Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2026
Liebe Mitchristen!
Wann haben Sie zuletzt Gäste willkommen geheißen bei sich zuhause? Vielleicht war es bei einem Fest, an Ihrem Geburtstag zum Beispiel. Oder Sie hatten einfach zwei, drei gute Bekannte da, nachmittags zum Kaffee oder abends auf ein Bier. Wahrscheinlich hatten Sie vorher eingeladen, so dass Sie sich auf den Besuch vorbereiten konnten. Und bestimmt waren die Personen, die Sie bei sich zuhause willkommen geheißen haben, keine Fremden für Sie. Bei Abraham, von dem wir in der Bibel lesen (1. Mose 18, 1-16), war das anders: Die drei Männer, die ihn besuchen, kommen unangemeldet. Und Abraham kennt sie nicht. Vielleicht wären die drei sogar einfach weitergelaufen, wenn Abraham sie nicht aufgefordert hätte, bei ihm ein wenig Rast zu machen von ihrem staubigen Weg, und sich zu erfrischen und zu stärken. „Seid meine Gäste,“ sagt Abraham zu den dreien, „hier im Schatten unter dem Baum ist der beste Platz.“ Und Abraham lässt auftafeln für seine unbekannten Gäste: Wasser, um die Füße zu erfrischen, Milch zum Trinken, frisch gebackenes Brot mit Butter und sogar einen Kalbsbraten.
So war das eben damals, könnten wir jetzt sagen. Oder: Im Orient ist das halt so: Orientalische Gastfreundschaft. Und vielleicht hat mancher von uns das auch schon erlebt beim Urlaub in einem orientalischen Land: Diese Herzlichkeit, mit der dort die Gäste bewirtet werden. Und dass Gastfreundschaft Vorrang hat vor allen anderen Aufgaben und Verpflichtungen. Da wird der unerwartet vor der Tür stehende Gast hereingebeten, auch wenn es eigentlich gerade nicht passt und man anderes vorhatte.
Und bei uns? Da ist das eben anders- eine andere Zeit, eine andere Kultur, oder? Vielleicht dachten die Christen im ausgehenden 1. Jahrhundert nach Christus auch so, wenn sie die Geschichte von Abraham und seinen drei Besuchern gehört haben. Seit einigen Jahrzehnten gab es die jungen christlichen Gemeinden schon. Das Christentum hatte sich gefestigt und an manchen Orten etabliert. Aber immer wieder waren die christlichen Gemeinden Anfeindungen ausgesetzt und sogar Verfolgungen. Kann man unter solchen Bedingungen wie damals leben wie Abraham und die fremden Leute da draußen vor der Tür einfach bei sich zu Tisch bitten? Und kann man das in unserer Zeit tun, wo an der Haustür oft Lügengeschichten erzählt werden, die auf die Tränendrüse drücken, aber eigentlich will da einer nur an unser Geld?
In den jungen christlichen Gemeinden konnte es jedenfalls gefährlich werden, wenn man dem Fremden draußen die Tür öffnete und ihn zu sich an den Tisch bat. Denn wer konnte damals schon wissen, ob dieser Fremde nicht ein Gegner des christlichen Glaubens war, einer der Verfolger, die einem Böses wollten? Auch konnte es damals gefährlich werden, die wegen ihres Glaubens Verhafteten im Gefängnis zu besuchen oder die, die wegen ihres Glaubens gefoltert worden waren, gesund zu pflegen. Denn mit all diesen Taten zeigte man ja, dass man selbst auch zur christlichen Gemeinde hielt, und lief somit Gefahr, ebenfalls gefangen genommen oder gefoltert zu werden.
In einer Atmosphäre der Angst wie in der damaligen Zeit ist es schwer, die christlichen Werte der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft zu leben. Auch in unserer Zeit wird es zunehmend schwerer, weil diese Werte an Bedeutung verlieren in unserer Gesellschaft. Aber diese christlichen Werte sind nicht verhandelbar. Daran erinnert der Hebräerbrief: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ (Hebräer 13, 1-3) Für die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden, an die dieser Brief sich ursprünglich richtet, war es eine noch viel größere Zumutung als für uns heute, ihre Häuser zu öffnen für den draußen vor der Tür, die Gefangenen zu besuchen, und die an Körper und Seele Verletzten und Misshandelten zu versorgen. Sie riskierten ihr Leben dafür. Und doch- es geht nicht anders, meint der Verfasser des Hebräerbriefs. Denn ihr seid auch Menschen, die einen Körper haben. Ihr wisst, wie sich Schmerzen anfühlen. Vergesst nicht die Misshandelten. Vergesst nicht die Gefangenen.
Und heute möchte ich noch dazusetzen: Vergesst auch nicht die, die in ihrer Einsamkeit gefangen sind. Die keine Freunde haben, keine echten zwischenmenschlichen Begegnungen, nur die sogenannten sozialen Medien. Ja, die Einsamkeit ist zur Landplage geworden in unserer Zeit. Deshalb: Ladet die Einsamen ein in euer Haus. Nicht nur die, die auf eurer Linie liegen und in eurer Blase leben. Nein, gerade auch die, die ein bisschen anders ticken als ihr. Ihr müsst euch deswegen nicht in Gefahr bringen. Wer bei euch vor der Tür steht und Lügengeschichten erzählt, die auf die Tränendrüse drücken, und eigentlich will er nur euer Geld, der kann ruhig draußen bleiben. Aber wie wäre es, mal die Nachbarin oder den Nachbarn einzuladen, die immer allein sind und die man selten draußen sieht? Wenn ihr eure Tür öffnet, dann könnten sie vielleicht so ein Engel für euch sein, wie im Hebräerbrief beschrieben. So wie bei Abraham damals.
Abraham hat die drei Fremden als Gäste bei sich willkommen geheißen, ohne zu wissen, dass es Engel sind. Er hat mit ihnen gegessen und getrunken, geredet und zugehört. Und so war Abraham ganz Ohr für die Botschaft, die Gott ihm durch diese Drei überbracht hat: Dass er mit seiner Frau Sara einen Sohn bekommen wird, trotz ihres hohen Alters. Ein Engelsbotschaft war das, die sich erfüllt hat. Ja, Träume können wahr werden und das, was wir für unmöglich halten, plötzlich möglich werden, wenn wir ein offenes Haus und ein offenes Herz haben für die Menschen um uns herum. Wer weiß, durch welchen dieser Menschen Gott uns eine wichtige Botschaft überbringen will? Vielleicht gerade durch den, von dem wir das am wenigsten erwarten.
Bleiben wir also fest in der brüderlichen Liebe, und sind wir offen für Gottes Wirken, auch in unserem Alltag. Statt brüderliche Liebe könnte man auch übersetzten: Geschwisterliche Liebe. Dass wir uns als Brüder und Schwestern begegnen- mit Mitgefühl, mit Mitleid und mit tatkräftiger Mithilfe da, wo es nötig ist. Aber es steckt noch mehr drin in der brüderlichen Liebe: Jesus Christus, unser Bruder und Herr. Seine Liebe zu uns macht uns erst fähig dazu, die brüderliche, geschwisterliche Liebe untereinander zu leben- als Glaubensgeschwister, die verbunden sind im Glauben an Jesus Christus. Er hat uns zuerst geliebt. Für unsere Sünden ist er am Kreuz gestorben, allein aus Liebe. Und am dritten Tag hat Gott seinen Engel geschickt, um zu verkünden: Jesus lebt.
Aus dieser Liebe leben wir. Diese Engelsbotschaft trägt uns bis heute. So wie es der Hebräerbrief auf den Punkt bringt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ (Hebräer 13, 8)
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

