Gedanken zum Sonntag

  • Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis, 27. September 2020

    2. Tim 1,5-11: Paulus schreibt an Timotheus: Ich habe deinen aufrichtigen Glauben vor Augen, denselben Glauben, der schon in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike lebte und der nun – da bin ich ganz sicher – auch in dir lebt. Darum ermahne ich dich: Lass die Gabe wieder aufleben, die dir geschenkt wurde, als ich dir die Hände auflegte! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Feigheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Bekenne dich also offen und ohne Scheu zur Botschaft von unserem Herrn! Schäme dich nicht meinetwegen, weil ich für ihn im Gefängnis sitze, sondern sei bereit, mit mir für die Gute Nachricht zu leiden. Gott gibt dir die Kraft dazu. Er hat uns gerettet und uns dazu berufen, ihm ganz als sein Eigentum zu gehören – nicht wegen unserer guten Taten, sondern aus seinem eigenen freien Entschluss. Ihm gehören wir aus reiner Gnade, wie er sie uns durch Jesus Christus geschenkt hat schon vor aller Zeit. Jetzt aber ist diese Gnade offenbar geworden, als Jesus Christus, unser Retter, auf der Erde erschien. Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht. Darum geht es in der Guten Nachricht, die ich als Apostel und Lehrer öffentlich bekannt zu machen habe. (Übersetzung: Gute Nachricht)

     Liebe Mitchristen!

     „Komm schon, trau’ dich!“ Der Junge steht auf dem Drei-Meter-Brett im Schwimmbad. Er ist der letzte, der noch springen muss. Alle anderen haben es bereits hinter sich, feuern ihn vom Beckenrand an. Drei Meter hoch ist das Sprungbrett, das Wasser darunter noch einmal mindestens ebenso tief und kristallklar. Man sieht den Grund, hat das Gefühl, es geht viel tiefer herunter. Der Junge hat Angst, würde am liebsten umkehren, will sich aber nicht blamieren. Die anderen sind schließlich auch alle gesprungen; er wäre der einzige. „Komm schon, trau’ dich!“ ruft ihm sein Freund vom Beckenrand zu. Der Sprung vom Drei-Meter-Brett gilt als „Mutprobe“. Er ist nicht gefährlich, wenn man ordentlich schwimmen kann, aber es erfordert beim ersten Mal Überwindung, sich ins Wasser fallen zu lassen. Die meisten tun das auch. Sie springen einfach. Und wer sich nicht traut, der klettert eben wieder herunter. Anfangs ist das vielleicht peinlich, später lacht man darüber.

    Vor vielen Jahren habe auch ich mit zitternden Knien auf dem Sprungturm gestanden, vielleicht ist es euch auch schon so gegangen. Und vielleicht denkt ihr auch – genau wie ich heute: „Meine Güte, könnte ich doch jede Angst so einfach überwinden, wie diese Angst vor dem Sprung!“ Denn mit dem, was uns heute plagt, werden wir nicht immer so schnell fertig. Und oft haben wir auch nicht die Möglichkeit, einfach umzukehren und dem, was uns Angst macht, einfach den Rücken zu kehren, wie wenn wir den Sprungturm über die Treppe verlassen. Was hilft in der Angst? Ein guter Freund kann da helfen. So wie damals auf dem Sprungbrett. „Komm schon, trau’ dich!“ ruft der Freund von unten. Das hilft. Der Junge da oben auf dem Sprungbrett schließt die Augen und springt. 

    Trau dich, zu Jesus zu gehören. Hab keine Angst davor. Und es muss dir auch nicht peinlich sein, dass du Christ bist. Das ist die Botschaft von unserem Predigttext heute. Er stammt aus einer Zeit, als es wirklich gefährlich war, Christ zu sein. Viel gefährlicher als ein Sprung vom Drei-Meter-Brett. Denn die ersten Christen wurden verfolgt und unterdrückt. In unserem Predigttext wird das ganz deutlich, was das bedeutet: Paulus sitzt im Gefängnis, weil er Christ ist und anderen von seinem Glauben erzählt hat.  Timotheus trifft es hart, dass Paulus im Gefängnis sitzt. Paulus ist ihm wichtig, er ist ein guter Freund von ihm. Timotheus ist einiges jünger als Paulus. Er ist ein Mitarbeiter von Paulus. Für ihn ist Paulus ein Vorbild, fast so etwas wie ein Vater. Wird Paulus wieder freikommen oder wird er hingerichtet werden? Timotheus macht sich Sorgen. Und er hat auch seine Zweifel. Er fragt sich: Ist das wirklich der richtige Weg für mich, dass ich zu Jesus und zur christlichen Gemeinde gehören will? Sollte ich mich nicht lieber fernhalten von der christlichen Gemeinde? Das ist doch alles viel zu gefährlich. Man riskiert ja sein Leben, wenn man Christ ist. Ist es das wirklich wert? 

    Timotheus ist in einer christlichen Familie aufgewachsen. Seine Großmutter Lois und seine Mutter Eunike haben ihm von Jesus erzählt und mit ihm gebetet. Aber jetzt ist er an dem Punkt, wo er merkt: Ich muss das für mich selber entscheiden, ob ich zur christlichen Gemeinde gehören will. An dem Punkt seid ihr jetzt auch, liebe Konfirmanden. Ihr habt schon viel vom christlichen Glauben gehört. In eurem Leben gibt es auch solche Menschen wie Paulus, Lois und Eunike. Menschen aus eurer Familie: Eure Eltern und Großeltern. Eure Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Menschen aus der Gemeinde, die ihr kennt, zum Beispiel von Konfi 3. Es ist gut, dass ihr schon als Kinder mit hineingenommen wurdet in den christlichen Glauben, dass ihr schon von klein auf zu unserer Gemeinde gehört. Aber jetzt seid ihr keine Kinder mehr. Ihr seid jetzt Jugendliche und trefft mehr und mehr eure eigenen Entscheidungen. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob ihr weiter als Christen leben und zur Gemeinde gehören wollt. 

    Und ihr geht dieser Entscheidung nicht aus dem Weg. Ihr macht euch auf den Weg–mittwochs in den Konfirmandenunterricht und heute am Sonntag in die Kirche. Ihr wollt dabeibleiben bei unserer Gemeinde. Ihr wollt mehr erfahren über den Glauben an Gott und über Jesus, von dem man sagt, dass er stärker ist als der Tod. Aber manchmal ist das für euch doch auch wie ein Sprung ins kalte Wasser. Da ist die Bibel, dieses dicke Buch. Und vieles von dem, was da drinsteht, bleibt erstmal geheimnisvoll und unverständlich. 

    Wir haben den heutigen Predigttext miteinander gelesen am Mittwoch im Konfirmandenunterricht. Um was geht es in diesem Text? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, wenn man den Text nur einmal gehört oder gelesen hat. Einfacher ist es, bei den Personen anzufangen, die im Text eine Rolle spielen. Die Mutter Eunike, die mit Timotheus gebetet hat, als er noch klein war. Die Großmutter Lois, alt und gebückt. Voller Lebenserfahrung gibt sie ihren Glauben weiter an ihren Enkel. Und natürlich Paulus: Paulus sitzt da und schreibt. Er schreibt einen Brief an Timotheus, der sein Mitarbeiter und sein Freund ist. Paulus macht Timotheus Mut in seinem Brief. Er schreibt ihm: Bekenne dich also offen und ohne Scheu zur Botschaft von unserem Herrn. Schäme dich nicht meinetwegen, weil ich für ihn im Gefängnis sitze, sondern sei bereit, mit mir für das Evangelium zu leiden. 

    „Komm schon, trau dich“, sagt Paulus. Und das gilt nicht nur damals für seinen Freund Timotheus. Das gilt auch für uns heute: „Komm schon, trau dich.“ Wage den Sprung ins kalte Wasser. Lass dich nicht abschrecken. Auch wenn du nicht alles verstehst, was in der Bibel steht und was in der Kirche gesagt wird. Auch wenn andere vielleicht sagen: Es lohnt sich nicht, sich damit zu beschäftigen. Denke an die Menschen, die dir von Jesus erzählt haben – deine Eltern, deine Lehrer. Denke daran, wie dir die Hand aufgelegt wurde und du gesegnet wurdest bei deiner Taufe. 

    Traut euch, liebe Konfirmanden. Lasst euch wieder die Hand auflegen zum Segen bei eurer Konfirmation. Gott schenkt euch seinen Geist. Er ist immer bei euch. So könnt ihr die Angst überwinden, egal was passiert im Leben. Und vielleicht wird das ja sogar euer Konfirmationsspruch, was Paulus hier seinem Freund Timotheus mit auf den Weg gibt: Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Feigheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

    Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer