Predigt zu Pfingstsonntag, 31. 5. 2020

Predigttext: Apg. 2, 1-13

Liebe Gemeinde!

Pfingsten, das ist der Geburtstag der Kirche. Heute feiern wir dieses Fest. Und, wie es bei allen Geburtstagsfesten ist in diesen Tagen – es ist nicht ganz so, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat. Da gibt es Beschränkungen, wie viele Menschen kommen und mitfeiern dürfen. Bei der Musik kann man nicht mitsingen. Denen, die mitfeiern, begegnet man auf Abstand. Hat es überhaupt einen Wert, so Gottesdienst zu feiern? Will ich das für mich, kann ich so mitfeiern? Ist das Risiko, sich oder andere anzustecken, nicht doch zu hoch? Bekomme ich hier in der Kirche überhaupt einen Platz, oder muss ich wieder heimgehen? Das alles sind Fragen, die wir uns vor diesem Gottesdienst heute gestellt haben. Ich habe auch Verständnis für diejenigen, die sich wegen dieser Fragen dafür entschieden haben, heute nicht in den Gottesdienst zu kommen. Und ich freue mich über alle, die heute gekommen sind, um den Geburtstag der Kirche hier miteinander in der Christuskirche zu feiern. Es gibt hier ein Richtig oder Falsch. Es gibt verschiedene Wege, wie wir in diesem Jahr Pfingsten feiern – ob hier in der Kirche, ob beim Fernseh-Gottesdienst oder in einer ganz anderen Form. 

Ich bin jedenfalls froh, dass auch der Gottesdienstbesuch hier in unserer Kirche wieder zu diesen Möglichkeiten gehört. Ich weiß, da gibt es Menschen in unserer Gemeinde, die haben schon lange auf diesen Tag gewartet, an dem wir wieder mit dem Gottesdienst Feiern beginnen. Claudia Haasis, die Leiterin vom Haus Bittenhalde, beschreibt ihre Gefühle beim ersten Gottesdienstbesuch nach der Corona-Pause so: „Endlich wieder Gottesdienste, wenn auch ohne singen zu dürfen! Bei meinem ersten Gottesdienstbesuch bekam das Orgelspiel prompt einen ganz neuen Stellenwert. Andächtig lauschte ich diesem ausdrucksstarken Instrument.“ Vielleicht geht es Ihnen heute auch so? Gut, dass es die Musik gibt. Gut, dass wir einen Organisten haben, der sich bereit erklärt hat, regelmäßig bei uns Orgel zu spielen. Lange haben wir darauf gewartet. Auch das ist ein Grund zu feiern heute, am Geburtstag der Kirche. 

Als ich ein Kind war und Geburtstag hatte, da hat mir meine Mutter immer wieder erzählt, wie das war bei meiner Geburt. Es war eine besondere Geburt. Meine Mutter ist nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen, und so bin ich zuhause geboren, obwohl das nicht so geplant war. Aber oft ist es ja gerade das Ungeplante, das Unerwartete und Verquere, was wir uns noch nach langer Zeit erzählen. So ist es auch mit dem Geburtstag der Kirche. Das war so nicht zu erwarten. Die Jünger hatten sich zurückgezogen in ihre Nische. Sie saßen in ihrer Wohnung und dachten sehnsüchtig zurück an die früheren Zeiten, als Jesus noch mitten unter ihnen war. Und dann kommt da das völlig Unerwartete. Gottes Geist kommt und fegt sie wie ein Sturmwind raus aus ihrer vermeintlichen Sicherheit, hin zu den Leuten. 

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einen Ort.“ Mit diesem Satz beginnt die Pfingstgeschichte. Dieser Satz war für mich all die Jahre eine eher uninteressante Einleitung. Dieses Jahr ist das anders. Dieses Jahr denke ich: Wie schön hatten die Jünger es damals. Sie konnten alle an einem Ort versammelt sein – ohne sich Gedanken machen zu müssen über Ansteckungsrisiken und Infektionsketten. Und dann merke ich: Wenn ich so denke, dann mache ich es genauso wie die Jünger vor Pfingsten. Ich ziehe mich zurück in meine Nische und denke sehnsüchtig zurück an die früheren Zeiten. Aber so ist Pfingsten nicht. Der Heilige Geist kommt und fegt uns raus aus dem Gewohnten, wie ein Sturmwind. Hin zu den Leuten. Wo sind die Leute jetzt? Wo ist jetzt unser Platz als Christen in dieser Welt? Sicherlich auch hier in dieser Kirche. Es ist ein Zeichen, dass wir heute hier wieder Gottesdienst feiern. Auch für die, die heute aus ganz verschiedenen Gründen nicht gekommen sind. Es ist das Zeichen: Es gibt hier die evangelische Gemeinde, die sonntags zum Gottesdienst einlädt. Und jeder, der sich eingeladen fühlt, darf kommen – soweit das eben unter den jetzigen Bedingungen mit begrenzter Platzzahl möglich ist. Aber das allein genügt nicht. 

Kirche ist kein Selbstzweck, Kirche muss rausgehen zu den Leuten. Nur dann ist Kirche Kirche Jesu Christi. Kirche ist mehr als nur ein Gebäude. Kirche braucht den Heiligen Geist, der in Bewegung setzt. Das beweist die Geschichte vom ersten Pfingsttag. Denn was wäre aus Jesu Kirche geworden, wenn die erste Gemeinde gedacht hätte: Die Leute sollen zu uns kommen. Dann hätten wir hier bestimmt nie etwas von Jesus und seiner frohen Botschaft erfahren. Aber wir haben ja etwas erfahren, wir sind mit der Flamme des Heiligen Geistes entfacht, die einfach nicht drinnen bleiben kann, sondern raus muss, raus zu den Leuten. Die müssen’s erfahren. Denn Kirche ist nicht nur da, wo wir alle an einem Ort beieinander sind. Auch nicht, wenn dieser Ort das Kirchengebäude ist. 

Es gibt auch andere Orte – ja, auch den Fernsehgottesdienst und das Internet, oder die Lesepredigt im Nachrichtenblatt. Ich habe diese Woche gemerkt, wie vielen Menschen sie gefehlt hat, als im Wehinger Nachrichtenblatt versehentlich keine Kirchlichen Nachrichten von unserer Gemeinde abgedruckt wurden. Und ein ganz wichtiger Ort sind auch die direkten Kontakte mit den Menschen in unserem Umfeld. Was bedeutet es für mein Leben, dass ich Christ bin? Diese Frage wird uns immer wieder von anderen Menschen gestellt, direkt oder indirekt. Und ich denke, wir haben ganz unterschiedliche Antworten darauf – bunt und vielfältig wie die verschiedenen Sprachen, die da beim ersten Pfingstfest gesprochen werden. Und alle verstehen sich. Das schenkt uns der Heilige Geist. Ein offenes Ohr für die Freuden und Nöte unseres Gegenübers. Und gute Ideen und Geistesblitze für die neuen Wege, die der Heilige Geist uns führt. Dann wird er uns sicherlich auch ein Lächeln auf den Lippen schenken, trotz Mundschutz, und einen freundlichen Blick, der trotz Zweimeterabstand bei unserem Gegenüber ankommt und das Herz erwärmt. Dann feiern wir heute an Pfingsten wirklich den Geburtstag der Kirche. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer