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Gedanken zum Sonntag

Trinitatis

Predigt zum Tag der Heiligen Dreifaltigkeit, 26. Mai 2024

Liebe Mitchristen!

Überall in unseren Ortschaften hängen jetzt bunte Wahlplakate. Ja, es ist unübersehbar: Die nächsten Wahlen stehen kurz bevor, im Großen wie im Kleinen. Im großen, internationalen Kontext dürfen wir das Europaparlament neu wählen. Im kleinen, lokalen Kontext hier vor Ort wählen wir den Gemeinderat und den Kreistag- und in Wehingen ein paar Wochen später auch noch den Bürgermeister. Machen Sie gerne von Ihrem Wahlrecht Gebrauch? Wissen Sie schon, wo Sie Ihre Kreuze setzen werden? Oder fällt Ihnen die Wahl schwer, und Sie wissen nicht, wem Sie Ihre Stimme geben sollen? Haben Sie das Wählen deswegen womöglich schon aufgegeben, und planen am Wahlsonntag zu Hause zu bleiben?

Es ist ja nicht selbstverständlich, dass wir in einem Land leben, in dem demokratische und freie Wahlen stattfinden. Unser Grundgesetz hatte diese Woche Geburtstag. 75 Jahre ist es geworden. So viele Jahre gibt es die Demokratie, in der wir leben. Demokratie ist kein Selbstläufer, sie muss erhalten und gepflegt werden. Unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier ermutigt uns deswegen: „Gehen Sie zur Wahl! Überlassen Sie Ihre Stimme nicht anderen. Denn: Wer nicht wählt, lässt nur andere über die Zukunft unseres Landes entscheiden. Darüber, wie es weitergeht bei Arbeit und Wirtschaft, Bildung und Gesundheit, Pflege und Alterssicherung, in der Flüchtlingspolitik und bei der Integration, bei innerer und äußerer Sicherheit, bei Klima und Umwelt. Vielleicht war nie so spürbar wie jetzt, dass es in Wahlen auch um die Zukunft der Demokratie und die Zukunft Europas geht.“

„Gehen Sie zur Wahl,“ sagt unser Bundespräsident. Das sagt sich leicht. Aber: Was soll ich wählen? Wie soll ich entscheiden? Woher soll ich wissen, was die Zukunft bringen wird und welche Richtungsentscheidung deswegen jetzt nötig ist? „In Jesus Christus hat Gott uns erwählt, bevor der Welt Grund gelegt worden ist,“ heißt es in der Bibel in Epheser 1,4. Gott hat sich für uns Menschen entschieden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar,“ heißt es in unserem Grundgesetz.

Jeder einzelne Mensch hat Würde und Wert, denn jeder Mensch ist ein Kind Gottes. Gott hat gewählt. Noch bevor ich das Licht der Welt erblickt habe, hat Gott mich erwählt. Ja, sogar schon bevor es die Welt überhaupt gab: „Bevor der Welt Grund gelegt worden ist.“ Gott hat gewählt. Gott hat diese Welt geschaffen, damit sie ein lebenswerter Raum ist für Mensch und Natur. Gott hat gewählt. Gott ist selbst ein Mensch geworden wie wir und hat hier auf der Erde gelebt: Jesus Christus ist am Kreuz für uns gestorben. So hat er uns die Erlösung geschenkt und uns frei gemacht von Sünde und Schuld- „auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“ (Epheser 1,10) Gott hat gewählt. Gott hat uns zu seinen Erben gemacht. Als Zeichen dafür hat er uns den Heiligen Geist gegeben- die Kraft, Gott zu loben und seine gute Botschaft weiterzusagen an andere Menschen. Die Kraft, sich dafür einzusetzen, dass wir unser Leben und unsere Welt so gestalten, wie es Gottes Wille entspricht. Denn alle Menschen sind Gottes Kinder.

Gott hat gewählt. Mich hat Gott gewählt. Ich bin wertvoll und wichtig für Gott. Weil Gott mich gewählt hat, deshalb kann ich auch wählen. Ich brauche mich nicht mehr in meinem stillen Kämmerlein zu verkriechen aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Ich brauche nicht am Wahlsonntag daheim zu bleiben, aus Sorge, dass ich meine Wahlentscheidung im Nachhinein bereuen könnte. Denn Gott hat mich gewählt. Mir hat er seine Welt als Erbe anvertraut. Mich hat er durch Jesus Christus erlöst. Mir hat er seinen Heiligen Geist gegeben.

Das, was ich in Gottes Welt zum Guten wenden kann, das soll ich tun. Manchmal kommt es mir wenig vor, was ich tun kann. Ein paar Kreuze auf einem Wahlzettel zum Beispiel- wen interessiert das schon? Und kann das wirklich so viel ändern? Aber jede Stimme zählt bei einer solchen Wahl. Das ist mir wertvoll und wichtig an unserer Demokratie. Und ja- auch im Kleinen kann ich viel bewirken; kann mich dafür einsetzen, dass Gottes schöne Welt bewohnbar bleibt für Mensch und Natur, auch für die kommenden Generationen. Ich kann mit meiner Stimme daran erinnern, dass bei Gott jedes Menschenleben zählt. Denn wir alle sind Gottes Kinder. Gott macht da keine Ausnahmen. Gott unterscheidet nicht danach, aus welchem Land wir kommen, welche Sprache wir sprechen, ob wir arm oder reich sind, ob uns die Gnade geschenkt wurde, in einem wohlhabenden Land geboren worden zu sein oder nicht.

Letztes Wochenende haben wir Pfingsten gefeiert. Beim ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag war für mich spürbar, wie Gott unter uns wirkt durch seinen Heiligen Geist. Es war ein friedliches, fröhliches und buntes Fest des Glaubens, das wir zusammen gefeiert haben. Unsere Unterschiede haben dabei nicht gestört, sondern waren eine Bereicherung. Schön war es, dass die Erfahrung machen durften: Wir sind viele! Auch bei der Vorbereitung und Organisation war dies spürbar: Viele Ideen, und viele Schultern, auf die sich die Organisationsaufgaben verteilen- das ist entlastend und bereichernd! Konfessionsgrenzen haben dabei keine Rolle gespielt. Auch Sprachgrenzen wurden durchlässiger. Wer kein perfektes Deutsch kann, kann eine andere Muttersprache. Schön und bereichernd war es, den Klang ganz unterschiedlicher Muttersprachen zu hören bei den Fürbitten. Mir hat dieser Pfingstmontag gezeigt, welche bunte Fülle an unterschiedlich geprägten Menschen Gott uns geschenkt hat, hier auf dem Heuberg. Und alle sind Gottes Kinder.

Gott hat gewählt: Uns, die Menschen hat Gott gewählt. Darum werde ich auch wählen gehen, wenn demnächst bei uns Wahl ist fürs Europaparlament, für den Gemeinderat und den Kreistag, und in Wehingen etwas später dann noch für den Bürgermeister. Ich werde wählen gehen und werde mich mit meiner Stimme dafür einsetzen, dass es in unserer Welt in Zukunft bunt, friedlich und menschlich zugeht. Dass Mensch und Natur in dieser Welt leben können, auch in kommenden Generationen. So wie es in unserem Grundgesetz heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich möchte, dass das auch in Zukunft so ist. Dass wir das im Blick behalten. Denn Gott hat gewählt. Uns Menschen hat er gewählt als seine Kinder.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer