Gedanken zum Predigttext für Ostersonntag, 12. 04. 2020

1. Korinther 15, 20-28: Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus, danach die Christus angehören, wenn er kommen wird, danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott „alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn „alles hat er unter seine Füße getan“ (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

Liebe Mitchristen!

Dieses Osterfest ist anders als wir es gewohnt sind. Kein Ostereiersuchen beim Osterspaziergang in großer Familienrunde, keine Verwandtenbesuche, keine Fahrten zu den beliebten Ausflugszielen. An Festtagen wie heute treffen uns die Einschränkungen, die zur Eindämmung des Corona-Virus notwendig sind, besonders hart. Denn Ostern ist nur einmal im Jahr. Und wir haben unsere vertrauten Abläufe, wie wir dieses Fest im Kreise unserer Familie oder unserer Freunde Jahr für Jahr feiern – vielleicht schon seit unserer Kindheit. Dieses Osterfest reißt uns heraus aus unseren vertrauten Abläufen. Nichts ist mehr selbstverständlich und wie immer. Das ist verstörend. 

Und doch sind wir gerade mit dieser Erfahrung ganz nahe dran an dem, was Ostern eigentlich war, ist und sein will: Ein Tag, der uns aus unseren gewohnten Abläufen herausreißt. Ein Tag, der uns mit verstörenden Erfahrungen konfrontiert. Ein Tag, an dem es um Leben und Tod geht – oder besser gesagt: Um Tod und Leben. Am Ostermorgen sind drei Frauen zu Jesu Grab gegangen, um Jesus die letzte Ehre zu erweisen. Es muss zutiefst verstörend für sie gewesen sein, dass ihr geliebter Verstorbener nicht mehr im Grab war. Stattdessen ist da ein Engel und redet von Auferstehung. Alles, was für sie bisher selbstverständlich war und nicht in Frage gestellt werden konnte, ist nun auf den Kopf gestellt. Tot ist tot. Von den Toten ist noch keiner zurückgekommen. Gilt das noch? Oder ist das jetzt außer Kraft gesetzt? 

„Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind“, schreibt der Apostel Paulus der jungen christlichen Gemeinde in Korinth. Auferstehung von den Toten, das konnten die Korinther sich genauso wenig vorstellen wie wir heute. Alle Menschen sind sterblich. Das war schon immer so. Und wenn man die ganze Geschichte der Menschheit durchgeht und bei Adam anfängt. Daran ist nichts zu rütteln. 

Aber Paulus sagt: Was da bei Adam angefangen hat, das ist jetzt anders. Mit Jesus Christus fängt etwas Neues an. Er ist der erste Mensch, der von den Toten auferstanden ist. Damit ist etwas Neues in die Welt gekommen, eine unglaubliche Hoffnung, die es so noch nie gegeben hat. Eine Hoffnung, die stärker ist als der Tod. Denn wenn Jesus Christus auferstanden ist von den Toten, dann werden wir alle eines Tages auferstehen von den Toten. Jesus Christus, er ist der Erste, er ist der Kopf dieser Bewegung. Martin Luther vergleicht das mit einer Geburt: „Christus als das Haupt ist durch. Wie die Weiber sagen, ist des Kindes Haupt geboren, dann hat’s nicht not.“ 

„In Christus werden alle lebendig gemacht“, schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth in ihren Zweifeln und Ängsten. Wenn es so weit ist, dann passiert Revolutionäres im Himmel und auf der Erde. Alle Obrigkeit wird abgesetzt – die braucht es dann nicht mehr. Alle Herrschaft und Gewalt wird entmachtet – die gibt es dann nicht mehr. Schließlich wird der Tod als letzter Feind und mächtigster Gegenspieler des Lebens vernichtet. Dann werden Gott der Vater und der Sohn vereint sein, „damit Gott sei alles in allem“. 

Eine großartige Zukunftsvision ist das, die Paulus uns da vor Augen stellt. Aber noch ist es nicht so weit. Bis dahin wird noch gestorben, alt und lebenssatt oder jung und lebenshungrig. Der Tod ist ein höchst vitaler Feind. Mitten ins Leben bricht er herein, in unsere scheinbar so sichere Welt. Trotz aller Technologie und allem wissenschaftlichen Fortschritt. An dieser schmerzlichen Wahrheit kommen wir nicht vorbei. Jetzt in der Corona-Krise steht sie uns deutlich vor Augen. 

Paulus will diese schmerzliche Wahrheit nicht schönreden. Er schreibt auch gegen eine Verharmlosung des Todes. Aber trotz allem, was an Schrecklichem passiert und noch passieren wird: Die grandioseste Verheißung, die alles Begreifen übersteigt, steht! Da geht es nicht nur um meine persönliche Sehnsucht nach Auferstehung. Da geht es um ein weltumspannendes Ereignis, um die Vernichtung der Macht des Todes, um die Befreiung der ganzen Schöpfung. „Damit Gott sei alles in allem“. Man könnte nun sagen, diese grandiose Zukunftsvision ist wohl eine Nummer zu groß für uns heute. Was hat sie mit unserem Leben zu tun, in dieser von der Corona-Krise gebeutelten Welt? 

Ich denke an die Menschen in Italien, in diesem vom Corona-Virus besonders schlimm betroffenen Land. Sie hängen Plakate in ihre Fenster, auf denen steht: „Alles wird gut“. Ich denke an die Kinder in unseren Ortschaften. Sie malen einen Regenbogen ans Fenster – das Zeichen der Hoffnung: Nach Unwetter und Gefahr kommt wieder Sonnenschein und Freude. 

Das alles sind für mich Osterzeichen. Sie stehen dafür, dass wir von der Zukunft her leben. Dass wir getragen sind von dieser Hoffnung, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird. Auch wenn wir es jetzt noch nicht erkennen können. Auch wenn wir selber die Welt nicht retten und den Tod nicht beseitigen können. Das müssen wir auch nicht. Unsere menschlichen Möglichkeiten sind begrenzt. Was wir im Rahmen dieser Möglichkeiten tun können, das sollen wir tun. Mehr musss es nicht sein. Das „Alles“ ist uns in dieser Welt nicht versprochen. Wir sind Fragment. Gott wird sein alles in allem – und das genügt. Das gibt uns Grund, zu glauben, zu hoffen, zu lieben – auch über den Tod hinaus. So können, so sollen wir fröhlich Ostern feiern – auch wenn dieses Jahr das Osterfest so ganz anders abläuft als wir es gewohnt sind. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer