Predigt zum 3. Advent, 13. Dezember 2020


Lukas 1, 67-19: Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David – wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten – dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Liebe Mitchristen!
Zacharias singt ein Loblied auf Gott. Ausgerechnet Zacharias. Neun Monate lang war er stumm. Zacharias, der Priester im Tempel von Jerusalem, der immer ein gutes Wort wusste für alle, die dorthin zum Gebet kamen. Ihm hat es die Sprache verschlagen. Etwas Unvorhergesehenes war passiert. Etwas, womit er nicht klarkam. Seine Frau Elisabeth war schwanger, und das in ihrem hohen Alter. Der Engel sagte zu Zacharias: Fürchte dich nicht! Und er erzählte Zacharias, dass Gott große Pläne hat mit seinem ungeborenen Sohn: Johannes der Täufer, der Vorläufer von Jesus, dem Sohn Gottes. Fürchte dich nicht, sagt der Engel. Aber Zacharias fürchtet sich. Ängste und Zweifel nagen an ihm. Das verschlägt ihm die Sprache. Zacharias wird stumm. Neun Monate lang.
Neun Monate Corona. Hat es auch uns die Sprache verschlagen? Längst können wir das Wort „Corona“ nicht mehr hören, auch wenn es eigentlich nichts anderes bedeutet als Krone. In Schweden feiern sie heute das Luciafest. Weiß gekleidete Mädchen tragen Lichterkronen auf dem Kopf. Licht vertreibt die Dunkelheit. Das feiern sie dort am 13. Dezember, einem der dunkelsten Tage des Jahres. Kann man heute ein Fest feiern und singen vom Licht, das die Dunkelheit vertreibt? Kann man in diesem Jahr Weihnachten feiern? In welcher Form wird eine Feier möglich sein? Wer wird mit uns feiern? Werden wir zum Gottesdienst zusammenkommen? Und was ist mit denen, die allein sind? Fragen, die sich wie dunkle Schatten über unsere Seele legen. Ängste und Zweifel nagen an uns und lassen uns verstummen, machen uns sprachlos wie Zacharias. Aber Zacharias bleibt nicht sprachlos. Zacharias singt. Er singt ein Lied von der Erlösung. Er singt ein Lied vom Licht, das die Dunkelheit durchbricht. Er singt ein Lied von Gott, der seine Menschen nicht vergessen hat. Und Zacharias singt ein Lied auf seinen neugeborenen Sohn Johannes, der ein Prophet des Höchsten sein wird.
Zacharias – ich stelle ihn mir vor als einen glücklichen Vater, der sein winziges, neugeborenes Kind in den Armen hält. Ein Kind wie jedes andere. Rein äußerlich betrachtet spricht nichts dafür, dass gerade dieses Kind ein Prophet Gottes sein wird – der, der die Menschen hinweist auf Jesus, den Sohn Gottes. Aber Zacharias sieht mehr als das, was vor Augen liegt. Er sieht mit dem Herzen. Gott hat ihm dazu seinen Geist gegeben. Gottes Geist hat Zacharias das Herz geöffnet und den Mund. Die lange Zeit der Sprachlosigkeit ist vorbei. Auch wenn es noch lange dauern wird, auch wenn Zacharias es selbst gar nicht mehr erleben wird: An diesem Tag weiß Zacharias: Gott selber wird kommen. Klein und unscheinbar wird er kommen, in einem winzigen, neugeborenen Kind. Und rein äußerlich wird nichts, wirklich gar nichts dafürsprechen, dass dieses Kind Gottes Sohn ist. Denn dieses Kind wird kein Kind aus gutem Hause sein, so wie Johannes der Täufer, der Sohn von Zacharias, dem Priester am Tempel in Jerusalem. Dieses Kind wird in einem elenden Stall geboren werden, irgendwo unterwegs, unter katastrophalen Bedingungen. Und doch ist gerade dieses Kind Jesus Christus, Gottes Sohn, das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, auch an den dunkelsten Tagen des Jahres.
Denn Gott hat seine Menschen nicht vergessen. Auch nicht nach neun Monaten Pandemie. Auch nicht, wenn wir Weihnachten nicht so feiern können, wie wir es gewohnt sind. Weihnachten findet statt. Wir müssen nicht verstummen und sprachlos bleiben. In unseren Herzen und in unseren Häusern dürfen wir singen: Vom Licht, das die Dunkelheit vertreibt. Von Gott, der in einem kleinen Kind zu uns kommt und die dunklen Schatten von unserer Seele nimmt. Vom Kind in der Krippe, das unser Leben hell macht, auch in schwierigen Zeiten. Gott gebe uns seinen Heiligen Geist, der uns die Herzen und den Mund öffnet, dass wir uns auf Weihnachten freuen können. Denn an Weihnachten kommt Gott uns besuchen. Gott kommt an Weihnachten, egal wieviel Besuch wir sonst noch empfangen dürfen an diesem Festtag: „Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer