4. Advent, 20. Dezember 2020


Gottesdienst mal anders in einer besonderen Zeit


Der 4. Advent steht unter dem Zeichen der Freude.
Den Weg zur Krippe (Weihnachten) mit Freude vorbereiten! Wie kann eine frohe Botschaft in diesen besonderen Zeiten lauten? Wie passt es zusammen?

Diese Freude ist an diesen Sonntag tatsächlich im Wochenspruch zu spüren:
Freuet euch in dem Herrn allewege, abermals sage ich:
Freuet euch! Der Herr ist nahe! Philipper 4,4.5b (Luther 2017)

Im Philipperbrief stehen diese hoffnungsvollen Worte
Trotz Bedrängnis oder Krise oder Pandemie sich auf etwas Besonderes, wie auf das Kommen Gottes als Mensch freuen.

Wie auch im Psalm 126:
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und streuen ihren Samen
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.
Psalm 126 (EG 750)


Predigtgedanken zu Genesis 18, 1-5, 9-15, in der Form eines Tagebucheintrags

Liebes Tagebuch,

Heute ist der 20. Dezember 2020, eigentlich der 4. Advent. Eigentlich hätte heute der letzte Adventsgottesdienst vor dem Weihnachtfest stattfinden sollen. Wie es im Leben ist, kommt alles anders, als wir es uns gewünscht haben.
Heute findet in der Kirchengemeinde kein Gottesdienst statt. Lockdown auch für unsere Kirchengemeinde. Dann bleibe ich eben zuhause.
Es ist trotzdem ein komisches Gefühl. Wie soll der Lockdowm weihnachtliche Stimmung bringen? Was hat es überhaupt mit Weihnachten zu tun?
Darauf hin habe ich dann meine Bibel genommen und nach dem Predigttext geschaut. Da war ich schon erstaunt einen Text aus dem Alten Testament zu finden, nicht mal einen Text aus den Prophetenbüchern, was sonst vor Weihnachten üblich ist. Im Buch Genesis 18, 1-5 las ich dann:
„1Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast….“ (Luther 2017)

Was hat denn wohl Abraham mit dem 4. Advent eigentlich zu tun.  Erstaunlich finde ich es schon. Schaue ich tiefer in dem Text, entdecke ich, dass der HERR in Mamre (also Gott), Abraham besucht, während dessen er sich in der Mittagshitze im Schatten ausruht und seine Gedanken walten lässt. Abraham erhebt den Kopf und sieht drei Männer vor ihm stehen. Also drei Männer jetzt – vorher war es der HERR. Na gut, ich weiß, dass Gott, der HERR, seine Boten hat. Waren nun die drei Männer Engel!? Der Text erinnert mich an einem Bild Marc Chagall. Darauf hat der Maler die drei Männer als Engel dargestellt. Denn bekannterweise haben Engel Flügel. Chagall hat diese Flügel sogar sehr groß gemalt.  Auf dem Bild sitzen sie an einem Tisch, denn Abraham hat nach den Regeln der Gastfreundschaft gehandelt und den Gästen ein Essen vorbereiten lassen. Sogar ein gutes Essen: Ein zartes, junges Kalb ist dafür geschlachtet worden. Es klingt nach einem Festessen, wie wenn doch was zu feiern wäre! Ich wollte daraufhin wissen, was dann passierte:

„9Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!…“ (Luther 2017)

Auf einmal fragen die Männer doch nach Sara. Was soll denn mit ihr sein? Sie bleibt aber im Hintergrund. Marc Chagall zeichnet sie so am Bildrand, zurückgezogen – sie hält sich zurück, wie es sich für eine Frau damals gehört. Tatsächlich sprechen die Männer weiter mit Abraham und erzählen ihm, dass er in einem Jahr Nachwuchs bekommen wird, von seiner Frau Sara. Was mich jedoch wundert, ist, dass Sara in dem Moment hinter der Tür im Zelt stehen blieb. Ich wäre vermutlich vor Erstaunen in den Raum getreten, so wie ich mich kenne. Nein, sie bleibt an ihrem Platz und „lacht bei sich selbst“. Was mag sie wohl dabei gedacht haben? Ist es ein Lächeln des Staunens gewesen? Ein Lächeln, in dem doch noch eine leise Hoffnung steckt? Eine Hoffnung, die wahr werden könnte, denn an Gottes Verheißung soll man nicht zweifeln, oder? 
Eigentlich kann sie doch keine Kinder mehr bekommen. Obwohl die Situation des alten Ehepaares dagegenspricht, ist vielleicht doch eine Hoffnung in den Worten der drei Männern zu hören: “dann soll Sara, deine Frau einen Sohn haben.“
Sara bleibt ruhig, hinter der Tür, besonnen und dann, weiter im Text: 
„13Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.“ (Luther 2017)

