Predigt zum Sonntag Trinitatis, 7. Juni 2020

4. Mose 6, 22-27: Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Mitchristen,

wir müssen voneinander Abstand halten in diesen Zeiten. Das zeigt uns, wie wertvoll und wichtig für uns die direkte Nähe ist, der Händedruck, die Umarmung. Das, worauf wir jetzt gerade verzichten müssen, lernen wir wieder besonders schätzen. „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Mit diesen Worten verbinde ich diese Nähe, diese Spürbarkeit, wie sie gerade in Berührungen erfahrbar wird. Die aufgelegte Hand beim Segen, den wir den Konfirmanden an ihrer Konfirmation zusprechen. Das Händeschütteln am Ausgang, wenn der Gottesdienst zu Ende ist und für alle der Segen gesprochen wurde. 

Oder ganz persönliche Segens-Erlebnisse. Ich erinnere mich an zwei solcher Segens-Erlebnisse, als ich mich in Hechingen, in meiner vorletzten Gemeinde als Pfarrerin verabschiedet habe. Als ich zum letzten Mal dort den Bibelgesprächskreis geleitet habe, haben wir zum Abschluss miteinander gebetet, wie immer. Dann haben mir die Teilnehmer dieses Kreises die Hand aufgelegt und mich gesegnet. So haben sie mich aus ihrer Runde verabschiedet. Das war überraschend für mich, ja eigentlich sogar irgendwie befremdlich. Aber es hat gutgetan. Ein paar Tage später ging es mir wieder ganz ähnlich. Es war bei meinem offiziellen Abschied aus der Gemeinde. Nach dem Gottesdienst gab es noch Grußworte im vollbesetzten Gemeindehaus. Der katholische Diakon, mit dem ich viele ökumenische Gottesdienste zusammen gefeiert hatte, hatte gerade gesprochen und bat mich jetzt nach vorne zu ihm ans Mikrofon.  Eigentlich hätte ich erwartet, dass er mir jetzt die Hand schüttelt und ein Geschenk überreicht. An das Geschenk, das er mir überreicht hat, erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass er mir vor der Geschenkübergabe und dem Händedruck als Abschiedssegen ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet hat – einfach so, vorne am Mikrofon, vor aller Augen, ohne dass jemand damit gerechnet hätte, am wenigsten ich selbst. 

„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Gottes Segen kommt überraschend. Er kommt mir ganz nahe. Und er bleibt. In diesen beiden Situationen habe ich das so erlebt. Die materiellen Geschenke, die ich zu diesem Abschied bekommen habe, sind längst in Vergessenheit geraten oder nicht mehr im Gebrauch. Aber die Erinnerung an diese beiden Segens-Momente ist mir geblieben. Auch wenn ich mit den Menschen, die mir diesen Segen zugesprochen haben, danach so gut wie gar keinen Kontakt mehr hatte. Denn ich hatte Hechingen ja verlassen und die neuen Aufgaben am neuen Ort nahmen mich ganz in Anspruch. Aber es war ja auch nicht ihr Segen, den mir diese Menschen zugesprochen haben. Es war Gottes Segen. „So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne,“ heißt es in unserem Predigttext. 

Gottes Segen ist es, den wir zugesprochen bekommen – an den besonderen Orten unseres Lebens genauso wie am Ende jedes Gottesdiensts. Gottes Segen soll uns begleiten in die Zukunft  – so wie mich damals in die neue Gemeinde, so wie uns alle heute nach diesem Gottesdienst in die neue Woche. Gottes Segen begleitet uns auf unseren Wegen. Damit ist nicht gesagt, dass diese Wege immer eben sein werden und dass sie immer geradeaus führen werden. Es war keine einfache Zukunft, die da vor mir lag, damals bei meinem Abschied aus Hechingen. Und es ist keine einfache Zukunft, die wir heute vor Augen haben, wenn wir aus diesem Gottesdienst herausgehen und die neue Woche vor uns liegt. Aber Gottes Segen begleitet uns. Gott lässt sein Angesicht über uns leuchten. Gott schaut uns freundlich an. Für mich ist das ein sehr tröstliches Bild, gerade in dieser Zeit, in der wir auf Abstand leben müssen. Denn das ist etwas, was uns bleibt, auch ohne körperliche Berührung: Der Blickkontakt. Die strahlenden Augen meines Gegenübers, die mich im Blick haben. Das ist etwas, was mich im Innersten berührt. Ich werde wahrgenommen, ich werde wertgeschätzt. Das ist es, was Gott mir verspricht. Ihm bin ich unendlich wichtig. Das gibt mir den inneren Frieden, so dass ich auch mit schwierigen äußeren Umständen zurechtkommen kann. Und immer wieder erleben darf: Gottes Segen kommt überraschend – da, wo ich es nicht erwarte. 

Ich bin eigentlich kein besonderer Freund von den neuen Medien. Internet, Email und WhatsApp benutze ich eben, weil es ganz praktisch ist oder weil man es halt so macht. Aber mein Herzblut hängt da jetzt nicht gerade dran. Aber in diesen besonderen Zeiten jetzt denke ich: Das Internet, Youtube und Email sind wirklich ein Segen in diesen Tagen. Und wenn wir hier sonntags in der Kirche versammelt sind, dann bin ich in Gedanken auch bei denen, die heute nicht gekommen sind, aber unsere Gottesdienste trotzdem mitfeiern über diese Medien. Ich denke, es gibt sogar Menschen, mit denen ich sonst nie so in Kontakt gekommen wäre, wenn wir unsere Gottesdienste nicht auch auf diesen Wegen zugänglich gemacht hätten. 

So hat mir eine Frau aus der Gemeinde per Mail geschrieben: „Liebe Frau Kommer, vielen Dank, auch an Ihre Söhne, dass Sie mir immer noch Ihre Predigtgedanken senden. Ganz besonders gefallen hat mir auch das Eingangsgebet, es beinhaltet fast alles, was ich auch täglich erbitte in dieser schwierigen Zeit. Es freut mich sehr, dass Sie beim Segen die Formulierung: Es segne „uns“ verwenden und nicht „euch“. Vielleicht ist es falsch, aber ich finde das einfach überheblich, wenn der Pfarrer sich nicht miteinschließt. Hat er den Segen schon von Berufswegen sicher?“ 

Es ist eine richtige Beobachtung, die diese Frau gemacht hat. Als ich hier allein in der Kirche Gottesdienst gefeiert habe, nur mit meinem Sohn als Kameramann, der das dann auf Youtube hochgeladen hat, da habe ich beim Segen gesagt: „Der Herr segne uns“ und nicht „Der Herr segne euch“. Vor der leeren Kirche zu stehen und zu sagen: „Der Herr segne euch“ – das ging für mich nicht. Da brauche ich ein Gegenüber. Da brauche ich die Gemeinde, die da ist. Aber jetzt tue ich es wieder. Jetzt sage ich wieder: „Der Herr segne euch.“ Nicht weil ich den Segen für mich selber nicht bräuchte. Und schon gar nicht, weil ich ihn von Berufs wegen sicher hätte. Ich brauche Gottes Segen genauso wie alle anderen. Ich brauche es, dass er mir zugesprochen wird – so wie damals, als ich mich in Hechingen aus der Gemeinde verabschiedet habe. Und gerade weil ich den Segen als Zuspruch brauche, gerade deswegen möchte ich den Segen auch zusprechen und sagen: „Der Herr segne euch.“ Nicht weil ich das besser könnte oder gar etwas Besseres wäre als alle anderen, die hier zum Gottesdienst gekommen sind. Um mich geht es dabei gar nicht. Es geht um Gott, der uns freundlich anblickt und unsere Augen wieder leuchten lässt. Und es geht um alle, die diesen Zuspruch jetzt brauchen: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer