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Gedanken zum Sonntag

2. Sonntag nach Weihnachten

2. Sonntag nach Weihnachten – 03. Januar 2021

Gottesdienst mal anders in einer besonderen Zeit

Das neue Jahr hat begonnen. Vielleicht haben Sie sich auch für dieses neue Jahr gute Vorsätze vorgenommen. Ja, der Wunsch nach Veränderung nach dem „komischen“ Jahr 2020 ist groß
  • Endlich mal wieder frei verreisen 
– endlich mal wieder Freunde besuchen
– endlich wieder mal aus voller Kehle singen 
Und noch mehr, oder?

Der Wochenspruch zum Beginn des neuen Jahres strahlt noch das Licht von Weihnachten aus– das Licht, das das Kind in unserem Leben ausstrahlen möchte:
„Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“. Joh 1, 14b


Wie auch im Psalm 100:
Jauchzet dem Herrn, alle Welt!
Dienet dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennet, dass der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst
zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben;
danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig
und seine Wahrheit für und für.
Psalm 100 (EG 740)


Denkimpulse zur Jahreslosung 2021

BARMHERZIGKEIT!

Was ist denn eine Jahreslosung?

Die Jahreslosung wird alle vier Jahre von der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt. Dabei wird in den Blick genommen, dass der Bibelvers in einer knappen Formulierung Hoffnung und Trost ausdrückt und zum Nachdenken bringt.

Wie heißt denn die Losung für das Jahr 2021?

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lukas 6, 36

Das erste was auffällt, ist dieses Wort, das zweimal verwendet wird: barmherzig.
Zweitens stelle ich fest, dass dieser Vers doch wie eine Aufforderung klingt!

Woher stammt dieses Wort?
Zuerst sind mit „barmherzig“ verwandt Barmherzigkeit, Herz und arm. Wenn ich in der französischen und englischen Bibel schaue, entdecke ich an der Stelle die Worte „miséricordieux“ auf Französisch und „mercifull“ auf Englisch.
Beide Begriffe stammen aus dem lateinischen:
„cor“ = coeur = Herz und miseria= Not, Unglück.
Das deutsche Wort hat seine Abstammung im Althochdeutsch und wird zusammengesetzt aus „arm“ (unglücklich und später das Gegenteil von Reich bedeutend) und aus „Herz“, in dem Fall als Ort der Gefühle, der Empfindungen. 
Dennoch wird doch die Redewendung „barmherzig sein“ gebraucht im Zusammenhang mit einer Autoritätsperson, die seinen Untertanen vergibt, gnädig ist, wie unter anderem in einem bekannten Gleichnis, Schulden erlassen werden (Mt 18, 21-35). 

In dem Zusammenhang fallen mir zwei Einrichtungen ein, deren Namen mit der Jahreslosung zusammenhängen.
Es ist gar nicht so lange her, dass auf dem Heuberg Ordensschwestern in den Kindergärten oder bei der Sozialstation tätig waren.
Vielleicht hilft es zurückzuschauen, woher der Orden stammt und warum der Orden so heißt, wie er heißt.
Ich nehme Sie kurz und bündig mit in die französische Geschichte des 16. Jhdt.:  In Frankreich herrschen die Monarchie und eine große Spannung zwischen Katholiken und Protestanten. Es ist eine Zeit der Religionskriege, die 1598 mit dem Edikt von Nantes ein wenig zur Ruhe kommt. Kriege und Pest haben die Bevölkerung in großen Teilen zur Armut geführt.
Vinzenz von Paul (Vincent Depaul) ist 1581 im Südwesten Frankreichs geboren bei Pouy heute St. Vincent de Paul, in les Landes. Er wächst auf dem Bauernhof seiner Eltern in einer katholischen Familie in einer Region, in der damals die Konfrontation zwischen Katholiken und Evangelischen zu spüren ist, auf. 1600 wird er zum Priester geweiht und mit 19 Jahren Gemeindepfarrer. Die folgenden Jahre sind durch wechselnde Arbeitsplätze, bis hin zum Hauslehrer geprägt. Und was ihm doch sehr beschäftigt hat, war die Frage, wie die Nachfolge Jesu aussehen solle. Was sollte er dafür und dazu beitragen?
Schließlich wurden aus seiner Berufung Taten: nicht nur Menschen die frohe Botschaft bringen, sondern sie auch in ihrer Not begleiten: Ihren Hunger und Krankheiten lindern. 1633 wurde schließlich die Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern gegründet (compagnie des Filles de la Charité). Dieser Orden hatte und hat heute noch so zu sagen, ihr Kloster auf der Straße, mitten im Leben der Menschen.
Über Strasburg kam der Orden nach Deutschland. In der Region ist uns das Mutterhaus in Untermarchtal mit unterschiedlichen Einrichtungen im Raum Rottweil und Balingen bekannt.

Das Wort „charité“ ist mir in den letzten Monaten im Zusammenhang mit der Pandemie öfters über dem Weg gelaufen!
Was heute zum Universitätsklinikum in Berlin gehört hat mal mit anderen Absichten angefangen. 
Also gehen wir auf das Jahr 1710 in Berlin zurück. Die Pest wütet in Osteuropa. Präventiv lässt der König Friedrich I in Preußen ein sogenanntes Pesthaus vor den Toren Berlin herrichten. Die Pest bleibt dieses Mal der Stadt fern. Aus dem Pesthaus wird ein Hospiz für verarmte alte Menschen, für uneheliche Schwangere und für Bettler. Später ist aus dem Hospiz ein Lazarett und ein Hospital geworden, bis hin zu dem heutigen Universitätsklinikum.

Interessant jedoch ist der Name des Krankenhauses. „Charité“ stammt wieder mal aus dem Lateinischen „caritas“, Nächstenliebe – Dienst an den Menschen in der Not. 
Wie stehen Caritas und Barmherzigkeit zueinander? Wie passen diese Einrichtungen zu der Jahreslosung?
Ob mit „Charité“ oder „Barmherzigkeit“ geht es in beiden Fällen darum, die Not der Menschen auf Grund der Nächstenliebe zu lindern. Menschen werden begleitet, ob im Kindergarten, im Krankenhaus, in der Beratungsstelle – mit dem Ziel ihnen Hoffnung auf eine besseres leben zu schenken oder die Not zu lindern, um das Leben lebenswerter zu gestaltet.

Ist damit der erste Teil der Losung geklärt?
„Seid barmherzig“ den Kranken, den Armen, der Traurigen, den Hungernden gegenüber, um ein paar Beispiele zu nennen. Jesu selbst ist auf diejenige zugegangen, die am Rand der Gesellschaft standen. Er war Vorbild zurzeit Vinzenz von Paul und ist es immer noch. Diese Aufforderung ist in der Konsequenz seines und meines Tuns eine Form der Nachfolge Jesu.
Mit Barmherzigkeit gebe ich dem anderen einen Raum der Geborgenheit, des Zuhörens, des Sattwerdens. Da fallen mir natürlich viele Bereiche der Diakonie und der Caritas ein. 

Ist nicht noch mehr in dem Wort zu finden?
Zur Barmherzigkeit gehört doch auch Vergebung, haben wir weiter oben festgestellt – Erlass von Schulden – gnädig sein. Das klingt wiederrum nicht so einfach.
Wie oft fällt es uns Menschen schwer zu vergeben?
Jemandem in der Not helfen, ist eine praktische Tätigkeit, die wir trotzt, des Wohlstands brauchen und immer brauchen werden, um Meschen ihre Würde zu bewahren, ihr Leben wertvoll zu halten. 

Wie kann der Mensch dennoch diese Aufforderung standhalten?
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Barmherzig sein – ja
Praktisch tätig sein – ja
Gnädig sein und vergeben – jein, würde ich als normal sterblicher Mensch spontan sagen.
Kann ich so einfach vergeben, wie in dem Vers gefordert wird? 
Ich meine, das dies zu einer der größten Herausforderungen im Glauben gehört.
Um in Frieden mit sich selbst zu leben, sind wir Menschen auf Vergebung angewiesen. Der Weg dazu kann jedoch ein langer sein!
Wenn ich den Vers in seinem Kontext im Kapitel 6 des Lukasevangeliums anschaue, wundert mich nichts mehr.
Er steht in der Feldrede, eine kürzere Fassung mit auch mal anderen Schwerpunkten der Bergpredigt, die die meisten von uns aus dem Matthäusevangelium kennen.
Dabei werden die zwischenmenschlichen Beziehungen in einem anderen Licht geworfen, aus anderen Perspektiven betrachtet. 
Um nur ein Beispiel zu nennen: Jeder von uns, weiß, dass zum Beispiel eine Eskalation der Gewalt nicht unbedingt zum Frieden führt, dass Vorurteile, Urteile und auf das eigene Ich pochen zu Neid und Ungerechtigkeit führen kann. 
Es hat doch seinen Sinn gehabt, warum sich Martin Luther King auf diese Herausforderungen der Bergpredigt, bzw. der Feldrede bei Lukas berufen hat. 
Aber welcher Sinn hat es diese Aufforderung auszuführen, wenn ich nicht selbst von dieser Barmherzigkeit hier im Vers berührt werde.
Wenn ich nicht selbst die Barmherzigkeit Gottes erfahre, damit das Leben lebenswert bleibt. Martin Luther King war von der Barmherzigkeit Gottes überzeugt. Er wusste auch, dass in der Nachfolge Jesu zu leben nur mit gebündelten Kräften zum an Kraft gewinnt. Der Vers wird mit einem Plural eingeleitet. „Seid“. Was wiederrum die Beispiele der obengenannten Einrichtungen zeigt.

Deshalb steht die Aufforderung barmherzig zu sein nicht allein da. Sie wird mit einem Vergleich ergänzt: wie auch euer Vater barmherzig ist!
Jesu Taten und Zuwendung jedem Menschen, wenn er/sie in oder auch abseits der damaligen Gesellschaft stand, waren ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes – „meines Vaters“, wie er sagte. 
Gott hat sich uns Menschen zugewandt. 
Weihnachten erinnert uns jedes Jahr daran – Ostern schließt nicht den Kreis, sondern eröffnet neue Wege.
Das Geschenk der Gnade, die Christen in der Taufe empfangen ist der Impuls, die Nährkraft, die die Menschen bewegen soll, „barmherzig“ zu sein. 
Diese Nährkraft ist die, die uns in Bewegung bringt. Ebenso gibt sie uns den Mut und die Kraft Entscheidungen zu treffen und das Leben zu ändern. Dabei ist das Leben des Nächsten, wie auch das meine, gemeint.

Welche Herausforderungen werden wir im Jahr 2021 erfahren? 
Vielleicht kann uns die Jahreslosung in unserm Tun,
bei den Entscheidungen, die wir treffen müssen, 
im Hinblick auf die Mitmenschen und ihre Lebensumstände,
in zwischenmenschlichen Beziehungen leiten.
Warum nicht?

Amen


B Begleiten – begegnen
A Armut – Arbeitslosigkeit
R Reparieren – raten
M Mut – Missstände
H Hören – Herz 
E Erleben – erfahren
R Reue – retten                                                             
Z Zeit haben – Zeugnis
I Integration – Ihr
G Gott – Gerechtigkeit
K Kraft – Kaffee
E Einsicht – erkennen
I Irren – Ich
T Teilen – Telefonseelsorge



Sophie Heinzelmann, Prädikantin, 03.01.2021
Gottesdienst mal anders in einer besonderen Zeit