Da kommt doch Gott selbst ins Spiel, denn der HERR fragt Abraham nach dem Grund des Lachens. Er weißt doch wie alt beide sind. Und überhaupt, wie hat er das leise Lachen gehört? Oder war es ihm klar, dass Sara sowieso nicht daran glaubt und darüber „lacht“? Und doch ist es eindeutig zu hören: Die Verheißung ist Gottes Verheißung. Warum daran zweifeln? Sara ist es jetzt vielleicht peinlich, dass der HERR ihr Lachen gehört hat. Wie halt so Menschen sind, leugnet sie es. Wer mag es schon ertappt zu werden und auch noch von Gott.
An dieser Stelle fällt mir Maria, die Mutter Jesu ein. Wie war es nochmal? Im Lukasevangelium wird berichtet, wie Maria Besuch des Engels Gabriel bekommt. Sie, die junge und unverheiratete Frau, „erschrak“, als er sie begrüßt. „Welch ein Gruß ist das“, denkt sie. War es ein Erschrecken oder ein Staunen? Ein Staunen wäre doch passend, nicht wahr? Denn sie, eine junge Frau wie viele andere aus dem Volk Israel, hat keine besondere Herkunft, die diese Form der Begrüßung berechtigt: „Der Engel sagt, „Sei gegrüßt, du Begnadete!“ Ein Staunen über unglaubliches geschieht – Ein Staunen über die Ankündigung einer Geburt, die unwahrscheinlich für ihre Augen erscheint.

Liebes Tagebuch, 
Marc Chagall hat diese Geschichte (schon wieder er, ich weiß!) – aber er hat diese Erzählung in einem Kirchenfenster dargestellt. In einem blauen Hintergrund à la Chagall steht Maria in einem gelben Schein verhüllt. Links von ihr, schwebt der Engel Gabriel auf sie zu. Was mich zum Staunen bei dem Bild bringt, ist, dass sie das Kind schon im Arm hat. Warum hat Marc Chagall das Kind Jesus bei der Ankündigung schon als geboren dargestellt?
Warum wird am 4. Advent die Erzählung Sara als Predigttext vorgeschlagen, wenn wir uns Weihnachten nähern, als der Tag, an dem wir Jesu Geburt gedenken und feiern? In der Tat, bei näherer Betrachtung könnte ich jetzt Sara und Maria nebeneinanderstellen. 
Zuerst ist es die Geschichte von zwei Frauen, die eine betagt, die andere noch jung und unverheiratet. Und dann geschieht beiden Ähnliches: Sie bekommen Besuch von Gott, in einer Engelgestalt oder wie bei Sara sind es drei Männer, die vor Abrahams Zelt stehen.
Und dann werden in beiden Geschichten Verheißungen offenbart. Verheißungen, die beide Frauen zum Staunen bringen, zum „Lachen“.
Das Erstaunliche ist, dass beide Frauen sich darauf einlassen. Sara fürchtet sich, denn der HERR steht vor ihr. Nach dem langen Weg, den sie mit Abraham gegangen ist und allem, was sie auf diesem Weg erlebt hat, hätte sie vielleicht nichts mehr zum Stauen gebracht. Sara nimmt doch die Verheißung ernst.
Und Maria stimmt dem Engel zu: „mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Es ist vermutlich der Grund, warum Marc Chagall das geborene Kind in seiner Darstellung Maria in die Arme legt.

Liebes Tagebuch, 
ich komme langsam zum Schluss. Aber an diesem 4. Advent 2020 ist alles aufregend. In einer Zeit, in der wir anders leben müssen, als wir es gewohnt waren: Die Weihnachtsgeschenke sind nicht alle besorgt worden, denn viele Läden haben zu – Die Großfamilie trifft sich nicht, wie es immer Tradition war – und „o du fröhliche“ wird zuhause im kleinen Kreis oder vor dem Bildschirm gesungen. Ja, aus dem Staunen kommen wir nicht raus.
Weihnachten anders feiern, denn sich ärgern bringt Verbitterung und Wut. Dies wiederum schließt die Herzen für Neues, für Überraschungen:
Was könnte es sein, was mich oder anderen Menschen zum Staunen bringen kann?
  • Einen Brief schreiben, sogar digital kann ich Briefmarken jetzt kaufen.
  • Jemanden anrufen, einen Freund, eine Freundin, die nicht besucht werden kann.
  • Den Nachbar, die Nachbarin besuchen, über dem Gartenzaum ihm oder ihr sagen, dass er/sie nicht allein ist.
Im Staunen Sara und Maria können wir erkennen, dass Gott für Überraschungen sorgt.

O liebes Tagebuch, es wäre doch schön, wenn wir wie Maria singen könnten: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.“ (Lk 2, 47), denn „Freuet euch in dem Herrn allewege, abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ Philipper 4,4.5b (Luther 2017)
Lachen und Staunen erlaubt!
Amen

Lachen und Staunen
Leere Gassen – leere Straßen
Lachen und Staunen
Mundschutz – freier Blick
Lachen und Staunen
Dunkle Straßen – ein Licht erscheint
Lachen und Staunen
Augen blinzeln – das Licht erstrahlt
Lachen und Staunen
Ein Wort – Worte des Trostes
Lachen und Staunen
Ein Wort – Worte des Vertrauens
Lachen und Staunen
Ein Kind wird geboren – Worte der Hoffnung
Lachen und Staunen
Augen auf – Ohren auf
Lachen und Staunen
Gott wird Mensch – Worte werden wahr
Jesus ist geboren
Lachen und Staunen

Sophie Heinzelmann, Prädikantin, 20.12.2020
Gottesdienst mal anders in einer besonderen Zeit