sind, egal wie wir uns gerade befinden.

Gott hat es so bei sich beschlossen: Ich will in – schon damals! – unruhigen Zeiten an einem armseligen Ort zur Welt kommen. Ich will mit euch im Gewirr der Zeiten leben und auf euch zugehen. Ich will mit euch an und unter den Kreuzen leiden, die ihr täglich zu tragen habt. Und ich verheiße euch eine Perspektive, von der ihr nicht zu träumen gewagt habt: Leben, neues Leben in meiner Nähe!

Mit Weihnachten hat alles begonnen – damals vor gut 2000 Jahren. Wir sind (noch) immer mittendrin und erwarten dereinst die Vollendung. Aber leben – das tun wir jetzt: Heute, morgen, hoffentlich auch übermorgen. Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir das getrost tun können.
Und wenn wir immer wieder innehalten – und dann aufsehen, unser Haupt erheben und gen Himmel schauen, könnte das vielleicht sogar helfen, wieder festen Boden unter die Füße und eine Richtung zu bekommen. Denn Weihnachten erdet den Himmel – und richtet die Erde himmelwärts.

Pfarrerin Annegret Liebmann, Rottweil
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1. Advent

Predigt zum 1. Advent, 28. November 2021

Jeremia 23, 5-8: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, sondern: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Mitchristen!

Der Gottesdienst am 1. Advent gibt schon einen Vorgeschmack auf Weihnachten. Die Kirche ist festlich geschmückt. Am Adventskranz brennt die erste Kerze. Festliche Musik erklingt, Adventslieder werden gesungen: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Advent ist eine festliche Zeit, eine Zeit der Vorfreude und der Erwartung. Bei Kindern ist das besonders deutlich. Schon lange freuen sie sich darauf, jetzt endlich das erste Päckchen am Adventskalender aufpacken zu dürfen. Jeder Tag ist ein neuer Schritt auf Weihnachten zu. Jeden Sonntag strahlt der Adventskranz heller – bis wir im Licht von Weihnachten stehen. Wie werden wir Weihnachten feiern können in diesem Jahr? Wird es möglich sein, dass wir zum Gottesdienst zusammenkommen? „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.“ Es kommt die Zeit: Darauf hoffen auch wir in diesem Advent. Ja, wir hoffen mit einer Inbrunst, die den meisten von uns bisher unbekannt war. Ich selber fand es früher oft schwierig, zwischen all den Schokoladennikoläusen anderen Menschen den Sinn von Advent nahezubringen. Aber in unserer heutigen Zeit fühle ich mich mit den biblischen Personen, die Gott um Erlösung anflehen, sehr verbunden. Ich denke besonders an den Propheten Jeremia, von dem unser Predigttext stammt. Jeremia musste die Katastrophe seiner Zeit am eigenen Leib miterleben. Wie Jerusalem zerstört wurde und die Bewohner verschleppt wurden ins ferne Babylon. Wenn ich auf Jeremia und sein Leben sehe, dann erkenne ich, es gibt manchmal einfach kein Entkommen.  – für Jeremia nicht, der vor langer Zeit die Folgen von Krieg und verlorener Heimat aushalten musste, und auch nicht für uns heute. Heute kämpfen wir einen anderen Kampf, keinen militärischen. Wir kämpfen den Kampf gegen das Virus. 100.000 Menschen sind in Deutschland bisher an Corona gestorben. Diese Zahl macht mich betroffen.

Inmitten seiner düsteren Zeit spricht Jeremia von einer neuen Zukunft. Das ist etwas, worauf auch ich hoffe für den Advent 2021. Auch wenn ich mir diese neue Zukunft noch nicht richtig vorstellen kann. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.“ Die gute Zeit wird kommen. Aber sie ist noch nicht da. Advent ist die Zeit des Wartens: „Siehe, es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.“ So sagt es der Prophet Jeremia. Das heißt: Es ist noch nicht so weit. Da ist noch kein aufrechter Stamm oder kräftiger Ast. Da ist erstmal nur ein winzig kleiner Spross. Der, der kommt, der muss erst wachsen. Ein kleiner Trieb ist schon zu sehen am Baum. Ein Trieb, der viel enthält, aber fast noch nicht zu erkennen ist. Machen wir die Augen auf für diese kleinen Zeichen der Hoffnung – kleine Zeichen wie die erste Kerze, die am Adventskranz brennt!

Halten wir uns an den Propheten Jeremia und sein Gottvertrauen in dunklen Zeiten. Ja, er hat es erleben müssen: Geregelten Alltag und die vertrauten religiösen Feiern gibt es nach der Zerstörung Jerusalems nicht mehr. Uns heute treffen die Corona-Beschränkungen neben dem Alltag auch an den Sonntagen, wenn wir gemeinschaftlich unseren Glauben leben wollen. Sich neu erfinden müssen, fern ab von allem Gewohnten, diese Aufgabe hatten schon die Menschen zur Zeit Jeremias. Auch heute ist das immer wieder unsere Aufgabe – uns neu erfinden zu müssen, auch darin, wie wir unseren Glauben leben. Unseren Glauben zu leben auch außerhalb der Kirchenmauern, in unseren Familien, in unserem vertrauten Umfeld – das war schon immer unsere Aufgabe. Besinnen wir uns darauf in diesen Zeiten, in denen wir nicht in großer Runde zusammenkommen können. Zünden wir auch zuhause ein Licht an an unserem Adventskranz. Und halten wir fest an der Hoffnung, die uns trägt – in dunklen wie in hellen Zeiten. Denn: Wie auch immer wir in diesem Jahr Weihnachten feiern werden: Gott hält eine Zukunft für uns bereit, die diesen Namen verdient. Wir können es uns vielleicht noch nicht so richtig vorstellen, und es fällt uns vielleicht schwer, daran zu glauben: Aber Gott kommt! Gott kommt, um mit seiner Kraft und Liebe unsere Welt zu durchdringen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr

Predigt zum Volkstrauertag, 14. November 2021

2. Kor 5, 1-10: Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.

 

Liebe Mitchristen,

„Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Dieses Zitat von Oscar Wilde fällt mir ein zu unserem heutigen Predigttext. Wir alle sehnen uns nach einem guten Ende. Wir sehnen uns nach einem Ende der Corona-Pandemie, die gerade jetzt wieder so viele Menschenleben kostet und uns Einschränkungen abfordert. Wir sehnen uns nach einem Ende der CO2-Emissionen, die die Fieberkurve unseres Planeten nach oben treiben und Menschen das Dach über dem Kopf wegreißen, so wie bei der Flutkatastrophe im Ahrtal.

Alles wird gut – wie soll das gehen angesichts solch gravierender Probleme weltweit? Am Ende wird alles gut, sagt uns der Apostel Paulus in unserem Predigttext. Die, die kein Dach mehr über dem Kopf haben wegen Umweltkatastrophen, Krieg und Not, die werden wieder ein Zuhause finden. Ein Zuhause bei Gott. Ein ewiges Haus im Himmel. Das soll keine billige Vertröstung sein auf ein besseres Jenseits. Das soll kein falscher Trost sein, der es uns erspart, im Hier und Jetzt die drängenden Probleme unserer Welt anzupacken.

„Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt: Er hält sein Versprechen.“ So dichtete Rudolf Alexander Schröder (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 378) im Jahr 1939. In diesen dunklen Zeiten hat er festgehalten an der Hoffnung auf Gott und sein ewiges Reich und in dieser Hoffnung Trost gefunden. Die Hoffnung auf Gottes Reich, auf seinen offenen Himmel über uns, diese Hoffnung gibt uns die Kraft, hier in dieser Welt unseren Teil dazu beizutragen, dass die Erde bewohnbar bleibt und Menschen in Frieden miteinander leben können. Die Hoffnung auf Gottes Reich gibt mir die Gewissheit: Am Ende wird alles gut. Diese Hoffnung gibt mir Gelassenheit und bewahrt mich davor, frustriert aufzugeben in meinen Bemühungen.

Der Apostel Paulus verwendet für diese christliche Hoffnung das Symbol des Hauses – ein ganz elementares Bild. Das Haus gibt dem Menschen Schutz und Heimat. Unser Haus, unser Zuhause, das ist keine Nebensache für uns. Wie viel Zeit, Geld und persönlichen Einsatz verwenden wir darauf! Die Sehnsucht nach Geborgenheit wird durch ein Haus erfüllt: Wir haben ein Haus, ein Zuhause.

Heute ist Volkstrauertag. Heute denken wir an die Menschen, die in den Kriegen in der Vergangenheit und in der Gegenwart alles verloren haben: Ihr Leben, ihre Lieben, ihr Zuhause. Pfarrer Theophil Askani hat seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg so aufgeschrieben: „Mir ist immer vor Augen, wie wir in der Gefangenschaft, nach Monaten unter freiem Himmel, ein einziges Mal in einer Ruine, die kaum mannshoch war, ein Brett über dem Kopf hatten, als sei’s ein Dach – ein einziges Brett. Jeder durfte mal drunterstehen.“

Paulus kennt die symbolische Bedeutung des Hauses. Deswegen verwendet er das Bild vom Haus, wenn er vom Tod redet. Paulus weiß: Die Sehnsucht nach Geborgenheit, die wir haben, kann in diesem Leben nie ganz gestillt werden. Auch die schönsten Häuser zerfallen, und auch die stärksten Menschen müssen sterben, und ihr Körper vergeht. Paulus kann sich an das schwierige Thema Tod heranwagen, weil er als sterblicher Mensch an die ewige Geborgenheit bei Gott glaubt. In seinem von Krankheit gezeichneten Körper erwartet Paulus den Auferstehungsleib -einen neuen Körper, den Gott ihm in seiner ewigen Welt schenken wird. So ist das Haus für Paulus auch ein Bild für den menschlichen Körper. Den vergänglichen Körper, den wir hier in dieser Welt haben, nennt Paulus unser irdisches Haus. Dieses irdische Haus ist für Paulus nur eine einfache Hütte. Aber wenn diese Hütte abgebrochen wird, dann wartet ein Neubau auf uns: Ein neuer Körper, unser ewiges Haus bei Gott im Himmel. Wie wir uns morgens unsere Kleider anziehen, so einfach wird es dann sein, diesen neuen Körper anzuziehen. Niemand muss dann mehr nackt und schutzlos sein, ohne wärmende Kleidung und ohne ein Dach über dem Kopf.

Ich denke an die Bilder von der polnisch-belarussischen Grenze. An die Menschen, die auf der Flucht sind und nun dort festsitzen, bei eisigen Temperaturen. Menschen, die zum Spielball politischer Interessen geworden sind – ohne Haus, ohne wärmende Kleidung. Aber bei Gott zählt jedes Menschenleben. Und wir haben die Aufgabe, hier in dieser Welt und in unserer Zeit menschenwürdig zu handeln. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ So sagt es uns Jesus in Matthäus 25,40. Gott ist es nicht egal, wie wir unser Leben gestalten, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie wir uns einsetzen für die Zukunft unserer Erde. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.“ So schreibt es Paulus in unserem Predigttext.

Aber Paulus will hier nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen und uns Angst machen. Paulus vertraut darauf: Nach diesem irdischen Leben steht Gottes Neubau schon für uns bereit – neues Leben bei Gott. Woher nimmt Paulus dieses Vertrauen, bei all unserer menschlichen Unzulänglichkeit? Denn bei allen Bemühungen, an denen wir festhalten sollen: Wir werden es nie schaffen, allen Menschen gerecht zu werden, die unsere Hilfe bräuchten. Dass trotzdem Gottes Neubau schon für uns bereit steht in Gottes neuer Welt, das haben wir allein Jesus Christus zu verdanken. Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Jesus Christus, der unsere Sünden auf sich genommen hat durch seinen Tod am Kreuz. Denn Gottes Gnade ist größer als unsere menschliche Unzulänglichkeit.

Mir fällt dazu eine geistliche Übung ein, die von Ignatius von Loyola stammt. Sie nennt sich „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ und geht so: Wenn ein Tag zu Ende geht, lässt man ihn in Gedanken noch einmal an sich vorüberziehen, mit ganzer Aufmerksamkeit: Was war gut? Was war nicht gut, und warum? Wie kann ich, was heute nicht gut war, morgen besser machen? Kann ich morgen etwas wiedergutmachen, was ich heute versäumt habe? Was Ignatius von Loyola ganz wichtig war bei dieser Übung: Wenn ich das, was heute war, in den Blick nehme, dann soll ich es mit den liebenden Augen Gottes in den Blick nehmen. Die liebenden Augen Gottes verdammen nicht. Die liebenden Augen Gottes blicken tiefer als ein oberflächliches Urteil. Die liebenden Augen Gottes ermöglichen es mir, mich zu verändern. Denn Gottes Liebe kennt mein ganzes Elend, das hinter meiner Unzulänglichkeit steht. Gottes Liebe weiß auch, wie oft ich mich bemüht habe, bevor es dann doch nicht geklappt hat. Und wenn ich mich am Ende eines Tages so aufmerksam mit den liebenden Augen Gottes betrachte, dann gibt mich das Kraft und Zuversicht für den neuen Tag.

In diesem Sinn sprechen wir als Christinnen und Christen vom letzten Gericht. Ja, es gibt verfehltes Leben. Und die Erkenntnis ist hart und bitter, wenn einem das klar wird. Niemand kann uns diese bittere Erkenntnis abnehmen. Aber als Christin glaube ich an eine Liebe, die größer ist als all unser Scheitern und Versagen – Gottes Liebe zu uns, die alle menschlichen Maßstäbe übersteigt.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Diese Worte wollen unser Gewissen wachhalten und uns daran erinnern, dass es nicht egal ist, wie wir unser Leben gestalten, dass wir Verantwortung tragen für unsere Erde und für unsere Mitmenschen in nah und fern. Aber wir dürfen darauf vertrauen: Der, der auf dem Richterstuhl sitzt, ist Jesus Christus, der sein Leben für uns dahingegeben hat in seiner unendlichen Liebe. Niemanden will er verloren geben. Und der Neubau steht schon bereit, in den wir am Ende unserer Tage einziehen dürfen bei Gott. Denn am Ende wird alles gut.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer                                                    

 

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20. Sonntag nach Trinitatis

Alles hat seine Zeit – auch das Altern

Liebe Gemeinde,

das wahrscheinlich bekannteste Wort aus dem sonst weniger bekannten Buch des Predigers ist doch »Alles hat seine Zeit.« Unter dieser Einsicht entfaltet der Prediger Salomo den bunten Fächer des Lebens: geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen, weinen und lachen, klagen und tanzen, lieben und hassen, Streit und Friede. Gott sei Dank hat alles seine Zeit, seine Stunde. Alles gleichzeitig – das würde uns hoffnungslos überfordern.

 

Weniger bekannt ist, was der Prediger Salomo am Ende seines kleinen Buches schreibt. Dort nimmt er das »Alles hat seine Zeit« auf und sagt, was dieses für uns biographisch heißt. Er überträgt in unseren Lebenslauf, was die Zeit mit uns macht. Wir werden älter und älter – und schließlich und hoffentlich alt. So wünschen wir es uns doch alle! Oder etwa nicht?

 

Hört, was der Prediger schreibt.

– Lesen des Predigttextes: Prediger 12, 1–7 –

 

Unter drei Stichworten will ich dem Gehörten nach-denken: Nüchternheit, Humor und Hoffnung.

 

Nüchtern sein

In den Beständen alter Familienfotos zu blättern kann spannend sein: der Vater als Baby, die Mutter bei der Einschulung, ein Hochzeitsbild der beiden. Dann Bilder mit den Kindern, die deren Entwicklung vom hilflosen Neugeborenen über die ersten unbeholfenen Schritte und den abwartend-stolzen Blick des Schulanfängers hin zum Konfirmanden zeigen. Schließlich kommen Enkel, ja vielleicht sogar Urenkel dazu. Veränderungen sind unverkennbar – und das Voranschreiten der Zeit.

Die Zeiten ändern sich. Die Zeit verändert uns. Sie hinterlässt deutliche Spuren.

 

Atemberaubend sind die Entwicklungen bei Kindern, unübersehbar die Veränderungen im Jugendalter. Dann kommen Lebensphasen, in denen die Zeit nur wenig verändert. Irgendwann kommt die dritte Lebensphase, wie heute das Alter genannt wird. Dieses wird wieder in drei Phasen aufgeteilt. Die mobilen Alten, die eingeschränkten und die hilfsbedürftigen. In Englisch, kurz und bezeichnend: Go go, slow go, no go. Irgendwann lässt die Leistungsfähigkeit nach. Gesundheitliche Probleme stellen sich ein. Was leicht von der Hand ging, wird zu einem beschwerlichen Kraftakt. Was selbstverständlich war, geht nicht mehr. Wir werden immer hinfälliger. Immer öfter sterben Altersgenossen. Es kommen Tage und Jahre, »die dir nicht gefallen«. Wie recht hat der Prediger!

 

Jedes Alter hat sein Maß an Chancen und Herausforderungen. In der Jugendzeit scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt. Je weiter die Jahre voranschreiten, umso deutlicher werden die Grenzen – auch die letzte Grenze. Der Prediger stellt in unserem Abschnitt das Alter ungeschönt dar und rät, sich dem Alter zu stellen. Wir folgen ihm. Verdrängung und Verleugnung helfen uns nicht. Leben heißt, bis zum letzten Atemzug zu wachsen und zu reifen.

 

Nüchtern wird die Beschwerlichkeit des Alters und die Vergänglichkeit des Lebens angesprochen. Der Prediger rät dringend, sich nicht erst im hohen Alter mit dem Altwerden und dem Lebensende auseinander zu setzen. Wer diese Lebensaufgabe auf die Seite schiebt, wird von ihr allzu leicht überrollt, versäumt eine Wachstumsstufe, einen Reifungsprozess.

 

Ob uns dieses gefällt oder nicht: »Alles vergeht und verweht.« Die Unbeschwertheit des Kindseins, die Schönheit der Jugendzeit, die Kraft des Erwachsenseins, das Leben. Entwaffnend nüchtern schließt der Prediger seine Gedanken.

 

 

Humor

Das ist bemerkenswert: Der Prediger beschreibt die Gebrechlichkeit des Alters in poetischen Bildern. Nein, er macht sich nicht lustig über das, was uns am Alter nicht gefällt. Er nimmt es nicht leicht. Er nimmt die Beschwerlichkeiten des Alters mit Humor. Humor ist eine besondere Gabe. Humor macht Schweres leichter.

 

Wir alle kennen alte Menschen. Manche sind heiter und dankbar – trotz ihnen auferlegter Beschwerlichkeiten. Ihnen zu begegnen ist schön. Andere aber sind unzufrieden und bitter. Lasten des Lebens und des Alters drücken sie nieder. Ihnen zu begegnen ist anstrengend. Kein Zweifel, die Last eines langen Lebens und des Alters mit seinen Gebrechlichkeiten kann nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Aber ein humorvoller Umgang mit diesen hilft, nicht zu verbittern. Der Prediger regt dazu an.

 

Die Bilder, die der Prediger aufnimmt, berühren. Man muss sie nur verstehen. Die Wächter des Hauses, die zittern, das sind die Arme. Und die starken Männer, die sich krümmen, die Beine. Die Müllerinnen, die die Arbeit einstellen, meinen die Zähne. Und die Frauen, die nur noch dunkle Schatten erkennen, stehen für die Augen. Die beiden Türen, die geschlossen werden, sind die Ohren. Und mit dem leiser Werden der Mühle wird die Veränderung der Stimme beschrieben. Die Kräfte schwinden und jedes Hindernis bereitet Schrecken. Die Haare werden schlohweiß: die Mandelbäume blühen. Schließlich kommt das Sterben als endgültiges reif Werden und der Tod.

 

Treffend und schmunzelnd wird in diesen Bildern beschrieben, was fortschreitendes Alter mit sich bringt: das Nachlassen der Kraft, des Gedächtnisses, der Augen, des Gehörs. Die Kreise werden kleiner. Der Prozess des Alterns verläuft nicht bei allen gleich, auch geschieht nicht alles gleichzeitig. Aber mit höherem Alter kommen Einschränkungen, Beschwerden, Krankheiten, Leiden und Hinfälligkeit – trotz guter medizinischer Versorgung und mancher Erleichterung, die wir den Menschen biblischer Zeit voraushaben. Es ist gut, sich frühzeitig dieses klar zu machen. Es ist gut, sagt der Prediger, schon in der Jugend das Vertrauen auf Gott zu setzen. Das gibt im Alter einen Halt.

 

Wohl dem und der, die mit Humor ausgestattet sind.
Humor ist keine Veranlagungssache. Humor wächst uns im Laufe des Lebens zu, indem wir lernen, mit Schwerem
und unseren Begrenzungen positiv umzugehen. Und indem wir dahin kommen, es zu bejahen, anzunehmen und so zur Kraft für die Zukunft werden zu lassen. Humor bewahrt vor Bitterkeit und Selbstmitleid. Humor erhält die Denkbarkeit. Humor ist eine Sache der Einstellung zum Leben – und eine Frucht des Gottvertrauens und der Hoffnung.

 

Hoffen

»Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat, bevor die silberne Schnur zerreißt und die goldene Schale zerbricht … Dann kehrt der Staub zur Erde zurück, aus dem der Mensch gemacht ist. Und der Lebensatem kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.«

 

Einzigartig und kostbar ist unser Leben, aber eben auch begrenzt. Der Lebensodem wird von Gott geschenkt und kehrt zu ihm zurück. Irgendwann verweht der Wind die Spuren, die wir hinterlassen. Der Prediger sagt: »Alles verweht und vergeht.« Zaghaft ist seine Hoffnung: Der Lebensatem kehrt zu Gott zurück.

 

Der Prediger kennt noch nicht die Hoffnung, die uns durch Jesu Christi Auferstehung geschenkt ist. Diese jedoch bekräftigt seine zaghaft ausgedrückte Hoffnung. Für uns, die wir an Jesus Christus glauben, ist der Tod nicht das Letzte. Wir glauben, dass Gott ein Gott der Lebenden und der Toten ist. Wir glauben an die Auf-erstehung der Toten und das ewige Leben.

 

Unsere Hoffnung geht über den Tod hinaus. Das Leben hier ist nicht alles. Unser Leben hat ein Ziel. Jesus Christus wird uns vollenden und ewiges Leben in seinem Reich schenken. Darauf gehen wir zu. In guten Zeiten wollen wir das nicht vergessen.

In schweren Zeiten dürfen wir uns darauf freuen.

 

Und dort beim Herrn, wird alles Schwere, Belastende, Schwäche, Krankheit, Leid, Not und Tod vorbei sein.
Da wird klar sein, dass auch die Beschwerlichkeiten des Alters nichts Anderes waren als die Vorbereitung auf das Leben bei ihm. Und wir werden ewig selig sein.

 

Alles hat seine Zeit. Gott schenkt dir Leben und Zeit – und Leben in seiner Ewigkeit.   Amen.

Lied: Meine Zeit steht in deinen Händen EG 369 1-3

 

Dekan i. R. Harald Klingler

 

 

 

 

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19. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 10. Oktober 2021

 

Jesaja 38, 9-20: Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war: Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,

zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre. Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn, ja, den Herrn im Lande der Lebendigen, nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind. Meine Hütte ist abgebrochen

und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe; Tag und Nacht gibst du mich preis. Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat’s getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft: Du lässt mich genesen und am Leben bleiben. Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück. Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund. Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!

 

Liebe Mitchristen !

 

Manchmal werden wir mitten aus dem Leben herausgerissen und stehen auf einmal vor dem Nichts. Alle unsere Pläne sind auf einen Schlag über den Haufen geworfen. Und da wo gestern noch der Weg in die Zukunft vor uns lag, da tut sich plötzlich ein Abgrund auf. Was hat uns so herausgerissen und entwurzelt? Was hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen? Der Verlust des Arbeitsplatzes kann das sein. Oder das Ende einer Beziehung. Der Abschied von einem geliebten Menschen. Eine schwere Krankheit. Wir stehen mitten im Leben, und dann kommt eine Krise und wirft uns aus der Bahn. Manchmal gibt es nicht einmal einen ersichtlichen Grund dafür. Midlife-Crisis nennen das die Psychologen dann. Der König Hiskia, von dem unser Predigttext erzählt, der stand auch mitten im Leben. Er hat es auf der Karriereleiter ganz nach oben geschafft. Er hat alles erreicht, was man sich nur wünschen kann.

 

Unter den Politikern seiner Zeit war Hiskia ein Star. Umfragen gab es damals natürlich noch nicht, im 8. Jahrhundert vor Christus. Aber wenn es sie gegeben hätte, dann wäre Hiskia mit Sicherheit ziemlich weit oben gelandet. Da gab es zwar noch die beiden Herrscher der Supermächte seiner Zeit: Assyrien im Norden und Ägypten im Südwesten von Israel. Die hatten schon wegen ihrer militärischen Macht immer die Aufmerksamkeit auf ihrer Seite. Aber für den Herrscher eines Kleinstaates zwischen den großen politischen Blöcken hatte Hiskia es geschafft. Das sahen nicht nur seine Zeitgenossen so. So sahen es auch die biblischen Schriften, die im zeitlichen Abstand auf die Könige von Juda und Israel zurückschauten. Die gehen mit fast allen Königen scharf ins Gericht. Hiskia gehört da zu den ganz wenigen, die ausdrücklich gelobt werden. Und seine politischen Leistungen waren dabei gar nicht das Entscheidende. Die Bibel hat hier andere Maßstäbe an einen guten Herrscher – ob ein König aus dem Glauben an den einen Gott lebt, ob er die Verehrung dieses einen Gottes in seinem Land unterstützt und fördert. Hiskia hat das gemacht. Er hatte sogar einen Propheten als Ratgeber – den Prophet Jesaja. Religion ist für Hiskia nicht nur Mittel zum Zweck, damit er als Herrscher gut dasteht. Hiskia meint es ernst mit dem Glauben, Hiskia erfährt Gottes Segen.

 

Aber dann kommt dieser Schlag ins Genick. Mitten im Leben trifft es Hiskia. Und es trifft ihn richtig hart. Es liegt glasklar vor Augen: Das hier ist mehr als eine Midlife-Crisis. Hier geht es nicht um ein paar dunkle und orientierungslose Jahre, die vorübergehen werden, und dann geht das Leben weiter. Bei Hiskia ist es anders: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben,“ sagt ihm der Prophet Jesaja. Eine persönliche Katastrophe, die Hiskia aus der Bahn wirft. Hiskia ist todkrank. Wahrscheinlich muss man nicht einmal ein Prophet sein, um das zu sehen. Aber Jesaja, der Prophet und Ratgeber Hiskias, der spricht es aus. „Sie haben nur noch ein paar Monate,“ sagt der Arzt. „Wir können leider nichts mehr für Sie tun.“ Jeden Tag passiert das, in den Krankenhäusern und Arztpraxen. Jeden Tag müssen Ärzte diese Worte aussprechen. Jeden Tag hören Menschen diese Schreckensnachricht, werden sprachlos und stumm oder bäumen sich dagegen auf und schreien. „Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube“, so beschreibt Hiskia das – diese Sprachlosigkeit, in der keine Worte mehr da sind, nur noch unartikulierte Laute wie von Tieren. Die unerträglichen Schmerzen beschreibt er – sie sind wie ein Löwe, der ihm alle Knochen zerbricht. Sein Leben wird zerfressen von dieser Krankheit, aufgefressen wie von einem reißenden Raubtier. So erlebt es Hiskia. Ich stehe am Tor zur Totenwelt, so ruft er. Die Menschen, die ich liebe, werde ich nicht mehr sehen. Und auch Gott nicht mehr loben können.

 

Ausgerechnet Hiskia trifft es. Dabei hat er doch so viel erreicht. Dabei hat er doch noch Pläne für die Zukunft. Aber das alles zählt jetzt nicht mehr. Warum gerade ich? Das fragt sich Hiskia. Es gibt keine Erklärung dafür. Das Warum einer Krankheit lässt sich nicht erklären. Ganz sicher jedenfalls geht es nicht um eine Strafe, auch nicht um eine Prüfung. Krankheit und Leid sind keine Gottesstrafe und kein Frömmigkeitstest. Hiskia trifft es halt.

 

Wie nimmt Hiskia diese Nachricht auf? Die Bibel erzählt: Er verdeckt sein Gesicht. Er sucht Schutz, indem er sich zur Wand dreht. Schmerz ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Niemand soll Hiskia jetzt sehen. Er braucht Zeit – Zeit für sich und seine Verzweiflung. Und dann bricht es aus Hiskia heraus, in seinem Gebet zu Gott: Warum Gott? Was ist der Sinn? Hiskia verliert nicht seinen Glauben an Gott. Er sagt nicht: Wenn mir so etwas passiert, dann kann es Gott nicht geben. Hiskia bleibt dran am Glauben. Er ringt mit Gott. Und er fleht Gott an: Erinnere dich doch, Gott. Denke doch an deine Güte. An meine Versuche, dir zu dienen und die Gaben zu nutzen, die du mir gegeben hast. Gott, ich leide Not! Hilf mir! Doch dann verlassen Hiskia die Worte, und der Schmerz bricht sich Bahn. Hiskia weint bitterlich.

 

So schildert die Bibel Hiskia in seinem Schmerz und seiner Verzweiflung. Und erzählt dann weiter, wie Hiskia plötzlich Gnade erfährt, ganz unverdient. 15 Jahre werden ihm noch geschenkt. So sagt es ihm der Prophet Jesaja. Warum bekommt Hiskia noch 15 Jahre geschenkt? Auch dafür gibt es keine Erklärung. Ja, Hiskia hat mutig gebetet. Er hat bitter geweint. Er hat ganz auf Gott vertraut, dankbar für alles Gute, was er in seinem Leben bisher erfahren durfte. Aber wir alle wissen: Nicht jedes Leid wird dadurch gewendet. Nicht jede Krankheit wird dadurch geheilt. Oft behalten die Ärzte eben doch Recht mit ihrer schlimmen Nachricht, und das Leben ist bald zu Ende gelebt. „Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden,“ sagt Hiskia dazu in seinem Lied. Unser Leben als Webstück – das ist ein Bild, das nicht nur schmerzlich, sondern auch tröstlich ist. Denn wenn der Faden reißt, dann bleibt das, was gewebt ist an diesem Leben. Es bleibt ein Kunstwerk, dieses Leben – wertvoll und aus Gottes Hand. Mit allem, was dazugehört: Den schönen und sauber gewebten Stücken genauso wie mit den eher unordentlichen, den Löchern und Brüchen im Leben. Und wer von uns kann beurteilen, wann dieses Kunstwerk unseres Lebens vollendet ist? Es bleibt geborgen in Gottes Hand – egal. wie groß und umfangreich es gewebt worden ist. Das Leben bleibt ein Geschenk von Gott: Kostbar, unverfügbar und begrenzt. So wie es in Psalm 90, 12 heißt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Jeder Tag unseres Lebens ist geschenkte Zeit von Gott – jeder neue Morgen, an dem wir die Vorhänge aufziehen und die Sonne sehen.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer (nach Gedanken von Christian Nottmeier)

 

 

 

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Erntedankfest

 

Liebe Gemeinde,

 

Sonntag für Sonntag bitten wir im Gottesdienst um eine Spende für die eigene Gemeinde, wie für andere Projekte in der Region und weiterweg, wie bei den Weltmissionsprojekten. Es ist selbstverständlich, dass wir auch am Ende des Kalenderjahres in den Kirchengemeinden im Lande um eine Spende für bestimmte Projekte der Kirchengemeinde bitten.

Und schön ist es zu sehen, dass Erntedank auch gefeiert werden kann. Die Gaben, die wir hier sehen, sind das Zeichen dafür, dass wir nicht vergessen wie reichlich, wir beschenkt sind.

Es ist ein schönes Bild und doch ersichtlich zu sehen, wieviel Reichtum um uns herum wächst und gedeiht. Da dies auf Grund des Klimawandels nicht mehr in jeder Region der Welt selbstverständlich ist, ist ein Grund bewusst DANKE zu sagen.

Was sagt aber Paulus den Korinthern dazu im zweiten Brief 9,6-15.

      Lesung des Predigttextes –

Die Sachlage ist klar: Eine Kollekte ist angekündigt. Das Geld soll die Gemeinde in Jerusalem unterstützen. Darüber ist die Gemeinde in Korinth informiert. Denn vorab schreibt Paulus, dass er „Brüder“ zu ihnen geschickt hat, damit sie die Gaben rechtzeitig zusammenstellen. Widerstand oder ein Zögern hat es vermutlich ergeben, denn sonst würde Paulus über die Wirkung des Gebens nicht ausdrücklich in diesem Brief schreiben.

Schauen wir uns näher an, wie Paulus seine Brüder und Schwestern motivieren will, mit lauter Lauterkeit, zu teilen.

Mit diesen Worten fängt alles an: Und Gott sah, dass es gut war. Es sind bekannte Worte aus der Schöpfungserzählung in Gen1. Er sah, dass es gut war. Ja, unsere Augen leuchten vermutlich wie die Augen Gottes im Anblick der Gaben, der Natur, die ihr Kleid langsam in rötliche und gelbe Töne zu dieser Jahreszeit wechselt. Das Herz erfreut sich über die Früchte! Wie gut es riecht, wenn das Apfelbeet aus dem Ofen kommt…alle Sinnen, Augen, Nase und Geschmack werden dabei angeregt!

Ist es nicht die Stimmung, die Paulus beschreibt, wenn er davon spricht, dass mit ganzem Herzen und fröhlich geteilt werden soll.

Ich teile mit ganzem Herzen mein Vesperbrot. Das ist etwas, was ich in der Schule öfters erlebe: Es gibt Kinder, die einfach im Wachstum doch an manchen Tagen mehr Hunger haben als ihre Vesperdose herbringt. Da leuchten die Augen, wenn es von einem Mitschüler was bekommt – ein Stück Möhre, ein Brot, eine Schokolade. Der Geber oder die Geberin ist im Gegenzug glücklich, dass er – sie den Hunger des anderen stillen konnte. Das kann nur gute Laune erzeugen – Das erfreut Gott, sagt Paulus. Ob auf dem Schulhof oder bei den wöchentlichen Sammlungen für die Tafel. Vielleicht haben Sie gestern in der Zeitung online oder in Papierform gelesen, dass die Tafel in Tuttlingen wöchentlich auf die privaten Spenden angewiesen ist – übrigens die Tafel in Trossingen ebenso. Sie stehen sich nicht in Konkurrenz, sie gehören beide zur Kreisdiakoniestelle in Tuttlingen. Wer dort Lebensmittel holt, braucht ein Ausweis, der herstellt wird, wenn das monatliche Einkommen unter 1135€ für eine Person liegt, z.B. Nicht so weit wie Jerusalem damals sollen die Spenden helfen. Wie hoch die Spendenbereitschaft auch war, als das Wasser das Ahrtal überflutet und zerstört hat. Geben mit ganzem Herzen und sehen. Dass es gut war.

Die Kirchengemeinde Wehingen hat doch jahrzehntelang die evangelische Kirchengemeinde in Wernshausen in Thüringen unterstützt. Das war selbstverständlich, dass Brüder und Schwester damals in der DDR durch Gaben und Begegnungen beschenkt wurden. Diese Zeiten haben sich geändert. Die Grenzen sind offen und es ist gut diese Brüder und Schwester in der Freiheit zu begegnen, wie ich vor zwei Wochen bei einem internationalen Prädikantentreffen in Strasburg wieder die Erfahrung habe machen können. Deshalb ist es auch wichtig, sich an diese Zeit – in der Geschichte der Bundesrepublik zu erinnern. Über die Fernbeziehungen unter Christen ist ein Band entstanden, der heute mehr oder weniger ersichtlich noch ist. Aber der Ruf nach Freiheit war groß und still über die Montagsgebet zu hören. Dies stellt der Brunnen dar, dessen Fotos sie bekommen haben. Der Brunnen steht in Leipzig auf dem Hof der Nikolai Kirche. Das Wasser fließt ruhig und sanft über dem Rand entlang des Mauerchens in eine Rille. Sie stellt dar, wie der Freiheitsdrang in den Menschen ist und sich doch sanft, wie im Gebet ausbreiten und anderen anstecken kann. Wie eine Gabe!

Paulus fügt in seinem Brief hinzu, dass das Geben zum Segen wird, für den Geber und für den Empfänger. Das Geben erzeugt Dankbarkeit, Zufriedenheit…Frieden. Gott gibt uns seinen Frieden, so heißt es beim Segen am Ende des Gottesdienstes. Ein Schalom,

…der ganzheitlich ist

…der Seele, dem Herz Trost gibt

…der Ruhe in mir bringt

…der mich stärkt im Alltag.

Die Brüder und Schwester in Korinth und in Jerusalem wissen sich über die Gaben untereinander unter dem Segen Gottes verbunden. Vielleicht ist es gut, dass Paulus sie daran erinnert. Diese Gaben sind Zeichen der Gerechtigkeit Gottes durch unser Tun. Dadurch fühlt sich keiner allein. Durch das Teilen entsteht eine Form von Gemeinschaft. Auch wenn wir die Empfänger nicht persönlich kennen. Im Vertrauen darauf, dass diese Gaben verteilt werden, gezielt an Menschen, die die Hilfe brauchen.

Wenn wir nachher das Abendmahl miteinander feiern, erfahren wir, wie reichlich uns Jesus beschenkt. Es geht um Vergebung, um Stärkung. Erfüllt von der Gnade und gestärkt ermutigt uns Paulus diese Fülle hinauszutragen und mit ganzem Herzen, sie weiter zu schenken. Und selbst dadurch beschenkt zu werden….um dann DANKE sagen zu können.

Tina Willms schreibt:

Wer gekostet hat

Vom Brot des Lebens,

wer unter Jesu Wort

seelensatt sich

in Gottes Arme schmiegt,

 

wie könnte er anders

als weitergehen,

sich dem Nächsten

verschenken, bis

 

ein Menschenband

die Erde umspannt

und weiterreicht

von Mund zu Mund

und Hand zu Hand

das Lebenswort:

Nimm hin und iss!

 

Wie könnte er anders

Als Brot zu teilen,

Wort zu halten:

Brot und Wort für die Welt.

Amen

 

Lied: Kommt, atmet auf, ihr sollt leben 639, 1-3