Gedanken zum Predigttext für den Sonntag Judika, 29. 03. 2020

Hebräer 13, 12-14: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 

Liebe Mitchristen!

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Dieses Bibelwort aus Jeremia 29, 7 hat uns unser Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July ans Herz gelegt in diesen Tagen, in denen sich der Coronavirus immer weiter ausbreitet. Es beeindruckt mich, wie viele Menschen unter uns sind, die das ganz praktisch umsetzen und mit Leben füllen. Menschen, die ihren älteren Nachbarn ihre Unterstützung anbieten. Menschen, die sich zusammentun, um die Betreuung der Kinder privat zu organisieren. Menschen, die ganz neue Ideen entwickeln, wie wir miteinander in Kontakt bleiben können, ohne dass wir durch die persönliche Begegnung die Gesundheit unseres Gegenübers gefährden. Die neuen Medien und das Internet sind dabei ganz wichtig. Aber auch die Glocken unserer Kirchen hier auf dem Heuberg, die jeden Abend um 19.00 Uhr zum Gebet einladen, und auch sonntags zu den üblichen Gottesdienstzeiten. 

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Mir selber fällt es nicht leicht, dieses Gebet für unsere Ortschaften, unser Land und unsere Welt nun nicht mehr in der Kirche zu verrichten, sondern zuhause am Esszimmertisch. Es hilft, wenn ich dabei eine Kerze anzünde. Ich stelle sie ins Fenster. Vielleicht können die Nachbarn sie so sehen. Leichter fällt es mir, wenn wir zu Mehreren um den Esszimmertisch versammelt sind, wie wenn ich dort allein sitze. Aber auch allein ist es möglich. Ich weiß mich dann verbunden mit den anderen Menschen hier in unseren Ortschaften und Kirchengemeinden, die jetzt gerade auch die Glocken hören, auf die brennende Kerze in ihrem Fenster schauen und beten. 

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So sagt es der Predigttext aus dem Hebräerbrief. Wir haben in dieser Welt keine Garantie darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass wir am Wochenende in einen Gottesdienst gehen können, ins Fußballstadion, ins Konzert oder in unser Lieblingsrestaurant. Das alles war ganz selbstverständlich für uns alle. Niemand hätte gedacht, dass das jemals anders werden könnte. Und doch ist es jetzt so gekommen. Unser Predigttext bringt das auf den Punkt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“. Stattdessen sind wir unterwegs auf der Suche nach dem, was unserem Glauben Hoffnung und Zukunft gibt. Im Glauben leben heißt: sich in Bewegung setzen. Neue Wege suchen, wie wir mit den Herausforderungen unserer Zeit leben können. Und dabei nicht den Mut verlieren, sondern auf Gott vertrauen. Er ist unsere Zukunft. 

Auf den ersten Seiten der Bibel ist von einem Mann und einer Frau die Rede, die den Aufbruch wagen. Abraham und Sara verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihre Gewohnheiten. Sie wagen den Aufbruch in die Fremde. Interessant ist dabei, dass gerade dieser Mann zum Urvater des Glaubens wird. Abraham weiß genauso wenig wie Sara, was sie erwartet. Einzig im Vertrauen auf Gott begeben sie sich auf den Weg. In ihrem Herzen die Zuversicht, dass Gott mit ihnen ist. Das reicht ihnen. Das ist ihre Hoffnung. Darauf setzen sie ihr Vertrauen. Das macht sie stark und selbstgewiss. Da ist es egal, wo und wie sie ankommen werden. Ihr Glaube, ihr Vertrauen zu Gott setzt sie in Bewegung. 

Machen wir uns hoffnungsvoll auf und suchen wir nach der zukünftigen Stadt – in einer Welt, in der neue Formen des christlichen Miteinanders nötiger werden denn je. In einer Zeit, die uns vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und die größte Herausforderung ist wohl die, dass wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Aus der Erstarrung aufbrechen, sich für unsere Mitmenschen stark machen, Trost und Hoffnung verbreiten, sichtbar unseren Glauben leben. All das ist jetzt mehr gefragt denn je. Und all das passiert ja jetzt auch. Jede brennende Kerze, die abends beim Glockenläuten in einem Fenster zu sehen ist, steht für diese Hoffnung.

Unsere christliche Hoffnung trägt auch in schweren Zeiten. Sie ist keine Schönwetter-Hoffnung. Sie ist gegründet in Jesus Christus, der alles Elend und Leid der Welt auf sich genommen hat. Und das nicht als allmächtiger Strahlemann, der über dem allen drübersteht. Sondern als einer, der das Elend und Leid versteht, weil er es selber durchgemacht hat. Draußen vor dem Tor der Stadt hat er gelitten, hat er sein Blut vergossen am Kreuz, verachtet und verspottet. Er lässt uns nicht im Stich, egal was kommt. Zu ihm können wir kommen mit unseren Gebeten, gerade auch in schweren Zeiten. Er versteht, wie es uns jetzt geht. 

Vertrauen wir einem Gott, bei dem Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene steht für den neuen Weg, der nicht stehen bleibt bei Althergebrachtem. Aus unserem Glauben an Gott sind wir aufgefordert, nach dem Guten zu streben und darin Jesus nachzufolgen. Wir können das, weil wir glauben dürfen, dass wir auf dem Weg in die zukünftige Stadt sind. Im Vertrauen auf Jesus Christus, der nicht so bleiben wollte, wie er war und der nicht alles beim Alten belassen wollte, können wir getrost sein und das Zukünftige suchen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer