Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2021



Lukas 17, 5-6: Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Liebe Mitchristen!

Stellen Sie sich vor, das Unmögliche wäre auf einmal möglich. Da ist dieser große und tief verwurzelte Baum. Und ich sage: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer. Und es passiert so. Da sind tödliche Krankheiten und Pandemien. Und ich sage: Verschwindet für immer und kommt nie wieder. Und es passiert so. Da sind die leeren Hände der Hungernden mit ihren ausgemergelten Gesichtern. Und ich sage zu den leeren Händen: Füllt euch mit Essen im Überfluss. Und es passiert so. Zu den kaputten Beziehungen sage ich: Werdet wieder heil, und zu den begrabenen Hoffnungen: Steht wieder auf und seid lebendig! Und all das passiert. Schön wäre das. Viel zu schön, um wahr zu sein, sagen wir. 

Und dann wache ich also auf aus diesem schönen Traum und denken: „Was habe ich da nur für ein Zeug geträumt?“ Ich schüttle den Kopf über mich und meine Träume. Ich stehe auf und vergewissere mich: Hier ist die Wirklichkeit. Ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden, und der Boden unter meinen Füßen trägt mich. Die Uhr im Nebenzimmer tickt und geht richtig. Der Terminkalender zeigt mir, was heute zu tun ist, und auf dem Handy gehen die ersten Nachrichten ein. So mache ich mich an mein Tagwerk und wische den Traum weg, in dem alles Kopf stand. 

Aber manchmal ist es anders. Manchmal schaffe ich es, ein winziges Bisschen von diesem Traum in die Wirklichkeit hinüberzuretten –winzig klein, nicht größer als ein Senfkorn. Für einen winzigen Augenblick schaffe ich es, den Boden unter meinen Füßen auch mal loszulassen. Und meine Füße fangen an zu tanzen. Neue Wege öffnen sich. Für einen winzigen Augenblick schaffe ich es, das Ticken der Uhr auszublenden und mich von Terminkalender und Handy loszueisen. Und meine Gedanken werden frei. Neue Ideen keimen auf. Nur ein winzig kleiner Augenblick ist das, in dem der Vorhang sich öffnet und der Blick frei wird für ungeahnte Möglichkeiten. Nur ein ganz kurzer Moment, in dem die Stimmen in mir schweigen, die sonst immer sagen: „Das wird doch nie was. Da kann ja nicht funktionieren. Das ist doch absurd.“ Ein Moment, nicht größer als ein Senfkorn. Aber dieser winzige Augenblick kann ausreichen, um etwas zu verändern. Mein Leben kann sich ändern. Die Welt kann sich ändern. Das ist meine Überzeugung. Das ist mein Glaube. 

Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.“ Bei solchen Worten höre ich sie sofort wieder – meine inneren Stimmen, die mir sagen: „Das wird doch nie was. Da kann ja nicht funktionieren. Das ist doch absurd.“ Ja, es ist wirklich absurd, was Jesus da erzählt: Ein Maulbeerbaum, der sich ausreißt und ins Meer verpflanzt. Und dort im Meer kann er noch dazu gar nicht gedeihen. Ich stelle mir das bildlich vor, diesen fliegenden Maubeerbaum auf seinem Weg zum Meer. Dieses Bild hat etwas Surrealistisches. Ich muss an die Bilder von Salvador Dali denken. Dieser Maler hat zerlaufende Uhren gemalt oder Giraffen mit Schubladen im Hals. Traumbilder sind das, die Unbewusstes und Absurdes ins Bild setzen und so neue Perspektiven eröffnen. Nicht jeder kann mit solchen Bildern etwas anfangen. Erst recht gilt das für die Worte Jesu vom senfkornkleinen Glauben, der Bäume ausreißen und ins Meer verpflanzen kann. Was die Jünger wohl über diese Geschichte gedacht haben? „Stärke uns den Glauben!“ Das war ihre Bitte an Jesus. Und jetzt das! Ich stelle mir ihre ratlosen und enttäuschten Gesichter vor, während Jesus vom entwurzelten Maulbeerbaum und vom Meer redet. 

Und Jesus? Wie hat er diese Geschichte erzählt? Ich stelle mir vor, dass er sie nicht mit ernster Miene erzählt hat, sondern eher mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Ich stelle mri vor, dass Jesus sagen wollte: „Merkst du nicht die Komik, stell es dir doch vor: Ein Maulbeerbaum, der sich entwurzelt, über eine kopfschüttelnde Menschenmenge hinweg ins Meer fliegt, wo er sich neu einwurzelt.“ „Absurd!“, denken die Menschen. „Das darf doch nicht wahr sein! Worauf können wir dann noch bauen, wenn so etwas möglich ist? Wie können wir dann noch Boden unter den Füßen haben, auf dem wir stehen können?“ Das Surreale macht uns Angst. Es ist die Angst, keine Basis mehr zu haben, keine Fixpunkte im Leben – nichts, worauf man sich verlassen könnte. 

Vielleicht ist es ja das, was Jesus uns mit dieser Geschichte sagen will: Glaube ist genug da, auch bei euch, die ihr immer wieder zweifelt. Denn es braucht keinen ganz besonders großen oder starken Glauben. Vom Glauben braucht es nicht viel. Es reicht schon eine ganz geringe Menge – so viel wie ein Senfkorn. Denn der Glaube selber ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, diesem Glauben zu trauen, sich wirklich auf diesen Glauben einzulassen. Und nicht immer wieder auf die inneren Stimmen reinzufallen, die sagen: „Das wird doch nie was. Da kann ja nicht funktionieren. Das ist doch absurd.“ Das sind die Stimmen der Angst und der Sorge, die unser Leben einengen und einschränken. Glauben aber bedeutet Vertrauen auf das, was wir nicht sehen und was über unsere bisherigen Erfahrungen hinausgeht. Nur in diesem Vertrauen können wir neue, unerwartete Erfahrungen machen. Auch, wenn uns diese neuen Wege zunächst einmal absurd erscheinen, weil sie unseren bisherigen Erfahrungen widersprechen. 
Glauben, das bedeutet: Dass wir es wagen müssen, dem Absurden zu trauen, das nur im Traum geschieht, von dem wir aufwachen und denken: „Das ist absurd!“

Glauben bedeutet also als Leben aus dem, was absurd erscheint. Aber nicht nur Glauben, sondern auch Handeln. Die Jünger sollen den Baum ja auffordern, das Absurde zu tun. Sollen leben mit Hoffnungen, die keinen Anhalt an der Wirklichkeit haben, die andere mit Kopfschütteln hören und sagen: „Was für ein Spinner!“ 

Dieser Glaube ist winzig klein und unscheinbar wie ein Senfkorn. Aber auch das Kleine kann Großes bewirken: Wie ein Sandkorn im Auge, das mich die Augen reiben lässt. Wie Sand im Getriebe dieser Welt. So ist die Frage, die der Glaube an uns stellt: Ist das, was wir für machbar, wirklich die ganze Wirklichkeit? Geht da nicht noch mehr? Kann es nicht sein, dass es doch geht: Dass Frieden möglich wäre und die Hungrigen satt werden können? Dass sich auch mein Leben zum Guten wendet?  Und was mir misslungen ist, ist vielleicht doch ein Teil der Geschichte Gottes, und was ich nicht verstehe, trotzdem sinnvoll? 

„Absurd!“ denkt etwas in mir und schon ist er weg, der Glaube, klein wie ein Senfkorn –ich muss meine to-Dos abarbeiten, und essen müssen wir und einkaufen. Ja, einkaufen und keine Angst haben vor der Pandemie und leeren Regalen, nicht den Wagen vollpacken – und ich müsste den Menschen glauben, die mir versichern, dass die Versorgung weitergeht und auch die Butter wieder da sein wird, die heute aus war. Und, dass jene, die lange schon auf den Zusammenbruch dieses Landes wetten und sich vorbereiten, nicht die Macht bekommen und das Leben meiner Enkel nicht bestimmen werden. 

Nur glauben: Dass der Traum wirklicher sein könnte als alle Sorgen. Der Maulbeerbaum, der bis zu 12 Meter hoch werden kann, durch die Luft fliegt und sich einwurzelt im salzigen Meer und gedeiht und ich leben kann in einer Welt ohne Grund unter den Füßen. Und die Angst wäre weg, die Menschen laut schreien lässt und manchmal aggressiv macht.

Und ich sehe ihn vor mir, Jesus, wie er lächelt über seine ratlosen Freunde, die einem Bild nachsinnen, das sie nicht verstehen. Und der ein bisschen traurig ist, dass sie immer noch so wenig ihre Wirklichkeit hinter sich lassen können, um das Absurde zu wagen in ihrem Denken und Tun. Und denkt an die Träumer: Nelson Mandela, der jahrelange Haft überlebt, ohne sich an seinen Richtern zu rächen. Und an Johann Hinrich Wichern oder Mutter Teresa, die den Kampf aufnehmen, hinschauen in die dunklen Ecken einer Gesellschaft, ohne Geld und ohne Wegweisung. Und die Menschen, die nach Afrika gehen, um gegen die Dürre Mittel zu suchen und Pflanzen pflanzen, wo nichts wachsen kann, und die Jugendlichen, die die Welt verändern wollen, die nicht veränderbar ist. Die alle nicht sagen: Das ist doch absurd, da kann man doch nichts machen, sondern hingehen und das Absurde zu denken wagen.
Und ich spüre sein Lächeln auch über mich, traurig, und doch liebevoll, weil er mir zutraut, dass auch ich das Absurde glauben und tun und leben kann.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer