Predigt zu Pfingstsonntag, 23. Mai 2021

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Apg 2,1-11: Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Liebe Mitchristen!

Ein Haus braucht vier Wände und ein Dach, das weiß jedes Kind. Wenn das Haus an einer Seite oder nach oben hin offen ist, dann regnet es rein, dann ist man nicht geschützt vor Wind und Wetter. Trotzdem übt es auf Menschen eine große Faszination aus, Häuser zu bauen, die nach oben hin offen sind – so wie der Wolkenkratzer auf unserem Bild. Häuser, die sozusagen an die Wolken stoßen. Wo Erde und Himmel sich berühren. Das Haus in Jerusalem, in dem die Apostel nach Ostern immer zusammengekommen sind, war bestimmt keine solche architektonische Meisterleistung. Auch wenn es ein mehrstöckiges Haus war. In der Bibel lesen wir, dass der Versammlungsraum der Apostel im Obergeschoss war. Waren sie dort im Obergeschoss dem Himmel wirklich schon so nahe? 

Und es geschah ein Brausen wie von einem Sturm und erfüllte das ganze Haus, lesen wir in der Bibel. So erleben die Apostel das Kommen des Heiligen Geistes – wie ein Sturmwind, wie Feuerflammen. Eine umwerfende Erfahrung muss das gewesen sein. Die Apostel sind im oberen Stockwerk dieses Jerusalemer Stadthauses versammelt und machen diese Erfahrung. Aber das Kommen des Heiligen Geistes, das ist keine Erfahrung fürs stille Kämmerlein, irgendwo in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Ortsmitte. Himmel und Erde berühren sich in dieser Erfahrung. Aus diesem ganz gewöhnlichen Jerusalemer Stadthaus wird auf einmal ein offenes Haus: Das Haus wird offen zum Himmel, offen für Gott und seinen Heiligen Geist. Und das Haus wird auch offen zur Erde, zu den anderen Menschen, die dort in Jerusalem sind und feiern. Kommen diese Menschen zur Tür herein, als sie den Sturmwind hören und die feurigen Flammen sehen? Oder gehen die Apostel die Treppe herunter und durch die Tür hinaus aus diesem Haus, raus zu den Leuten? Die Bibel gibt uns keine Antwort auf diese Fragen. Es ist, als ob dieses Haus, in dem die Apostel sich befinden, auf einmal gar keine Rolle mehr spielt. Als ob die Türen und Wände, die Treppe und das Dach auf einmal ganz durchlässig geworden wären. Gottes Geist lässt sich nicht aufhalten durch Decke und Wände. Das alles ist nicht mehr wichtig. 

Wichtig ist: Die Apostel sind im Gespräch mit den Menschen. Sie predigen, wie es Gottes Geist ihnen eingibt. Sie predigen verständlich. Jeder kann verstehen, was die Apostel sagen. Jeder hört es in seiner eigenen Sprache. So berühren sich Himmel und Erde an diesem ersten Pfingstfest. Nichts trennt die Menschen mehr voneinander: Keine dicken Hauswände, keine verschlossenen Türen und auch keine Sprachbarrieren. Das Haus, in dem die Apostel sich versammelt hatten, öffnet sich. Und auch die Menschen, die die Predigt der Apostel hören, öffnen sich – offen zum Himmel, offen für Gott und seinen Heiligen Geist. Dreitausend Menschen lassen sich taufen, lesen wir in der Bibel. Ein eher unscheinbares Jerusalemer Stadthaus war der Ausgangspunkt dieses ersten Pfingstfestes. Denn Gottes Geist weht, wo er will. Er lässt sich nicht festhalten und herbeizwingen. 

Sich ganz auf Gott zu verlassen, und nicht allein auf menschliches Wissen und Können – das ist den Menschen schon immer schwergefallen. Welche Sicherheiten, welche schützenden Mauern brauchen wir wirklich? Ganz am Anfang erzählt die Bibel eine Geschichte von Menschen, die besonders hohe Mauern haben wollten für ihre Sicherheit. „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen! Denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.“ So sagen es sich die Menschen, und entscheiden sich für den Turmbau zu Babel. Und weiter erzählt die Bibel: „Da kam der Herr vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, den sie bauten.“ Ganz deutlich nicht ohne Ironie sagt uns die Bibel hier: Gott hat eine andere Perspektive auf das, was wir Menschen bauen. Gott muss da erstmal ein bisschen näher rangehen, damit er diesen scheinbar so großartigen Wolkenkratzer-Turm überhaupt richtig erkennen kann. Selbst wenn die obersten Stockwerke dieses großartigen Gebäudes manchmal von Wolken bedeckt sein mögen – Gottes Himmel ist das nicht, der hier die Erde berührt. Denn die Mauern und Wände, die hier hochgezogen werden, sind nicht nur aus Ziegelstein und Mörtel. Es sind die Mauern der Angst und der Abgrenzung. So entstehen daraus schließlich auch Mauern zwischen den Menschen. Und am Ende verstehen sich diese Menschen nicht mehr, die da gemeinsam am Turmbau zu Babel mitgearbeitet haben. Sie haben sich auseinandergelebt und haben sich nichts mehr zu sagen. Jeder spricht seine eigene Sprache. Eine Gegen-Geschichte zur Pfingstgeschichte ist diese Geschichte vom Turmbau zu Babel. 

Häuser, die zum Himmel hin offen sind, das müssen keine architektonischen Meisterleistungen sein, keine Wolkenkratzer wie auf unserem Bild. Denn selbst das großartigste Bauwerk, das Menschen sich erdenken können, kann nicht an Gottes Himmel reichen. Ein Haus braucht vier Wände und ein Dach, damit es nicht reinregnet, damit wir geschützt sind vor Wind und Wetter. Wenn es an Gottes Himmel heranreichen soll, dann sollte es ein offenes Haus sein – eines, in dem andere Menschen willkommen sind, eines, dessen Mauern nicht trennen, sondern schützen. Machen wir unsere Häuser und Kirchen zu solch einladenden Häusern- damit der Himmel die Erde berührt, auch bei uns!

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer