Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10. Januar 2020


Römer 12, 1-8: Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Liebe Mitchristen!

Wir feiern Gottesdienst – jeder und jede an seinem und ihrem Ort, bei sich zuhause, nicht zusammen in der Kirche. Ein vernünftiger Gottesdienst ist das, wenn wir so feiern und dadurch das Infektionsrisiko minimieren. Aber ist das dann überhaupt noch ein Gottesdienst? Gehört zum Gottesdienst nicht dazu, dass wir uns leibhaftig begegnen, dass wir körperlich anwesend sind und in Kontakt miteinander kommen? Was wird aus unserer Gemeinde, wenn solche Begegnungen fehlen? Wie können wir unter diesen Bedingungen Gemeinschaft erleben und die christliche Botschaft von Gottes Liebe mit Leben erfüllen? Der Apostel Paulus konnte auch nicht immer leibhaftig anwesend sein in den christlichen Gemeinden, die er betreut hat. Dazu war das Gebiet zu groß, in dem er als Missionar tätig war. Aber er hat einen Weg gefunden, um mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Er hat Briefe geschrieben. Manchmal sogar an Gemeinden, die er gar nicht persönlich kannte, so wie die Gemeinde in Rom. Vielleicht ist das so ähnlich, wie wenn wir einen Gottesdienst auf Youtube hochladen und damit auch Menschen erreichen, die wir gar nicht kennen. Eine andere Art von Gottesdienst ist das, eine, die für uns ungewohnt ist, und bei der wir die persönliche Begegnung vermissen. Aber es ist eben auch Gottesdienst. Es gibt viele Arten von Gottesdienst. 

Es gibt viele Wege, wie die christliche Botschaft von Gottes Liebe zu den Menschen kommt. Darüber schreibt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Er schreibt darüber, was aus seiner Sicht ein vernünftiger Gottesdienst ist: „Dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei.“ Hingabe gehört zu einem vernünftigen Gottesdienst dazu, egal wie und wo er gefeiert wird. Dass wir ganz dabei sind bei dieser Feier, aus vollem Herzen mitbeten und aus voller Kehle mitsingen. Dann sind wir ganz mit dabei, auch mit unserem Körper, mit unserer Stimme. Wie wertvoll das ist, dass wir beim Gottesdienst auch unsere Stimme erheben dürfen und mitsingen, das wissen wir erst, seitdem wir in unseren Gottesdiensten notgedrungen auf das gemeinsame Singen verzichten, damit niemand sich dabei ansteckt. Und wie wertvoll es ist, wenn wir uns nach dem Gottesdienst zum Abschied die Hand geben oder uns umarmen können, das wissen wir auch erst, seitdem wir aus Liebe daraus verzichten, damit niemand krank wird. Wie werden wir uns freuen, wenn wir das alles wieder unbeschwert tun können, wenn diese Pandemie ein Ende hat! Aber noch ist es nicht so weit. Noch brauchen wir Geduld und die Vernunft, zu der uns der Apostel Paulus in unserem Predigttext ermutigt. Prüfen sollen wir, „was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ 

Ich könnte mir denken, der Apostel Paulus hat es auch manchmal schmerzlich vermisst, dass er nicht leibhaftig anwesend sein konnte in den Gemeinden, die ihm so wichtig waren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er so viel über den Leib geschrieben hat in seinen Briefen. Leibhaftig und mit allen Sinnen – so haben die Menschen auch zu seiner Zeit in ihren Gemeinden ihre Gottesdienste gefeiert. 

Unser Körper gehört dazu, wenn wir Gottesdienst feiern. Ja, auch dann, wenn wir nicht leibhaftig anwesend sein können in unserer Kirche. Eine Frau aus unserer Gemeinde hat mir erzählt, wie sie den Fernsehgottesdienst bei sich daheim mitfeiert. Zuerst richtet sie sich zuhause einen gottesdienstlichen Platz ein. Sie zündet Kerzen an. Sie holt ihr Gesangbuch. Bei den Liedern singt sie laut mit, und beim Beten steht sie auf. Mich hat das beeindruckt, wie diese Frau mit aller Hingabe und mit ihrem ganzen Körper den Gottesdienst mitfeiert, zuhause in ihrem Wohnzimmer. 

Und auch wenn wir uns nicht leibhaftig begegnen, heute beim Gottesdienst in unserer Kirche, wir sind und bleiben miteinander verbunden. Auch wenn wir uns nicht körperlich spüren wie sonst im Händedruck unseres Gegenübers, als Gemeinde Jesu Christi sind wir ein Leib, wie Paulus das sagt. In Jesus Christus sind wir alle miteinander verbunden, so wie Gliedmaßen an einem Körper. Ein Bild, aus dem eine unglaubliche Nähe spricht – näher geht es gar nicht mehr. Gerade weil Paulus weit weg ist und mit seinen Gemeinden nur durch Briefe in Kontakt bleiben kann, ist ihm dieses Bild so wichtig und so wertvoll: „Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied.“ Wir bleiben verbunden. Wir hängen zusammen als Gemeinde. Nur zusammen sind wir als Gemeinde überlebensfähig. Jeder und Jede von uns trägt seinen und ihren Teil dazu bei. Und gerade in der jetzigen, so schwierigen Zeit, entdecken wir immer neue Begabungen in unserer Gemeinde. Denn Gottesdienst ist nicht nur, wenn wir sonntagmorgens in unserer Kirche zusammenkommen. Gottesdienst ist überall da, wo Menschen dort, wo sie sind einen Abglanz von Gottes Reich geben. Feiern wir also unser Leben als Gottesdienst. Und loben wir Gott mit unseren Liedern und Gebeten, genauso wie mit unseren Taten – mit Freude und Hingabe, aus vollen Herzen und voller Überzeugung. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer