Gedanken zum Predigttext für Sonntag Rogate, 17. 05. 2020

Matthäus 6,5-15: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Liebe Mitchristen!

„Beten wir gemeinsam!“ Unter diesem Motto läuten seit Beginn der Corona-Krise hier auf dem Heuberg jeden Abend um 19.30 Uhr die Kirchenglocken. Viele Menschen zünden dann in ihren Häusern eine Kerze an und beten ein Vaterunser. Eine konfessionsübergreifende Aktion ist das, die von allen Kirchengemeinden mitgetragen wird – von den katholischen genauso wie von unserer evangelischen. Und sie ist offen für jeden, unabhängig davon, zu welcher Kirchengemeinde er gehört, oder ob er überhaupt zu einer Kirchengemeinde gehört. Jeder kann mitmachen – jeder, der ein Vaterunser beten kann, und dem das in der jetzigen Situation wichtig ist. „Beten wir gemeinsam!“ Das Vaterunser verbindet uns. Wenn wir es beim abendlichen Glockenläuten sprechen, tun wir das gemeinsam, auch wenn wir nicht zusammen in einem Raum versammelt sind, sondern jeder in seiner eigenen Wohnung. 

Inzwischen sind Gottesdienste in den Kirchen wieder möglich. Aber alle gemeinsam werden wir in nächster Zeit nicht dort sein können. In unserer Kirche haben wir nur 21 Plätze für die Gemeinde, wenn wir zwei Meter Abstand voneinander halten, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Ab Pfingsten wollen wir es trotzdem probieren, unter diesen Bedingungen Gottesdienst zu feiern. Bis dahin läuten abends weiterhin die Glocken und laden zum Vaterunser Beten ein. Und wenn wir dann wieder in unserer Kirche Gottesdienst feiern und mit denen, die da sein können, das Vaterunser beten, dann werden wir während dieses Gebets auch läuten – für alle, die von Zuhause aus mit uns gemeinsam beten möchten. 

Gerade in dieser schwierigen Zeit lernen wir es neu: Beim Beten kommt es nicht darauf an, dass andere mitbekommen, dass ich jetzt gerade bete. Ich muss da niemandem etwas beweisen. Es reicht, dass Gott mitbekommt, dass ich bete. So wie es in unserem Predigttext heißt: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ Wenn du betest, nimm dir Zeit. Komme zur Ruhe. Rede mit Gott. Baue eine Beziehung zu ihm auf. Denn es geht nicht darum, dass du ihm nur sagst, was du brauchst. Das weiß Gott längst. Es geht darum, dass du eine Beziehung zu Gott aufbaust, sie hegst und pflegst. Mach für dein Gebet dein Herz auf. Schau, was dich bewegt. Es kommt nicht auf die Menge der Worte an, sondern auf ihre Bedeutung. Dein Gebet wird nicht besser, nur weil du viel redest. 

So oder so ähnlich würde es Jesus vielleicht heute sagen. Und auch wenn die Allermeisten von uns sicherlich irgendwann einmal das Vaterunser gelernt haben – so zu beten, dass es wirklich von Herzen kommt, das geht nicht einfach so von alleine. Wer damit nicht vertraut ist, für den ist das zunächst einmal fremd und ungewohnt. Es wie, wenn ich ein Musikinstrument lerne oder mich an einer neuen Sportart probiere. Bis ich mich darin sicher fühle, braucht es Übung. In jedem Lebensalter kann ich so etwas Neues erlernen und damit anfangen. Das ist auch beim Beten so. Einfacher ist es, wenn ich schon in jungen Jahren damit anfange – als Kind oder Jugendlicher. 

Aus diesem Grund übe ich auch mit meinen Schülern im Religionsunterricht das Beten – auch und vor allem das Vaterunser. Manche sind schon vom Elternhaus her vertraut damit. Anderen ist das total fremd. Und: Sich Zeit zu nehmen und zur Ruhe zu kommen ist in einer lebhaften Schulklasse oft erst einmal schwer. Mit den Grundschülern sitze ich zum Stundenanfang im Kreis und höre ihnen erst einmal zu, was sie gerade bewegt. Jeder kommt zu Wort und darf eine Blume in die Mitte legen für das Schöne oder einen Stein für das Schwere. Das alles liegt dann vor uns. Wir bringen es zu Gott – unseren Dank und unsere Bitten. Dann beten wir gemeinsam das Vaterunser. Mit den älteren Schülern bete ich zum Schluss das Vaterunser. Dann, wenn alle Arbeitsblätter und Aufgaben weggepackt sind. Auch wenn wir damit nicht so weit gekommen sind, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Auch wenn die Schüler nicht so bei der Sache waren, und ich mich über sie geärgert habe. Manchmal haben wir es nicht leicht miteinander, diese Schüler und ich.

Wir haben uns nun schon länger nicht mehr gesehen, meine Schüler und ich. Es sind keine Abschlussklassen dabei, die jetzt wieder an der Schule sind. Sie sind alle noch zuhause und versuchen, von dort aus zu lernen, so gut das eben geht. Ob das Vaterunser, das wir miteinander geübt haben, ihnen dabei eine Hilfe ist? Ich denke jedenfalls, es ist mehr wert als viele Arbeitsblätter, die ich verteilt habe. Und Manches, über das ich mich im Unterricht geärgert habe, sehe ich in der jetzigen Situation in einem anderen Licht. Manchmal bin ich diesen Schülern wohl auch nicht gerecht geworden. 

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“, heißt es im Vaterunser. Bei Matthäus gibt es dazu noch eine Erläuterung: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Die Frage nach der Schuld und der Vergebung ist Matthäus besonders wichtig. Wir alle machen immer wieder Fehler und brauchen es immer wieder, dass uns andere vergeben. Wenn wir uns nicht vergeben können, müssen wir uns ständig mit schlechtem Gewissen begegnen, und wir kommen in eine zerstörerische Abwärtsspirale. Aber Gott holt uns raus aus dieser Abwärtsspirale. Durch Jesus Christus schenkt er uns seine Vergebung. Damit wir neu anfangen können, damit wir vergeben können – anderen Menschen und auch uns selbst.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer