Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 2020

1.Kor 3, 9-15: Wir sind also Gottes Mitarbeiter. Aber ihr seid Gottes Ackerland – oder besser: Gottes Bauwerk. Weil Gott mich in seiner Gnade dazu befähigt hat, konnte ich als weiser Bauleiter das Fundament legen. Jetzt baut ein anderer darauf weiter. Aber jeder muss aufpassen, wie er weiterbaut. Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus. Es spielt keine Rolle, womit auf dem Fundament weitergebaut wird: mit Gold, Silber oder Edelsteinen, Holz, Heu oder Stroh. Es wird sich zeigen, was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist. Der Tag des Gerichts wird es aufdecken, denn mit Feuer wird er hereinbrechen: Das Feuer wird prüfen, wie das Werk eines jeden Einzelnen beschaffen ist. Wenn das Werk, das jemand erbaut hat, dem Feuer standhält, wird er belohnt. Verbrennt das Werk, wird er seinen Lohn verlieren. Er wird zwar gerettet werden – aber nur wie jemand, der gerade noch dem Feuer entkommen ist. (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Mitchristen!

Der Sommer geht zu Ende. Der Urlaub war anders in diesem Jahr als sonst. Wie es wirklich wird, wenn die Ferien vorbei sind, und die Schule wieder beginnt, weiß noch niemand so ganz genau. Mein Sohn jedenfalls ist nicht überzeugt davon, dass es wirklich so sein wird, dass er jeden Tag zur Schule gehen kann. Und wir werden unsere Gottesdienste wohl weiterhin auf Abstand feiern und nur mit Mundschutz singen können. Wir merken es heute schon am Wetter: Es wird langsam Herbst. Veranstaltungen im Freien und Dauerlüften sind da schwieriger. Vielleicht hat unsere Bundeskanzlerin auch daran gedacht, als sie meinte, „dass manches in den nächsten Monaten noch schwieriger sein wird als im Sommer.“ Vielleicht dachte sie auch an die vielen Menschen, die die Geduld verloren haben und endlich ihr normales Leben zurückhaben wollen. Tausende haben gestern in Berlin demonstriert. Ich finde es richtig, dass diese Demonstration am Ende doch genehmigt wurde. Ich finde, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut in unserer Demokratie. Aber es beunruhigt mich auch, wie viele Menschen sich da mitreißen lassen. 

Unser Vertrauen in die Kontrollierbarkeit des Lebens ist ins Wanken geraten. Die Philosophin Annette Baier hat dazu folgenden Gedanken: „Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben. Wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wen es knapp oder verschmutzt ist.“ Das Klima des Vertrauens ist ein knappes Gut geworden. Es ist kein Selbstläufer mehr. Wir alle sind gefragt, daran mitzuarbeiten, dass dieses Klima des Vertrauens weiter besteht und nicht umschlägt in ein Klima des Misstrauens und der Angst. Denn wir brauchen dieses Klima des Vertrauens zum Leben, gerade jetzt, in diesen Zeiten, wo Vieles, was für uns selbstverständlich war, nicht mehr selbstverständlich ist. 

Was kann uns helfen, dieses Klima des Vertrauens zu schützen? Was gibt uns festen Boden unter den Füßen, damit wir zuversichtlich in die Zukunft gehen können, trotz allen Ungewissheiten? „Niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.“ So sagt es uns der Apostel Paulus in unserem Predigttext. Jesus Christus. Auf ihn können wir bauen. Auf seinen Namen sind wir getauft. Wir gehören zu seiner Gemeinde, zur weltweiten Gemeinschaft der Christen. Das ist das Fundament für unser Leben: Gott meint es gut mit uns. Gott ist für uns da – ganz menschlich und erfahrbar, so wie Jesus Christus als Mensch unter Menschen gelebt hat. Und das gilt nicht nur dann, wenn alles gut läuft in unserem Leben und wir keine Sorgen haben. Jesus Christus hat auch die Abgründe des Lebens durchschritten – die Verzweiflung, das Leiden und den Tod. Für uns ist er gestorben und hat den Tod überwunden. Die Hoffnung, die er uns damit geschenkt hat, stirbt nie: Dass Gott stärker ist als alles Dunkle und Zerstörerische, das unser Leben durcheinanderwirft. 

Immer wieder haben wir ja auch solche Feuerproben zu bestehen in unserem Leben. Feuerproben, in denen das, was wir uns aufgebaut haben im Leben zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Viele Menschen erleben die jetzige Zeit so. Und nicht immer haben wir Gold und Edelsteine zur Verfügung als Baumaterial für unser Lebenshaus. Aber selbst wenn wir diese schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass das, was wir uns aufgebaut haben im Leben keinen Bestand hat, selbst wenn wir noch einmal bei Null anfangen müssen – die gute Nachricht ist: Das Fundament bleibt. „Niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist. Und das ist Jesus Christus.“ Ein lebendiges Fundament, Jesus Christus, Gottes Sohn, unser Retter. Wir kennen nicht jedes Detail seines Lebens, Sterbens und Auferstehens. Vieles an ihm bleibt Geheimnis und muss es bleiben. Aber seine Botschaft lebt. Seine Gleichnisse wachsen weiter. Seine Heilungen berühren Herz und Sinne. Sein Leiden und Sterben nehmen mit. Seine Auferweckung reißt uns heraus. Dieses lebendige Fundament ist stärker als alle Zukunftsangst. Dieses Fundament trägt uns, wenn wir uns ohnmächtig und ausgeliefert fühlen. Es holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn uns die Wut überkommt, weil wir unser Leben in dieser Pandemie immer noch mit angezogener Handbremse leben müssen. Dieses Fundament lebt und spricht zu uns: Du musst und kannst den Grund deines Lebens nicht selbst erfinden. Gottes Werk ist es. Er ist der Grundbesitzer. Er ist der Eigentümer von unserem Lebenshaus. Dein Leben steht in seiner Hand. Selbst wenn das, was dir bisher lieb und wert war, heute keinen Bestand mehr hat: Gottes Gnade hält dich. Jesus Christus rettet dich. Gottes Geist gibt dir Stärkung. 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer