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Gedanken zum Sonntag

Reminiszere

Predigt zum Sonntag Reminiszere, 25.02.2024

 

Liebe Mitchristen!

 

Menschen sind auf der Flucht. Es sind viele- junge und alte, Frauen, Männer und Kinder. Heruntergekommen sehen sie aus. Der lange Weg zehrt an ihren Kräften. Nur das Allernötigste konnte sie mitnehmen. Jeden Tag irgendwo halbwegs trinkbares Wasser zu finden, ist ein großes Problem. Die wenigen Lebensmittelvorräte, die sie mitnehmen konnten, sind längst aufgebraucht. Alles, was irgendwie essbar gemacht werden kann, wird als Lebensmittel verwertet- ja, auch Manches, das nicht wirklich essbar ist. Oft genug rebelliert der Magen dagegen. „Es geht nicht mehr,“ sagen diese Menschen. „Wir können nicht mehr.“

 

Die Bibel stellt uns diese Menschen vor Augen in 4. Mose 21,4-9. Es sind Menschen aus dem Volk Israel, die geflohen sind vor der brutalen Unterdrückung der Sklaverei, die sie in Ägypten erlebt haben. Jeden Tag leben sie von der Hand in den Mund. Jeden Tag denken sie, es könnte ihr letzter sein. Die Angst geht um: „Werden wir alle hier in der Wüste sterben?“ Jeden Tag wird die Hoffnung, ein Stückchen kleiner, dass diese Geschichte ein gutes Ende nehmen könnte.

 

Menschen sind auf der Flucht, werden verschleppt und vertrieben, sehen keine Lebensmöglichkeit mehr an ihrem angestammten Ort. Solche Menschen stehen mir vor Augen, auch in unserer Zeit: Verschleppte israelische Geiseln im Gazastreifen. Palästinenser, die vom Norden in den Süden des Gazastreifens geflohen und auch dort nicht in Sicherheit sind. Armenier, die aus ihrer Heimat Bergkarabach vertrieben wurden. Menschen aus der Ukraine. Seit zwei Jahren tobt dort nun schon ein grausamer Krieg. Ein trauriger Jahrestag.

 

Was bringt die Zukunft? Reicht das Essen? Wo bekommen wir sauberes Trinkwasser? Werden wir morgen überhaupt noch leben? So fragen diese Menschen. Lange haben sie durchgehalten. Aber irgendwann geht es eben nicht mehr. Irgendwann bleibt die Hoffnung auf der Strecke, und die Verzweiflung behält die Oberhand. Die Israeliten in unserem Bibeltext sind an diesem Punkt angekommen: „Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben hier in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.“ (4. Mose 21,5)

 

Warum das alles? Nicht nur ihrem Anführer Mose stellen die Israeliten diese Frage, sondern auch Gott. Warum Gott? Warum dieses ganze Elend? Warum lässt du das zu? Und warum setzt du sogar noch eins drauf und versprichst uns, dass irgendwann einmal alles gut wird, dass wir ins gelobte Land kommen- in ein Land, wo Milch und Honig fließt? Hier ist kein solches Land in Sicht- nur Wüste und Verzweiflung. Gott- warum lässt du das zu? So fragen wir auch heute. Warum so viele Kriege mit so vielen unschuldigen Opfern? Warum so viele Menschen auf der Flucht? Warum immer nur noch mehr Kriegsrhetorik, noch mehr Angst, noch mehr Waffen?

 

Und Gott? Was ist seine Antwort? „Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, das viele aus Israel starben.“ (4. Mose 21,6) Eine verstörende Antwort ist das. Gott hilft nicht in dieser Bibelgeschichte. Stattdessen kommt es nur noch schlimmer. Die Israeliten werden von giftigen Schlangen gebissen. Tödliches Gift. Viele Menschen sterben daran. Hat Gott sein Volk denn ganz vergessen?

 

Mich beeindruckt, wie die Israeliten in der Geschichte auf diese neue Katastrophe reagieren. „Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.“ (4. Mose 21,7) Ja, Not lehrt beten. Aber nicht immer. Viele werfen in der Not ihren Glauben über Bord. Nicht so die Israeliten. In dieser Krise besinnen sie sich darauf, auf wen sie wirklich angewiesen sind- auf Gott. Für jeden Schluck Wasser und jeden noch so mageren Bissen, mit dem sie ihren Magen füllen können. Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt o Gott, von dir. Wir danken dir dafür. So heißt es in einem bekannten Tischgebet. Bei uns sind die Tische in der Regel reich gedeckt. Es beeindruckt mich, wenn auch Menschen, bei denen nicht viel auf den Tisch kommt, dieses Gebet sprechen. Ja, alles, was wir haben, kommt von Gott. Nichts ist selbstverständlich. Nichts ist allein unser Verdienst. Wir sind angewiesen auf Gott. Menschen auf der Flucht spüren das in besonderer, existentieller Weise, wenn sie nicht wissen, wie sie am nächsten Tag ihre grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse erfüllen können. Aber auch wir anderen kommen immer wieder in Situationen, wo wir dieses Angewiesensein auf Gott ganz existentiell erfahren: In schwerer Krankheit oder in Lebensgefahr. Wenn wir um das Leben eines lieben Menschen bangen. Dann sind wir hilflos und wissen nicht weiter. Allein bei Gott können wir Trost und Halt finden.

 

Die durch die lange Wüstenwanderung zermürbten Israeliten besinnen sich durch die Giftschlangen- Katastrophe zurück auf Gott. Jetzt kann er allein noch helfen. Nur Gott allein kann diese Katastrophe abwenden und die Schlangen wieder verschwinden lassen. Aber wieder reagiert Gott in dieser Geschichte anders, als wir es erwarten und wünschen würden. Gott lässt die giftigen Schlangen nicht einfach verschwinden. Die Katastrophe bleibt da. Menschen werden weiterhin von Giftschlangen gebissen.

 

Gott nimmt das Böse und Lebensfeindliche nicht einfach weg- auch nicht die Kriege, Konflikte und Katastrophen in unserer Zeit. Was kann uns dann aber helfen? Wo ist Gott für uns zu finden in der Not? „Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“ (4. Mose 21,8-9)

 

Gott ist zu finden. Auch in der größten Not. Und Gott hilft- auch wenn er die Not nicht einfach wegnimmt. So erzählt es uns diese Bibelgeschichte. Gott beauftragt Mose damit, eine eherne Schlange anzufertigen- eine Schlange aus Metall, aus Bronze. Diese Schlange wird so hoch oben angebracht, dass jeder sie sehen kann. Aber warum sollte es helfen, eine Metallschlange anzuschauen, wenn man gerade von einer Giftschlange gebissen wurde? Mir hat dazu ein Gedanke von der Theologin Sabine Dreßler geholfen. Sie erklärt die Heilwirkung der ehernen Schlange so: „Genau dem, was Angst macht, was lebensgefährlich verletzt hat und bis heute weh tut – der Biss einer Schlange – soll damit begegnet werden, dass die Angegriffenen sich genau ansehen, was sie erlebt haben. Nur in der direkten – und schmerzhaften – Auseinandersetzung mit den Schlangen liegt die Chance zum Überleben, zum Neuanfang, zum Freiwerden. Aber um das Tier aus Bronze, das Heilmittel, sehen zu können, müssen die Gebissenen, Gebeugten und Gekrümmten, sich aufrichten und ihren Blick nach oben richten. Und darin kann schon der erste Schritt zum Heilwerden liegen. Denn ihr Aufblicken bedeutet ihr Am-Leben-Bleiben und eine Zukunft zu haben.“ Sabine Dreßler denkt dabei an traumatisierte Menschen – an die Armenier, die aus Bergkarabach vertrieben wurden und als Volk schon im Jahr 1915 einen Völkermord erlebt hatten. „Gewalterfahrungen werden auch durch das Nicht-Sagen-Können, das Schweigen vererbt,“ schreibt sie im Arbeitsmaterial der EKD für den Sonntag Reminiszere.

 

Ich denke, das können wir von der Geschichte mit der ehernen Schlange lernen: Dass wir nicht wegschauen. Dass wir nicht die Augen verschließen vor Elend und Krieg. Dass wir das Unrecht beim Namen nennen, denn nur so kann es überwunden werden. Was gibt uns heute die Kraft dazu, dies zu tun? Wir haben keine eherne Schlange, zu der wir aufschauen können. Aber wir haben das Kreuz, auf das wir schauen dürfen. Das Kreuz von Jesus Christus, der sein Leben gegeben hat für uns. Das Kreuz von Golgatha ist ein Zeichen des Todes und steht trotzdem für das Leben. Jesus Christus ist das Mittel gegen den Tod- das Gegenmittel gegen das Gift der Verzweiflung. Ich soll hinschauen auf das Kreuz und auf die Kreuze dieser Welt. So kann ich erkennen, dass ich zur Freiheit berufen bin. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe, das mir Orientierung gibt. Hier kann ich mich aufrichten lassen.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer