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Gedanken zum Sonntag

20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zur Kirchturm- Einweihung am Vortag des Reformationsfestes, 30. Oktober 2022

 

Psalm 46, 2-12: Gott ist für uns eine starke Zuflucht. In höchster Not steht er uns bei. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Fundamente der Erde schwanken und die Berge mitten im Meer wanken. Sollen die Wellen doch toben und schäumen und die Berge vor seiner Majestät beben! Frisches Wasser strömt durch die Kanäle zur Freude der Menschen in Gottes Stadt. Dort hat der Höchste seine heilige Wohnung. Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie nicht wanken. Gott wird ihr helfen, wenn der Morgen anbricht! Völker toben, Königreiche wanken! Lässt Gott seine Donnerstimme erschallen, schwanken sogar die Fundamente der Erde: Der Herr der himmlischen Heere ist mit uns. Der Gott Jakobs ist für uns eine feste Burg. Kommt und schaut die Taten des Herrn! Er versetzt die Erde in Furcht und Schrecken. Auf der ganzen Welt macht er den Kriegen ein Ende. Den Bogen zerbricht er, den Speer zerschlägt er und Streitwagen verbrennt er mit Feuer. Hört auf zu kämpfen und erkennt: Ich bin Gott! Ich stehe über den Völkern, ich stehe über der Welt. Der Herr der himmlischen Heere ist mit uns. Der Gott Jakobs ist für uns eine feste Burg. 

 

Liebe Mitchristen!

 

„Ein feste Burg ist unser Gott.“ So dichtete Martin Luther in Anlehnung an Psalm 46 in seinem bekannten Kirchenlied. Haben sich die Übersetzer der Basisbibel vielleicht von diesem Kirchenlied inspirieren lassen, wenn sie den Psalm 46 mit den Worten enden lassen: „Der Gott Jakobs ist uns eine feste Burg“? Martin Luther selbst hat hier übersetzt: „Der Gott Jakobs ist unser Schutz.“ Und doch: „Ein feste Burg“ – das macht anschaulich, was mit „Der Gott Jakobs ist unser Schutz“ gemeint ist. Brauchen wir nicht alle solche Anschauungsobjekte? Hat der Glaube nicht doch auch etwas mit Architektur zu tun – damit, ob ein Gebäude eine „feste Burg“ ist, oder ob es ins Wanken gerät?

 

Im Kirchengemeinderat haben wir uns solche Fragen gestellt, als es um unseren Kirchturm ging. Steine sind vom Turm heruntergefallen im Winter 2019/ 2020. Die Natursteinfassade war porös. Innen im Turm war es dadurch nass, und das hat bei Frost Schäden verursacht. Damit niemand zu Schaden kommt durch herunterfallende Steine haben wir im Frühjahr 2020 ein Gerüst stellen lassen. Aber wie nun weiter? Es war klar: Das wird eine richtig teure Sanierungsmaßnahme; wenn wir den Turm erhalten wollen, braucht er eine neue Außenverkleidung. Aber wollen wir das überhaupt? Auch diese Frage haben wir uns im Kirchengemeinderat gestellt, ohne Denkverbote: Wollen wir für ein Gebäude so viel Geld ausgeben – 214.000 €? Ist es das wert? Wozu brauchen wir eigentlich einen Kirchturm; geht es nicht auch ohne?

 

„Ein feste Burg ist unser Gott“, heißt es in dem Lied von Martin Luther in Anlehnung an Psalm 46. Gott ist es, an dem wir uns festmachen sollen, nicht irgendein Gebäude, so sagen es uns diese Worte. Allein der Glaube. Allein die Bibel, unsere heilige Schrift. Allen Gottes Gnade, die er uns schenkt. Das allein zählt. So hat es Martin Luther auf den Punkt gebracht. Gott ist es, an dem wir uns festmachen sollen. Er ist unsere feste Burg. Er ist unsere starke Zuversicht. Diese Worte aus Psalm 46, dieses Kirchenlied, das Martin Luther daraus gedichtet hat, das alles sind Worte, die hineingesprochen sind in unsichere Zeiten – in Zeiten, in denen Vieles ins Wanken gekommen ist.

 

Wir schreiben das Jahr 702 vor Christus. Der assyrische Großkönig Sanherib greift Jerusalem an. Wie durch ein Wunder wird die Stadt gerettet. Der Angriff des feindlichen Aggressors aus dem großen Nachbarland misslingt. Aber die Bedrohung bleibt. Andere Gebiete hat dieser Aggressor seinem Großreich schon einverleibt. Im Nordreich Israel ist er mit seinen Truppen einmarschiert und hält das Land besetzt. Nur das Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem hat sich seine Eigenständigkeit bewahren können. Leben unter militärischer Bedrohung. Hilflos mit ansehen müssen, wie ganz in der Nähe Gebiete mit Gewalt besetzt werden, wie die dortige Bevölkerung missbraucht, gequält und getötet wird. Das alles kommt uns in der heutigen Zeit wieder erschreckend bekannt vor, Gott sei’s geklagt.

 

Aber der Psalm 46 hält trotzig dagegen: Gott ist unsere Zuflucht. Gott ist unsere feste Burg. Wenn auch alles um uns herum ins Wanken gerät – Gott ist da. Wir brauchen keine Angst zu haben. Wir dürfen fröhlich sein in unserer Stadt, an unserem Ort, an dem wir leben. Wir dürfen genießen, was es da an Schönem gibt: Brunnen und Wasserläufe, wie der Psalm sie beschreibt; die Gebäude und die Menschen, die sie mit Leben füllen. Ja, auch die Feste, die wir feiern. Denn Gott beschützt uns. Gott will, dass die Kriege aufhören, dass das Morden und Vergewaltigen ein Ende hat. Irgendwann wird es so weit sein. Dann wird Gott die Waffen alle kaputt machen. Irgendwann kommt sie, die Abrüstung. Irgendwann kommt das Frieden Schaffen ohne Waffen, von dem wir jetzt gerade nur träumen können. Ja, wir wollen nicht aufhören, davon zu träumen. Und wir wollen jetzt schon anfangen, diesen Traum zu leben. Wir wollen Zeichen setzen für eine friedlichere Welt – für eine Welt, in der Gott einen Platz hat.

 

Es wäre nicht das richtige Zeichen, unseren Kirchturm aufzugeben. So haben wir es im Kirchengemeinderat beschlossen. „Finger Gottes“ – so hat Marcel Proust die Kirchtürme genannt. Kirchtürme sind das Zeichen dafür, dass es etwa gibt, das höher ist als wir. Dafür, dass nicht wir Menschen das letzte Wort haben sollen. Sondern dass wir uns an Gott und seinem Willen orientieren sollen. Bei dieser Orientierung helfen uns die Kirchtürme – wie ein Finger, der nach oben zeigt: Zum Himmel, zu Gott. Traurig wäre es, wenn wir uns Wehingen ohne seine drei Kirchtürme vorstellen müssten. Und bedrückend still wäre es in Wehingen, wenn wir nicht immer wieder im Tageslauf den Klang der Kirchenglocken hören würden – einen Klang, der uns dazu einlädt, im Alltag innezuhalten und unsere Gedanken nach oben zu richten, hin zu Gott, dem wir alles verdanken, was wir haben und was wir sind.

 

Ja, es ist viel Geld, das wir für die Sanierung unseres Kirchturms in die Hand genommen haben. Aber viele Menschen haben uns dabei unterstützt und für unseren Kirchturm gespendet. Diesen Unterstützern möchte ich meinen ganz besonderen Dank aussprechen. Sie haben uns geholfen, diese finanzielle Herausforderung zu stemmen. Und sie haben uns gezeigt: Da sind viele Menschen – in unserer Kirchengemeinde und weit darüber hinaus – denen unser Kirchturm wichtig ist. Möge er auch weiterhin ein Zeichen dafür sein, dass Gott für uns da ist, dass Gott uns durch die Zeiten begleitet, durch die guten und durch die schwierigen. Denn auf Gott können wir uns verlassen. Gott ist unsere starke Zuflucht. Ein feste Burg ist unser Gott.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer