Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 20. September 2020


1. Mose 2,4b-10+15: Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 


Liebe Mitchristen!

Stellt euch vor: Ihr habt euch verlaufen in einem sehr großen Wald. Weit und breit ist kein Weg zu sehen, nicht einmal ein Trampelpfad. Die Sonne geht unter, die Abenddämmerung kommt. Der Himmel ist bewölkt. Das Handy hat keinen Empfang. Um euch herum sind nur Bäume. Und jetzt? Wie kommt ihr jetzt wieder aus dem Wald heraus? Einer aus eurer Gruppe sagt: Wir steigen auf den nächsten Berg. Da oben haben wir den Überblick. Aber bis nach ganz oben ist es weit. Bis dahin wird es Nacht sein, dann sieht man gar nichts mehr. Also keine gute Idee. Dann vielleicht auf einen Baum klettern? Aber so wie die Bäume hier im Wald dastehen, funktioniert das auch nicht. Die haben unten gar keine Äste. Dann müssen wir uns eben einen Platz zum Übernachten suchen. Ein Zelt bauen aus Ästen, und die Regenjacke darüberbreiten. Wenn es wieder hell wird, sehen wir weiter. Aber wollt ihr wirklich im Wald übernachten? Es könnte kalt werden heute Nacht. Gibt es nicht noch eine andere Möglichkeit? 

Irgendwo in der Ferne höre ich ein Plätschern. Da ist eine Quelle. Wasser fließt, nur ein kleines Rinnsal. Das ist die Lösung. Denn: Wasser fließt nach unten. Wenn du dem Rinnsal folgst, kommst du zu einem Bach. Wenn du dem Bach mit seiner Strömung folgst, kommst du zu einem Fluss. Und an einem Fluss leben immer Menschen. Da gibt es Dörfer und Städte. Wenn du dich verlaufen hast, dann folge dem Wasser und suche den Fluss. 

Ihr seid auf der Suche nach der Quelle, der Quelle des Lebens. Ihr wollt der Frage nach Gott nicht aus dem Weg gehen, sondern euch auf die Suche nach ehrlichen Antworten machen. Damit ihr wisst, woran ihr euch halten könnt, wenn ihr euch mal verlauft im Leben. 

Als Predigtwort für den heutigen Sonntag haben wir einen Abschnitt aus der Schöpfungsgeschichte gehört. Eine Geschichte, die als Konfliktstoff herhalten muss zwischen den unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Orientierungen. Wie war es wirklich, als die Welt entstanden ist und der Mensch? Hat die moderne Wissenschaft recht, oder hat die Bibel doch recht? Ich halte diese Fragestellung für falsch. Das sind falsche Alternativen, die da aufgestellt werden: Bibel oder wissenschaftliche Erkenntnis. Das schließt sich nicht aus. Beides ist wichtig. Beides hat seine Berechtigung. Die Wissenschaft versucht, möglichst objektive Aussagen zu machen über den Anfang der Welt und des Menschen.  

Die Bibel macht es anders. Sie macht in der Schöpfungsgeschichte eine zutiefst subjektive Aussage, eine Glaubensaussage: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen. So hat es Martin Luther in Worte gefasst. Da geht es nicht um eine ferne Vergangenheit, in der die Welt entstanden ist, und mit mir hat das überhaupt nichts zu tun. Da geht es um mich, um mein Leben, das ich heute lebe. Da geht es um die Quelle, aus der ich meine Hoffnung schöpfe, um das, was mir Halt gibt im Leben. Die Bibel will nicht erklären, wie es wirklich war, sie will erzählen, wie es wirklich ist.

Denn: „selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, sind unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt.“ So hat es der Philosoph Ludwig Wittgenstein auf den Punkt gebracht. Schule und Freunde, Gesundheit und Familie, Freiheit und materielle Sicherheit – das sind solche Lebensprobleme, die euch beschäftigen. Um mit unseren Lebensproblemen gut umgehen zu können, brauchen wir Geschichten, an die wir uns halten. Die Bibel ist ein Buch voller solcher Geschichten, Geschichten von Gott und den Menschen. Und ganz am Anfang steht die Schöpfungsgeschichte, die uns daran erinnert: Von Anfang an war da dieser Fluss, dieser Lebens-Strom, dieser Flow Gottes. Er ist älter als alles Leben. Lange bevor es Menschen gab, war er schon da. Und auch heute ist er da, auch für uns. 

Gott ist für den Menschen da, für Adam. Er schenkt ihm das Leben, jedem von uns. Denn: Adam, das ist hier kein Name. Adam, das ist jeder Mensch. Es ist die Bezeichnung für den Menschen an sich. Eine Bezeichnung, die daran erinnert, dass der Mensch von der Erde herkommt. Adama ist der Erdboden, Adam ist der Mensch, den Gott aus diesem Erdboden formt, und dem er seinen göttlichen Lebensatem einhaucht. Gott gab uns Atem, damit wir leben.

So fing Gottes Liebe zu den Menschen an. Davon erzählt diese Geschichte ganz am Anfang der Bibel. Es ist keine abgeschlossene Geschichte, hinter die man einfach einen Punkt setzen könnte, und fertig. Es ist eine Geschichte, die weiter geht, bis in unsere Zeit. So wie die Quelle zum Rinnsal wird, dann zum Bach und schließlich zum Fluss. Und ihr seid jetzt Teil dieser Geschichte. Ihr wollt euch auf den Weg machen. Ihr wollt diesem Wasser des Lebens folgen – Gott, der uns die Richtung zeigt, damit wir uns nicht verirren im Dickicht des Lebens. Unser Leben ist ein Geschenk von Gott. Was wir haben und was wir sind, das verdanken wir Gott. Wer diesen Glauben hat, der kann trotz der Herausforderungen und Ungewissheiten des Lebens gelassen und fröhlich bleiben. 

Wenn du dich verlaufen hast, dann folge dem Wasser und suche den Fluss. Werde still und höre, ob du nicht irgendwo in der Ferne eine Quelle plätschern hörst, die dir den Weg weist und dich an den Ursprung erinnert – an Gott, der die Quelle des Lebens ist. Gott schenke euch Konfirmanden und uns allen wache Sinne und ein offenes Ohr für diese Spuren Gottes in unserem Leben.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer