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Gedanken zum Sonntag

19. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2026

Liebe Mitchristen!

Haben Sie heute Morgen beim Aufstehen überlegt, was Sie anziehen, wenn Sie hierher in den Gottesdienst gehen? Was habe ich denn gestern angehabt- das fragt man sich, wenn man morgens beim Aufstehen über die richtige Kleidung nachdenkt. Gestern, da war Samstag. Vielleicht waren Sie draußen im Garten und haben das Laub zusammengerecht. Dann hatten Sie wohl die abgewetzte Hose und den abgetragenen Pulli an, den Sie immer bei der Gartenarbeit tragen. Nein- diese Kleider haben Sie bestimmt nicht passend gefunden, um damit heute am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. Und falls Sie gestern wirklich im Garten tätig waren, wo jetzt das Herbstlaub fällt, dann haben Sie sich nach getaner Arbeit wahrscheinlich erst mal geduscht und dann frische Kleider angezogen- spätestens heute Morgen, bevor Sie sich auf den Weg zu unserem Gottesdienst gemacht haben.

Manchen von uns ist es noch vertraut, dass man für den Gottesdienstbesuch besondere, festlichere Kleider anzieht als im Alltag die ganze Woche über. „Sonntagshäs“- so sagte meine Großmutter aus Balingen-Endingen zu diesen Kleidungsstücken. Denn die Kleidung, die man unter der Woche bei der Arbeit in der Landwirtschaft oder in der Küche beim Kochen und Backen anhatte, die kam für meine Großmutter für den sonntäglichen Kirchgang nicht in Frage. Für den Kirchgang brauchte man das Sonntagshäs- Kleidung, die nur an Sonn- und Festtagen getragen wurde.

Wir waschen uns. Wir wechseln die Kleider. Wir machen uns schön für Gott. Das ist der Grundgedanke, von dem auch unser heutiger Predigttext (Epheser 4, 22-32) ausgeht. Sich waschen oder gewaschen werden und neue Kleider anziehen: Für die junge christliche Gemeinde damals in Ephesus waren diese alltäglichen Verrichtungen ganz eng mit einem besonderen christlichen Fest verbunden, das jeder von ihnen gefeiert hat- ja und auch jeder von uns heutigen Christen: Das Fest der Taufe. Durch die Taufe sind wir mit hineingenommen in den Tod und die Auferstehung von unserem Herrn Jesus Christus. Alles, was uns von Gott trennt und daran hindert, in seiner Liebe zu leben, geht unter im Wasser der Taufe. Als Getaufte sind wir neue Menschen, auferstanden zum neuen Leben. So wie es der Apostel Paulus an anderer Stelle sagt: Wir sind der Sünde gestorben und leben für Gott in Jesus Christus (Römer 6,11).

Das alles steckt im Wasser unserer Taufe: Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und das neue Leben in Gott, das uns dadurch geschenkt ist. In den jungen christlichen Gemeinden wie damals in Ephesus gab es außer dem Taufwasser noch ein weiteres sichtbares Zeichen für dieses neue Leben, das uns durch die Taufe geschenkt ist: Das Taufkleid. Wissen Sie, welche Farbe das Taufkleid hatte? Weiß, ja genau. Das wissen wir heute noch. Denn in vielen Familien gibt es noch so ein weißes Taufkleidchen. Für die Kinder, die getauft werden, wurde es von Generation zu Generation weitergereicht.

Weiß- wofür steht diese Farbe? Weiß ist ein unbeschriebenes Blatt. Weiß ist die sprichwörtlich gewordene weiße Weste. Weiß, das steht für Reset: Neuanfang, das Alte ganz hinter sich lassen dürfen. Wenn man sich damals in Ephesus oder in einer anderen der ersten christlichen Gemeinden taufen lassen hat, dann lief das so ab: Vor der Taufe hat man seine alten Kleider ausgezogen; und nachdem man im Wasser der Taufe gewaschen wurde, hat man die neuen, weißen Taufkleider angezogen. Ja, als neuer Mensch stehe ich vor Gott, wenn ich getauft bin- als ein neuer Mensch mit weißer Weste.

Aber wie geht es dann weiter mit diesem neuen Menschen, der ich durch die Taufe geworden bin? Bleibt die Weste immer weiß, ein Leben lang? Wir alle wissen: Wir sind nur Menschen. Schuld und Versagen sind leider weiterhin Teil unserer Lebensgeschichte, auch wenn wir getauft sind. Jede und jeder von uns könnte dazu seine eigene Geschichte erzählen. Und auch die frühen Christen damals in Ephesus waren keine Engel. Damals wie heute müssen wir erleben: Ich falle zurück in meine alten schlechten Gewohnheiten. Ich schaffe es nicht, immer die Wahrheit zu sagen. Wenn ich wütend bin, kann ich richtig gemein sein zu anderen. Und ist wirklich nichts von dem, was ich mein Eigentum nenne, mit unlauteren Mitteln erworben? Wen habe ich übervorteilt? Wen habe ich übersehen, der meine Unterstützung nötig gehabt hätte? Wo habe ich Menschen verletzt durch unbedachte Worte oder Witze auf Kosten anderer? Oder ich habe andere runtergemacht mit meinem Sarkasmus, meinem Jähzorn, meinem Spott.

Das alles sind die alten schlechten Gewohnheiten. Das alles ist der alte Mensch, der mit unserem neuen Leben als Christen nicht zusammenpasst. So sagt es uns unser Predigttext. Diese alten schlechten Gewohnheiten gilt es abzulegen- so wie man die alten, schmutzigen Kleider ablegt und neue frische Kleider anzieht, wenn man gerade geduscht hat: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Epheser 4, 22-24)

Zieht den neuen Menschen an, sagt uns unser Predigttext. Ihr seid doch reingewaschen durch eure Taufe. Legt die alten schmutzigen Kleider ab: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es
Gnade bringe denen, die es hören. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.     

“ (Epheser 4, 25,27-29,31)

Ja, dazu sind wir aufgerufen: Das Gute zu tun und dem Bösen zu widerstehen. Und auch wenn wir es gerne vergessen, eigentlich wissen wir doch: Jeder kann hier nur bei sich selbst anfangen. Der einzige Mensch, den ich wirklich ändern kann, bin ich selbst. Das hören wir meist nicht so gern. Und auch solche Ermahnungen, wie sie der Epheserbrief hier gibt, hören wir meist nicht gern. Da sehen wir schnell den erhobenen Zeigefinger und wollen uns wegducken. Aber so ist es nicht gemeint. Diese Bibelworte wollen wirklich Lebenshilfe geben und gute Ratschläge sein. Praktische Lebenstipps, wie sie eigentlich gerade heute Konjunktur haben- ob in der Ratgeberliteratur oder bei Influencern im Internet. „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4, 26) Das ist so eine Lebensweisheit, von der viele nicht vermuten würden, dass sie in der Bibel steht. Ja, wahrlich ein guter Ratschlag: Am Abend, bevor die Nacht hereinbricht, da ist es dann wirklich an der Zeit, seinen Zorn verrauchen zu lassen und wieder ruhige, versöhnliche Töne anzuschlagen. Denn den Zorn und den Streit mit ins Bett zu nehmen, das ist keine gute Idee. Wenn ihr zornig seid, sollt ihr nicht sündigen, heißt es auch im Epheserbrief (Epheser 4, 26). Und damit ist auch gesagt: Der Zorn und die Wut, das darf seinen Platz haben in unserem Leben. Denn Zorn und Wut sind menschliche Gemütsregungen, die ihre Berechtigung haben. Erst wenn der Zorn kein Ende findet, erst wenn er zerstörerisch wird, erst dann wird er zur Sünde.

Keinen gnadenlos erhobenen Zeigefinger hält uns unser Predigttext vor. Er weiß um die menschlichen Möglichkeiten, Stärken und Schwächen. Er weiß, unser neues Leben hat schon begonnen in der Taufe. Er weiß um die Vergebung durch Jesus Christus, aus der wir jeden Tag neu leben, wie aus der Taufe gehoben. Auch wenn wir nur Menschen sind. Auch wenn wir es nicht schaffen, mit weißer Weste durchs Leben zu gehen. Gottes Heiliger Geist, der uns mit der Taufe zugesprochen wurde, verlässt uns nicht. Gottes Heiliger Geist begleitet uns wie ein Siegel auf unserem Herzen und macht uns bereit für den Tag der Erlösung.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Erntedank

Predigt zum Erntedankfest, 4. Oktober 2026

 

Liebe Mitchristen!

 

Auch in diesem Jahr ist der Erntealtar in unserer Kirche wieder reich geschmückt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich denke an den Sommer, der hinter uns liegt; an die drückende Hitze, die wir selbst hier auf dem Heuberg hatten, wo das Wetter eigentlich etwas rauer ist als unten im Tal. Ich denke an die Trockenheit, wo statt grünen Wiesen nur noch braune, vertrocknete Grasreste zu sehen waren. Ich denke an die Menschen, die unter diesem heißen Sommer zu leiden hatten, besonders an die Hochbetagten, für die dieses Wetter richtig gefährlich war. Ja, und auch unsere Feld- und Gartenfrüchte hatten es schwer bei diesem heißen Sommer. Die Landwirte, die dafür sorgen, dass wir unser tägliches Brot haben, wissen ein Lied davon zu singen.

 

Aber nicht um zu jammern, sind wir heute hier zusammengekommen, sondern um zu danken. Danken dafür, dass wir genug zu essen haben. Danken dafür, dass wir nicht Hunger leiden müssen. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir können dankbar sein, dass wir in einem reichen Land leben, wo die Supermarktregale auch dann gut gefüllt bleiben, wenn die Ernte nicht so gut ausfällt. Und trotz steigender Preise und schwieriger Arbeitsmarktsituation werden die meisten von uns wohl auch genug Geld zur Verfügung haben, um beim Wocheneinkauf den Supermarkt mit einem gut gefüllten Einkaufswagen zu verlassen. Ja, auch das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Grund zur Dankbarkeit.

 

Am vergangenen Mittwoch habe ich mit unseren Konfirmanden und einigen Firmlingen von der katholischen Seelsorgeeinheit den Tafelladen in Trossingen besucht. Es tut weh, zu hören, wie die gespendeten Lebensmittel dort eingeteilt und rationiert werden müssen, weil es viel mehr Bedürftige gibt, die auf diese günstige Einkaufsmöglichkeit angewiesen sind, als Lebensmittelspenden kommen. Es tut weh, dass in unserem reichen Land solche Armut da ist, dass Menschen sich einen normalen Supermarkt-Einkauf nicht mehr leisten können. Mir war es wichtig, mit den Jugendlichen diesen Besuch im Tafelladen zu machen. Denn Armut bleibt zu oft im Verborgenen, und die, die Hunger haben, bleiben unsichtbar und unbemerkt.

 

Bei Jesus war das anders, so erzählt es uns unser Predigttext aus dem Markusevangelium (Markus 8, 1-9). Eine große Menge an Menschen war zu ihm gekommen. Wie Jesus von Gott erzählt und Kranke heilt, das beeindruckt sie. Die Gegend ist einsam. Man kann nicht schnell mal eben zum Laden an der Ecke und dort ein Brot kaufen. Aber die Worte, die Jesus zu sagt, sind diesen Menschen wichtiger als Brot. Drei Tage sind sie schon bei Jesus. Wer drei Tage nichts gegessen hat, der hat richtig Hunger. Jesus bleibt das nicht verborgen. Der Hunger dieser großen Menschenmenge bleibt bei Jesus nicht unbemerkt. Nein, Jesus macht sich Sorgen um die Menschen. Das Elend dieser hungrigen Menschenmenge geht Jesus richtig nahe: „Mich jammert das Volk,“ sagt er. Für Jesus sind diese Menschen keine anonyme Masse. Er denkt an die einzelnen, die von weither gekommen sind, um ihm zuzuhören. Wenn sie jetzt nichts zu essen bekommen, dann schaffen sie den weiten Heimweg nicht mehr. Dann brechen sie unterwegs zusammen und sterben. Jesus lässt das nicht kalt. Es tut ihm weh. Er zeigt Mitgefühl.

 

„Wie viele Brote habt ihr?“ fragt Jesus seine Jünger. Es ist eine Frage, die einen beunruhigen kann. Hier will einer buchstäblich ans Eingemachte, an meine Vorräte, die ich für mich selbst zurückgelegt habe. Und ich muss mich fragen: Wie viel brauche ich wirklich zum Leben? Was brauche ich nicht unbedingt und kann es mit anderen teilen, die es nötiger haben als ich? Wo kann ich Energie sparen und auf alternative Energien umsteigen, um das Klima zu schonen, damit unsere Erde sich nicht immer weiter aufheizt und auch für unsere Kinder und Enkel noch ein lebenswerter Ort ist?

 

„Wie viele Brote habt ihr?“ fragt Jesus. Und er meint damit: Es ist genug für alle da. Jesus wartet nicht, bis er sicher sein kann, dass das Essen für alle reicht. Er lädt ein zum Essen. „Setzt euch zum Essen nieder!“ sagt er der großen Menschenmenge. Denn Jesus weiß: Zum Essen gehört nicht einfach nur ein gedeckter Tisch. Zum Essen gehört Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft stellt Jesus her, indem er die Menschen auffordert, sich zur Mahlzeit zu setzen. Bisher waren sie alle nur auf Jesus fixiert. Jetzt nehmen sie sich gegenseitig wahr.

 

Jesus stillt nicht nur den Hunger nach Nahrung. Jesus stillt auch den Hunger nach Gemeinschaft. Auch in unserer Zeit gibt es diesen Hunger. Ja, was den Hunger nach Gemeinschaft betrifft, sind viele Menschen unterernährt in unserem Land. Und so wollen wir heute in diesem Gottesdienst auch danken für die Gemeinschaft, die wir miteinander haben, und an all die vielen Menschen denken, die einsam sind- oft auch junge Menschen. 

 

Dankbar können wir sein, selbst dann, wenn wir nur wenig haben an Nahrung oder an Gemeinschaft. Jesus macht es uns vor. Die karge Mahlzeit, zu der er die große Menschenmenge eingeladen hat, beginnt er mit einem Dankgebet. Obwohl nur sieben Brote zu ihm gebracht wurden für diese große Menschenmenge von 4.000 Personen- Jesus verzweifelt nicht. Jesus dankt Gott für das, was da ist. Und tatsächlich- gleich nach Jesu Frage „Wie viele Brote habt ihr?“ taucht da noch mehr Essen auf, das verteilt werden kann: Einige Fische gibt es auch noch, erfahren wir aus unserem Predigttext. Und ja- vielleicht haben nicht nur die Jünger, sondern auch die anderen Menschen mal in ihren Taschen nachgeschaut und entdeckt: Da ist ja noch ein Stück Brot. Da ist noch ein kleines Stück Fisch. Das lege ich mit dazu zu dem Wenigen, was da ist. War es so, damals bei Jesus und der Menschenmenge? Wir wissen es nicht. Die Bibel erzählt uns nicht, wie dieses Wunder geschah. Aber das erzählt uns die Bibel: Jesus hat alle satt gemacht, alle 4.000 Menschen. Ja, von dem Essen blieben sogar noch Reste übrig, 7 Körbe voll.

 

Ich denke noch einmal an den Besuch im Tafelladen. Die Konfirmanden und Firmlinge hatten Lebensmittelspenden mitgebracht. Am Ende der eine Spendenkorb, der dafür aufgestellt war, übervoll- so voll, dass Manches sogar danebengelegt werden musste. Dankbarkeit für das Wenige, das da ist, und den Mut, dies auch zu verteilen unter die Bedürftigen- das kann man vom Tafelladen lernen. Denn alles, was uns geschenkt ist- die Nahrungsmittel und die Gemeinschaft- kommt von Gott. All das ist ein Grund, Gott zu danken.

                                                                                        

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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16. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum Familiengottesdienst am 20. September 2026

Liebe Kinder, liebe Erwachsene!

„Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mir und über dir.“ So haben wir gerade miteinander gesungen. Und ihr, liebe Konfi 3-Kinder, habt mir dabei geholfen, die Geschichte zu erzählen, die ganz am Anfang in der Bibel steht: Adam und Eva kommen in dieser Geschichte vor, außerdem viele Tiere und unsere schöne Welt mit ihren Bäumen und Blumen. All das hat Gott uns Menschen geschenkt, damit wir gut darauf aufpassen- auf die Tiere, die Pflanzen und auch auf die Menschen um uns herum.

Viele von Euch haben vielleicht ein Haustier, und ihr wisst, was für ein treuer Begleiter so ein Haustier sein kann. Wenn ihr einen Hund habt- der merkt auch, wenn ihr traurig seid, und will euch trösten. Aber verstehen, warum ihr traurig seid, das kann ein Hund nicht. Deswegen ist Adam, der erste Mensch, so froh, als Gott einen zweiten Menschen für ihn macht: Eva, die Frau an seiner Seite. Ja, das größte Wunder, das Gott gemacht hat, das sind wir Menschen: Adam sieht ganz anders aus als Eva. Du siehst ganz anders aus als ich. Jeder Mensch ist einmalig. Jeder Mensch ist ein Wunder Gottes; ein Geschenk von Gott: Ein Kind wird geboren. Wenn wir das erleben dürfen, werden wir zu Augenzeugen von Gottes Schöpfung- so wie damals bei Adam und Eva.

„Lass dich fallen, und ich helfe dir auf. Spring, und ich verleihe dir Flügel.“ Dieser Spruch soll eines unserer Taufkinder begleiten auf seinem Lebensweg. Ja, auf Gott können wir vertrauen in jeder Lebenslage. Wenn wir fallen, hilft Gott uns wieder aufzustehen und festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Wenn wir einen Sprung ins Neuland wagen, dann gibt Gott uns Kraft und Mut und beschützt und unter dem Schatten seiner Flügel. So wie es in Psalm 17, 8 heißt: „Beschirme mich wie einen Augapfel im Auge; beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel.“ Gott ist für uns da. Er begleitet uns durchs Leben. Wir sind für ihn unendlich wertvoll und wichtig, jeder und jede einzelne von uns- so wichtig wie ein Augapfel im Auge. Auf den Augapfel im Auge passt man besonders gut auf, denn für uns alle ist es ganz wichtig, dass wir unsere Augen haben, mit denen wir sehen können. Augapfel- heute ein ungewöhnliches Wort. Aber das Auge ist ja rund wie ein Apfel, deswegen sagt man auch Augapfel dazu.

Ja, wunderbar sind wir gemacht von Gott. Das Auge mit dem Augapfel ist ein gutes Beispiel dafür: Was für ein Wunder ist es, dass wir sehen können: Die Bäume, die Blumen, die Farben, die Tiere- und die Menschen um uns herum! Dieses Wunder hat angefangen bei Adam und Eva, als Gott die Menschen und die Welt gemacht hat.

Aber war da bei Adam und Eva nicht noch eine andere Geschichte mit einem Apfel? Ja- so wunderbar hat Gott uns Menschen gemacht, dass wir die Freiheit haben, zu wählen zwischen dem Guten und dem Bösen. Den Apfel an einem der Bäume im Paradiesgarten sollten Adam und Eva nicht essen. Aber genau das haben sie getan- das, was verboten war. Was hilft nun dagegen, dass wir uns zu bösen Taten verführen lassen? Es hilft der Glaube an Gott und an Jesus. Jesus ist den Weg der Liebe für uns gegangen. Er hat unsere Sünden auf sich genommen am Kreuz- allein aus Liebe. Ja, ein noch größeres Wunder als der Mensch ist die Liebe. Die Liebe haben wir von Gott. In Liebe sollen wir einander begegnen. In Liebe sollen wir uns um Gottes Welt kümmern- um die Pflanzen, Tiere und Menschen. So wie es in der Bibel in 1. Johannes 3, 18 heißt: „Lasst uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

 

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ökum. Gottesdienst

Predigt zum ökumenischen Gottesdienst zum Patrozinium der Kirche Heilig Kreuz in Gosheim

Liebe Mitchristen!

Heilig Kreuz- so heißt die katholische Kirche hier in Gosheim. Und es ist etwas Besonderes, dass wir heute, beim Patrozinium dieser Kirche, ökumenisch zusammenkommen- katholische Christen aus der Seelsorgeeinheit Lember und evangelische Christen aus der evang. Kirchengemeinde Wehingen. Heilig Kreuz: Unter dem Kreuz Jesu Christi kommen wir zusammen. Er, der Gekreuzigte und Auferstandene ist es, der uns zusammenhält. Sein Kreuz ist das Erkennungszeichen für uns Christen.

In den Sommerferien war ich im Urlaub in Mecklenburg. Auf einem ehemaligen Gutshof gab es Kaffee und Kuchen. Wir wurden bewirtet von einem jungen Kellner, der eine Halskette mit einem Kreuz trug. Darauf angesprochen sagte er, er trage das Kreuz aus Überzeugung, er sei evangelischer Christ. Es hat mich beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit er das sagte- dort in Mecklenburg, wo die Christen klar in der Minderheit sind und wo durch radikale Parteien die christlichen Werte wie Menschenwürde für alle und Nächstenliebe zunehmend in Frage gestellt werden. Die Begegnung mit diesem jungen Kellner, wie er seine Kette mit dem Kreuz getragen hat, ganz unaufdringlich, aber mit innerster Überzeugung und voller Bereitschaft, sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen- das hat mir Mut gemacht.

Ich denke an das Volk Israel in der Wüste. In der Schriftlesung (4. Mose 21, 4-9) haben wir gehört, wie das damals war- viele, viele Jahre nachdem dem Volk Israel die Flucht aus der Sklaverei in Ägypten gelungen war. Und immer noch waren sie in der Wüste unterwegs. Immer wieder war das Wasser knapp und zu essen gab es immer nur dasselbe: Immer nur Manna, jeden Tag. Dieses eintönige Essen hing ihnen schon längst zum Hals heraus. So verloren die Israeliten den Mut, die Widerstandskraft und die Hoffnung. Sie waren wie gelähmt- wie das Kaninchen vor der Schlange. Für die giftigen Schlangen, die dann im Lager auftauchten, waren diese Menschen leichte Beute. Sie wurden von den Schlangen gebissen, und viele starben. „Hilfe!“ riefen die Israeliten zu Mose und zu Gott. „Hilfe!“ rief Mose zu Gott.

Und Gott half tatsächlich- auf ganz merkwürdige und erstaunliche Weise. Gott gab Mose den Auftrag, aus Metall eine Schlange herzustellen  und diese Schlange im israelitischen Lager für alle gut sichtbar an einer Stange zu befestigen. Wer diese Metall-Schlange anschaute, der würde gerettet. So geschah es. Und tatsächlich: Die Israeliten wurden vor den Schlangen gerettet. Im Evangelium (Johannes 3, 13-17) überträgt Jesus diese Geschichte auf sein Kreuz: So wie die Israeliten in der Wüste zur von Mose aufgerichteten Schlange geschaut haben und gerettet wurden, so sollen wir heute auf das Kreuz Jesu Christi schauen, um gerettet zu werden.

Oft sind wir mutlos und wie gelähmt. Wie die Israeliten vor den Schlangen sehen wir das Unheil heraufziehen. Wir sehen, wie radikale Kräfte stärker werden in unserem Land und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Menschenwürde zurückgedrängt werden. Wir sehen, wie in der Weltpolitik zunehmend das Recht des Stärkeren gilt, wie Kriege vom Zaun gebrochen werden und niemand sich in der Lage sieht, sie zu beenden. Wir sehen und spüren, wie das Klima sich verändert- die Sommer immer heißer, die Winter kaum noch Schnee. Wir sehen das alles. Wie das Kaninchen vor der Schlange stehen wir vor diesen Problemen und Gefahren unserer Zeit; wie erstarrt, wie gelähmt. Was kann da helfen?

Schaut auf das Kreuz, sagen uns die Bibeltexte, die wir heute als Lesungen gehört haben. Ja, das Kreuz Jesu Christ kann uns aus dieser Lähmung und Erstarrung herausholen. Denn das Kreuz Jesu Christ zeigt uns: Die Liebe hat das letzte Wort. Nicht das Unheil und nicht das Recht des Stärkeren haben das letzte Wort, sondern die Liebe. Denn allein aus Liebe ist Jesus Christus für uns ans Kreuz gegangen. Aus Liebe ist er diesen elenden Tod gestorben. Alles Elend der Welt, alle Schuld und alles Leid hat er dort am Kreuz auf sich genommen, damit wir leben, damit wir frei sein können. Das Kreuz Jesu Christi ist das Zeichen für die Liebe. Nicht immer muss das Kreuz deswegen hoch und erhaben sein wie wir es hier sehen in der Kirche Heilig Kreuz und an manchen schönen Aussichtspunkten wie dem Weißen Kreuz in Gosheim. Sichtbar als Zeichen der Liebe ist das Kreuz Jesu Christi manchmal gerade da, wo es klein und unscheinbar erscheint. In den Großstädten unserer Welt sind die christlichen Kirchen mit ihren Kreuzen ja längst nicht mehr die höchsten Gebäude. Sie werden überragt von Wolkenkratzern. Hier in unserer Region steht uns das durch den Testturm in Rottweil vor Augen, in dem Aufzüge für solche Wolkenkratzer getestet werden und der die Kirchtürme von Rottweil bei Weitem überragt.

Und doch sind es auch und gerade diese Kirchen, die von anderen Gebäuden überragt werden, die das Kreuz Jesu Christi aufgerichtet haben in unserer Zeit. In New York in Downtown Manhattan gibt es eine solche Kirche: die St. Paul’s Chapel. Auch heute wirkt sie klein und unscheinbar neben den großen Wolkenkratzern, die sie umgeben. Erst recht war dies vor über 25 Jahren so, als St. Paul’s Chapel im Schatten der beiden Zwillingstürme des World Trade Centers stand. Aber der 11. September 2001 änderte alles, als die beiden Zwillingstürme sich nach Terroranschlägen in ein Flammeninferno verwandelten, in Schutt und Asche versanken und Tausende von Menschen dabei den Tod fanden.

Wie durch ein Wunder blieb die direkt am Ground Zero gelegene kleine St. Paul’s Chapel bei dieser Katastrophe verschont. In den Wochen und Monaten danach wurde St. Paul’s ein Zufluchtsort. St. Paul’s war rund um die Uhr geöffnet. Rettungskräfte und Bergungsarbeiter konnten hier essen, schlafen, ausruhen und sich medizinisch versorgen lassen. Die von den schweren Stiefeln der Rettungskräfte zerkratzten Kirchenbänke sind dort noch heute zu sehen- und auch ein Kreuz, das in dieser schweren Zeit vor 25 Jahren entstanden ist. Ein Kreuz aus Metall, das zwei Schmiede aus Virginia damals aus Überresten des World Trade Centers angefertigt haben. Iron Memorial Cross nennen sie dieses Kreuz dort in New York- eisernes Erinnerungskreuz. Für viele Menschen in New York ist dieses Kreuz ein Hoffnungszeichen- damals wie heute. Es hilft ihnen, nicht vor dem Bösen zu erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange. Es hilft ihnen, trotz allem Bösen nicht den Mut zu verlieren und nicht den Glauben daran, dass die Liebe letztlich siegt.

Lassen wir uns ermutigen von dieser Geschichte aus dunkler Zeit, die auch in die Dunkelheiten unserer Zeit hinein spricht. Halten wir unseren Blick fest auf das Kreuz Jesu Christi gerichtet. Am Kreuz ist er den Weg der Liebe für uns gegangen- Liebe, die stärker ist als aller Hass und alle Gewalt.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

14. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. 9. 2026

Liebe Mitchristen!

In unserem heutigen Predigttext (Lukas 19, 1-10) spielt ein Maulbeerbaum eine wichtige Rolle. In Israel zur Zeit Jesu war dieser Baum weit verbreitet- in vergangenen Jahrhunderten aber auch bei uns in Deutschland. In meinem Urlaub in Mecklenburg bin ich daran erinnert worden. Dort habe ich einen Maulbeerbaum gesehen. Er stand in einem Kirchhof: Alt, knorrig und wohl auch ein bisschen morsch. Ein Schild stand neben dem Baum, das auf seine besondere Geschichte hinwies: Im 19. Jahrhundert wurde er gepflanzt, aus wirtschaftlichen Gründen. Seide war damals wichtig. Man hoffte, sie nicht mehr aus China importieren zu müssen. Man hoffte, in Deutschland eine eigene Seidenproduktion aufbauen zu können. Viele Maulbeerbäume wurden deswegen damals in Deutschland gepflanzt- an öffentlichen Plätzen und in Kirchhöfen. Denn Seidenraupen fressen Maulbeerbaumblätter. Einige wenige dieser Maulbeerbäume stehen noch heute- so wie der, den ich in meinem Urlaub in Mecklenburg gesehen habe. Mit den Seidenraupen hat es allerdings nicht so geklappt an den deutschen Maulbeerbäumen. Die Hoffnung, in der Seidenproduktion von China unabhängig zu werden, hat sich nicht erfüllt. Die Seide musste weiter gegen teures Geld und hohe Zölle aus China eingeführt werden.

Hohe Zölle und der verzweifelte Versuch, dagegen anzukommen- das kennen wir auch aus unserer Zeit. Hohe Zölle machen den Menschen das Leben schwer. Alles wird teurer. Handelswege sind blockiert. Kann ein Maulbeerbaum dagegen helfen? In unserem heutigen Predigttext war der Maulbeerbaum tatsächlich hilfreich. Aber nicht weil Seidenraupen auf ihm saßen, mit denen man zollfrei Seide hätte produzieren können. Nein, der Zöllner selbst saß da auf dem Maulbeerbaum- sogar der Oberste von den Zöllnern. Zachäus war sein Name.

Was für eine verrückte Geschichte: Der Oberzöllner Zachäus sitzt auf einem Maulbeerbaum. Dabei sollte er doch eigentlich am Stadttor von Jericho an seiner Zollstation sitzen und dort Zoll kassieren für die kostbaren Seidenstoffe, die die Händler auf dem Markt verkaufen wollen. Und die Bürger von Jericho wissen: Wenn der Oberzöllner Zachäus dort an der Zollstation sitzt, dann ziehen die Preise an bei allem, was die Händler auf dem Markt verkaufen. Denn Zachäus schlägt noch mal kräftig drauf auf die Zölle, die die römische Besatzungsmacht verlangt. Zachäus arbeitet nicht nur für die verhassten Römer. Er wirtschaftet auch in die eigene Tasche.

Zollpolitik, die die Menschen in wirtschaftliche Bedrängnis bringt- und einer, der die Macht hat, wirtschaftet dabei in die eigene Tasche. Das müssen wir auch heute erleben, in viel größerem Stil in der internationalen Politik. Und so einer ist auch dieser Zachäus, von dem unser Predigttext erzählt. Bis zum Oberzöllner hat er es schon gebracht mit seiner schmutzigen Masche. Die römische Besatzungsmacht hat ihn darin unterstützt, indem sie ihn vom Zöllner zum Oberzöllner befördert hat. „Weiter so“ ist also die Devise. Und reich ist er natürlich auch geworden dabei. Zachäus kann sich ganz sicher eine luxuriöse Villa leisten mit seinem schmutzigen Geld. Aber in dieser luxuriösen Villa ist er allein. Von seinen Landsleuten wird Zachäus geächtet wegen seiner Kollaboration mit den Römern und seinen schmutzigen Machenschaften. Und Zachäus hat noch ein anderes Problem: Er ist kleinwüchsig. Schon allein wegen seines Aussehens wird er oft verspottet.

Aber dann ist Jesus in der Stadt, von dem Zachäus an seiner Zollstation schon viel gehört hat. Als er dort die Gespräche belauscht hat, wie die Leute über Jesus redeten, da hat er gemerkt: Es gibt Dinge, die lassen sich nicht mit Geld erkaufen. Die härteste Zollpolitik und die luxuriöseste Villa, die ich mir von diesem schmutzigen Geld gekauft habe- das alles ist nichts gegen das, was die Menschen haben, die Jesus begegnet sind: Ihre Augen strahlen, wenn sie von Jesus erzählen: „Er hat mir geholfen.“ „Seit er mit mir geredet hat, habe ich wieder neue Hoffnung und kann froh und glücklich sein.“ „Kranke macht er gesund, und Armen schenkt er Trost aus Gottes Wort.“ „Meine Sünden hat er mir vergeben.“ So reden die Menschen an der Zollstation. Und eines Tages heißt es: „Jesus kommt! Er kommt in unsere Stadt Jericho. Er ist schon ganz nahe. In Kürze wird er hier sein!“

Da trifft Zachäus eine Entscheidung. Er verlässt seine Zollstation und läuft in die Stadt hinein: „Hier, auf diesem Platz, da wird Jesus auf jeden Fall vorbeikommen. Und es wächst ein Maulbeerbaum hier. Wenn ich da hochsteige, werde ich Jesus auf jeden Fall sehen, auch wenn ich kleinwüchsig bin.“ So kommt es, dass Zachäus, der Oberzöllner oben im Maulbeerbaum sitzt: „Hier oben kann mir keiner was. Hier bleibe ich unentdeckt.“ So wird Zachäus sicherlich gedacht haben. Aber als Jesus zu diesem Platz kommt, fällt sein Blick als erstes auf den Maulbeerbaum und auf Zachäus dort im Geäst. „Zachäus, komm schnell herunter, denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein,“ sagt Jesus.

Jesus ruft Zachäus beim Namen. Für ihn ist Zachäus nicht der Oberzöllner und Römerfreund, nicht der kleinwüchsige Schurke. Für Jesus ist Zachäus einfach Zachäus, ein Sohn Abraham, ein Kind Gottes. Jesus gibt Zachäus seine Würde zurück- die Würde, ein Sohn Abrahams, ein Kind Gottes zu sein. Diese Würde, die jeder Mensch hat- jede und jeder von uns. Nichts und niemand kann uns diese Würde nehmen, nicht einmal wir selbst mit unserem unwürdigen Verhalten. Ja, Zachäus hat sich unwürdig verhalten- nicht wie ein Sohn Abrahams, nicht wie ein Kind Gottes. Aber Jesus lädt sich zu ihm ein. Jesus kehrt bei Zachäus ein. Zuhause in seiner luxuriösen Villa, da setzt sich Jesus mit ihm an einen Tisch. Und Zachäus freut sich über diese unerwartete, unverdiente Gnade. Auch wenn da ein Raunen durch die Menge geht und ein Kopfschütteln: „Bei so einem kehrt Jesus ein?! Wie kann er nur!“

„Komm Her Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ So heißt es in einem alten Tischgebet. Ja, Gnade ist es, dass wir zu unseren Mahlzeiten an einem reich gedeckten Tisch sitzen. Gnade ist es, wenn wir dazu noch liebe Menschen haben, die mit uns zusammen am Tisch sitzen. Und auch wenn wir unsere Mahlzeiten allein einnehmen: Gnade ist es, dass Jesus uns nie allein lässt. Jesus ist unser Tischgenosse. Jesus begleitet uns durchs Leben. Jesus kennt uns durch und durch. Er weiß auch, wo wir Schurken sind und Halunken. Er weiß, wo wir Menschen übervorteilt oder übergangen haben; wo wir einander nicht gerecht geworden sind.

Jesus fragt Zachäus nicht nach seinen Sünden. Er fordert Zachäus nicht auf, sein Leben zu ändern. Nein- zuerst einmal setzt sich Jesus mit Zachäus an seinen Tisch, dort in der luxuriösen Villa, die Zachäus mit unrechtmäßigen Mitteln erworben hat. Jesus reißt die Schranken ein, die wir Menschen zwischen uns aufrichten: Zollschranken. Schranken des guten Tons. Schranken wie: „Der oder die ist aber kein Umgang für dich.“ Zachäus spürt das. Ohne das Jesus ihn darauf anspricht, spürt er: Nachdem Jesus in mein Haus eingekehrt ist, kann ich nicht einfach so weitermachen wie bisher. „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen. Und wenn ich jemanden betrogen habe, so zahle ich es vierfach zurück,“ sagt er zu Jesus. Und Jesus antwortet ihm: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Lassen wir uns ermutigen von dieser Geschichte. Zachäus hat sich verstrickt in ein Netz des Bösen. Zollschranken hat er aufgebaut und immer höher gesetzt. Und auch die Schranken zu seinen Mitmenschen wurden immer höher. Manchmal weiß man nicht mehr, wie man da rauskommen soll aus solchen Verstrickungen. Manchmal braucht es ungewöhnliche Weg, an die wir vorher nicht gedacht hätten. Vielleicht ist das auch in der internationalen Zollpolitik so- wer weiß? Zachäus jedenfalls wählt einen ungewöhnlichen Weg. Er steigt auf einen Maulbeerbaum. Das ist ein Perspektivwechsel. Dort oben lässt er sich von Jesus ansprechen. Er hat Tischgemeinschaft mit Jesus. Er lässt seine Sünden hinter sich und wagt mit Jesus einen Neuanfang.

„Komm Herr Jesu, sei du unser Gast und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ Jesus lädt auch uns heute ein, mit ihm Tischgemeinschaft zu haben. In Brot und Wein schenkt er sich uns. Wir dürfen unsere Sünden hinter uns lassen und mit Jesus einen Neuanfang wagen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

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Gedanken zum Sonntag

8. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum Gottesdienst im Grünen am 26. Juli 2026

Liebe Mitchristen!

Heute feiern wir Gottesdienst an einem besonderen Ort- hier in Wehingen-Harras am Harras-See. Zum ersten Mal feiern wir als evangelische Gemeinde hier unseren Gottesdienst im Grünen. Auch ich selbst war noch nicht oft hier draußen, und so habe ich mir vor einigen Tagen den Platz angeschaut. Ich hatte den Harras-See in Erinnerung, die Wasseroberfläche, das Schilf am Ufer. Auch die Anglerhütte war mir bekannt. Aber als ich hier auf dem Platz vor der Hütte war, fiel mir auf: Man sieht den Harras-See ja gar nicht von hier aus. Der See ist ganz nah, aber das schöne Grün hier vorne verstellt uns den Blick. Wir können den See nicht sehen. Aber können wir vielleicht auf andere Weise wahrnehmen, dass der See ganz nahe ist? Wir haben ja fünf Sinne. Außer dem Sehen sind das auch noch das Hören, Riechen, Schmecken und das Fühlen. Vielleicht sind jetzt nicht alle dieser Sinne hilfreich, um den Harras-See wahrzunehmen. Aber probieren sie es trotzdem mal. Schließen Sie die Augen, wenn es Ihnen möglich ist, und achten Sie darauf, was Sie wahrnehmen. Auch wenn Sie mit geschlossenen Augen vielleicht auch nicht den Harras-See wahrnehmen konnten. Viele andere Dinge, auf die wir vorher nicht geachtet haben, haben wir jetzt wahrgenommen: Das Summen der Insekten, den Wind auf der Haut, das Geräusch der vorbeifahrenden Fahrzeuge, das Singen der Vögel.

Wie ist es aber, wenn man immer nur vier Sinne zur Verfügung hat? Wenn einem das Augenlicht fehlt, und man blind ist? Der Predigttext für den heutigen Sonntag erzählt von einem Mann, der in seinem ganzen Leben noch nie etwas sehen konnte (Johannes 9, 1-7): Die Jünger sind mit Jesus unterwegs. Sie wollen von ihm lernen, wollen Gott und die Welt besser verstehen. An der Straße, auf der sie gerade entlanglaufen, sitzt ein Bettler. Er ist blind. Man sieht es ihm an. So wie er aussieht, hat er diese Behinderung von Geburt an.

Ein behindertes Kind wird geboren. So haben die Eltern sich ihr Kind nicht vorgestellt, als sie sich über die Schwangerschaft gefreut haben. Damals zur Zeit Jesu haben die Eltern bei der Geburt erfahren, dass ihr Kind anders ist als andere. Heute erfahren Eltern das oft schon viel früher. Und stehen dann vor der qualvollen Entscheidung, ob sie ihr Kind austragen oder abtreiben sollen. Wer sich dann für sein Kind entscheidet, muss sich später auf der Straße womöglich anhören: Warum habt ihr das denn nicht getestet?

So beschreibt es die Bilderbuchautorin Birte Müller (in: a tempo 09/2011, S. 11-14): „Neun von zehn Menschen, die erfahren, dass mein Sohn das Down-Syndrom hat, reagieren mit der Frage: „Habt ihr das denn nicht getestet?“ (…) DAS ist doch ein Mensch und dazu noch mein Kind. Und kein Test der Welt hätte seine Behinderung verhindern können. (…) Es ist genau diese „Warum-habt-ihr-das-denn-nicht-getestet-Einstellung“, welche den Müttern (und ja, den Vätern auch) eine Art Eigenverantwortung, ja sogar Schuld an der Behinderung ihres Kindes aufbürdet. Das hart erkämpfte Recht auf Abtreibung wird plötzlich zu einer sozialen „Pflicht“ zur Abtreibung. Wer hat die Schuld an der Behinderung meines Sohnes? Niemand! Schuld ist doch immer etwas Negatives. Schuld entsteht, wenn jemand absichtlich gegen ethische oder gesetzliche Wertvorstellungen verstößt. Aber an der Existenz meines Sohnes ist nichts Schlechtes, es ist eine Spielart des Lebens, wie es sie immer gegeben hat- und hoffentlich immer geben wird. Soll dieser Mensch etwa nicht existieren, weil er uns mehr Arbeit macht und mehr Hilfe benötigt? Weil er wahrscheinlich kein Abitur machen kann? Oder weil er im Café andern Menschen auf die Nerven geht, weil er zu laut ist? (…) Das Leben mit Willi ist (und bleibt es auch) in jeder Beziehung deutlich mühevoller- und oft sind wir überfordert. Aber unser Leben ist durch Willi auch viel intensiver. Jeden Tag fühle ich, dass wir WIRKLICH leben. Wir haben so unvorstellbares Leid erfahren durch Willis Krankheiten und so unendliches Glück durch ein einziges Lachen von ihm! Wir leben irgendwie intensiver, in jeder Hinsicht extremer seither. (…) Ohne Willi wäre es sicher einfacher, aber das würden wir nicht merken. Wir wären nicht glücklicher, im Gegenteil, wir wären so viel ärmer an Liebe. Egal, was Willi die Krankenkasse kosten mag, er bereichert unsere Gesellschaft wie jedes andere Kind um ein Vielfaches mehr. Wir können an ihm lernen ein besserer Mensch zu sein. Was kann es Besseres geben?“

So schreibt Birte Müller. Auch die Jünger von Jesus stellen angesichts des von Geburt an behinderten blinden Mannes am Straßenrand die Frage nach der Schuld: „ Wer war ein Sünder, so dass er blind geboren wurde- dieser Mann oder seine Eltern?“ (Johannes 9, 2) Jesus sagt zu seinen Jüngern: Das hat mit Schuld nichts zu tun. Dieser Blinde ist ein besonderer Man, anders als die anderen. Und gerade deshalb, weil er so ist, kann er uns Gott näherbringen und zeigen: Gott ist wirklich da. Mitten in unserer Welt.

Gut, dass Jesus so mit seinen Jüngern redet und sie wegbringt von der Vorstellung, dass irgendjemand schuld sein müsse an der Behinderung dieses Mannes. Noch besser aber: Jesus redet nicht nur über diesen behinderten Mann. Jesus wendet sich ihm zu. Viel zu oft wird über Behinderte nur geredet statt sie wirklich mit einzubeziehen. Jesus wendet sich diesem blinden Mann zu. Wie ein Apotheker rührt er eine Salbe an. Wie ein Arzt streicht er sie ihm auf die Augen und gibt ihm eine Behandlungsanweisung mit: „Geh und wasch dich im Teich von Schiloach!“ (Johannes 9, 7). Der blinde Mann tut es und wird gesund- interessanterweise erst auf dem Rückweg. Heilung braucht Zeit.

Dieser blinde Mann wurde von Jesus geheilt. Aber in Israel zur Zeit Jesu gab es viele Blinde. Nicht alle hat Jesus geheilt. Jesus hat nicht alle Krankheiten und Behinderungen aus der Welt geschafft mit seinem Wirken. Krankheit und Behinderung gehört zum Leben, zu den Aufgaben, die uns in dieser Welt gestellt sind. Warum heilt Jesus aber gerade diesen Behinderten? Jesus tut es, um ein Zeichen zu setzten: Kein Mensch ist schuld daran, dass jemand behindert ist. Und kein Mensch hat das Recht, sich über behinderte Menschen zu erheben und zu meinen, sein eigenes Leben wäre besser, wertvoller oder lebenswerter. Wir sind alle Kinder Gottes- gewollt und geliebt, so wie wir sind.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

7. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2026

Liebe Mitchristen!

Wann haben Sie zuletzt Gäste willkommen geheißen bei sich zuhause? Vielleicht war es bei einem Fest, an Ihrem Geburtstag zum Beispiel. Oder Sie hatten einfach zwei, drei gute Bekannte da, nachmittags zum Kaffee oder abends auf ein Bier. Wahrscheinlich hatten Sie vorher eingeladen, so dass Sie sich auf den Besuch vorbereiten konnten. Und bestimmt waren die Personen, die Sie bei sich zuhause willkommen geheißen haben, keine Fremden für Sie. Bei Abraham, von dem wir in der Bibel lesen (1. Mose 18, 1-16), war das anders: Die drei Männer, die ihn besuchen, kommen unangemeldet. Und Abraham kennt sie nicht. Vielleicht wären die drei sogar einfach weitergelaufen, wenn Abraham sie nicht aufgefordert hätte, bei ihm ein wenig Rast zu machen von ihrem staubigen Weg, und sich zu erfrischen und zu stärken. „Seid meine Gäste,“ sagt Abraham zu den dreien, „hier im Schatten unter dem Baum ist der beste Platz.“ Und Abraham lässt auftafeln für seine unbekannten Gäste: Wasser, um die Füße zu erfrischen, Milch zum Trinken, frisch gebackenes Brot mit Butter und sogar einen Kalbsbraten.

So war das eben damals, könnten wir jetzt sagen. Oder: Im Orient ist das halt so: Orientalische Gastfreundschaft. Und vielleicht hat mancher von uns das auch schon erlebt beim Urlaub in einem orientalischen Land: Diese Herzlichkeit, mit der dort die Gäste bewirtet werden. Und dass Gastfreundschaft Vorrang hat vor allen anderen Aufgaben und Verpflichtungen. Da wird der unerwartet vor der Tür stehende Gast hereingebeten, auch wenn es eigentlich gerade nicht passt und man anderes vorhatte.

Und bei uns? Da ist das eben anders- eine andere Zeit, eine andere Kultur, oder? Vielleicht dachten die Christen im ausgehenden 1. Jahrhundert nach Christus auch so, wenn sie die Geschichte von Abraham und seinen drei Besuchern gehört haben. Seit einigen Jahrzehnten gab es die jungen christlichen Gemeinden schon. Das Christentum hatte sich gefestigt und an manchen Orten etabliert. Aber immer wieder waren die christlichen Gemeinden Anfeindungen ausgesetzt und sogar Verfolgungen. Kann man unter solchen Bedingungen wie damals leben wie Abraham und die fremden Leute da draußen vor der Tür einfach bei sich zu Tisch bitten? Und kann man das in unserer Zeit tun, wo an der Haustür oft Lügengeschichten erzählt werden, die auf die Tränendrüse drücken, aber eigentlich will da einer nur an unser Geld?

In den jungen christlichen Gemeinden konnte es jedenfalls gefährlich werden, wenn man dem Fremden draußen die Tür öffnete und ihn zu sich an den Tisch bat. Denn wer konnte damals schon wissen, ob dieser Fremde nicht ein Gegner des christlichen Glaubens war, einer der Verfolger, die einem Böses wollten? Auch konnte es damals gefährlich werden, die wegen ihres Glaubens Verhafteten im Gefängnis zu besuchen oder die, die wegen ihres Glaubens gefoltert worden waren, gesund zu pflegen. Denn mit all diesen Taten zeigte man ja, dass man selbst auch zur christlichen Gemeinde hielt, und lief somit Gefahr, ebenfalls gefangen genommen oder gefoltert zu werden.

In einer Atmosphäre der Angst wie in der damaligen Zeit ist es schwer, die christlichen Werte der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft zu leben. Auch in unserer Zeit wird es zunehmend schwerer, weil diese Werte an Bedeutung verlieren in unserer Gesellschaft. Aber diese christlichen Werte sind nicht verhandelbar. Daran erinnert der Hebräerbrief: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ (Hebräer 13, 1-3) Für die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden, an die dieser Brief sich ursprünglich richtet, war es eine noch viel größere Zumutung als für uns heute, ihre Häuser zu öffnen für den draußen vor der Tür, die Gefangenen zu besuchen, und die an Körper und Seele Verletzten und Misshandelten zu versorgen. Sie riskierten ihr Leben dafür. Und doch- es geht nicht anders, meint der Verfasser des Hebräerbriefs. Denn ihr seid auch Menschen, die einen Körper haben. Ihr wisst, wie sich Schmerzen anfühlen. Vergesst nicht die Misshandelten. Vergesst nicht die Gefangenen.

Und heute möchte ich noch dazusetzen: Vergesst auch nicht die, die in ihrer Einsamkeit gefangen sind. Die keine Freunde haben, keine echten zwischenmenschlichen Begegnungen, nur die sogenannten sozialen Medien. Ja, die Einsamkeit ist zur Landplage geworden in unserer Zeit. Deshalb: Ladet die Einsamen ein in euer Haus. Nicht nur die, die auf eurer Linie liegen und in eurer Blase leben. Nein, gerade auch die, die ein bisschen anders ticken als ihr. Ihr müsst euch deswegen nicht in Gefahr bringen. Wer bei euch vor der Tür steht und Lügengeschichten erzählt, die auf die Tränendrüse drücken, und eigentlich will er nur euer Geld, der kann ruhig draußen bleiben. Aber wie wäre es, mal die Nachbarin oder den Nachbarn einzuladen, die immer allein sind und die man selten draußen sieht? Wenn ihr eure Tür öffnet, dann könnten sie vielleicht so ein Engel für euch sein, wie im Hebräerbrief beschrieben. So wie bei Abraham damals.

Abraham hat die drei Fremden als Gäste bei sich willkommen geheißen, ohne zu wissen, dass es Engel sind. Er hat mit ihnen gegessen und getrunken, geredet und zugehört. Und so war Abraham ganz Ohr für die Botschaft, die Gott ihm durch diese Drei überbracht hat: Dass er mit seiner Frau Sara einen Sohn bekommen wird, trotz ihres hohen Alters. Ein Engelsbotschaft war das, die sich erfüllt hat. Ja, Träume können wahr werden und das, was wir für unmöglich halten, plötzlich möglich werden, wenn wir ein offenes Haus und ein offenes Herz haben für die Menschen um uns herum. Wer weiß, durch welchen dieser Menschen Gott uns eine wichtige Botschaft überbringen will? Vielleicht gerade durch den, von dem wir das am wenigsten erwarten.

Bleiben wir also fest in der brüderlichen Liebe, und sind wir offen für Gottes Wirken, auch in unserem Alltag. Statt brüderliche Liebe könnte man auch übersetzten: Geschwisterliche Liebe. Dass wir uns als Brüder und Schwestern begegnen- mit Mitgefühl, mit Mitleid und mit tatkräftiger Mithilfe da, wo es nötig ist. Aber es steckt noch mehr drin in der brüderlichen Liebe: Jesus Christus, unser Bruder und Herr. Seine Liebe zu uns macht uns erst fähig dazu, die brüderliche, geschwisterliche Liebe untereinander zu leben- als Glaubensgeschwister, die verbunden sind im Glauben an Jesus Christus. Er hat uns zuerst geliebt. Für unsere Sünden ist er am Kreuz gestorben, allein aus Liebe. Und am dritten Tag hat Gott seinen Engel geschickt, um zu verkünden: Jesus lebt.

Aus dieser Liebe leben wir. Diese Engelsbotschaft trägt uns bis heute. So wie es der Hebräerbrief auf den Punkt bringt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ (Hebräer 13, 8)

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

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Gedanken zum Sonntag

6. Sonntag nach Trinitatis

 

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2026

Liebe Mitchristen!

Wer bin ich, und was wird mal aus mir? Was denken andere Menschen über mich? Können sie mich leiden, oder sehen sie auf mich herab? Werde ich ein glückliches Leben haben, geliebt und erfolgreich sein, oder als Versager am Rand stehen? Solche Fragen haben mich umgetrieben, als ich Jugendliche war. Fragen, wie Jugendliche sie haben in ihrem Alter. Es kann belastend sein, wenn einen solche Fragen umtreiben. Man kann ins Grübeln kommen und nur schwer wieder rausfinden. Was mir als Jugendlicher geholfen hat bei meinen Fragen, war der Bibelspruch, der einem bei der Taufe zugesprochen wird: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43, 1) Dieser Bibelspruch sagte mir damals: Gott meint wirklich mich. Gott kennt mich. Gott ruft mich beim Namen. Ich brauche keine Angst vor der Zukunft zu haben. Gott ist für mich da.

Weil der Bibelspruch mir wichtig war, habe ich ihn in meiner Bibel gesucht und gefunden- und war enttäuscht. Denn dort in der Bibel stand: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel.“ Aber ich bin doch nicht Jakob und gehöre auch nicht zum Volk Israel, habe ich damals als Jugendliche gedacht. Also meint der Bibelspruch wohl doch nicht mich. Warum hat der Pfarrer das nicht gleich gesagt?

Heute haben wir Taufe gefeiert. Und auch heute haben wir den beiden Taufkindern dieses alte Bibelwort aus dem Jesajabuch zugesprochen. War da richtig so, oder ist dieses Bibelwort eigentlich nur für Israel gedacht, für dieses besondere Volk mit seiner wechselvollen und oft leidvollen Geschichte? In 5. Mose 7, 6-8 heißt es: „Du, Israel bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den HERRN, deinen Gott. Der HERR, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören. Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker der Erde, empfindet der HERR Zuneigung zu euch. Nicht deswegen hat er euch ausgewählt. Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern. Sondern aus Liebe zu euch hat der HERR es getan.“

Zwei Bibeltexte, eine Frage: Was hat das hier Gesagte und Aufgeschriebene mit mir zu tun? Geht es hier nicht einfach nur um Israel? Zwei Bibeltexte, ein geschichtlicher Hintergrund: Beide Texte wurden in derselben schweren Zeit verfasst. Sowohl der zweite Jesaja, von dem die hinteren Kapitel des Jesajabuchs stammen, als auch der Verfasser des 5. Buchs Mose haben erleben müssen, wie ihre ganze Welt zusammengebrochen ist: Wie Jerusalem von feindlichen Truppen erobert wurde. Wie alle, die Rang und Namen hatten in Israel, verschleppt wurden ins ferne, feindliche Babylon. Wie der Jerusalemer Tempel zerstört wurde- das Allerheiligste, das die Menschen damals kannten; der Ort, wo für sie Gott zuhause war.

Was bleibt, wenn auf einmal alles anders ist? Bleibt uns trotzdem noch unser Glaube? Bleibt Gott auch dann immer noch bei uns, wenn der Ort, an dem wir ihn immer angebetet haben, nicht mehr da ist? Heute haben wir zwei Kinder getauft, hier in unserer Kirche. Ja, wir haben hier eine Kirche und eine Gemeinde, in der wir miteinander von Gott hören und zu ihm beten, ohne dass wir deswegen Verfolgung oder Benachteiligung erleiden müssen. Dafür können wir Gott dankbar sein. Vielen Gläubigen auf der Welt geht es nicht so gut. Kirchen sind zerstört, dort wo Krieg und Terror vorherrschen. Und es gibt viele Länder auf der Welt, in denen der Glaube nicht in Freiheit und Offenheit gelebt werden kann.

Wir können Gott dankbar sein. Und doch fragen wir uns, wenn wir an die beiden Kinder denken, die wir heute getauft haben: Was für eine Kirche wird das sein, in der sie in den Glauben hineinwachsen? Wie wird in 13 oder 14 Jahren der Konfirmandenunterricht aussehen, wenn sie einmal Konfirmation feiern? Wo werden sie als junge Erwachsene Gleichgesinnte treffen, Menschen in ihrem Alter, denen der Glaube an Jesus Christus wichtig ist? Fragen, die wir uns stellen, weil unsere Kirchengemeinden kleiner werden und die Stimme der Kirche immer weniger gehört wird in unserer Gesellschaft. Freilich ist das immer noch etwas Anderes als die kriegerischen Auseinandersetzungen damals zur Zeit des zweiten Jesaja und des Verfassers des 5. Buchs Mose. Wir können Gott dankbar sein, dass wir in unserem Land in Frieden leben. Und wir haben die Aufgabe, alles daran zu setzen, dass die Kriege, die unsere Welt heute erschüttern und zerrütten, ein Ende finden. Aber eines ist doch vergleichbar: Klein und unbedeutend – so hat sich das Volk Israel damals auch erlebt, inmitten der Übermacht der großen Völker ringsum: Wird es bestehen bleiben, dieses kleine Volk? Oder wird es untergehen, und mit ihm auch der Glaube an den einen Gott, der das Kleine und Unbedeutende liebt -gerade dieses kleine Volk Israel. Der Glaube an den Gott, dem es nicht egal ist, wenn Menschen unterdrückt und versklavt werden. Der Glaube an den Gott, der die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat in die Freiheit (5. Mose 7, 8-9).

Ja, Gott liebt und schützt gerade das Kleine und Unbedeutende. Und Gott ist treu. Seine Treue hält 1.000 Generationen, sagt uns die Bibel (5. Mose 7, 9). Deswegen bin ich ganz sicher: Auch seinem Volk Israel hält Gott weiter die Treue. Auch die fragwürdige Politik des Staates Israel, die wir in diesen Zeiten erleben müssen, ändert nichts an Gottes Treue. Gottes Treue bleibt, auch wenn Menschen nicht danach handeln. Gottes Treue deswegen ist kein Freibrief, mit dem ich tun und lassenkann, was ich will. Denn Gottes Treue ist in Stein gemeißelt: Auf den beiden Steintafeln stehen die 10 Gebote- Gottes Regeln für ein gutes Leben in dieser Welt und mit Gott. Wer sich nicht daran hält, wird von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Auch daran erinnert der Bibeltext aus 5. Mose mit mahnenden Worten (5. Mose 7, 10-11).

Warum diese Strenge am Ende dieses Bibeltexts? Eben darum, weil bei Gott das zählt, was in der Welt klein und unbedeutend erscheint: Ein kleines Volk- das Volk Israel. Die kleinen Kinder, die wir heute auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft haben. Ein kleiner, unbedeutender Mann aus Galiläa mit Namen Jesus, Gottes Sohn: Klein und elend stirbt er am Kreuz. Aber Gott macht ihn ganz groß, schenkt ihm neues Leben und holt ihn zu sich an seine rechte Seite in den Himmel. Dort sitzt er mit Gott im Regiment und leitet die Geschicke der Welt.

Ja, Gott macht das Kleine groß. Dabei ist Gott kein erbsenzählerischer strenger Richter. Sondern wer bereit ist, vor Gott kleinlaut zu werden und seine Sünden zu bekennen, dem vergibt er durch Jesus Christus, der den Tod auf sich genommen hat für uns. Jesus Christus, der selbst ein Jude war und aus dem Volk Israel stammte. Er hat uns mit hineingenommen in Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel. Nicht als Ersatz für das Volk Israel, das weiter Gottes Volk bleibt, sondern als Erweiterung von Gottes großer Gnade auf alle, die an ihn glauben.

Ja, auch wir sind gemeint wenn Gott durch den zweiten Propheten Jesaja spricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Und ich selbst habe es als Jugendliche trotz der Anfechtung beim Bibellesen dann doch so für mich annehmen können. Und ich habe erfahren dürfen, dass Gott mich bis zum heutigen Tag begleitet hat auf meinem Lebensweg, durch alle Höhen und Tiefen hindurch. So kann ich getrost in die Zukunft schauen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

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Gedanken zum Sonntag

4. Sonntag nach Trinitatis

 

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2026

Liebe Mitchristen!

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Dieses Bibelwort aus 1. Korinther 13, 13 ist der Taufspruch von dem Kind, das wir heute taufen. Was bleibt? fragt dieses Bibelwort. Was bleibt, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und wir merken, wie wenig das ist, das Menschenmöglich, das getan werden kann? Viele von uns kennen solche Situationen, in denen wir plötzlich hilflos sind; irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. Und vielleicht erinnern wir uns dann daran, was unsere Großeltern in solch einer Situation gesagt haben: „Da hilft nur noch beten,“ haben sie gesagt und das dann auch getan. Sie haben all ihr Hoffen und Bangen in schwieriger Zeit zu Gott gebracht und von ihm Hilfe erbeten. Und vielleicht, ja hoffentlich sogar, erinnern wir uns nicht nur daran, dass unsere Großeltern das so gemacht haben, sondern  machen es selbst auch so, sodass unsere Kinder und Enkel sich später auch daran erinnern und ihr eigenes Hoffen und Bangen in schwierigen Lebenslagen zu Gott bringen.

Denn der Glaube an einen Gott, der mehr kann als nur das Menschenmögliche, der wirklich ein Helfer in der Not ist, dieser Glaube ist eine Kraft, die uns durchs Leben trägt, in guten und in schwierigen Zeiten. Auf diesen Glauben an den dreieinigen Gott- den Schöpfer, der uns das Leben geschenkt hat, den Erlöser, der uns von der Last der Vergangenheit befreit und den Heiligen Geist, der unser Tröster ist, taufen wir heute ein Kind. Warum tun wir das? Nicht nur, weil das eben dazugehört, dass man sein Kind taufen lässt. Sondern auch, weil wir diese Erfahrung gemacht haben, wie das ist, wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und man ist zwischen Hoffen und Bangen. Und weil wir die Erfahrung machen dürfen: Die Hoffnung behält Recht. Gott hat alles gut gemacht.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Glaube und Hoffnung sind wirklich etwas ganz Großes. Noch größer aber ist die Liebe, schreibt der Apostel Paulus, von dem dieser Bibelspruch stammt. Ja, die Liebe ist groß. In Liebe finden Menschen zueinander, und aus Liebe schenkt Gott ihnen Kinder. In Liebe wollen wir unsere Kinder erziehen und durchs Leben begleiten. Vielleicht brauche ich über die Liebe, die Paulus in seinem Bibelwort so groß macht, gar nicht viele Worte verlieren, so selbstverständlich ist sie.

Aber ist es wirklich so einfach mit der Liebe? Der Apostel Paulus hat auch an die Gemeinde in Rom einen Brief geschrieben. Dort schreibt er noch mehr über die Liebe (Römer 12, 9-21). Ganz so einfach ist es also doch nicht mit der Liebe. Denn Liebe, das bedeutet mehr als nur für die eigene Familie da sein. Paulus hat hier einen viel weiteren Horizont: Ein Leben in gutem Miteinander, ein Leben in Frieden, das hat er im Blick. Wie kann das gehen, in Zeiten wie den unseren, in denen Kriege zur Normalität geworden sind und das Freund- Feind- Denken wieder Hochkonjunktur hat? Kann da Liebe helfen? Pass das, was Paulus im Römerbrief schreibt, auch für uns heute?

Paulus hat diesen Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom geschickt. Diese Gemeinde gab es erst seit einigen Jahren. Das Umfeld dieser Gemeinde war politisch angespannt und teilweise feindlich. Wenige Jahre später hieß es schon: „Die Christen vor die Löwen!“ und es gab massive Christenverfolgungen in Rom. Aber was den Unterschied machte zwischen dieser  kleinen Christengemeinde und den anderen Gemeinschaften, die es dort im multireligiösen Umfeld gab, das ist die Liebe, von der Paulus schreibt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn.“ Und auch: „Nehmt nicht selbst Rache. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.“ (Römer 12, 17+19) Also: Lasst Gott mal machen. Ihr braucht das nicht für ihn zu tun. Ja, Gott ist gerecht. Wir müssen uns nicht rächen. Gott ist da. Er wird es richten. Denn es ist nicht egal, wie wir in dieser Welt leben und was wir tun. Das Böse wird nicht ungestraft bleiben. Gott ist gerecht. Was sollen wir nun tun? Unsere Feinde mit dem Nötigsten versorgen, was jedem Menschen zusteht: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust häufst du glühende Kohlen auf seinen Kopf.“ (Römer 12, 20) Glühende Kohlen, was ist damit gemeint? Der Kopf wird rot. Der Feind ist beschämt. Ja, mit jeder guten Tat an euren Feinde beschämt ihr sie mehr und mehr- und Gott wird über sie richten.

Was bedeutet das nun konkret? Im Großen bedeutet es, dass Politik nur der Logik der Abschreckung, Gewalt und Gegengewalt folgt, die den Feinden in Not nicht hilft oder gar das humanitäre Menschenrecht missachtet, nichts Gutes schaffen kann. Aber Politik, die in den Feinden dennoch Menschen sieht und auch im Krieg das humanitäre Menschenrecht achtet und sich um Frieden bemüht, die sammelt „glühende Kohlen auf den Kopf des Feindes.“ Und all das gilt auch im Kleinen, in unserem Umfeld, für meinen Umgang mit dem schwierigen Nachbarn, dem Kollegen, der mit mir konkurriert und in unseren Familien, wo wir es oft auch nicht leicht haben miteinander.

„Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 21) Auf diesen Spitzensatz läuft alles hinaus, was Paulus dort im Römerbrief über die Liebe schreibt. Es ist ein Spitzensatz, der auch gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch gewählt wird. Auch dieser Spruch ist kein Schönwetterspruch, sondern einer der auch in schwierigen Zeiten trägt. Ich erinnere mich an eine Konfirmandin, die diesen Spruch für sich ausgewählt hatte. Es war in der Coronazeit. Ich hatte die Konfirmanden gebeten, mir zu schreiben, warum sie sich für ihren Konfirmationsspruch entschieden hatten. Diese Konfirmandin schrieb: „Diesen Spruch finde ich passend, gerade in dieser Zeit. Durch die häusliche Quarantäne habe ich einen anderen Blick auf die Schule und den Konfirmationsunterricht bekommen. Ein Lächeln, ein kurzer Gruß erlangt nun eine ganz andere Bedeutung.“

Diese Konfirmandin ließ sich nicht blockieren von all dem Schwierigen, was die Coronazeit mit sich brachte. Sie hat sich die Offenheit für das Gute bewahrt, dort wo es ihr begegnet: In einem Lächeln oder einem kurzen Gruß. Diese kleinen Gesten, die wir uns alle schenken können, die erlebt sie jetzt als eine große Hilfe und Bereicherung. Ich finde das sehr ermutigend, auch für uns heute. Und ich erlebe es auch immer wieder selber: Menschen, die mir ein solches Lächeln schenken, und auf einmal sieht die Welt viel freundlicher aus. Menschen, die für andere da sind und helfen, wo es nötig ist. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können etwas tun. „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“

Wir können das, weil Jesus Christus uns die Kraft dazu gibt. Er hat das Böse überwunden. Am Kreuz hat er unsere Schuld weggenommen, und uns einen neuen Anfang geschenkt. Allein aus Liebe hat er das getan. So können wir seine Liebe weitergegen- an die, die uns nah sind, und an die, die uns fern stehen. Wir können es, denn Jesus Christus hat uns zuerst geliebt. Er ist die Hoffnung, an der wir uns festhalten; die Hoffnung für unser Leben und für unsere Welt. Daran glauben wir. Davon leben wir. Daher lieben wir. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

1. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juni 2026

Liebe Mitchristen!

Wie können wir als Christen und Gemeinden heute unseren Glauben überzeugend leben und andere Menschen dafür gewinnen? Zu dieser Frage möchte ich etwas ausholen und mit Ihnen ans andere Ende der Welt blicken. Im Studium habe ich ein Auslandssemester in Neuseeland verbracht. Zu einer damaligen Mitstudierenden habe ich bis heute Kontakt- brieflich oder per Mail. Janet ist inzwischen im Ruhestand und lebt in Australien in der Nähe von Melbourn, wo ihre Enkel wohnen. Dort in ihrer Straße gibt es eine Baptistengemeinde, der sie sich jetzt angeschlossen hat, so schrieb sie mir neulich. Für mich war das unerwartet, denn ich kannte Janet als Presbyterianerin- hier in Deutschland würden wir sagen: Evangelische Landeskirche.

Was hat meine alte Bekannte auf der Südhalbkugel also bewogen, sich den Baptisten anzuschließen? Auch wenn Janet Theologie studiert hat wie ich, waren es offensichtlich keine dogmatischen Fragen. Es ging ihr nicht darum, ob es richtig ist, Kinder zu taufen oder ob die Taufe erst im Erwachsenenalter erfolgen sollte, wie bei Baptisten üblich. Was Janet dazu gebracht hat, sich dieser Gemeinde anzuschließen, beschreibt sie so: „Es ist eine bemerkenswerte Gemeinde. Groß ist sie nicht. Sie betreiben einen Kleiderladen, eine Anlaufstelle für Prostituierte, ein Wohnheim für obdachlose junge Frauen, die so von der Straße geholt werden. Sie haben Wohnungen, die sie an Menschen vermieten, die sich die marktüblichen Mietpreise nicht leisten können. Sie machen Beratung für Leute, die mit der Bürokratie nicht zurechtkommen. Viele ihrer Gemeindemitglieder setzen sich für soziale Gerechtigkeit ein- für die indigene Bevölkerung, für Asylsuchende oder die Befreiung Palästinas. Eingeladen gefühlt habe ich mich durch das Regenbogen-Poster für die Rechte Homosexueller und das Schild am Fenster, das jeden willkommen heißt- alle eingeschlossen.“ So beschreibt meine alte Bekannte Janet in Australien ihre neue Gemeinde. Ganz begeistert ist sie.

Ich denke daran, wie es bei den ersten Christen war, damals an Pfingsten. Da war auch Begeisterung da- durch die feurige Pfingstpredigt des Petrus, durch die am Pfingsttag 3.000 Menschen zum Glauben gekommen sind und die erste christliche Gemeinde gebildet haben. Und auch in der darauffolgenden Zeit sind täglich neue Menschen zur Gemeinde dazugekommen, erfahren wir in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 47). Die Apostelgeschichte liefert dafür eine Erklärung: Es waren nicht nur die Predigten der Apostel, es war auch das soziale Engagement der ersten Gemeinde, das damals so viele Menschen vom christlichen Glauben überzeugt und zur Gemeinde geführt hat. Ganz ähnlich also, wie es heute meine alte Bekannte in Australien erlebt.

Die ersten Christen haben so miteinander gelebt, dass keiner Not leiden musste. Ja, es wurden sogar Grundstücke und Häuser verkauft, und das Geld den Armen gegeben. Josef Barnabas war einer von denen, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung gestellt hat (Apg. 4-36-37). Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der einmal gesagt hat: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Mit diesem Ausspruch hat Bonhoeffer die Diakonie mit auf den Weg gebracht. Innere Mission- so hat man die Diakonie anfangs genannt. Eine Missionierung im Inneren, im eigenen Land sollte es sein, dieses Sich-Kümmern um die Armen, die Kranken, die Bedürftigen in unserem Land. Ja, es ist gut, dass es die Diakonie gibt. Und für viele Menschen in unserem Land, die von der Diakonie Hilfe erfahren- in Beratungsstellen, Tafelläden, Krankenhäusern und vielem mehr-  ist die Diakonie das Gesicht unserer Kirche.

Und doch bleibt ein ungutes Gefühl bei mir. Die Warteschlange vor dem Tafelladen in Trossingen wird immer länger. Die Lebensmittel, die dort zu vergünstigten Preisen ausgegeben werden, reichen bei weitem nicht mehr für alle. Oft gibt es Streit, und die Tafelladen-Mitarbeiter müssen schlichten. Und an der Autobahnraststätte steht einer vor dem großen Mülleimer und fischt dort in der Tiefe nach Pfandflaschen. In der Zeitung lese ich: Eigentlich wäre genug Geld da für eine gute Rente für alle. Aber das Geld konzentriert sich bei den Reichen, die immer reicher werden. Die 5.000 reichsten Menschen in Deutschland besitzen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland, Tendenz steigend. In unserem Land werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Um im Alter würdig leben zu können, ist es inzwischen notwendig, eine private Rentenvorsorge aufzubauen. Für ärmere Menschen ist dies aber finanziell nicht möglich. Die Altersarmut steigt. Und wer ein Eigenheim hat und dies im Alter verkauft, damit dort eine junge Familie einziehen kann, wird in unserem Land finanziell dafür bestraft, wenn er pflegebedürftig wird.

Gut, dass es die Diakonie gibt, kann man bei alldem sagen. Aber das Wort von Bonhoeffer: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist“ meint nicht: Lass mal die Diakonie machen, die regelt das schon, die kümmert sich ja um die Bedürftigen. Nein, das Wort von Bonhoeffer meint uns alle- uns als christliche Gemeinde und uns als Christinnen und Christen in der Welt- jeder und jede einzelne von uns ist gemeint. Das bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und offen zu sein für die Not der anderen. Ja- das haben wir schon in vielen Predigten gehört, dass wir die Not der anderen sehen sollen. Aber Sehen allein genügt ja nicht, ich muss auch was tun gegen die Not der anderen. Einfach ist das sicherlich nicht. Aber einfach war das auch in der ersten Christengemeinde nicht. Auch wenn es in der Apostelgeschichte heißt: „Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32). Gleich im Anschluss an die Geschichte von Josef Barnabas, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung stellt erfahren wir, was für Probleme die Regelung, Äcker und Häuser zugunsten der Armen zu verkaufen, in der ersten Gemeinde gemacht hat. Da gab es ein Ehepaar namens Hananias und Saphira in der Gemeinde, die von dem Verkaufserlös ihres Grundstücks etwas für sich zurückbehalten hatten, und die Folgen waren fatal (Apg. 5, 1-11). Ja, Geben muss freiwillig bleiben. Wenn sich jemand dazu gezwungen fühlt und es nicht aus Überzeugung tut, dann wird es schwierig.

Und doch: Wenn die Flamme der Liebe Christi in uns weiterbrennen soll, dann kann uns unser armer Nächster nicht egal sein. Von unserem Verhältnis zu den Bedürftigen und unserem Einsatz für Gerechtigkeit hängt die Existenz unserer Gemeinden ab. Ich denke noch einmal an meine alte Bekannte Janet in Australien. Die konkrete Hilfe für Bedürftige und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit hat sie dazu bewogen, sich der dortigen Baptistengemeinde anzuschließen. An diesem Maßstab werden wir als Kirche gemessen, nicht an dogmatischen Richtigkeiten. So wie Dietrich Bonhoeffer sagte: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer