- ökum. Gottesdienst
Predigt zum ökumenischen Gottesdienst zum Patrozinium der Kirche Heilig Kreuz in Gosheim
Liebe Mitchristen!
Heilig Kreuz- so heißt die katholische Kirche hier in Gosheim. Und es ist etwas Besonderes, dass wir heute, beim Patrozinium dieser Kirche, ökumenisch zusammenkommen- katholische Christen aus der Seelsorgeeinheit Lember und evangelische Christen aus der evang. Kirchengemeinde Wehingen. Heilig Kreuz: Unter dem Kreuz Jesu Christi kommen wir zusammen. Er, der Gekreuzigte und Auferstandene ist es, der uns zusammenhält. Sein Kreuz ist das Erkennungszeichen für uns Christen.
In den Sommerferien war ich im Urlaub in Mecklenburg. Auf einem ehemaligen Gutshof gab es Kaffee und Kuchen. Wir wurden bewirtet von einem jungen Kellner, der eine Halskette mit einem Kreuz trug. Darauf angesprochen sagte er, er trage das Kreuz aus Überzeugung, er sei evangelischer Christ. Es hat mich beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit er das sagte- dort in Mecklenburg, wo die Christen klar in der Minderheit sind und wo durch radikale Parteien die christlichen Werte wie Menschenwürde für alle und Nächstenliebe zunehmend in Frage gestellt werden. Die Begegnung mit diesem jungen Kellner, wie er seine Kette mit dem Kreuz getragen hat, ganz unaufdringlich, aber mit innerster Überzeugung und voller Bereitschaft, sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen- das hat mir Mut gemacht.
Ich denke an das Volk Israel in der Wüste. In der Schriftlesung (4. Mose 21, 4-9) haben wir gehört, wie das damals war- viele, viele Jahre nachdem dem Volk Israel die Flucht aus der Sklaverei in Ägypten gelungen war. Und immer noch waren sie in der Wüste unterwegs. Immer wieder war das Wasser knapp und zu essen gab es immer nur dasselbe: Immer nur Manna, jeden Tag. Dieses eintönige Essen hing ihnen schon längst zum Hals heraus. So verloren die Israeliten den Mut, die Widerstandskraft und die Hoffnung. Sie waren wie gelähmt- wie das Kaninchen vor der Schlange. Für die giftigen Schlangen, die dann im Lager auftauchten, waren diese Menschen leichte Beute. Sie wurden von den Schlangen gebissen, und viele starben. „Hilfe!“ riefen die Israeliten zu Mose und zu Gott. „Hilfe!“ rief Mose zu Gott.
Und Gott half tatsächlich- auf ganz merkwürdige und erstaunliche Weise. Gott gab Mose den Auftrag, aus Metall eine Schlange herzustellen und diese Schlange im israelitischen Lager für alle gut sichtbar an einer Stange zu befestigen. Wer diese Metall-Schlange anschaute, der würde gerettet. So geschah es. Und tatsächlich: Die Israeliten wurden vor den Schlangen gerettet. Im Evangelium (Johannes 3, 13-17) überträgt Jesus diese Geschichte auf sein Kreuz: So wie die Israeliten in der Wüste zur von Mose aufgerichteten Schlange geschaut haben und gerettet wurden, so sollen wir heute auf das Kreuz Jesu Christi schauen, um gerettet zu werden.
Oft sind wir mutlos und wie gelähmt. Wie die Israeliten vor den Schlangen sehen wir das Unheil heraufziehen. Wir sehen, wie radikale Kräfte stärker werden in unserem Land und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Menschenwürde zurückgedrängt werden. Wir sehen, wie in der Weltpolitik zunehmend das Recht des Stärkeren gilt, wie Kriege vom Zaun gebrochen werden und niemand sich in der Lage sieht, sie zu beenden. Wir sehen und spüren, wie das Klima sich verändert- die Sommer immer heißer, die Winter kaum noch Schnee. Wir sehen das alles. Wie das Kaninchen vor der Schlange stehen wir vor diesen Problemen und Gefahren unserer Zeit; wie erstarrt, wie gelähmt. Was kann da helfen?
Schaut auf das Kreuz, sagen uns die Bibeltexte, die wir heute als Lesungen gehört haben. Ja, das Kreuz Jesu Christ kann uns aus dieser Lähmung und Erstarrung herausholen. Denn das Kreuz Jesu Christ zeigt uns: Die Liebe hat das letzte Wort. Nicht das Unheil und nicht das Recht des Stärkeren haben das letzte Wort, sondern die Liebe. Denn allein aus Liebe ist Jesus Christus für uns ans Kreuz gegangen. Aus Liebe ist er diesen elenden Tod gestorben. Alles Elend der Welt, alle Schuld und alles Leid hat er dort am Kreuz auf sich genommen, damit wir leben, damit wir frei sein können. Das Kreuz Jesu Christi ist das Zeichen für die Liebe. Nicht immer muss das Kreuz deswegen hoch und erhaben sein wie wir es hier sehen in der Kirche Heilig Kreuz und an manchen schönen Aussichtspunkten wie dem Weißen Kreuz in Gosheim. Sichtbar als Zeichen der Liebe ist das Kreuz Jesu Christi manchmal gerade da, wo es klein und unscheinbar erscheint. In den Großstädten unserer Welt sind die christlichen Kirchen mit ihren Kreuzen ja längst nicht mehr die höchsten Gebäude. Sie werden überragt von Wolkenkratzern. Hier in unserer Region steht uns das durch den Testturm in Rottweil vor Augen, in dem Aufzüge für solche Wolkenkratzer getestet werden und der die Kirchtürme von Rottweil bei Weitem überragt.
Und doch sind es auch und gerade diese Kirchen, die von anderen Gebäuden überragt werden, die das Kreuz Jesu Christi aufgerichtet haben in unserer Zeit. In New York in Downtown Manhattan gibt es eine solche Kirche: die St. Paul’s Chapel. Auch heute wirkt sie klein und unscheinbar neben den großen Wolkenkratzern, die sie umgeben. Erst recht war dies vor über 25 Jahren so, als St. Paul’s Chapel im Schatten der beiden Zwillingstürme des World Trade Centers stand. Aber der 11. September 2001 änderte alles, als die beiden Zwillingstürme sich nach Terroranschlägen in ein Flammeninferno verwandelten, in Schutt und Asche versanken und Tausende von Menschen dabei den Tod fanden.
Wie durch ein Wunder blieb die direkt am Ground Zero gelegene kleine St. Paul’s Chapel bei dieser Katastrophe verschont. In den Wochen und Monaten danach wurde St. Paul’s ein Zufluchtsort. St. Paul’s war rund um die Uhr geöffnet. Rettungskräfte und Bergungsarbeiter konnten hier essen, schlafen, ausruhen und sich medizinisch versorgen lassen. Die von den schweren Stiefeln der Rettungskräfte zerkratzten Kirchenbänke sind dort noch heute zu sehen- und auch ein Kreuz, das in dieser schweren Zeit vor 25 Jahren entstanden ist. Ein Kreuz aus Metall, das zwei Schmiede aus Virginia damals aus Überresten des World Trade Centers angefertigt haben. Iron Memorial Cross nennen sie dieses Kreuz dort in New York- eisernes Erinnerungskreuz. Für viele Menschen in New York ist dieses Kreuz ein Hoffnungszeichen- damals wie heute. Es hilft ihnen, nicht vor dem Bösen zu erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange. Es hilft ihnen, trotz allem Bösen nicht den Mut zu verlieren und nicht den Glauben daran, dass die Liebe letztlich siegt.
Lassen wir uns ermutigen von dieser Geschichte aus dunkler Zeit, die auch in die Dunkelheiten unserer Zeit hinein spricht. Halten wir unseren Blick fest auf das Kreuz Jesu Christi gerichtet. Am Kreuz ist er den Weg der Liebe für uns gegangen- Liebe, die stärker ist als aller Hass und alle Gewalt.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
