Gedanken zum Predigttext für Sonntag Misericordias Domini, 26. 04. 2020

1. Petrus 2, 21b-25: Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen. Er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand. Der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte; nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet. Der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz – damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.  

Liebe Mitchristen!

„Pfarrer allein daheim.“ Unter diesem Schlagwort kam neulich im Fernsehen ein Bericht darüber, wie Pfarrer und Gemeinden in diesen Tagen Gottesdienst feiern, wenn sie nicht in den Kirchen zusammenkommen können. Im Bild war ein Pfarrer, der allein in seiner Kirche Gottesdienst hielt, und dabei von einem Kamerateam aufgezeichnet wurde. Bis vor wenigen Wochen hätte ich diese Szene äußerst befremdlich gefunden. Aber inzwischen gehört sie zu der „neuen Normalität“, die in den letzten Wochen über uns hereingebrochen ist. Auch ich mache es inzwischen so wie dieser Pfarrer und lade meinen Gottesdienst auf Youtube hoch, mit meinen Söhnen als Kameraleuten. 

Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie als Gottesdienstraum nur noch Ihr Wohnzimmer haben – mit einer Lesepredigt aus dem Nachrichtenblatt, oder einem Youtube-Video von Ihrer Pfarrerin? „Es ist gut, dass ich wenigstens diese Videos habe“, hat mir neulich jemand aus unserer Gemeinde gesagt. „Aber wenn Sie da so alleine in der Kirche sind, das ist eben doch nicht dasselbe wie wenn wir da alle miteinander Gottesdienst feiern.“ Ich verstehe diese Person, die das gesagt hat. Mir geht es ja selber auch so. Und ich denke, wir werden alle sehr froh sein, wenn wir wieder in unseren Gotteshäusern zusammenkommen können zum gemeinsamen Gebet – selbst wenn es dann erstmal nur mit Mundschutz und auf Abstand möglich ist. 

Zum Glauben an Gott gehört die Gemeinschaft der Glaubenden mit dazu. Diese Gemeinschaft vermissen wir jetzt schmerzlich -nicht nur hier in unserer Gemeinde, sondern überall, wo sonst Menschen zusammenkommen, um gemeinsam ihren Glauben zu leben. Die Sehnsucht nach gemeinschaftlich gelebtem und erlebtem Glauben verbindet uns in diesen Zeiten über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg. So wie es uns als Christen weh getan hat, dass wir zu Ostern keine gemeinsamen Gottesdienste feiern konnten, so tut es jetzt den Muslimen weh, dass sie den Fastenmonat Ramadan nicht mit gemeinsamen Feiern begehen können. Der Imam ist allein in der Moschee und die Pfarrerin ist allein in der Kirche – das Corona-Virus macht da keinen Unterschied.

Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer allein in der Kirche, ohne Gemeinde – das ist ungefähr so wie ein Hirte ohne Schafe. Oder für die Gemeinde ist es vielleicht so ähnlich wie wenn Schafe keinen Hirten haben. In unserem Predigttext heißt es: „Ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Dieser Text ist geschrieben an Menschen, die in schwierigen Verhältnissen leben. Damals in den ersten christlichen Gemeinden waren das Menschen, die hart gearbeitet haben, und ihr Chef konnte mit seinen Mitarbeitern machen, was er wollte. Denn Arbeitnehmerrechte gab es damals gar keine. Die Mitarbeiter waren die Sklaven von ihrem Chef. 

Vielleicht war der Pfarrer oder Bischof von diesen Menschen sonntags auch allein in der Kirche. Denn diese Menschen mussten da vielleicht gerade Überstunden machen, wo sie eigentlich in den Gottesdienst gehen wollten. Der 1. Petrusbrief will diese Menschen ermutigen. Ihnen und uns ruft er zu: „Denkt daran, wer eigentlich euer Hirte und Bischof ist. Das ist nicht euer Gemeindepfarrer. Das ist Jesus Christus, der für euch am Kreuz gelitten hat. In seine Fußstapfen sollt ihr treten. Er ist der Hirte, und ihr seid die Schafe seiner Herde. Zu seiner Gemeinde gehört ihr, egal ob ihr euch sonntags zum Gottesdienst versammeln könnt oder nicht. Lebt die Gerechtigkeit, die er euch vorgelebt hat. Lebt nicht wie verirrte Schafe.“ 

Auch in unserer Zeit leben viele Menschen wie verirrte Schafe. Da gibt es Menschen, die verunsichert sind durch widersprüchliche Expertenmeinungen und Prognosen. Denn wer kann uns schon sagen, was wirklich hilft gegen dieses Virus, und wie lange wir noch mit Einschränkungen leben müssen? Da gibt es Menschen, die können es einfach nicht mehr aushalten, dass wir immer noch nicht zur Normalität zurückkehren können. Die Kinder sind enttäuscht, dass sie nicht endlich ihre Schulfreunde wiedersehen können. Wie soll man sich da zum Lernen motivieren? Die Eltern sind im Homeoffice oder in Kurzarbeit, am Ende ihrer Kräfte, geplagt von finanziellen Sorgen. Wie sollte es da keinen Streit geben in der Familie? 

Wir sind nur Menschen, und manchmal fühlen wir uns eben wie verirrte Schafe. Manchmal schaffen wir es nicht, die Gerechtigkeit zu leben, die Jesus uns vorgelebt hat. Seine Fußstapfen, in die wir treten sollen, erscheinen uns dann viel zu groß. Manchmal schaffen wir es nicht, so zu leben wie Jesus, „der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet.“ Manchmal werden wir unseren Mitmenschen eben nicht gerecht.

Wir sind nur Menschen. Mehr müssen wir auch nicht sein. Wir sollen die Gerechtigkeit leben und uns Jesus zum Vorbild nehmen. Aber wir sollen uns nicht verrückt machen mit dem, was wir nicht schaffen. Denn Jesus hat unsere Sünden getragen, bis ans Kreuz. Er hat uns befreit von der Last der Sünde und der Schuld. „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden“, sagt uns der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief. Dieser Brief ermutigt uns, dass wir uns nicht irre machen lassen in diesen verrückten Zeiten. Denn wir sind keine verirrten Schafe. Wir sind nicht allein, auch wenn wir nicht in unseren Kirchen zusammenkommen können. Wir haben Jesus Christus. Er ist unser Hirte und der Bischof unserer Seelen. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer