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Gedanken zum Sonntag

Okuli

 

Predigt zum Sonntag Okuli, 2. März 2024

1.Petrus 1,18-21: Ihr wisst ja: Ihr seid freigekauft worden von dem sinnlosen Leben, wie es eure Vorfahren geführt haben. Das ist nicht geschehen durch vergängliche Dinge wie Silber oder Gold. Es geschah aber durch das kostbare Blut von Christus, dem fehlerfreien und makellosen Lamm. Dazu war er schon vor Erschaffung der Welt bestimmt. Aber jetzt ist er am Ende der Zeit für euch erschienen. Durch ihn glaubt ihr an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit verliehen hat. Deshalb könnt ihr nun euren Glauben und eure Hoffnung auf Gott richten.

Liebe Mitchristen!

Okuli heißt der Sonntag, den wir heute feiern. Okuli, das ist der Anfang von Psalm 25,15: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Und der Wochenspruch für die neue Woche ist ein Jesuswort aus Lukas 9,62: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Um die Blickrichtung geht es in den Bibeltexten für den heutigen Sonntag Okuli. Es geht darum, dass ich den Blick nach vorne richte- auf Jesus Christus.

Denn Jesus Christus gehört nicht der Vergangenheit an, auch wenn es schon 2000 Jahre her ist, dass er hier auf der Erde gelebt hat. Jesus Christus ist nicht nur Vergangenheit. Jesus Christus ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Jesus Christus ist schon immer da gewesen, vom Anfang der Welt an. Jesus Christus ist heute da. Im Gottesdienst hören wir auf sein Wort, beten zu ihm und feiern miteinander das Abendmahl, zu dem er uns einlädt. Aber nicht nur sonntags können wir Jesus Christus erfahren. An jedem Tag unseres Lebens ist er für uns da. Auf Jesus Christus richten wir unseren Blick, und es ist ein Blick nach vorne, ein Blick in die Zukunft. Die Zukunft gehört Jesus. Eines Tages wird er wiederkommen, für alle sichtbar. Dann wird alles gut werden. Darauf vertrauen wir als Christinnen und Christen. Dafür hat Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit verliehen.

Nach vorne soll ich schauen- auf Jesus Christus, der meinem Leben Sinn und Ziel gibt. Wenn ich mit dieser Blickrichtung die Hand an den Pflug lege und die Aufgaben angehe, die zu bewältigen sind in meinem Leben, dann wird es gut werden. Dann werde ich keine krummen Furchen pflügen und keine krummen Dinger drehen müssen. Dann kann ich geradlinig durchs Leben gehen. Dann bin ich immer noch keine Heilige. Aber ich kann mich darauf verlassen: Ich bin frei. Alles, was mich bedrückt und quält- meine Not, meine Schuld, die Irrungen und Wirrungen meines Lebenswegs- all das kann mich nicht mehr gefangen nehmen. Ich stehe da drüber. Ich sehe darüber hinaus, denn ich habe eine größere Perspektive vor Augen: Jesus Christus, der am Kreuz sein Leben für mich gegeben hat. Das ist mehr wert als alles Geld und Gold der Welt.

Ihr seid frei, heißt es im 1. Petrusbrief. Ich stelle mir vor, wie die Menschen damals in den ersten Christengemeinden diese Worte aus dem 1. Petrusbrief gehört haben. Viele von ihnen waren Sklaven. Menschen, denen ein Marktwert zugemessen wurde, je nach ihrer Leistungsfähigkeit. Menschen, die in völliger Abhängigkeit, ja Ausgeliefertheit leben mussten. Manchmal durfte es der eine oder die andere von ihnen erleben, dass sie freigekauft wurden. Dann sagten ihnen ihre Herren: „Du bist frei!“ Und es fing für diese ehemaligen Sklaven ein komplett neues Leben an- ein Leben in Freiheit.

Es ist ein großes Geschenk, dass niemand von uns heute unter solch prekären Bedingungen leben muss wie damals die Sklaven in der antiken Welt. Und doch wissen wir, dass es auch heute Menschen gibt, die von anderen versklavt werden, auch wenn es gegen alle Gesetze ist. Noch längst hat das Elend der Sklaverei kein Ende. Und auch wir, die wir Gottseidank keine Sklaven sind, machen uns immer wieder abhängig vom Urteil anderer- von dem, wie unsere Leistung, unser Leben bewertet wird. Ja, und auch von unserem eigenen Urteil machen wir uns abhängig. Denn mit uns selbst sind wir oft am unbarmherzigsten. Da bin ich dankbar für unseren Bibeltext, der mir sagt: „Du bist frei.“ Egal, wo du stehst. Egal, ob du deinen eigenen Ansprüchen genügst oder denen der anderen. Egal, wie viel Geld oder Besitz du dein Eigen nennst. Ja, auch wenn du versagt hast, wenn deine Fehler dich bedrücken oder dein Elend dich einholt. Lass dich nicht weiter runterziehen. Die Abwärtsspirale soll dich nicht gefangen halten. Du bist frei. Freigekauft nicht durch Silber oder Gold, sondern durch das kostbare Blut von Jesus Christus, dem fehlerfreien und makellosen Lamm.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Reminiszere

Predigt zum Sonntag Reminiszere, 25.02.2024

 

Liebe Mitchristen!

 

Menschen sind auf der Flucht. Es sind viele- junge und alte, Frauen, Männer und Kinder. Heruntergekommen sehen sie aus. Der lange Weg zehrt an ihren Kräften. Nur das Allernötigste konnte sie mitnehmen. Jeden Tag irgendwo halbwegs trinkbares Wasser zu finden, ist ein großes Problem. Die wenigen Lebensmittelvorräte, die sie mitnehmen konnten, sind längst aufgebraucht. Alles, was irgendwie essbar gemacht werden kann, wird als Lebensmittel verwertet- ja, auch Manches, das nicht wirklich essbar ist. Oft genug rebelliert der Magen dagegen. „Es geht nicht mehr,“ sagen diese Menschen. „Wir können nicht mehr.“

 

Die Bibel stellt uns diese Menschen vor Augen in 4. Mose 21,4-9. Es sind Menschen aus dem Volk Israel, die geflohen sind vor der brutalen Unterdrückung der Sklaverei, die sie in Ägypten erlebt haben. Jeden Tag leben sie von der Hand in den Mund. Jeden Tag denken sie, es könnte ihr letzter sein. Die Angst geht um: „Werden wir alle hier in der Wüste sterben?“ Jeden Tag wird die Hoffnung, ein Stückchen kleiner, dass diese Geschichte ein gutes Ende nehmen könnte.

 

Menschen sind auf der Flucht, werden verschleppt und vertrieben, sehen keine Lebensmöglichkeit mehr an ihrem angestammten Ort. Solche Menschen stehen mir vor Augen, auch in unserer Zeit: Verschleppte israelische Geiseln im Gazastreifen. Palästinenser, die vom Norden in den Süden des Gazastreifens geflohen und auch dort nicht in Sicherheit sind. Armenier, die aus ihrer Heimat Bergkarabach vertrieben wurden. Menschen aus der Ukraine. Seit zwei Jahren tobt dort nun schon ein grausamer Krieg. Ein trauriger Jahrestag.

 

Was bringt die Zukunft? Reicht das Essen? Wo bekommen wir sauberes Trinkwasser? Werden wir morgen überhaupt noch leben? So fragen diese Menschen. Lange haben sie durchgehalten. Aber irgendwann geht es eben nicht mehr. Irgendwann bleibt die Hoffnung auf der Strecke, und die Verzweiflung behält die Oberhand. Die Israeliten in unserem Bibeltext sind an diesem Punkt angekommen: „Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben hier in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.“ (4. Mose 21,5)

 

Warum das alles? Nicht nur ihrem Anführer Mose stellen die Israeliten diese Frage, sondern auch Gott. Warum Gott? Warum dieses ganze Elend? Warum lässt du das zu? Und warum setzt du sogar noch eins drauf und versprichst uns, dass irgendwann einmal alles gut wird, dass wir ins gelobte Land kommen- in ein Land, wo Milch und Honig fließt? Hier ist kein solches Land in Sicht- nur Wüste und Verzweiflung. Gott- warum lässt du das zu? So fragen wir auch heute. Warum so viele Kriege mit so vielen unschuldigen Opfern? Warum so viele Menschen auf der Flucht? Warum immer nur noch mehr Kriegsrhetorik, noch mehr Angst, noch mehr Waffen?

 

Und Gott? Was ist seine Antwort? „Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, das viele aus Israel starben.“ (4. Mose 21,6) Eine verstörende Antwort ist das. Gott hilft nicht in dieser Bibelgeschichte. Stattdessen kommt es nur noch schlimmer. Die Israeliten werden von giftigen Schlangen gebissen. Tödliches Gift. Viele Menschen sterben daran. Hat Gott sein Volk denn ganz vergessen?

 

Mich beeindruckt, wie die Israeliten in der Geschichte auf diese neue Katastrophe reagieren. „Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.“ (4. Mose 21,7) Ja, Not lehrt beten. Aber nicht immer. Viele werfen in der Not ihren Glauben über Bord. Nicht so die Israeliten. In dieser Krise besinnen sie sich darauf, auf wen sie wirklich angewiesen sind- auf Gott. Für jeden Schluck Wasser und jeden noch so mageren Bissen, mit dem sie ihren Magen füllen können. Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt o Gott, von dir. Wir danken dir dafür. So heißt es in einem bekannten Tischgebet. Bei uns sind die Tische in der Regel reich gedeckt. Es beeindruckt mich, wenn auch Menschen, bei denen nicht viel auf den Tisch kommt, dieses Gebet sprechen. Ja, alles, was wir haben, kommt von Gott. Nichts ist selbstverständlich. Nichts ist allein unser Verdienst. Wir sind angewiesen auf Gott. Menschen auf der Flucht spüren das in besonderer, existentieller Weise, wenn sie nicht wissen, wie sie am nächsten Tag ihre grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse erfüllen können. Aber auch wir anderen kommen immer wieder in Situationen, wo wir dieses Angewiesensein auf Gott ganz existentiell erfahren: In schwerer Krankheit oder in Lebensgefahr. Wenn wir um das Leben eines lieben Menschen bangen. Dann sind wir hilflos und wissen nicht weiter. Allein bei Gott können wir Trost und Halt finden.

 

Die durch die lange Wüstenwanderung zermürbten Israeliten besinnen sich durch die Giftschlangen- Katastrophe zurück auf Gott. Jetzt kann er allein noch helfen. Nur Gott allein kann diese Katastrophe abwenden und die Schlangen wieder verschwinden lassen. Aber wieder reagiert Gott in dieser Geschichte anders, als wir es erwarten und wünschen würden. Gott lässt die giftigen Schlangen nicht einfach verschwinden. Die Katastrophe bleibt da. Menschen werden weiterhin von Giftschlangen gebissen.

 

Gott nimmt das Böse und Lebensfeindliche nicht einfach weg- auch nicht die Kriege, Konflikte und Katastrophen in unserer Zeit. Was kann uns dann aber helfen? Wo ist Gott für uns zu finden in der Not? „Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“ (4. Mose 21,8-9)

 

Gott ist zu finden. Auch in der größten Not. Und Gott hilft- auch wenn er die Not nicht einfach wegnimmt. So erzählt es uns diese Bibelgeschichte. Gott beauftragt Mose damit, eine eherne Schlange anzufertigen- eine Schlange aus Metall, aus Bronze. Diese Schlange wird so hoch oben angebracht, dass jeder sie sehen kann. Aber warum sollte es helfen, eine Metallschlange anzuschauen, wenn man gerade von einer Giftschlange gebissen wurde? Mir hat dazu ein Gedanke von der Theologin Sabine Dreßler geholfen. Sie erklärt die Heilwirkung der ehernen Schlange so: „Genau dem, was Angst macht, was lebensgefährlich verletzt hat und bis heute weh tut – der Biss einer Schlange – soll damit begegnet werden, dass die Angegriffenen sich genau ansehen, was sie erlebt haben. Nur in der direkten – und schmerzhaften – Auseinandersetzung mit den Schlangen liegt die Chance zum Überleben, zum Neuanfang, zum Freiwerden. Aber um das Tier aus Bronze, das Heilmittel, sehen zu können, müssen die Gebissenen, Gebeugten und Gekrümmten, sich aufrichten und ihren Blick nach oben richten. Und darin kann schon der erste Schritt zum Heilwerden liegen. Denn ihr Aufblicken bedeutet ihr Am-Leben-Bleiben und eine Zukunft zu haben.“ Sabine Dreßler denkt dabei an traumatisierte Menschen – an die Armenier, die aus Bergkarabach vertrieben wurden und als Volk schon im Jahr 1915 einen Völkermord erlebt hatten. „Gewalterfahrungen werden auch durch das Nicht-Sagen-Können, das Schweigen vererbt,“ schreibt sie im Arbeitsmaterial der EKD für den Sonntag Reminiszere.

 

Ich denke, das können wir von der Geschichte mit der ehernen Schlange lernen: Dass wir nicht wegschauen. Dass wir nicht die Augen verschließen vor Elend und Krieg. Dass wir das Unrecht beim Namen nennen, denn nur so kann es überwunden werden. Was gibt uns heute die Kraft dazu, dies zu tun? Wir haben keine eherne Schlange, zu der wir aufschauen können. Aber wir haben das Kreuz, auf das wir schauen dürfen. Das Kreuz von Jesus Christus, der sein Leben gegeben hat für uns. Das Kreuz von Golgatha ist ein Zeichen des Todes und steht trotzdem für das Leben. Jesus Christus ist das Mittel gegen den Tod- das Gegenmittel gegen das Gift der Verzweiflung. Ich soll hinschauen auf das Kreuz und auf die Kreuze dieser Welt. So kann ich erkennen, dass ich zur Freiheit berufen bin. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe, das mir Orientierung gibt. Hier kann ich mich aufrichten lassen.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Invocavit

Predigt zum Sonntag, 18.02.24 Invocavit, Präd. Fricker

Wer also ist der Teufel?

Liebe Gemeinde,

»Hier oben ist man dem Himmel und damit auch Gott näher.« So hat ein Pfarrer auf einem Berggipfel einmal einen Gottesdienst eröffnet. Beim Verabschieden hat eine ältere Frau seine Hand genommen und ihm eindringlich in die Augen gesehen und gesagt: »Wo man dem Himmel näher ist, da ist der Teufel nicht weit. Im Matthäusevangelium wird erzählt, wie der Teufel Jesus nahe kam.

Tatsächlich scheint die Frau, die bei dem Berggottesdienst war, recht zu haben. Wo Gott ist, da ist der Teufel nicht fern. Sie schöpft diese Einsicht wohl aus ihrer Lebenserfahrung.

Und auch Jesus erlebt es. Er zieht sich zurück in die Wüste. Er sucht einen Ort auf, der von alters her

ein Ort der Gottesbeziehung und der Gottesbegegnung ist. Dort, am lebensfeindlichen Ort begegnet Gott. Er begegnete dem Mose. Er begegnete dem Volk Israel auf der Wanderung durch die Wüste. Am Tag und in der Nacht. Dem Elia ist er in der Wüste nahegekommen. Und der Prophet Jesaja fordert sogar dazu auf, Gott in der Wüste den Weg zu bereiten. Denn in der Wüste kommt Gott zur Welt. Dorthin geht Jesus gleich nach seiner Taufe. Er will sich im Austausch mit Gott, im Gebet, Klarheit verschaffen. Er will sich ganz darauf konzentrieren können, Gott nahe zu sein. Dazu gehört auch, nichts zu essen, also zu fasten. Er tut alles, um Gott nahe sein, und begegnet dem Teufel.

Gibt es den Teufel überhaupt? Friedrich Schleiermacher schreibt Ende des 19. Jahrhunderts:

Die Vorstellung vom Teufel wie sie sich unter uns ausgebildet hat, ist [so] haltlos, dass man eine Überzeugung ihrer Wahrheit niemandem zumuten kann. Also kein Teufel mit Hörnern, der mit Dreizack in der Hand auf dem Pferdefuß hinkend in der Hölle wohnt und vor allem damit beschäftigt ist, Gott Seelen abspenstig zu machen, und der die Leiber und Seelen quält im ewigen Feuer? Aber wie dann? Wenn Schüler und Schülerinnen in der zehnten Klasse den Teufel, wenn schon nicht an die Wand, dann wenigstens an die Tafel malen, dann sieht er auch so aus wie gerade beschrieben. Oder er hat das smarte Aussehen von Luzifer aus der gleichnamigen Fernsehserie. Für die katholische Kirche ist da manches klarer. Papst Benedikt hat da beschrieben, wie für katholische Christen und Christinnen der Umgang mit dem Teufel im 21. Jahrhundert auszusehen hat. Er schreibt: Der Teufel

existiert, er ist eine rätselhafte, aber reale gestalthafte und keine symbolische Präsenz.

Ist also ist der Teufel das personifizierte Böse oder nur ein Symbol für das Böse der Welt? Für uns Christen und Christinnen lassen sich manche Antworten geben. In unserem Glaubensbekenntnis

kommt er nicht vor. Wir glauben nicht an den Teufel, wir glauben an Gott. Er ist also kein Inhalt unseres Glaubens. Auch in unseren lutherischen Bekenntnisschriften kommt er nicht vor. Sind wir deshalb den Teufel los? Wie also lesen, wie hören wir die Geschichte von Jesu Versuchung in der Wüste? Bei Versuchung fällt einem ja eher die zarteste Versuchung« ein als der bedrohliche

Ernst, den die Erzählung birgt. Denn es geht ja ums Ganze. Es geht um den weiteren Weg von Jesus. Und: Gott bewahrt seinen geliebten Sohn nicht vor der Begegnung mit dem Teufel. So wenig wie diese Auseinandersetzung Jesus erspart bleibt, so wenig bleibt sie seinen Gemeinden, seinen Jüngern und Jüngerinnen, seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern bis heute erspart. Vielleicht lässt sich sogar sagen, sie gehört zum Leben eines Christenmenschen dazu.

Wie begegnet einem der Teufel heute?

Jesus begegnet dem Teufel. »Diabolos« steht da im Griechischen. Wörtlich übersetzt: Er begegnet dem Durcheinanderwirbler. Das ist eine gute Beschreibung des Wesens des Teufels. Er versucht, mich durcheinanderzuwirbeln. In meinem Gottvertrauen. In meinen Werten. In meiner Standhaftigkeit. Indem er das und noch mehr durcheinanderwirbelt, bringt er mich in Versuchung.

Auf einmal schwirren Fragen durch meinen Kopf: Gibt’s dich überhaupt, Gott? Habe ich auf das richtige Pferd gesetzt? Bist du da? Welchen Mehrwert habe ich davon, wenn ich an dich glaube?

Er will mich locken. Er verspricht mir etwas, das sich lohnend anhört.

Jesus begegnet dem Ducheinanderwirbler. Aber wir lesen kein Wort darüber, wie er aussieht. Kein Wort über seinen Wohnort. Jesus begegnet ihm in der Wüste. Hier auf der Welt. Mitten im Leben, unmittelbar nach seiner Taufe. Er scheint also unter uns zu sein. Und der Teufel kennt sich aus in der Bibel. Er weiß Bescheid. Er kann Bibelstellen auswendig aufsagen. Er hat sein Gegenüber genau studiert.

Der Teufel also kennt sich aus. Er lockt Jesus. Er will, dass der Sohn Gottes auf das baut, was er hat: an Macht, an Möglichkeiten, an Einfluss, um das alles für sich selbst zu nutzen. Das also ist die eigentliche Absicht des Teufels: Jesus dazu zu bringen, seine Möglichkeiten nicht für Gott, für das Leben, sondern für sich selbst, für das Zerstörerische, für den Tod einzusetzen.

Es ist vermutlich zu kurz gedacht, dass der Teufel Jesus nur an seiner Eitelkeit packen will. Aber es ist ein Ansatz. Ein moderner Ansatz, bei dem sich auch wir Menschen im 21. Jahrhundert wiederfinden können. Christsein im Wissen um den Teufel

Warum machen wir etwas? Warum engagieren wir uns in unserer Gemeinde, in der Gesellschaft, in der Welt? Um unsere Macht zu vergrößern? Um uns selbst zu verwirklichen? Wer sich selbst verwirklicht, verwirkt sich selbst. Eben weil es ihm nicht um die Sache geht, sondern um sich. Darin liegt eine Gefahr, vielleicht auch eine teuflische. Wofür setze ich meine Macht, meine Fähigkeiten,

meine Möglichkeiten ein? Für mich oder für die Sache Gottes? In dem Fall dafür, dass Gottes Reich unter uns wächst, dafür, dass Gottes Gerechtigkeit unter uns wächst. Benenne ich die Mächte, die nicht dem Leben dienen? Die anderes wollen als dem Willen Gottes zu entsprechen?

Oder schweige ich, wenn sie das Wort erheben? Mit unserer Taufe werden wir ja zu Auserwählten. Als Auserwählte haben wir anders zu sein in der Welt. Wir nützen unsere Macht für die Ohnmächtigen. Wir leihen unsere Sprache denen, die verstummen. Wir greifen denen unter die Arme, die keinen Halt mehr finden. Damit das Reich Gottes unter uns wächst und seine Gerechtigkeit aufblüht.

Wir versuchen, der Versuchung zu widerstehen. Wir versuchen, uns nicht locken zu lassen von den Angeboten, die uns gemacht werden. Für Angebote, die alles durcheinanderwirbeln, was uns wichtig und wertvoll erscheint. Wir versuchen, auf dem Weg zu bleiben. Sophie Scholl hat es noch stärker ausgedrückt. Sie wollte sich an das Seil klammern, das Gott ihr durch Jesus Christus zugeworfen hat. An ihren Verlobten schrieb sie aus dem Gefängnis, kurz bevor sie umgebracht wurde: Ja könntest du dort einmal in einer Kirche sein und am Abendmahl teilnehmen. Welcher Trost und Kraftquelle könnte dir das sein. Denn gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet und sei es noch so arm und klein. Ich bin Gott noch so ferne, dass ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, kann ich mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat. Auch wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.

Wer Christus nachfolgt, kann auf eigene Macht verzichten, ohne ohnmächtig zu sein. Er kann auf die Macht des Lebens vertrauen und aller Versuchung trotzen. Und letztlich aufgerichtet und mutig den letzten Weg gehen.

Amen.

 

 

 

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Sexagesimä

Das Reich Gottes wächst. Predigt am 04.02.2024

Liebe Mitchristen!

Das Reich Gottes wächst. Der Predigttext aus Markus 4, 26-29 lädt uns dazu ein, diese Perspektive einzunehmen, die uns in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen sonst manchmal verloren zu gehen droht. Aber das Reich Gottes wächst- auf seine Weise; auf Gottes Weise. Gott hat es in der Hand. Jesus erzählt dazu in Markus 4, 26-29 eine Geschichte. In dieser Geschichte sagt Jesus:

»Mit dem Reich Gottes ist es wie bei einem Bauern. Er streut die Körner auf das Land, dann legt er sich schlafen und steht wieder auf –tagaus, tagein. Die Saat geht auf und wächst –aber der Bauer weiß nicht, wie das geschieht. Ganz von selbst bringt die Erde die Frucht hervor. Zuerst den Halm, dann die Ähre und zuletzt den reifen Weizen in der Ähre. Wenn das Getreide reif ist, schickt er sofort die Erntearbeiter los, denn die Erntezeit ist da.«

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Das Reich Gottes wächst, sagt uns diese Geschichte. Es wächst, auch wenn wir oft nicht so viele im Gottesdienst sind wie heute, wo wir den Abschlussgottesdienst mit unseren Konfi 3+4- Kindern feiern. Wir legen den Samen. Wir bringen unsere Kinder zur Taufe. Zuhause beten wir mit ihnen. In der Schule gehen sie in den Religionsunterricht und hier in der Kirche zu Konfi 3+4 und später dann zum Konfirmandenunterricht. So legen wir den Samen. Wächst da etwas daraus? Kinder wachsen heran, werden Jugendliche und Erwachsene. Was bedeutet ihnen dieser Same dann noch? Was wird aus den Jugendlichen, die wir hier in der Kirche konfirmiert haben und die wir in unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen kaum noch antreffen?

Menschen kehren der Kirche den Rücken. Manche haben allen Grund dazu, weil sie von der Kirche tief enttäuscht und verletzt wurden. Das soll und darf nicht sein. Passt es da noch, dass Jesus sagt: Das Reich Gottes wächst? Vieles an dem Bild, das Jesus hier verwendet, spricht mich gerade heute an: Das Reich Gottes wächst wie die Getreidepflanzen auf dem Acker. Wir Menschen leisten unseren Beitrag dazu, dass sie wachsen, indem wir das Feld bestellen. Das ist eine große Verantwortung, die wir hier haben. Aber das Wachsen und Gedeihen kann allein Gott schenken, so dass eine große Ernte eingefahren werden kann. Was mich auch anspricht: Das Reich Gottes wächst nicht immer sichtbar an der Oberfläche. Wie das Samenkorn im Boden, so wächst das Reich Gottes auch im Verborgenen. Tief unten in der Erde keimt es, dann bahnt es sich seinen Weg und wächst nach oben ans Licht, für alle sichtbar.

Ich denke an einen jungen Mann, der wieder in die Kirche eintreten möchte. Viel hat er über Gott und den Glauben erfahren in seiner Kindheit und Jugend. Dann kam die Zeit, als ihm das alles nichts mehr bedeutet hat und der der Kirche den Rücken kehrte. Durch Freunde kam er dann wieder zum Glauben. Gottes Liebe ist für ihn erfahrbar geworden durch diese Menschen. Nun möchte er wieder dazugehören zur Kirche. Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie Gottes Reich wächst. Da zählt jeder Einzelne, der im Glauben neu Sinn und Halt für sein Leben findet.

Wir können viel dazu beitragen, dass Menschen diesen Weg finden- so wie die Freunde von diesem jungen Mann, durch die er wieder einen Zugang gefunden hat zum Glauben und zu seiner Kirchengemeinde. Diese Aufgabe haben wir als Christinnen und Christen- das Evangelium weiterzutragen und allem zu wehren, wo das Evangelium für eigene Zwecke und Vorteile missbraucht wird. Das Reich Gottes wächst- dazu können und sollen wir unseren Beitrag leisten. Aber machen können wir es nicht. Es liegt in Gottes Hand. Wachsen und Gedeihen kann nur er allein schenken. Das gilt draußen auf dem Acker genauso wie in der Kirche. Der Bauer in der Geschichte von Jesus weiß das. Und so kann er sich ruhig schlafen legen, nachdem er seinen Teil dazu beigetragen hat, das dort auf dem Feld etwas wachsen kann. Tragen wir unseren Teil dazu bei, dass Menschen einen Zugang zum christlichen Glauben finden können, und vertrauen wir auf Gott, der auch dort Wachsen und Gedeihen schenken kann, wo wir es nicht erwarten.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

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3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 21. Januar 2024

Liebe Mitchristen!

Was würde uns alles fehlen, wenn wir nicht im Austausch stehen würden mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen? Unser Leben wäre um Einiges ärmer- kein Döner gäbe es und keine Pizza. Vor allem aber würde unser Land einfach nicht mehr funktionieren- ohne osteuropäische Pflegekräfte, ohne internationale Facharbeiter, ohne die Mitmenschlichkeit, dass Menschen in Not und auf der Flucht hier Zuflucht finden können, ohne Verständnis füreinander. Denn das sind die Werte, die uns als christliches Abendland auszeichnen. Parteien, die Menschen mit Migrationshintergrund unter Druck setzen wollen, damit sie unser Land verlassen, müssen wir als Christinnen und Christen entschieden entgegentreten.

Unser Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl hat zu dem AFD- Treffen in Potsdam, bei dem solche Gedanken gesponnen wurden, klare Worte gefunden: „Ich wünsche mir, dass wir solche Berichte ernst nehmen und uns nicht durch die üblichen Beschwichtigungsformeln den Blick vernebeln lassen. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass jeder Mensch Gottes Geschöpf und Ebenbild ist. Er hat eine gottgeschenkte Menschenwürde, die unantastbar ist. Wer die Menschenwürde derart mit den Füßen tritt, wie es die AfD tut, ist für Christinnen und Christen nicht wählbar! Das ist keine parteipolitische Aussage, sondern eine theologische.“

Ja, es ist Zeit für klare Worte. Zeit, aufzustehen für unsere christlichen Werte. Zeit zu erkennen, dass wir aufeinander angewiesen sind- nicht nur auf die Menschen, die schon seit Generationen hier unter uns leben, sondern auch auf die neu dazu Gekommenen. Auf die mit dem fremd klingenden Nachnamen und den uns unvertrauten Speisen und Gewohnheiten. Seien wir neugierig auf sie! Seien wir bereit, voneinander zu lernen, und uns gegenseitig immer wieder an die Menschlichkeit zu erinnern – und an die Toleranz, die ganz klar dort aufhört, wo andere ausgegrenzt und klein gemacht werden. Wenn wir von anderen Kulturen lernen, wenn wir offen sind für das Neue, Unerwartete und Ungewohnte, dann bringt das Heilung in unser Leben. Es bringt Heilung auch in unsere Gesellschaft, in unsere Welt.

Von einer solchen Heilung erzählt die biblische Geschichte von Naaman, dem Feldherrn des Königs von Aram (2. Könige 5,1-19). Dieser Naaman ist einer, der es geschafft hat bis ganz nach oben. Als Feldherr ist er der zweitmächtigste Mann im Land, gleich nach dem König. Als Feldherr hat er schon so manche Kämpfe gekämpft in seinem Leben. Und fast immer hat er den Sieg davongetragen. Diesem Naaman macht so schnell keiner was vor. Dennoch frage ich mich beim Lesen der Geschichte: Hat sich Naaman vielleicht zu viel zugemutet? Hat er sich übernommen? Sein Körper jedenfalls schlägt Alarm. Oft ist das ja so, wenn die Belastung für uns zu groß wird, dass uns unser Körper daran erinnert. Naaman jedenfalls wird krank. Eine Hautkrankheit befällt ihn, von der ihn kein Arzt heilen kann. Naaman hat Aussatz. Was hilft ihm nun sein Reichtum und seine hervorragende berufliche Position, wenn niemand ihm helfen kann? Wirklich niemand?

Da ist diese junge Sklavin, die in seinem Haushalt arbeitet, in der Küche bei seiner Frau. Das Mädchen ist nicht freiwillig gekommen. Sie ist eine Kriegsgefangene aus dem fernen Land Israel. Naaman hat sie bei einem seiner Feldzüge verschleppt. Eine Fremde ist sie. Fremd klingt ihr Name, und ihre Aussprache ist sicherlich nicht akzentfrei. Aber dieses Mädchen weiß Hilfe. Nach allem, was Naaman ihr angetan hat, ist es erstaunlich, dass sie dieses hilfreiche Wissen nicht für sich behält. Sie hätte allen Grund gehabt, Naaman noch viel schlimmere Krankheiten an den Hals zu wünschen. Aber sie sagt zu Naamans Frau, ihrer Herrin: „Ach, wäre mein Herr doch beim Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz heilen!“ (2. Könige 5,3) 

Naaman erfährt davon von seiner Frau. Und er hört auf seine Sklavin- obwohl sie ihm, dem mächtigen Mann rein gar nichts zu sagen hat. Ist es vielleicht der letzte Strohhalm, nach dem er hier greift? Tatsächlich nimmt die Geschichte ein gutes Ende. Naaman wird von seinem Aussatz geheilt. Aber bis es so weit ist, geht noch viel schief in dieser Geschichte- und zwar immer dann, wenn Naaman den vermeintlich geraden Weg nimmt. Dann, wenn Naaman das tut, was man erwarten würde. Wenn er sich an die Großen und Mächtigen hält und nicht an die, die ihm eigentlich rein gar nichts zu sagen haben.

Sicherlich kommt Naaman an den Großen und Mächtigen nicht vorbei. Natürlich muss er zu seinem Chef gehen, dem König von Aram, und ihn um Urlaub bitten für seine Reise nach Israel, die ja sicherlich einige Wochen dauern wird. Der König unterstützt seinen Feldherrn bei dieser Unternehmung. Er meint es gut mit ihm. Aber, wie wir alle wissen: Gut gemeint ist eben nicht immer auch wirklich gut. Das übergroße Geschenk, das der König von Aram durch seinen Feldherrn dem König von Israel überbringen lässt, löst beim König von Israel keine Freude aus, sondern blankes Entsetzen. Er sagt: „Bin ich denn Gott? Kann ich töten oder lebendig machen? Da schickt dieser mir einen Mann, den ich vom Aussatz heilen soll! Merkt ihr es? Er sucht nur einen Anlass für Krieg!“ (2. Könige 5,7) Gut, dass es auch hier wieder die Anderen gibt, die keine äußere Macht haben und dem König von Israel eigentlich rein gar nichts zu sagen haben. In diesem Fall ist es der Prophet Elisa. Er lässt dem König von Israel ausrichten: „Naaman soll zu mir kommen. Dann wird er erkennen, das es in Israel einen Propheten gibt.“ (2. Könige 5,8)

Hoch zu Ross reitet Naaman also zum Haus des Propheten Elisa, begleitet von einem Tross von Dienern und mit seinen wertvollen Geschenken im Gepäck. Klar, dass er für seine gesundheitlichen Probleme nun auch eine Sonderbehandlung erwartet. Chefarztbehandlung als Privatpatient mit Wahlleistungsvereinbarung wäre da schon angemessen. Aber der Chefarzt kommt nicht raus zu Naaman. Der Prophet Elisa bleibt in seinem Haus und schickt nur einen kleinen Assistenten nach draußen zu Naaman. Naaman wird in dieser Arztpraxis an der Anmeldung abgefertigt, ohne dass er überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommt. Alles, was er bekommt, ist ein Rezept wie für einen Kassenpatienten: Siebenmal Jordanwasser auf die erkrankten Hautflächen, das genügt.

Naaman kommt nicht klar mit dieser Behandlung, die er als Abfertigung erlebt. Er wird wütend: Habe ich dafür diese ganze Reise unternommen, unzählige Kilometer weit, mit meinem ganzen Tross? Wasser haben wir auch in meinem Heimatland mehr als genug- richtig schöne große Flüsse! Nicht nur so ein dreckiges Rinnsal wie dieser Jordan! So wütend ist Naaman, dass er gleich kehrtmachen möchte. Genug ist genug. Alles dummes Geschwätz, was dieses israelische Sklavenmädchen erzählt hat. Es reicht jetzt wirklich.

Wieder sind es die, die Naaman eigentlich rein gar nichts zu sagen haben, die ihn von seinem zornigen Irrweg abbringen: Seine Diener, die ihn begleiten. Höflich bitten sie ihren Herrn, es doch wenigstens mal zu probieren. Schließlich ist es ja nicht schwer, sich siebenmal in diesem Fluss Jordan zu waschen. Nein, eigentlich ist das nicht schwer. Aber für Naaman ist es wirklich sehr schwer. Es ist sehr schwer für ihn, denn er muss dazu von seinem hohen Ross steigen. Er muss sich auf diese niedrige Aufgabe einlassen. Er muss sich einlassen auf diesen Propheten, der von ihm verlangt, ganz nach unten zu gehen.

Ganz unten ist Naaman angekommen in seinem Leben, als er dort an diesem unscheinbaren Fluss Jordan steht. Alles legt er ab, was ihm wichtig war: Seinen Reichtum, seine Macht. Dass er immer das Sagen hat. Dass er weiß, was zu tun ist. Dass er die Befehle erteilt, und die anderen sie ausführen. Das alles legt er ab, ja sogar seine Kleider. Nackt steigt Naaman in den Jordan hinunter und taucht siebenmal unter. Nichts unterscheidet ihn jetzt mehr von denen, denen er gewohnt ist, Befehle zu erteilen: Seinen Dienern, des Sklavin aus dem fremden Land, die seine Sprache nicht richtig beherrscht. Das alles zählt nicht mehr. Er lässt sich ganz ein auf das, was der Prophet ihm aufgetragen hat. Er lässt sich nicht mehr beirren davon, dass er sich den Weg zur Heilung ganz anders vorgestellt hat. Er lässt sich ein auf Gottes Weg mit ihm. Und so wird er gesund.

Sich einlassen auf das Fremde, auf das andere. Auf Menschen, bei denen ich in der Gefahr bin, auf sie herabzusehen und mich selbst wichtiger zu nehmen als sie. Das bringt Heilung- für mein Leben, für unsere Gesellschaft, für unsere Welt. Das will ich lernen aus der Geschichte vom Feldherrn Naaman und vom Propheten Elisa.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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2. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zum 2. Sonntag nach Ephiphanias, 14. Januar 2024

Hebräer 12,12-17: Macht deshalb die müden Hände und die erlahmten Knie wieder stark! Und schafft für eure Füße gerade Pfade. Denn was lahm ist, soll nicht auch noch fehltreten, sondern geheilt werden. Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen und auch um Heiligkeit. Ohne sie wird niemand den Herrn sehen. Achtet darauf, dass niemand zurückbleibt und so die Gnade Gottes verliert. Lasst keinen Spross aus einer giftigen Wurzel aufgehen. Sonst richtet sie Unheil an, und viele werden durch sie vergiftet. Niemand soll unmoralisch oder ohne Gott leben wie Esau. Der hat für eine einzige Mahlzeit sein Recht als Erstgeborener verkauft. Ihr wisst ja: Als er später den Segen und damit sein Erbe haben wollte, wurde er verworfen. Er fand keine Möglichkeit, sein Leben zu ändern, obwohl er unter Tränen danach suchte.

Liebe Mitchristen!

Um eine einfache Mahlzeit geht es in diesem Bibeltext- um das sprichwörtliche Linsengericht, das Jakob gekocht hat. Seinem Bruder Esau gibt er von seinem Linseneintopf nur etwas ab, wenn der dafür auf sein Erstgeburtsrecht verzichtet- auf den Segen und auf das Erbe, das Esau als dem Älteren eigentlich zusteht. Ich stelle mir vor, dass Esau ziemlich müde ist an diesem Tag. Sicherlich ist er schon vor Morgengrauen losgezogen auf die Pirsch. Den ganzen Tag war er dann unterwegs, um einen Braten nach Hause zu bringen. Aber seine Jagd war erfolglos. Mit leeren Händen kommt er heim, müde und hungrig. Lecker duftet da der Linseneintopf seines Bruders. Und so lässt sich Esau von seinem Bruder Jakob erpressen und tauscht sein Erstgeburtsrecht gegen eine Teller Linsensuppe. Den Segen und das Erbe, das ihm zusteht, verkauft er völlig unter Wert, nur für eine einfache Mahlzeit. Später bereut er diesen Fehler und vergießt bittere Tränen deswegen. Aber es hilft nichts. Das Erstgeburtsrecht ist weg.

Esau kommt nicht mehr zu seinem Recht. Das hat die Konfirmanden beschäftigt, als ich am Mittwoch im Konfirmandenunterricht den Bibeltext mit ihnen gelesen habe. Menschen sollen zu ihrem Recht kommen, fanden sie. Und sie haben dabei an die Bauern gedacht, die in diesen Tagen auf die Straße gehen für ihr Recht- dafür, dass sie weiterhin auskömmlich wirtschaften können und das Höfesterben nicht weiter voranschreitet. Esau, der Jäger, kommt nicht mehr zu seinem Recht. Er gibt es leichtfertig aus der Hand. Ja, er verschenkt es geradezu, nur um seinen Bauch mit einer warmen Mahlzeit füllen zu können. Bittere Tränen weint er später darüber. Und auch heute werden noch viel zu viele Tränen geweint, fanden die Konfirmanden. Auch heute gibt es das: Wir treffen Entscheidungen, die wir später bereuen. Aber die Entscheidungen lassen sich nicht mehr rückgängig machen.

Wie konnte es so weit kommen, das Esau diese bitteren Tränen vergießen musste? Wie konnte ihm dieser Fehler passieren? Wie kann es bei uns so weit kommen, dass wir schwere Fehler begehen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen, obwohl wir sie bitter bereuen? Manchmal sind wir eben müde und hungrig. Unser Bibeltext sagt uns: „Macht deshalb die müden Hände und die erlahmten Knie wieder stark! Und schafft für eure Füße gerade Pfade. Denn was lahm ist, soll nicht auch noch fehltreten, sondern geheilt werden. Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen und auch um Heiligkeit.“ Führen so viele Ermahnungen nicht eher zu noch mehr Ermüdung und Mutlosigkeit, wenn ich mich frage: Wie soll ich das alles schaffen?

Mir hilft es, dass die Aufforderungen hier in der Mehrzahl stehen. Nicht alleine muss ich das schaffen, sondern miteinander sollen wir das schaffen. Dabei sollen wir uns gegenseitig unterstützen. Heiligkeit, Gnade, Segen Leben, Heilung und Frieden mit allen Menschen. Diese Begriffe fanden die Konfirmanden wichtig in diesem Textabschnitt. Das ist es, was wir brauchen, worum wir uns bemühen sollen. Ganz wichtig war den Konfirmanden dabei: Leben, Frieden und Heilung. Und der, der uns hilft, das wir so miteinander leben und uns gegenseitig stärken können. Der, der uns die Kraft gibt dafür: Gott der Herr. Seine Gnade ist die Wurzel, die uns trägt.

Manchmal verlieren wir das aus dem Blick, weil wir müde sind und den Weg nicht mehr sehen. Dann wächst eine andere Wurzel zwischen uns auf, die alles kaputt macht- wie ein giftiges Unkraut, das die guten und gesunden Pflanzen in einem Garten überwuchert. Was ist diese giftige Wurzel, die zwischen uns aufwächst? In dem Glaubenskurs, den wir letztes Jahr in unserer Gemeinde gemacht haben, gab es ein Bild dazu: Tief im Boden verwurzelt war da das Misstrauen, aus dem eine giftige Pflanze nach oben wächst. Misstrauen entfremdet uns von Gott, von den anderen und von uns selbst. Wer sich nicht geliebt weiß, der kann auch nicht lieben. Hier braucht es Heilung- die Wurzel muss raus. Aber wie? Wie kann das Vertrauen wieder wachsen?

Setzen wir unser Vertrauen auf Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Er meint es gut mit uns. Er will, dass wir genug haben zum Leben. Nicht nur das Allernötigste, wie Esau und sein Linsengericht, mit dem ihn sein Bruder Jakob erpresst hat. Jesus erpresst uns nicht. Er schenkt uns seine Liebe, ganz ohne Gegenleistung. Wir dürfen ihm vertrauen- aus freien Stücken, ohne Zwang. Das ist die Wurzel, die uns trägt- Vertrauen zu Jesus, der uns unendlich liebt. Gottvertrauen. Wenn wir uns von dieser Wurzel getragen wissen, dann wird da keine giftige Pflanze daraus wachsen. Dann werden es gute Früchte sein, die aus dieser Wurzel wachsen. Nicht solche, die wir später als Fehler erkennen und deswegen bittere Tränen vergießen müssen.

Wenn ich auf Jesus vertrauen, dann wächst auch mein Vertrauen ins Leben und zu meinen Mitmenschen: Es wird gut werden, und ich fange jetzt damit an. Aus dieser Überzeugung heraus kann ich dann leben. Und so wächst aus dieser guten Wurzel eine Baumkrone, die als Früchte die Liebe trägt- die Liebe zu Gott, zu den Menschen und zu mir selbst. Auf dieser Grundlage lässt es sich leben. Es wird genug zum Leben geben, denn Gott sorgt für mich. Darauf kann ich mich verlassen- auch heute in unserer Zeit.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Predigt zum Jahreswechsel 2023/ 2024

Liebe Mitchristen!

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ So heißt es in der Bibel im Buch Prediger im 3. Kapitel: „Alles hat seine Zeit.“ Das ist ein Spruch, der uns vertraut ist. Wir finden ihn auf Postkarten; manchmal auch auf Trauerkarten: „Alles hat seine Zeit.“ Manch einer, der eine Karte mit diesem Spruch verschickt oder bekommt, weiß vielleicht gar nicht, dass dieser Spruch in der Bibel steht- dass es ein gläubiger Mensch war, der dich diesen Spruch ausgedacht hat. Kohelet nennt die Bibel diesen Menschen. Das bedeutet so viel wie Prediger oder Lehrer. 2.300 Jahre wird es wohl her sein, dass er gelebt hat. Was war dieser Prediger oder Lehrer wohl für ein Mensch? Wir wissen es nicht. Ich stelle ihn mir vor wie einen alten, weisen Mann mit sehr viel Lebenserfahrung. Einen, der sehr viele Jahre kommen und gehen sehen hat: Jahre mit guten und mit schlechten Zeiten. Jahre mit Krieg und mit Frieden. Jahre mit Zeiten der Not und mit Zeiten des Wohlstands. 

Jahre kommen und gehen. An Silvester nehmen wir Abschied vom Jahr 2023, und um Mitternacht begrüßen wir das neue Jahr 2024- nicht nur mit Silvesterraketen und Böllern, sondern auch mit dem Geläut unserer vier Kirchenglocken: Volles Geläut, ganze 15 Minuten lang. Ja, und auch wenn man dieses Geläut wegen der lauten Böller nicht ganz so gut hört: Es ist etwas Besonderes. Nur einmal im Jahr läuten wir so lange mit allen unseren Glocken. 

„Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ (Lk 24,19) Das steht auf der zweitkleinsten unserer Glocken geschrieben. Die größte Glocke trägt den Spruch: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet.“ (Mt 26,41) Am Silvesterabend geht nicht nur der Tag zu Ende, sondern gleich ein ganzes Jahr. Wir bleiben länger wach als sonst. Wir denken darüber nach, was das zu Ende gehende Jahr uns gebracht hat an Gutem und an Schwierigem- für uns persönlich und für die Welt, in der wir leben. Die große Glocke und ihre Inschrift erinnert uns daran, das alles im Gebet vor Gott zu bringen und nicht abzulassen vom Glauben an Gott, der es gut meint mit der Welt: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet.“ Aber wie können wir das schaffen, dranzubleiben am Glauben und nicht müde zu werden? Wie können wir es schaffen, nicht der Anfechtung zu erliegen- diesen inneren und äußeren Stimmen, die uns einflüstern wollen. Es hat ja doch alles keinen Sinn. Es geht sowieso nur abwärts mit der Welt. Es ist ja doch nichts zu erkennen davon, dass da ein Gott ist, der die Geschicke der Welt lenkt und alles zum Guten wenden wird. 

Zu Beginn des neuen Jahrs, am Silvesterabend um Mitternacht läuten wir alle Glocken, ganze 15 Minuten lang. Damit wir wach bleiben und beten. Damit wir nicht in Anfechtung fallen, wenn der Tag sich geneigt hat und der Abend kommt, in den dunklen Stunden unseres Lebens. „Herr bleibe bei uns!“ Das soll dann unser Gebet sein: Bleibe bei uns, Herr Jesus Christus. Bleibe bei uns, denn du gibst unserem Leben Sinn und Ziel. Bleibe bei uns, denn du hältst die Hoffnung in uns wach, dass alles gut wird. 

„Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen.“ (1. Joh 3,1) So heißt die Inschrift auf der kleinsten und hellsten unserer vier Glocken. Und auf der zweitgrößten steht geschrieben: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Mk 10,45) So beginnen wir mit dem Geläut unserer vier Glocken das neue Jahr im Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen.

Ja, alles hat seine Zeit, so sagt es der biblische Prediger. Und er macht ein Gedicht daraus: 

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Pred. 3,2-8) 

Nichts Menschliches ist diesem weisen Mann fremd. Für alles findet er einen Platz in seinem Gedicht: Geburt und Tod, Abschied und Neuanfang, Kaputtmachen und wieder ganz Machen, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. 

Alles hat seine Zeit. Ganze 15 Minuten läuten unsere vier Glocken an Silvester um Mitternacht, um das neue Jahr zu begrüßen. So viel Zeit ist sonst nie für das Geläut- das ganze Jahr nicht. 15 Minuten nur. Reicht diese Zeit, damit alles anklingt, was im alten Jahr war? Reicht diese Zeit, um eine neue Zeit einzuläuten- ein neues Jahr voller Hoffnungen? Alles hat seine Zeit, sagt der biblische Prediger. Aber wenn ich seine Worte höre, erlebe ich es als eine Zumutung, was er da alles aufzählt. Dass der Tod seine Zeit hat, ist bitter genug. Jeder, der im alten Jahr von einem geliebten Menschen Abschied nehmen musste, weiß das. Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen, sagt uns der Apostel Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs. Auch nicht der Tod. Gott sei Dank haben wir diesen Trost. Gott sei Dank haben wir Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Der Tod hat seine Zeit gehabt, und das Leben trägt den Sieg davon.

Alles hat seine Zeit, sagt der biblische Prediger: Hass und Aggression, Streit und Krieg hat seine Zeit. Was für eine Zumutung, dass er das einfach so lapidar sagen kann. Am letzten Tag des Jahres 2023 denke ich an die Ukraine, wo der Krieg kein Ende nimmt. Und ich denke an die furchtbare und verfahrene Situation in Israel- Palästina. An die israelischen Geiseln, die schwer traumatisiert sind und an die, die immer noch nicht freigekommen sind. An ausgebombte Palästinenser, die alles verloren haben, auch ihre Lieben. Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger. Nicht nur Krieg, Hass und Aggression hat seine Zeit, sondern auch Liebe, Friede und Wieder-Ganz-Machen von dem, was kaputt ist. Und der Prediger weiß: Friede kommt nicht einfach so und ohne unser Zutun. Das Wieder-Ganz- Machen von dem, was kaputt ist, das ist harte Arbeit. Aber die Zeit dafür wird kommen. Krieg, Hass und Gewalt bleiben nicht für immer. Sie werden abgelöst von der Zeit der Liebe und des Friedens. 

Alles hat seine Zeit. Alle vier Glocken läuten am Silvesterabend um Mitternacht, ganze 15 Minuten lang. Ein Festgeläut, dass uns daran erinnert, dass wir etwas zu feiern haben an der Schwelle zum neuen Jahr – dass wir allen Grund haben, das neue Jahr freudig zu begrüßen. Diesen Grund haben wir- egal, ob wir um Mitternacht in froher Runde die Sektgläser klingen lassen, oder ob wir allein sind, wenn wir dem Klang der Glocken lauschen. Wir haben Grund zu feiern. Die Inschriften unserer Glocken erzählen davon: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Mk 10,45 „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen.“ (1. Joh 3,1) Ja, wir sind Gottes Kinder- durch Jesus Christus von Gott dazu bestimmt. Und unser Leben ist mehr als die Summe unserer Tage. Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gelegt. Schönheit und Freude hat er uns geschenkt. So können wir zuversichtlich ins neue Jahr gehen in Dankbarkeit genießen, was Gott uns geschenkt hat- wie es uns der weise Mann im Buch Prediger ans Herz legt: 

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Pred. 3,11-13).

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

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Gedanken zum Sonntag

2. Advent

Predigt zum 2. Advent

Liebe Mitchristen!

Die Mauer ist hoch und undurchdringlich. Es geht nicht weiter. Was hinter der Mauer kommt, bleibt verborgen und unerreichbar. Aber dann ist da diese Tür in der Mauer. Die Tür steht offen. Jetzt sehe ich, was hinter der Mauer kommt. Ich schaue in eine weite, offene Landschaft. Mein Blick reicht bis zum Horizont. Es ist nur ein Bild auf dem ich das alles anschaue- die Mauer, die offene Tür und die Landschaft dahinter. Ein Postkartenmotiv ist es. Ich halte die Postkarte in der Hand und schaue. Die Postkarte ist mir zufällig in die Hände gefallen. Zufällig? Gibt es solche Zufälle? Es hat so sein sollen. Für mich ist es ein Wink von oben. Eine Hilfe von Gott in schwerer Zeit. Denn genau dieses Bild brauche ich jetzt. Und erst recht brauche ich den Text, der darunter steht auf dieser Postkarte. Ein Wort aus der Bibel steht da, aus Offenbarung 3,8: „Jesus Christus spricht: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“ Ich lese dieses Bibelwort immer wieder, und es fällt direkt in mein Herz.

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer in meiner früheren Kirchengemeinde. Ein Der Raum ist zwar groß, aber dunkel. Es ist eine Einliegerwohnung im Keller, mit nur wenig Tageslicht. Nur ein kleines Stück Himmel sieht man aus dem Fenster. Es ist nicht gemütlich hier. Es ist schon Abend. Eigentlich habe ich Feierabend. Die Wohnung oben ist schön und hell. Trotzdem bleibe ich lieber hier unten in meinem Keller- Arbeitszimmer. Oben in der Wohnung ist es nicht gut für mich. Meine Ehe ist kaputt. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin im Keller meines Lebens angekommen. Aber wie ein Sonnenstrahl, der durch das schmale Kellerfenster hindurchdringt, so bringt diese Postkarte ein kleines bisschen Licht und Wärme in mein Leben. Einen Hoffnungsschimmer: Könnte es denn wahr sein, was Jesus Christus in diesem Bibelwort verspricht: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann?“ Könnte das wirklich auch für mich gelten- auch jetzt, in dieser verfahrenen Situation, wo ich keinen Ausweg weiß? Ja, es könnte. Ja, es kann. Jesus Christus meint mich. Und er meint es ernst, wenn er sagt: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“ Über zehn Jahre ist diese Begebenheit jetzt her. Und doch ist sie mir sofort wieder eingefallen, als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag gelesen habe aus Offenbarung 3,7-11:

„Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“

Die Offenbarung- das ist für uns heute oft ein Buch mit sieben Siegeln. Ich denke, wir tun diesem biblischen Buch damit Unrecht. Die Offenbarung ist vor allem ein Buch des Trostes für Menschen in Bedrängnis. Menschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. So wie ich damals, als ich ganz unten im Keller meines Lebens angekommen war. Damals, als die Offenbarung aufgeschrieben wurde, da waren die Menschen auch ganz unten und wussten nicht, wie es weitergehen soll. Die junge christliche Gemeinde war noch ein kleines, schwaches Pflänzchen und musste um ihren Weiterbestand fürchten. Christsein war lebensgefährlich damals. Das Christentum wurde von den römischen Herrschern verfolgt- anders als die jüdische Gemeinde, die von den Herrschern akzeptiert wurde und den Kaiser nicht als Gott anbeten musste. So gab es Konflikte zwischen den Christen und denen, die sich zur jüdischen Schwestergemeinde hielten. Die Stadt Philadelphia war nur eine kleine Stadt mit geringer Wirtschaftskraft. Eine Stadt in einer Krisenregion. Immer wieder wurde Philadelphia von Erdbeben heimgesucht. Was man sich dort aufbaute, konnte von einem Tag auf den anderen in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. „Ich komme bald,“ sagt Jesus dieser kleinen Gemeinde in diesem schwierigen Umfeld. Nicht als Drohung, sondern als Trost sagt er es. So wie eine Mutter, die ihr Kind kurz allein lassen muss und ihm sagt: „Ich komme bald wieder.“ Du musst nicht mehr aushalten, als was deine kleine Kraft ermöglicht. „Ich komme bald,“ sagt Jesus. Er sagt es zu Menschen, denen die Probleme zu groß erscheinen. Auch in unserer Zeit voller Krisen und Kriege. Überall da, wo Menschen sich Sorgen machen und nicht mehr weiterwissen. Bald? Was heißt hier bald? Das römische Reich, in dem die Christen um ihr Leben fürchten mussten, ist lange her. Aber „bald“ ist hier mehr als eine Zeitangabe. „Bald“, das bedeutet, dass Jesus ganz nahe ist, dass er für uns da ist. „Bald“- das bemisst sich nach Gottes Uhr, nicht nach der Uhr der Menschen.

„Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“ spricht Jesus Christus weiter. Auch das ist ein Wort gegen die Resignation. Ein Wort, das an die gerichtet ist, die nur eine kleine Kraft haben. So wie die christliche Gemeinde in Philadelphia damals klein und unbedeutend war, so gilt dieses Wort auch heute für uns, die wir schmerzlich wahrnehmen müssen, wie unsere Gemeinde kleiner werden: „Halte, was du hast.“ Denn was du hast, ist viel und ist wertvoll, auch wenn es nur eine kleine Kraft ist. Was du hast, ist die Krone: Wir alle sind Söhne und Töchter Gottes. Wir alle sind Gotteskinder. Das ist die Krone die wir haben, ein kostbarer Schatz. Halte ihn fest, auch wenn das Leben unter die Räder gekommen ist. Ein weiteres Postkartenmotiv fällt mir dazu ein. Es ist nicht aus der Bibel, und doch gibt es vielen Menschen Trost und Hoffnung: Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Vielleicht haben Sie so eine Postkarte schon einmal in den Händen gehalten, und sie hat ihnen weitergeholfen? Vielleicht haben Sie sie schon einmal verschenkt an jemanden, der sie nötig hatte?

Meine Postkarte mit der offenen Tür in der Mauer und dem Bibelwort von Jesus Christus habe ich wohl auch weiterverschenkt an jemanden, der sie nötiger hatte als ich. Genau weiß ich es nicht mehr. Vielleicht ist sie auch einfach wieder irgendwo zwischen den anderen Unterlagen verschwunden, als sie nicht mehr wichtig war für mich. Damals vor über 10 Jahren jedenfalls, als sie mir in die Hände gefallen ist, da hat sie einen Ehrenplatz bekommen in meinem Arbeitszimmer im Keller. Jeden Tag ist mein Blick auf diese Postkarte gefallen: Auf die offene Tür in der Mauer, auf die weite Landschaft dahinter, auf das Bibelwort von Jesus Christus: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“

Es hat noch lange Zeit gedauert, bis ich für mich eine Tür in der Mauer gefunden habe, oder zumindest einen winzigen Türspalt. Und als ich durch diese Tür gegangen war, war die Landschaft dahinter auch nicht immer hell und weit bis zum Horizont. Da gab es auch wieder neue Mauern, die sich mir in den Weg stellten, und ungeahnte Abgründe taten sich auf, die überwunden werden mussten. Aber eines habe ich gelernt damals, als ich diese Postkarte in meinem Keller- Arbeitszimmer stehen hatte. Ich habe gelernt, zu vertrauen gegen allen Augenschein. Mich fallen zu lassen in Jesu Arme- ohne zu wissen, ob da wirklich ein gangbarer Weg sein wird für mich, und wann. Ich habe es nicht wissen können. Ich habe einfach daran geglaubt. Und das hat mir Hoffnung gegeben. Ja, keiner wird die Tür verschließen können, die Jesus Christus für uns offenhält.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Ewigkeitssonntag

Liebe Gemeinde,

Erde bleibt nicht Erde, Staub bleibt nicht Staub, unsere Namen erklingen noch einmal. Die Menschen, die uns etwas bedeuten, verlieren diese Bedeutung auch mit dem Tod nicht, weil unser Gott ihren Namen kennt, unseren Namen kennt und diese Namen bei ihm niemals vergessen sein werden.

Beim Propheten Daniel lesen wir vom Aufwachen der Toten aus dem Staub der Erde:

1Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelfürst, der für dein Volk einsteht. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen.
2 Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.
3 Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“

„Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein“ – mit »Trübsal« ist eine heftige Bedrängnis gemeint. Es geht das Gefühl um, eingeschnürt und eingeengt zu sein. Es geht das um, was uns den Atem nimmt, was uns Angst macht. In dieser Zeit tritt der große Engelfürst Michael auf. So steht es am Anfang dieses 12.Kapitels des Buches „Daniel“. 

Wir erfahren den Namen eines Engels: Michael. Das ist in der Bibel sehr selten. Wir kennen noch den Engel Gabriel und aus dem apokryphen Buch Tobias den Engel Raphael.

Michael – der Engelfürst: Sein Name heißt übersetzt: »Wer ist wie Gott? « Das ist eine rhetorische Frage, die Antwort ist gleich mitgegeben: »Wer ist wie Gott? « »Nichts und niemand!« Es gibt keinen anderen, der stärker ist!
Michael steht als mächtiger Engel dafür ein, dass sich am Ende Gott gegen alles durchsetzt, was uns heute Angst macht, was uns die Luft zum Atmen nimmt, was uns traurig macht. 

Wenn die Not am größten ist, tritt Michael auf, der Engelfürst. Was wird geschehen? Das Volk Gottes wird gerettet werden. Alle, deren Name im Buch des Lebens steht.

Zuvor werden alle auferweckt aus dem Tod: die einen zum ewigen Leben, die anderen »zu ewiger Schmach und Schande«. Die ganze Bibel kennt diesen doppelten Ausgang. Gemeint sind damit Gericht und Heil. Woran entscheidet sich, welchen Weg wir gehen müssen?

Jesus hat darauf eine klare, eindeutige Antwort gegeben: »Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.«

Das Wort, das Jesus gesprochen hat, gilt. Darin finde ich meinen Halt. Das Hören auf dieses Wort und der Glaube an ihn retten.

»Ja«, kann jetzt jemand einwenden, »aber ich trage doch Lasten mit mir herum: Geheimnisse oder Streitigkeiten, die ich nicht klären konnte. Ich bin anderen manches schuldig geblieben. « Jesus sagt: »Ich habe mein Leben dafür gegeben, damit ist dir alles abgenommen, du bist von dieser Last befreit. «

Allen, die auf Jesus hören und ihm glauben, steht am Ende der Weg in Gottes neue Welt offen.

Vom »Buch des Lebens« spricht Daniel. In diesem Buch stehen die Namen derer, die zum ewigen Leben auferweckt werden. Jesus nimmt diesen Gedanken von Daniel auf. Er lenkt den Blick auf das, was entscheidend ist für unser Leben. Er sagt: »Darauf kommt es zuletzt an: Dass Dein Name in diesem Buch steht! « »Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. «

Das ist unsere Hoffnung: Asche bleibt nicht Asche, Staub bleibt nicht Staub. Jesus, der aus dem Tod ins Leben ruft, wird noch einmal unseren Namen nennen.

Das heißt für uns auch, dass die Menschen, die uns so viel bedeutet haben, die wir so geliebt haben und von denen wir uns verabschieden mussten, nicht für immer von uns getrennt sein werden.

Gott kennt die Namen derer, die mir so wertvoll waren und die jetzt nicht mehr bei mir sind. Gott wird diese Namen niemals vergessen. In dieser Hoffnung dürfen wir leben.

In dieser Hoffnung hat Daniel gelebt, der diese Vision erfahren hat. Wir alle kennen ihn von der faszinierenden Geschichte, wie er, ohne etwas verbrochen zu haben, den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurde und Gott ihn durch seinen Engel wunderbar gerettet hat.

»Daniel in der Löwengrube«. Daniel ist mutig für seinen Glauben eingestanden. Er hat nicht aufgehört, zu seinem Gott zu beten, auch als der mächtige König des damaligen Weltreiches der Meder und Perser solches Beten ausdrücklich verboten hatte. Daniel wusste: Wichtiger als alles andere ist, dass mein Name in diesem Buch steht, im Buch des Lebens.

Der Glaube an die Auferstehung der Toten, das war schon immer das Fundament des christlichen Glaubens. Auf Jesus zu sehen, den Sieger über den Tod, darin liegt eine unbezwingbare Kraft. Die Kraft der Hoffnung für unser eigenes Leben und auch der Hoffnung für die Menschen, die wir geliebt haben und die durch den Tod von uns weggerissen wurden: Ehepartner, Kinder, Eltern, Freundinnen und Freunde. Bei manchen war es völlig überraschend, sie wurden herausgerissen aus dem Leben. Bei anderen war es lange vorauszusehen. Bei einigen hatte dieser Weg auf den Friedhof nach einer langen schweren Krankheit eher etwas von Befreiung und von Ruhe finden.

Wir erinnern uns an die Gesichter der Menschen, die vor einem Jahr noch mit uns gelebt haben. Wir erinnern uns noch einmal an gemeinsame Erlebnisse und Begegnungen. Wir erinnern uns an die Situation des Abschieds.

An das, was wir sagen und tun konnten, und an das, was offengeblieben ist. Es tut gut, die Erinnerungen an schöne Tage mit den Verstorbenen wachzuhalten. 

Und auch der Gang auf den Friedhof ist für viele von uns eine große Hilfe, um Abschied nehmen zu können. Es ist wertvoll, einen Ort zu haben, an dem wir traurig sein können, an dem wir unsere Gedanken sammeln können und ganz auf die Erinnerung an den Verstorbenen ausrichten können. Es tut gut, auf den Namen der Verstorbenen zu schauen. Es gibt Kraft und tröstet, diese Gedanken an die Verstorbenen zu einem Gebet werden zu lassen.

Und manchmal ist der Friedhof auch ein Ort, um sich gegenseitig zu trösten, anderen Menschen zu begegnen, die in einer ähnlichen Situation sind, um miteinander traurig zu sein. Die Trauer braucht ihren Ort, sie braucht ihre Zeit. Sie braucht ihren Raum. Zu trauern, das ist heilsam für die Seele. Einem anderen erzählen dürfen von dem Verstorbenen, jemanden haben, der zuhört, das tut gut und gibt neue Kräfte.

Heilsam ist es auch, darauf zu vertrauen, dass die Trauer einmal aufhören wird. Trauer braucht ihre Zeit, und jeder Mensch hat seine eigene Art zu trauern, aber sie soll sich auch nicht bis ins Unendliche ausdehnen, das Leben nicht ersticken.

Dass alle Trauer einmal aufhören wird, dafür setzt unser Bibelwort ein schönes Zeichen:

Die Rettung des Volkes wird angekündigt: »… zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen …«

Das ist eine große Verheißung – und ein Trost. Ja, Gott überlässt die Verstorbenen nicht dem Tod. Es gibt ein Erwachen.

Vom Kirchenvater Augustin stammen diese hoffnungsvollen Worte:

»Auferstehung ist unser Glaube,

Wiedersehen ist unsere Hoffnung,

Gedenken unsere Liebe.

Aus Gottes Hand empfing ich mein Leben,

unter Gottes Hand gestalte ich mein Leben,

in Gottes Hand gebe ich mein Leben zurück.

Ihr, die ihr mich so geliebt habt,

seht nicht auf das Leben, das ich beendet habe,

sondern welches ich beginne.«

Das wünsche ich uns allen, dass wir es so sehen können: Für unsere Verstorbenen beginnt ein neues Leben. Sie sind jetzt befreit von ihren Schmerzen, von ihrer Angst, von ihrem Leiden. Sie fehlen uns, aber es hilft uns, daran zu denken, dass sie es jetzt besser haben, dass sie jetzt das erleben, was Paulus »die herrliche Freiheit der Kinder Gottes« nennt. Wir können das jetzt nicht sehen. Wir schauen auf das Grab und sehen die beiden Jahreszahlen auf dem Grabstein und den Strich dazwischen, der für das Leben des Verstorbenen steht. Es ist eine Versuchung, zu denken: »Das war’s, damit ist alles gesagt. So ist es und so wird es bleiben. Die Dunkelheit, die mich durch die Trauer überfallen hat, wird bleiben. «

Nein, so ist es nicht. Und so wird es auch nicht bleiben. Es gibt mehr und Größeres. Es gibt Licht in der Dunkelheit.

Es ist so, wie es Daniel aufgeschrieben hat: Ist die Not und Bedrängnis noch so groß – Gott ist noch viel größer. Die Trauer kann das Licht Gottes nicht auslöschen. Der Name des dreieinigen Gottes, der bei der Taufe über unserem Leben ausgesprochen wurde, leuchtet über uns, auch dann, wenn wir sterben müssen.

Wer sitzen bleibt am Bett eines Sterbenden und Trost spendet, wer die Hand hält, zuhört, einfach da ist – bringt den Glanz des Himmels in unsere Welt. Am Ende steht nicht die Nacht des Todes oder das dunkle Nichts, sondern ein strahlendes Leben mit einem Glanz, der alles vergessen lässt, was wir hier durchmachen mussten.
Für uns alle wünsche ich, dass über der Trauer dieses Licht aufgeht und dieser Tag heute kein dunkler Tag ist, sondern ein Tag der Hoffnung auf die neue Welt Gottes. Amen.

Der Friede GOTTES, der höher ist als all unser Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in CHRISTUS JESUS – Amen.

Predigt nach einer Vorlage von Pfarrer Markus Hägele

 

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Gedanken zum Sonntag

Volkstrauertag

 

Predigt- Gedanken vom Volkstrauertag, 19.11.2024

Liebe Mitchristen!

 Heute ist Volkstrauertag. Ein Tag, an dem wir der Gefallenen der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts gedenken, und auch aller aktuellen Opfer von Krieg und Gewalt. Aktuelle Opfer von Krieg und Gewalt gibt es viele. Ratlos stehen wir vor den Kriegsereignissen in Israel- Palästina und in der Ukraine. „Was ihr nicht getan habt einen von diesen Geringen, das habt ihr mir auch nicht getan.“ So sagt es uns Jesus in unserem heutigen Predigttext, dem Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25, 31-46). Was ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in diesen unruhigen Zeiten, in denen die Welt erschüttert ist von immer neuen Kriegen und Krisen? „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen,“ sagt Jesus in unserem Predigttext. In jedem bedürftigen Menschen begegnet uns Jesus Christus. Welche Bedürfnisse sehen wir in unserer Zeit der globalen Krisen? Laut sind die Stimmen, die ein Bedürfnis nach mehr Waffen proklamieren. „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Schwerter zu Pflugscharen“ haben die christlichen Kirchen in der Vergangenheit diesen lauten Stimmen entgegengehalten. Und heute? Ist die Sehnsucht nach Frieden ohne Waffen, nach gewaltfreier Konfliktlösung zwischen Menschen, Volksgruppen und Staaten nur noch ein naives Gerede von Gestern, das in unserer heutigen Weltlage nichts mehr taugt? Ich habe selbst keine Antwort auf diese Frage. Aus meiner Perspektive in einem friedlichen Land möchte ich nicht über andere urteilen, die von ihren Nachbarländern überfallen werden und nun im Kriegszustand oder in ständiger Bedrohung leben. Ich möchte mich nicht anmaßen, von ihnen zu verlangen, dass sie die Waffen schweigen lassen und das Unrecht still erdulden sollen. Aber ich bin dankbar, dass es nicht nur die lauten Stimmen gibt, die immer mehr Waffen fordern für die Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt. Ich bin dankbar dafür, dass die leisen Stimmen, die sich für Frieden ohne Waffen einsetzen, nicht ganz verstummt sind. Unter dem Motto „sicher nicht – oder?“ feiern wir in diesen Tagen die Ökumenische Friedensdekade.

Die Ökumenische Friedensdekade möchte auch Impulse setzen, wie Kirchen und Religionsgemeinschaften, aber auch Politik und Zivilgesellschaft einen Beitrag zu einem umfassenden Schalom leisten können. „Angesichts der gerade auch in der jungen Generation spürbaren Verunsicherung und der zunehmenden Krisen weltweit ist es überfällig, den Begriff der Sicherheit neu zu denken und von einer militärischen Sicherheitslogik auf eine zivile Friedenslogik umzuschwenken“, betont Jan Gildemeister, der Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) ist. „Wir verspüren eine große Verunsicherung, wie Frieden in Zukunft ausgestaltet werden kann. Sicher nicht mit Maßnahmen, die zu einer neuen Aufrüstungsspirale führen und Ressourcen verschwenden, die an anderer Stelle dringend benötigt werden. Oder?“, räumt Jan Gildemeister ein.

„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen,“ sagt Jesus in unserem Predigttext. Jesus ist den friedlichen Weg gegangen. Er hat uns die Liebe vorgelebt. Seine Liebe hatte nichts mit süßlichem Kitsch zu tun. Jesus war nicht harmoniesüchtig. Er konnte auch Klartext reden. Er hat sich nicht einschüchtern lassen. Jesus Christus hat die Liebe gelebt bis zum letzten Atemzug- selbst gegenüber seinen Feinden. Ist das ein Modell, das tragfähig ist in unserer Zeit? Ich möchte den radikalen Einsatz für den Frieden, den Jesus uns vorgelebt hat, nicht über Bord werfen in diesen friedlosen Zeiten. Gerade heute brauchen wir ihn mehr denn je. Auch wenn ich keinen Ausweg weiß: Ich will den Frieden ohne Waffengewalt immer wieder ins Gespräch bringen in unserer Zeit: Dabei weiß ich auch: So wie Jesus werde ich das niemals schaffen. Aber der Glaube an Jesus Christus gibt mir die Kraft, dranzubleiben an der Suche nach Frieden-  trotz aller Rückschläge und Misserfolge. Denn ich weiß: Trotz aller Zerbrochenheit, trotz allem Unfrieden, den wir in dieser Welt erleben: Jesus Christus lässt uns nicht im Stich. Er ist da. Er redet Klartext. Er will, dass wir uns einsetzen für andere, in denen er uns selbst begegnet. Wenn ich es immer wieder versuche mit dem Frieden und der Liebe, dann wird Jesus mich nicht im Stich lassen. Auch wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe; wenn ich lieblos war zu anderen, zu mir selbst und zu Gottes Schöpfung. Jesus liebt mich immer noch. Denn auf die Liebe von Jesus kann ich mich verlassen. Seine Liebe ist größer als mein Versagen. Für meine Sünden hat er sein Leben gegeben, allein aus Liebe. Und an Jesus Christus ist deutlich geworden: Die Liebe ist stärker als der Tod. Jesus ist auferstanden von den Toten. Das gibt mir die Hoffnung, auch angesichts der schrecklichen Kriegsnachrichten und der nie enden wollenden militärischen Konflikte in unserer Zeit.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer