Gedanken zum Predigttext für Sonntag Quasimodogeniti, 19. 04. 2020

Jesaja 40, 26-31: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass die auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. 

Liebe Mitchristen!

Wann werden wir endlich zur Normalität zurückkehren? Diese Frage stellen sich viele Menschen in diesen Tagen. Seit 5 Wochen leben wir nun schon auf Abstand, mit eingeschränktem Bewegungsradius, herausgerissen aus unserem üblichen Alltag. Arbeit, Schule, Einkaufen, Freunde besuchen – all das ist seither völlig anders geworden oder findet gar nicht mehr statt. Und Gottesdienste gibt es nur noch online oder im Fernsehen. Irgendwann fällt einem da doch mal die Decke auf den Kopf. Irgendwann ist es doch wirklich genug. Wie lange noch, Gott? So bete ich, wenn es mir zu viel wird. 

Und, was mir auch hilft: Ich gehe raus in die Natur. Zum Glück leben wir hier ja in einer wunderschönen Landschaft, in der es jetzt im Frühling überall grünt und blüht. Ein blühender Baum, eine Blume am Wegesrand oder das erste, frische Grün an den Bäumen –  das vertreibt die dunklen Gedanken. Ich komme in Bewegung und mache mich auf den Weg. Wenn ich die Augen offenhalte, entdecke ich dabei immer neue Überraschungen. Da entpuppt sich der unscheinbare Stein auf dem Weg bei genauem Hinsehen auf einmal als versteinerter Ammonit. Ich muss nur genau genug hinschauen. Und wenn ich den steilen Anstieg geschafft habe und oben auf dem Heuberg bin, dann kann ich wieder freier durchatmen. Hier reicht die Weite der Landschaft bis zum Horizont. Mein Blick geht unwillkürlich nach oben – in das unendliche Blau des Himmels, wo die Wolken ziehen. 

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ Diesen Ratschlag gibt unser Predigttext an Menschen, die in schwierigen Zeiten leben. Menschen, die herausgerissen sind aus ihren vertrauten Lebenszusammenhängen. Menschen, die sich voller Sehnsucht fragen: Wann dürfen wir endlich wieder unser normales Leben leben? Menschen, die in der Gefahr sind, die Hoffnung aufzugeben. Zu lange geht das alles schon so. Und Gott hilft nicht aus dieser Not. Diese Resignierten sagen: „Mein Weg dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber.“ 

Es sind die Israeliten, die nach Babylon verschleppt worden sind. Zu gerne möchten sie wieder Gottesdienste feiern im Jerusalemer Tempel. Zu gerne möchten sie wieder ihren Alltag leben in Jerusalem, in dieser Stadt, in der das Leben pulsiert. Aber es geht nicht. Sie sind in Babylon. Sie sehen sich fremdbestimmt in einer Umgebung, die nicht ihr Land ist, in der andere, ungewohnte Regeln gelten. Schmerzhaft haben sie erfahren, wie verletzlich sie sind, dass sie ihr Schicksal nicht selbst in der Hand haben. Und Gott lässt das zu. Warum? Der Prophet, der im Buch Jesaja zu diesen gebeutelten Menschen spricht, speist sie nicht mit einfachen Antworten ab. Warum Gott das zulässt, bleibt offen. „Sein Verstand ist unausforschlich“, sagt der Prophet. Wir verstehen Gottes Wege mit uns nicht immer. Manchmal sind seine Gedanken für uns einfach eine Nummer zu groß. Das gilt es auszuhalten, in jeder Krisenzeit. Aber das heißt eben nicht, dass wir unseren Glauben an den Nagel hängen und die Hoffnung auf Gott aufgeben sollen. Denn Gott wird nicht müde und matt, so wie wir Menschen. Gott kann helfen. Es gibt einen Weg aus der Krise. Gott weiß den Weg, auch für uns. 

Das sind schöne Worte, könnte man nun sagen. Aber wo wird das für mich spürbar und erfahrbar? „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ sagt der Prophet aus der Bibel. Schaut den Himmel an in seiner unendlichen Weite. Schaut, wie dort bei Tag die Wolken ziehen und bei Nacht die Sterne funkeln. Unzählige sind es. Und je mehr wir den Weltraum erforschen können mit modernster Technologie, umso mehr geraten wir ins Staunen über all die unentdeckten Geheimnisse, die dort noch auf uns warten. Für Gott sind das keine Geheimnisse. Er kennt das alles schon – den ganzen Weltraum, von Anfang an. Er kennt jeden Stern, er „ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.“ 

Diese Worte aus unserem Predigttext sind uns vertraut aus dem Lied „Weißt du wieviel Sternlein stehen“. Vielleicht sind Sie mit diesem Lied in den Schlaf gewiegt worden, als Sie noch klein waren. Oder Sie haben es gesungen am Bett ihres Kindes. Der Prophet aus dem Jesajabuch hätte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass seine Worte später einmal zum Gute-Nacht-Lied werden. Ein Lied für die Kleinen, ein Lied für die Müden. Ein Lied für uns alle. Denn klein und müde fühlen sich nicht nur Kinder. Das weiß auch der biblische Prophet in unserem Predigttext. „Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen“, sagt er. „Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass die auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ 

Dieses Ausharren, von dem der Prophet da redet, was ist damit gemeint? Gemeint ist diese Sehnsucht, dieses inneres Wissen: Gott ist am Horizont. Der Himmel über mir ist nicht leer. Gott ist am Werk – auch dort, wo ich es jetzt noch nicht erkennen und verstehen kann. Ich vertraue darauf, dass Gottes schöpferische Kraft Zukunft schafft – auch für mich. Frei wie ein Vogel, stark wie ein Adler kann ich sein, wenn ich dieses Vertrauen in Gott habe. Dann kann ich meine Ängste loslassen und beruhigt einschlafen, wie ein kleines Kind beim Wiegenlied der Mutter. 

Gerade in schwierigen Zeiten haben Menschen erleben dürfen, dass Gott ihnen diese neue Kraft schenkt, ja sogar in aus menschlicher Sicht völlig auswegslosen Situationen. Ich denke an den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Vor 75 Jahren ist er im KZ Flossenbürg hingerichtet worden. Aus seinem Glaubensbekenntnis können wir auch heute Kraft und Zuversicht schöpfen: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer