Predigt von Sonntag, 16. Mai 2021 (Exaudi)

Neulich im Gespräch draußen beim Spaziergang mit ein paar Bekannten der Hinweis an mich: Beten ist im Moment mega-out! Was soll das denn schon: Diese inneren Selbstgespräche? Die tun doch einfach nur deshalb gut, weil ich da das in Worte fasse, was mich bewegt – aber doch nicht, weil ich ernsthaft glaube, dass mir jemand zuhört. 
Szenenwechsel. Ich bin relativ oft in Ägypten unterwegs. Zur arabischen Kultur gehört es untrennbar dazu, dass man handelt – immer und überall. Abschätzig wird schnell mal gesagt: Man schachert um etwas. Genau so, wie Abraham damals mit Gott um die Menschen in Sodom geschachert hat. Sie erinnern sich vielleicht: Da kamen die drei Männer zu Abraham, um ihm zu sagen, dass Sarah, seine in die Tage gekommene Frau, einen Sohn bekommen wird. Danach wollten sie weiter nach Sodom, um die Stadt zu vernichten. Und Abraham bequatscht sie, handelt sie von ursprünglich 50 auf zehn Gerechte herunter, die in der Stadt wohnen müssten, damit die verschont wird. Er hat Erfolg. 
Letzter Szenenwechsel. Wenn ich draußen unterwegs bin, rede ich gern mit Gott – so wie Abraham. „Schachern Sie wieder mit Gott rum?“, fragte mich da neulich eine ältere Dame, der mein Verhalten etwas seltsam vorkam – sie traf mich scheinbar mit mir selbst redend auf dem Spaziergang. Ja: Ich schachere gerne mit Gott. Ich möchte, wie Abraham, auf Du und Du mit ihm umgehen. Abraham redet mit seinem Gott wie mit einem menschlichen Gegenüber. Und Gott lässt sich auf ihn ein. Die Bibel sagt: Wie ein Vater oder eine Mutter. „Hat Ihr Schachern mit Gott wenigstens Erfolg?“, fragte mich die Frau. Und ich habe gesagt: „Erstaunlicherweise antwortet er oft. Und oft muss ich auch lachen. Aber ich gestehe: Sehr oft spüre ich Gott auch gar nicht. Ich weiß oft nicht, was und wie ich beten soll – und das, obwohl ich schon so tolle Erfahrungen mit Gott machen durfte!

Was heißt denn „Beten“ eigentlich? Für mich heißt
Beten: Das ganze Leben vor Gott zur Sprache bringen.
Ich verlerne leider immer wieder, was ich von den Menschen in der Bibel gelernt habe – oder ich lasse es durch anderes überlagern. Aber ganz grundsätzlich geht es in der Bibel immer darum: Beten ist, sein ganzes Sein und Leben vor Gott zur Sprache bringen. Loben, klagen, fragen, bitten, danken, toben: die Psalmen zeigen uns, wie das geht – und dass Gott keine unserer Gefühlsregungen fremd ist. 
Das heißt doch für uns heute nichts anderes, als dass es recht ist, in jeder Weise mit Gott zu reden. Es ist richtig, ihm alle unsere Wut zu sagen, alles Nichtverstehen. Auch allen Hass, wie es uns die Beter der Rachepsalmen vormachen. Sie leben ihren Hass nicht aus, sondern sie schleudern ihn betend Gott entgegen, der ihn verwandeln kann. 
Ein jüdischer Gelehrter hat das Hauptziel des Betens so formuliert: „Gott zu bewegen, ihn an unserem Leben Anteil nehmen zu lassen und uns zu bewegen, an ihm Anteil zu nehmen.“ Eine tolle Definition. Gebet ist dann nämlich ein inneres Einverständnis mit Gott. Und bitten heißt nichts anderes als Gott unsere Anliegen fühlen zu lassen. 
Beten, das heißt, das ganze Leben vor Gott zur Sprache zu bringen: Jesus hat das während seines ganzen Lebens getan. Vor allem das Lukasevangelium weist immer wieder darauf hin, dass es das Gebet ist, aus dem heraus Jesus handeln kann. Aus dem Gebet bekommt er seine Kraft. Aus dem Gebet heraus kann Jesus von Gott erzählen. Er drückt damit aus, wenn es ihm gut geht und wenn es ihm schlecht geht. Und er macht mit seinem Gebet seine Hingabe an seinen himmlischen Vater und an die Menschen deutlich. Selbst im Tod betet er sich Gott entgegen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus kennt die Abgründe des Betens und was es heißt, sein Leben vor Gott zur Sprache zu bringen – auch die tiefsten Tiefen eines Lebens. Und genau deshalb können wir uns ihm auch anvertrauen – darum bringt er denen, die zu ihm gehören, im Vaterunser von Grund auf das Beten bei. 
Schachern Sie wieder mit Gott“ – ich gebe zu, das tue ich gerne. Und mit dem Vaterunser geht das auch wirklich gut. Es fasst das Wesentlichste der Beziehung von uns Menschen zu Gott und von uns Menschen untereinander zusammen und bringt es auf den Punkt.  
Das Vaterunser war und ist schon immer das Erkennungszeichen von Christen – also von den Menschen, die zu Gott „Vater“ sagen. Jesus sagt uns, dass wir Gott „abba“ nennen dürfen – die aramäische Variante von unserem „Papa“. Manche Menschen haben schlechte Erfahrungen mit Vätern. Aber jeder von uns hat doch eine Vorstellung davon, was und wie ein guter Vater sein soll. Und genau dieser Vater will Gott für uns sein. 
Wenn wir dann beten, dass Gottes Name geheiligt werden soll und dass sein Reich kommen soll, dann bitten wir darum, dass Gott hier auf der Erde wirkt. Dass er wirkt als einer, der nicht von dieser Welt ist – und der genau deshalb weiß, wie unsere Welt am besten ist. Denn Gott herrscht nicht wie die Mächtigen unserer Welt, die sich auf Kosten anderer groß machen. Gott hebt das nach oben, was beschädigt und krank ist – das, was nicht mehr leben kann. 
Unser tägliches Brot gib uns heute – und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Das heißt: Gott handelt ganz konkret an uns – und wir dürfen ihn ganz konkret um das bitten, was wir für den nächsten Tag brauchen. Genügend Nahrung ist ja bei uns heute selten ein Problem – aber vielleicht das tägliche Brot der halben Stunde Ruhe zwischen all dem Stress. Das tägliche Brot des guten Wortes, das uns in einer schwierigen Situation wieder aufrichtet und uns den Blick nach vorne frei macht. Egal, was wir brauchen – wir dürfen es vor Gott legen. Und damit eben auch ganz besonders das, war wir in jedem Fall nötig haben: Die Vergebung unserer Schuld. Es tut mir gut, dass ich alles Schlechte abgeben kann bei Gott. Dass er es mir vergeben will. Das gibt mir die Freiheit, auch anderen zu vergeben, wenn sie mir etwas angetan haben. Ist Ihnen das schon aufgefallen: Das ist das einzige, was wir als Beter dieses Gebets tun müssen: Anderen zu vergeben. Und das nur, weil Gott uns schon vergeben hat. 
Dass es Versuchungen im Leben gibt, darum macht das Vaterunser keinen Bogen. Das erleben wir immer wieder. „Und führe mich nicht in Versuchung“ – das beten wir und trotzdem passiert es immer wieder. Handelt Gott da nicht? Mir gefällt an dieser Stelle die andere mögliche Übersetzung dieses Satzes: „Und führe mich in der Versuchung“. Bring mich gar nicht erst hinein, Gott. Greif du ein, bevor etwas auf der Kippe steht, was mir, meiner Beziehung zu dir oder den anderen Menschen schadet. Und wenn es schon zu spät ist, dann hilf mir bitte wieder unbeschadet heraus! Zeig mir, wie ich wieder auf den richtigen Weg komme!
Und dann endet das Gebet mit einem Anbetungsteil. „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit!“ – Wahnsinn, dass dieser Gott sich mit uns abgibt!

Schacherst du wieder mit Gott“ – wenn Sie das am besten im Kopfstand können – dann tun Sie es. „Schacherst du wieder mit Gott“ – wenn Sie das zu einer bestimmten Zeit tun wollen – dann tun Sie es. „Schacherst du wieder mit Gott“ – wenn da die Bitten überwiegen – dann beten Sie so. Hauptsache, Sie beten ehrlich. Hauptsache, Sie bringen das vor Gott, was Sie bewegt. Hauptsache, Sie trauen ihm zu, dass genau er an Ihrer Situation etwas ändern kann. Hauptsache, Sie sprechen mit ihm wie mit dem besten Vater der Welt. Hauptsache, Sie nehmen ihn ernst!

Pfarrer Markus Arnold