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Gedanken zum Sonntag

Predigt zum Sonntag Sexagesimä, 7. Februar 2021

Lukas 8, 4-8a+11-15: Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach Jesus durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

Liebe Mitchristen!

„Es ist frustrierend, so ins Leere zu sprechen.“ So erlebt es eine Lehrerin, die in diesen Tagen ihre Schüler nur per Videokonferenz unterrichten kann. Sie kann ihre Schüler auf ihrem Bildschirm nicht sehen. Die Kameras sind ausgeschaltet. Vielleicht möchten diese Jugendlichen nicht zu viel von sich preisgeben: Wie es in ihrem Zimmer aussieht oder am Küchentisch, an dem sie gerade sitzen. Vielleicht geht es auch einfach nicht anders, weil es die Internetverbindung überlasten würde, wenn alle die Kameras anmachen. 

Ich kann mich gut in diese Lehrerin hineinversetzen. Immer wieder geht es mir auch so, dass ich ins Leere spreche. Den Konfirmandenunterricht halte ich aus meinem Arbeitszimmer. Auf dem Bildschirm erscheinen die Namen meiner Konfirmanden, der eine oder die andere zeigt sich auch im Bild. Was kommt an von dem, was ich sage? Und wie ist es jetzt, hier bei unserem Gottesdienst, den wir auf Youtube miteinander feiern? Was kommt bei Ihnen an, wenn Sie diesen Gottesdienst mitfeiern – vor dem Bildschirm im heimischen Wohnzimmer oder beim Nachlesen dieser Predigt? Ich kann ihre Reaktionen nicht an Ihren Gesichtern ablesen wie sonst, wenn Sie in den Kirchenbänken sitzen. Die Bänke unserer Kirche sind leer. Nur unser kleines Vorbereitungsteam ist da. So stehe ich hier auf der Kanzel unserer Kirche und spreche ins Leere. Eine neue, eine befremdliche Erfahrung ist das für mich und für uns alle. So kannten wir das sonst nicht. Und doch: So ganz neu ist das auch nicht. Denn so genau kann ich es ja nie wissen, was bei meinem Gegenüber ankommt von dem, was ich sage. Auch Jesus kennt diese Erfahrung. Jesus erzählt eine Geschichte dazu: 

Ein Sämann steht draußen auf dem Acker und sät den Samen aus. Er sät sozusagen ins Leere. Er sät so, wie wenn er bei der Videokonferenz die Kamera nicht angeschaltet hätte. Oder noch extremer: Er sät, wie wenn er die Augen verbunden hätte. Er sät und sieht nicht, wo das ankommt, was er da sät. Und so kommt es, dass er seinen Samen auch dorthin streut, wo eigentlich nichts dabei herauskommen kann: Auf den Weg, auf den Felsboden und mitten ins Dornengestrüpp. Warum macht dieser Sämann das so? Ist das nicht reinste Verschwendung? Sollte der mit dem wertvollen Saatgut nicht sparsamer umgehen? Er muss doch wissen, dass da auf dem Fels nichts wachsen kann, dass die Körner auf dem Weg nur zertreten werden und das das Unkraut sowieso alles andere im Keim ersticken wird. Kein Landwirt würde sein Feld so einsäen, so unwirtschaftlich, so verschwenderisch. Aber dieser Sämann sät so. Er hat keine wirtschaftliche Kosten- Nutzen-Rechnung aufgestellt. 

Dieser Sämann ist kein Landwirt, eher ein Lebenskünstler. Einer, der dem Leben nachspürt. Einer, der das Leben feiert. Dieser Sämann genießt die Frische des Frühlingsmorgens und das Gefühl der trockenen und warmen Körner in seiner Hand. Mit Schwung streut er seinen Samen über das Land. Er hat Freude an dieser Bewegung: Wie sein Arm weit ausholt. Wie die Körner wie Tropfen zu Boden fallen. Er genießt die Landschaft, in die er den Samen wirft. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit nimmt er sie wahr: Guter Ackerboden, Felsblöcke, Dornengestrüpp und dazwischen der Weg, der das alles miteinander verbindet. Vielgestaltig ist die Landschaft, in die der Sämann seinen Samen wirft. Und das darf so sein. Es wird keine eintönige Monokultur entstehen, wo er gesät hat. Da sind die Felsen in ihrer bizarren Schönheit. Die Vögel finden Nahrung. Und die dornigen Wildpflanzen sind hier nicht vom Aussterben bedroht, sondern können Blüten und Samen bilden. Ja, der Ertrag bei der Ernte wird nicht so hoch ausfallen. Aber es wird genug da sein. 

Jesus erzählt von diesem Sämann, von diesem besonderen Landwirt, der ein Lebenskünstler ist. Einer, der das Leben will. Gott ist es, der diesen Samen aussät. Gottes Liebe gilt uns allen. Verschwenderisch streut Gott seine Liebe aus in unserer Welt. Was davon kommt an? Kommt Gottes Liebe bei den Konfirmanden an, wenn ich in meinem Arbeitszimmer vor dem Bildschirm sitze und mit der Konfirmandengruppe Unterricht halte? Kommt Gottes Liebe bei Ihnen an, wenn Sie diese Predigt im Nachhinein anschauen oder nachlesen? 

Unser Leben gleicht nicht immer nur dem guten Ackerboden, der den hundertfachen Ertrag abwirft. Manchmal gerät die Botschaft von Gottes Liebe unter die Räder auf dem Weg unseres Lebens. Manchmal ersticken die Sorgen um die Zukunft das Vertrauen auf Gottes Liebe in uns wie ein Dornengestrüpp. Manchmal beißt die Botschaft von Gottes Liebe bei uns auf Granit, und wir sind innerlich wie versteinert. Aber Gottes Liebe bleibt. Gottes gute Saat geht auf. Ja, sie bringt sogar hundertfachen Ertrag. Ganz unverhofft und unerwartet. Ja, auch dann, wenn mein Leben nicht immer dieser gute Ackerboden ist. Auch dann, wenn da gerade eher die Stolpersteine und die Dornen im Vordergrund sind in meinem Leben. Gott sät seinen Samen auch dorthin. Er sagt nicht: Hier ist Hopfen und Malz verloren! 

Gott ist ein Sämann, der seine Liebe mit vollen Händen austeilt. Auch in meinem Leben ist Platz für Gottes Liebe. Auch in meinem Herzen kann dieses Samenkorn aufgehen: Vertrauen in Gott, der alles zu einem guten Ende bringen wird. Gott ist für mich da. Gerade auch jetzt, wenn ich manchmal ins Leere spreche und nicht weiß, was bei meinem fernen Gegenüber ankommt. Manches kommt anders, als ich es erwarte. Aber ich darf darauf vertrauen: Gottes gute Saat geht auf. Ja, manchmal wächst seine Liebe sogar da, wo ich es nicht erwarte: In den Felsritzen und zwischen den Dornen meines Lebens. Haben Sie das auch schon erleben dürfen? Erzählen wir uns davon, auch wenn wir uns nicht persönlich begegnen können! Denn Gottes Liebe trägt uns auch durch diese Zeit. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer