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Gedanken zum Sonntag

Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag)

5. Mose 4, 5-8: Sieh, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der Herr, mein Gott, geboten hat, dass ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn darin zeigt sich den Völkern eure Weisheit und euer Verstand. Wenn sie alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem Götter so nahe sind wie uns der Herr, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege? 

Liebe Mitchristen,

Kennen Sie Menschen, die im jüdischen Glauben aufgewachsen und beheimatet sind? Als Kind und Jugendliche kannte ich keine solchen Menschen. Als ich dann mit der Schule fertig war, bin ich für ein halbes Jahr nach Frankreich gegangen für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem evangelischen Krankenhaus bei Paris. Dort sind mir zum ersten Mal Menschen jüdischen Glaubens begegnet: Die junge Mutter auf der Entbindungsstation, die ich zum Krankenhausgottesdienst einladen wollte. Und die älteren Menschen im jüdischen Viertel von Paris. Die haben sich im Restaurant von uns weggesetzt, weil sie es nicht ertragen konnten, dass wir deutsch reden. Das unendliche Leid, das wir Deutschen den Juden angetan haben, bekam durch diese kleine Begebenheit in einem Pariser Restaurant auf einmal ein Gesicht für mich. 

Jüdinnen und Juden haben ein Gesicht. Sie wohnen hier ganz in der Nähe. Vielleicht sind sie sogar unsere Nachbarinnen oder Kollegen. Es sind nur wenige, die ich hier kenne- auf dem Heuberg oder in Rottweil. wo es ja auch eine Synagoge gibt. Aber es gibt sie. 1990 lebten 30.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland. Heute sind es rund 200.000. Die meisten von ihnen sind aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns nach Deutschland gekommen- manche erst vor einigen Monaten aus der Ukraine. Ich habe großen Respekt vor dem Vertrauen, das diese Menschen unserem Land entgegenbringen: Das Vertrauen darauf, dass wir Deutschen aus den dunklen Kapiteln unserer Geschichte gelernt haben und dafür Sorge tragen, dass es nie wieder so weit kommt. Werden wir diesem Vertrauen gerecht? 

Wie geht es uns mit den Jüdinnen und Juden, die hier bei uns leben? Haben wir sie überhaupt schon bemerkt, oder noch gar nicht wahrgenommen? Sind sie für uns einfach Andersgläubige oder können wir in ihnen unsere älteren Geschwister im Glauben erkennen- die, ohne dies unseren christlichen Glauben nicht gäbe? Und wie geht es den Jüdinnen und Juden hier in unserem Land? Ich denke an einen Mann jüdischen Glaubens hier in unserer Gegend. So wie viele Christinnen und Christen eine Halskette mit einem Kreuz tragen, so hat er eine Kette mit einem Davidsstern. Gerne möchte er die Kette so tragen, dass andere sie sehen können. Er will zu seinem Glauben stehen und ist bereit, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Aber oft legt er die Kette dann doch ab oder trägt sie nur verdeckt. Es ist anstrengend, sich in unserem Land zum jüdischen Glauben zu bekennen. Und manchmal ist es sogar gefährlich. Die Gewalttaten gegen Menschen jüdischen Glaubens nehmen zu in unserem Land. Das ist ein Skandal. 

Gerade wir als Christinnen und Christen sind hier gefordert, uns dafür einzusetzen, dass Jüdinnen und Juden ihren Glauben in unserem Land ohne Angst und für alle erkennbar leben können. Denn die Bibel sagt uns: Dieses Volk Israel ist für die anderen Völker- also für uns- ein Vorbild im Glauben. In der Rede des Mose in 5. Mose 4, 5-8 heißt es: „Sieh, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der Herr, mein Gott, geboten hat, dass ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn darin zeigt sich den Völkern eure Weisheit und euer Verstand. Wenn sie alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem Götter so nahe sind wie uns der Herr, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“

Zwei Dinge werden hier genannt, die schon in vorchristlicher Zeit Menschen aus anderen Völkern beeindruckt haben, so dass sie sich als Gottesfürchtige gemeinsam mit dem Volk Israel dem Glauben an den einen Gott angeschlossen haben. Die erste Besonderheit ist die enge und persönliche Beziehung, die das Volk Israel zu seinem Gott hat- zu dem einen, dem einzigen Gott. Die zweite Besonderheit sind Gottes gute Regeln für ein gelingendes Leben- die 10 Gebote. Gott ist für die Menschen da. Gott wird erfahrbar in seinem Wort und in den Geboten, die er schenkt. Dieser Glaube verbindet uns – Christen und Juden. In der Bibel gibt es eine Geschichte, die in besonderer Weise für diesen Glauben steht: Die Geschichte, wie Gott sein Volk Israel aus Ägypten aus der Sklaverei befreit hat. Die Geschichte, wie Gott sein Volk durch die Wüste führt in das versprochene Land, und wie er ihnen unterwegs am Berg Sinai oder Horeb ganz nahekommt und ihnen die 10 Gebote schenkt. So etwas vergisst man nicht. So eine großartige Erfahrung der Befreiung und Begleitung erzählt man weiter; die Eltern ihren Kindern, von Generation zu Generation. 

Und so kommt auch Mose voll Begeisterung ins Erzählen, als er sich in seiner Rede an das Volk Israel wendet: Von lodernden Flammen am Berg Horeb, bis in den Himmel hinein. Von den Worten, die Gott dort am Berg zu seinem Volk gesprochen hat. Vom ewigen Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat. Von den Gebotstafeln mit den 10 Geboten für ein gutes Leben in Gottes Welt. Mehr als all das braucht es nicht, sagt Mose. Denn was könnte es noch mehr geben als dieses großartige Versprechen: Ich, der eine und einzige Gott; ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein! Großartig, dass Gott seinem Volk Israel dieses Versprechen gegeben hat. Großartig, dass er seinem Volk die Treue hält bis zum heutigen Tag; ja, auch den Jüdinnen und Juden, die in unserem Land wieder Heimat gefunden haben. Großartig, dass wir, die Völker, mit hineingenommen sind in dieses Versprechen, durch Jesus Christus, Gottes Sohn, der ein Jude war. 

So müssen wir unser Heil nicht anderswo suchen. Es steht nicht in den Sternen und den astrologischen Horoskopen, wie unser Schicksal sein wird. Unser Leben steht allein in Gottes Hand. Er, der Gott Israels ist der eine und einzige Gott. Und durch unseren Herrn Jesus Christus haben wir, die Völker, von diesem Gott erfahren dürfen. Tragen wir diesen Glauben an den einen und einzigen Gott weiter. Und suchen wir das Gespräch mit unseren Mitmenschen, die auch an den einen Gott glauben- auch mit den Jüdinnen und Juden in unserer Nachbarschaft. Setzen wir uns dafür ein, dass auch sie ihren Glauben frei und offen leben können- ohne Angst vor Anfeindungen und Gewalt. Das wäre mein Wunsch: Dass der jüdische Mann, den ich hier in unserer Gegend kenne, seine Halskette mit dem Davidsstern mit derselben Selbstverständlichkeit offen und für alle sichtbar tragen kann wie wir als Christinnen und Christen eine Halskette mit einem Kreuz tragen. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer