Kategorien
Gedanken zum Sonntag

7. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2026

Liebe Mitchristen!

Wann haben Sie zuletzt Gäste willkommen geheißen bei sich zuhause? Vielleicht war es bei einem Fest, an Ihrem Geburtstag zum Beispiel. Oder Sie hatten einfach zwei, drei gute Bekannte da, nachmittags zum Kaffee oder abends auf ein Bier. Wahrscheinlich hatten Sie vorher eingeladen, so dass Sie sich auf den Besuch vorbereiten konnten. Und bestimmt waren die Personen, die Sie bei sich zuhause willkommen geheißen haben, keine Fremden für Sie. Bei Abraham, von dem wir in der Bibel lesen (1. Mose 18, 1-16), war das anders: Die drei Männer, die ihn besuchen, kommen unangemeldet. Und Abraham kennt sie nicht. Vielleicht wären die drei sogar einfach weitergelaufen, wenn Abraham sie nicht aufgefordert hätte, bei ihm ein wenig Rast zu machen von ihrem staubigen Weg, und sich zu erfrischen und zu stärken. „Seid meine Gäste,“ sagt Abraham zu den dreien, „hier im Schatten unter dem Baum ist der beste Platz.“ Und Abraham lässt auftafeln für seine unbekannten Gäste: Wasser, um die Füße zu erfrischen, Milch zum Trinken, frisch gebackenes Brot mit Butter und sogar einen Kalbsbraten.

So war das eben damals, könnten wir jetzt sagen. Oder: Im Orient ist das halt so: Orientalische Gastfreundschaft. Und vielleicht hat mancher von uns das auch schon erlebt beim Urlaub in einem orientalischen Land: Diese Herzlichkeit, mit der dort die Gäste bewirtet werden. Und dass Gastfreundschaft Vorrang hat vor allen anderen Aufgaben und Verpflichtungen. Da wird der unerwartet vor der Tür stehende Gast hereingebeten, auch wenn es eigentlich gerade nicht passt und man anderes vorhatte.

Und bei uns? Da ist das eben anders- eine andere Zeit, eine andere Kultur, oder? Vielleicht dachten die Christen im ausgehenden 1. Jahrhundert nach Christus auch so, wenn sie die Geschichte von Abraham und seinen drei Besuchern gehört haben. Seit einigen Jahrzehnten gab es die jungen christlichen Gemeinden schon. Das Christentum hatte sich gefestigt und an manchen Orten etabliert. Aber immer wieder waren die christlichen Gemeinden Anfeindungen ausgesetzt und sogar Verfolgungen. Kann man unter solchen Bedingungen wie damals leben wie Abraham und die fremden Leute da draußen vor der Tür einfach bei sich zu Tisch bitten? Und kann man das in unserer Zeit tun, wo an der Haustür oft Lügengeschichten erzählt werden, die auf die Tränendrüse drücken, aber eigentlich will da einer nur an unser Geld?

In den jungen christlichen Gemeinden konnte es jedenfalls gefährlich werden, wenn man dem Fremden draußen die Tür öffnete und ihn zu sich an den Tisch bat. Denn wer konnte damals schon wissen, ob dieser Fremde nicht ein Gegner des christlichen Glaubens war, einer der Verfolger, die einem Böses wollten? Auch konnte es damals gefährlich werden, die wegen ihres Glaubens Verhafteten im Gefängnis zu besuchen oder die, die wegen ihres Glaubens gefoltert worden waren, gesund zu pflegen. Denn mit all diesen Taten zeigte man ja, dass man selbst auch zur christlichen Gemeinde hielt, und lief somit Gefahr, ebenfalls gefangen genommen oder gefoltert zu werden.

In einer Atmosphäre der Angst wie in der damaligen Zeit ist es schwer, die christlichen Werte der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft zu leben. Auch in unserer Zeit wird es zunehmend schwerer, weil diese Werte an Bedeutung verlieren in unserer Gesellschaft. Aber diese christlichen Werte sind nicht verhandelbar. Daran erinnert der Hebräerbrief: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ (Hebräer 13, 1-3) Für die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden, an die dieser Brief sich ursprünglich richtet, war es eine noch viel größere Zumutung als für uns heute, ihre Häuser zu öffnen für den draußen vor der Tür, die Gefangenen zu besuchen, und die an Körper und Seele Verletzten und Misshandelten zu versorgen. Sie riskierten ihr Leben dafür. Und doch- es geht nicht anders, meint der Verfasser des Hebräerbriefs. Denn ihr seid auch Menschen, die einen Körper haben. Ihr wisst, wie sich Schmerzen anfühlen. Vergesst nicht die Misshandelten. Vergesst nicht die Gefangenen.

Und heute möchte ich noch dazusetzen: Vergesst auch nicht die, die in ihrer Einsamkeit gefangen sind. Die keine Freunde haben, keine echten zwischenmenschlichen Begegnungen, nur die sogenannten sozialen Medien. Ja, die Einsamkeit ist zur Landplage geworden in unserer Zeit. Deshalb: Ladet die Einsamen ein in euer Haus. Nicht nur die, die auf eurer Linie liegen und in eurer Blase leben. Nein, gerade auch die, die ein bisschen anders ticken als ihr. Ihr müsst euch deswegen nicht in Gefahr bringen. Wer bei euch vor der Tür steht und Lügengeschichten erzählt, die auf die Tränendrüse drücken, und eigentlich will er nur euer Geld, der kann ruhig draußen bleiben. Aber wie wäre es, mal die Nachbarin oder den Nachbarn einzuladen, die immer allein sind und die man selten draußen sieht? Wenn ihr eure Tür öffnet, dann könnten sie vielleicht so ein Engel für euch sein, wie im Hebräerbrief beschrieben. So wie bei Abraham damals.

Abraham hat die drei Fremden als Gäste bei sich willkommen geheißen, ohne zu wissen, dass es Engel sind. Er hat mit ihnen gegessen und getrunken, geredet und zugehört. Und so war Abraham ganz Ohr für die Botschaft, die Gott ihm durch diese Drei überbracht hat: Dass er mit seiner Frau Sara einen Sohn bekommen wird, trotz ihres hohen Alters. Ein Engelsbotschaft war das, die sich erfüllt hat. Ja, Träume können wahr werden und das, was wir für unmöglich halten, plötzlich möglich werden, wenn wir ein offenes Haus und ein offenes Herz haben für die Menschen um uns herum. Wer weiß, durch welchen dieser Menschen Gott uns eine wichtige Botschaft überbringen will? Vielleicht gerade durch den, von dem wir das am wenigsten erwarten.

Bleiben wir also fest in der brüderlichen Liebe, und sind wir offen für Gottes Wirken, auch in unserem Alltag. Statt brüderliche Liebe könnte man auch übersetzten: Geschwisterliche Liebe. Dass wir uns als Brüder und Schwestern begegnen- mit Mitgefühl, mit Mitleid und mit tatkräftiger Mithilfe da, wo es nötig ist. Aber es steckt noch mehr drin in der brüderlichen Liebe: Jesus Christus, unser Bruder und Herr. Seine Liebe zu uns macht uns erst fähig dazu, die brüderliche, geschwisterliche Liebe untereinander zu leben- als Glaubensgeschwister, die verbunden sind im Glauben an Jesus Christus. Er hat uns zuerst geliebt. Für unsere Sünden ist er am Kreuz gestorben, allein aus Liebe. Und am dritten Tag hat Gott seinen Engel geschickt, um zu verkünden: Jesus lebt.

Aus dieser Liebe leben wir. Diese Engelsbotschaft trägt uns bis heute. So wie es der Hebräerbrief auf den Punkt bringt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ (Hebräer 13, 8)

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

6. Sonntag nach Trinitatis

 

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2026

Liebe Mitchristen!

Wer bin ich, und was wird mal aus mir? Was denken andere Menschen über mich? Können sie mich leiden, oder sehen sie auf mich herab? Werde ich ein glückliches Leben haben, geliebt und erfolgreich sein, oder als Versager am Rand stehen? Solche Fragen haben mich umgetrieben, als ich Jugendliche war. Fragen, wie Jugendliche sie haben in ihrem Alter. Es kann belastend sein, wenn einen solche Fragen umtreiben. Man kann ins Grübeln kommen und nur schwer wieder rausfinden. Was mir als Jugendlicher geholfen hat bei meinen Fragen, war der Bibelspruch, der einem bei der Taufe zugesprochen wird: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43, 1) Dieser Bibelspruch sagte mir damals: Gott meint wirklich mich. Gott kennt mich. Gott ruft mich beim Namen. Ich brauche keine Angst vor der Zukunft zu haben. Gott ist für mich da.

Weil der Bibelspruch mir wichtig war, habe ich ihn in meiner Bibel gesucht und gefunden- und war enttäuscht. Denn dort in der Bibel stand: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel.“ Aber ich bin doch nicht Jakob und gehöre auch nicht zum Volk Israel, habe ich damals als Jugendliche gedacht. Also meint der Bibelspruch wohl doch nicht mich. Warum hat der Pfarrer das nicht gleich gesagt?

Heute haben wir Taufe gefeiert. Und auch heute haben wir den beiden Taufkindern dieses alte Bibelwort aus dem Jesajabuch zugesprochen. War da richtig so, oder ist dieses Bibelwort eigentlich nur für Israel gedacht, für dieses besondere Volk mit seiner wechselvollen und oft leidvollen Geschichte? In 5. Mose 7, 6-8 heißt es: „Du, Israel bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den HERRN, deinen Gott. Der HERR, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören. Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker der Erde, empfindet der HERR Zuneigung zu euch. Nicht deswegen hat er euch ausgewählt. Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern. Sondern aus Liebe zu euch hat der HERR es getan.“

Zwei Bibeltexte, eine Frage: Was hat das hier Gesagte und Aufgeschriebene mit mir zu tun? Geht es hier nicht einfach nur um Israel? Zwei Bibeltexte, ein geschichtlicher Hintergrund: Beide Texte wurden in derselben schweren Zeit verfasst. Sowohl der zweite Jesaja, von dem die hinteren Kapitel des Jesajabuchs stammen, als auch der Verfasser des 5. Buchs Mose haben erleben müssen, wie ihre ganze Welt zusammengebrochen ist: Wie Jerusalem von feindlichen Truppen erobert wurde. Wie alle, die Rang und Namen hatten in Israel, verschleppt wurden ins ferne, feindliche Babylon. Wie der Jerusalemer Tempel zerstört wurde- das Allerheiligste, das die Menschen damals kannten; der Ort, wo für sie Gott zuhause war.

Was bleibt, wenn auf einmal alles anders ist? Bleibt uns trotzdem noch unser Glaube? Bleibt Gott auch dann immer noch bei uns, wenn der Ort, an dem wir ihn immer angebetet haben, nicht mehr da ist? Heute haben wir zwei Kinder getauft, hier in unserer Kirche. Ja, wir haben hier eine Kirche und eine Gemeinde, in der wir miteinander von Gott hören und zu ihm beten, ohne dass wir deswegen Verfolgung oder Benachteiligung erleiden müssen. Dafür können wir Gott dankbar sein. Vielen Gläubigen auf der Welt geht es nicht so gut. Kirchen sind zerstört, dort wo Krieg und Terror vorherrschen. Und es gibt viele Länder auf der Welt, in denen der Glaube nicht in Freiheit und Offenheit gelebt werden kann.

Wir können Gott dankbar sein. Und doch fragen wir uns, wenn wir an die beiden Kinder denken, die wir heute getauft haben: Was für eine Kirche wird das sein, in der sie in den Glauben hineinwachsen? Wie wird in 13 oder 14 Jahren der Konfirmandenunterricht aussehen, wenn sie einmal Konfirmation feiern? Wo werden sie als junge Erwachsene Gleichgesinnte treffen, Menschen in ihrem Alter, denen der Glaube an Jesus Christus wichtig ist? Fragen, die wir uns stellen, weil unsere Kirchengemeinden kleiner werden und die Stimme der Kirche immer weniger gehört wird in unserer Gesellschaft. Freilich ist das immer noch etwas Anderes als die kriegerischen Auseinandersetzungen damals zur Zeit des zweiten Jesaja und des Verfassers des 5. Buchs Mose. Wir können Gott dankbar sein, dass wir in unserem Land in Frieden leben. Und wir haben die Aufgabe, alles daran zu setzen, dass die Kriege, die unsere Welt heute erschüttern und zerrütten, ein Ende finden. Aber eines ist doch vergleichbar: Klein und unbedeutend – so hat sich das Volk Israel damals auch erlebt, inmitten der Übermacht der großen Völker ringsum: Wird es bestehen bleiben, dieses kleine Volk? Oder wird es untergehen, und mit ihm auch der Glaube an den einen Gott, der das Kleine und Unbedeutende liebt -gerade dieses kleine Volk Israel. Der Glaube an den Gott, dem es nicht egal ist, wenn Menschen unterdrückt und versklavt werden. Der Glaube an den Gott, der die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat in die Freiheit (5. Mose 7, 8-9).

Ja, Gott liebt und schützt gerade das Kleine und Unbedeutende. Und Gott ist treu. Seine Treue hält 1.000 Generationen, sagt uns die Bibel (5. Mose 7, 9). Deswegen bin ich ganz sicher: Auch seinem Volk Israel hält Gott weiter die Treue. Auch die fragwürdige Politik des Staates Israel, die wir in diesen Zeiten erleben müssen, ändert nichts an Gottes Treue. Gottes Treue bleibt, auch wenn Menschen nicht danach handeln. Gottes Treue deswegen ist kein Freibrief, mit dem ich tun und lassenkann, was ich will. Denn Gottes Treue ist in Stein gemeißelt: Auf den beiden Steintafeln stehen die 10 Gebote- Gottes Regeln für ein gutes Leben in dieser Welt und mit Gott. Wer sich nicht daran hält, wird von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Auch daran erinnert der Bibeltext aus 5. Mose mit mahnenden Worten (5. Mose 7, 10-11).

Warum diese Strenge am Ende dieses Bibeltexts? Eben darum, weil bei Gott das zählt, was in der Welt klein und unbedeutend erscheint: Ein kleines Volk- das Volk Israel. Die kleinen Kinder, die wir heute auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft haben. Ein kleiner, unbedeutender Mann aus Galiläa mit Namen Jesus, Gottes Sohn: Klein und elend stirbt er am Kreuz. Aber Gott macht ihn ganz groß, schenkt ihm neues Leben und holt ihn zu sich an seine rechte Seite in den Himmel. Dort sitzt er mit Gott im Regiment und leitet die Geschicke der Welt.

Ja, Gott macht das Kleine groß. Dabei ist Gott kein erbsenzählerischer strenger Richter. Sondern wer bereit ist, vor Gott kleinlaut zu werden und seine Sünden zu bekennen, dem vergibt er durch Jesus Christus, der den Tod auf sich genommen hat für uns. Jesus Christus, der selbst ein Jude war und aus dem Volk Israel stammte. Er hat uns mit hineingenommen in Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel. Nicht als Ersatz für das Volk Israel, das weiter Gottes Volk bleibt, sondern als Erweiterung von Gottes großer Gnade auf alle, die an ihn glauben.

Ja, auch wir sind gemeint wenn Gott durch den zweiten Propheten Jesaja spricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Und ich selbst habe es als Jugendliche trotz der Anfechtung beim Bibellesen dann doch so für mich annehmen können. Und ich habe erfahren dürfen, dass Gott mich bis zum heutigen Tag begleitet hat auf meinem Lebensweg, durch alle Höhen und Tiefen hindurch. So kann ich getrost in die Zukunft schauen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

4. Sonntag nach Trinitatis

 

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2026

Liebe Mitchristen!

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Dieses Bibelwort aus 1. Korinther 13, 13 ist der Taufspruch von dem Kind, das wir heute taufen. Was bleibt? fragt dieses Bibelwort. Was bleibt, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und wir merken, wie wenig das ist, das Menschenmöglich, das getan werden kann? Viele von uns kennen solche Situationen, in denen wir plötzlich hilflos sind; irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. Und vielleicht erinnern wir uns dann daran, was unsere Großeltern in solch einer Situation gesagt haben: „Da hilft nur noch beten,“ haben sie gesagt und das dann auch getan. Sie haben all ihr Hoffen und Bangen in schwieriger Zeit zu Gott gebracht und von ihm Hilfe erbeten. Und vielleicht, ja hoffentlich sogar, erinnern wir uns nicht nur daran, dass unsere Großeltern das so gemacht haben, sondern  machen es selbst auch so, sodass unsere Kinder und Enkel sich später auch daran erinnern und ihr eigenes Hoffen und Bangen in schwierigen Lebenslagen zu Gott bringen.

Denn der Glaube an einen Gott, der mehr kann als nur das Menschenmögliche, der wirklich ein Helfer in der Not ist, dieser Glaube ist eine Kraft, die uns durchs Leben trägt, in guten und in schwierigen Zeiten. Auf diesen Glauben an den dreieinigen Gott- den Schöpfer, der uns das Leben geschenkt hat, den Erlöser, der uns von der Last der Vergangenheit befreit und den Heiligen Geist, der unser Tröster ist, taufen wir heute ein Kind. Warum tun wir das? Nicht nur, weil das eben dazugehört, dass man sein Kind taufen lässt. Sondern auch, weil wir diese Erfahrung gemacht haben, wie das ist, wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und man ist zwischen Hoffen und Bangen. Und weil wir die Erfahrung machen dürfen: Die Hoffnung behält Recht. Gott hat alles gut gemacht.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Glaube und Hoffnung sind wirklich etwas ganz Großes. Noch größer aber ist die Liebe, schreibt der Apostel Paulus, von dem dieser Bibelspruch stammt. Ja, die Liebe ist groß. In Liebe finden Menschen zueinander, und aus Liebe schenkt Gott ihnen Kinder. In Liebe wollen wir unsere Kinder erziehen und durchs Leben begleiten. Vielleicht brauche ich über die Liebe, die Paulus in seinem Bibelwort so groß macht, gar nicht viele Worte verlieren, so selbstverständlich ist sie.

Aber ist es wirklich so einfach mit der Liebe? Der Apostel Paulus hat auch an die Gemeinde in Rom einen Brief geschrieben. Dort schreibt er noch mehr über die Liebe (Römer 12, 9-21). Ganz so einfach ist es also doch nicht mit der Liebe. Denn Liebe, das bedeutet mehr als nur für die eigene Familie da sein. Paulus hat hier einen viel weiteren Horizont: Ein Leben in gutem Miteinander, ein Leben in Frieden, das hat er im Blick. Wie kann das gehen, in Zeiten wie den unseren, in denen Kriege zur Normalität geworden sind und das Freund- Feind- Denken wieder Hochkonjunktur hat? Kann da Liebe helfen? Pass das, was Paulus im Römerbrief schreibt, auch für uns heute?

Paulus hat diesen Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom geschickt. Diese Gemeinde gab es erst seit einigen Jahren. Das Umfeld dieser Gemeinde war politisch angespannt und teilweise feindlich. Wenige Jahre später hieß es schon: „Die Christen vor die Löwen!“ und es gab massive Christenverfolgungen in Rom. Aber was den Unterschied machte zwischen dieser  kleinen Christengemeinde und den anderen Gemeinschaften, die es dort im multireligiösen Umfeld gab, das ist die Liebe, von der Paulus schreibt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn.“ Und auch: „Nehmt nicht selbst Rache. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.“ (Römer 12, 17+19) Also: Lasst Gott mal machen. Ihr braucht das nicht für ihn zu tun. Ja, Gott ist gerecht. Wir müssen uns nicht rächen. Gott ist da. Er wird es richten. Denn es ist nicht egal, wie wir in dieser Welt leben und was wir tun. Das Böse wird nicht ungestraft bleiben. Gott ist gerecht. Was sollen wir nun tun? Unsere Feinde mit dem Nötigsten versorgen, was jedem Menschen zusteht: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust häufst du glühende Kohlen auf seinen Kopf.“ (Römer 12, 20) Glühende Kohlen, was ist damit gemeint? Der Kopf wird rot. Der Feind ist beschämt. Ja, mit jeder guten Tat an euren Feinde beschämt ihr sie mehr und mehr- und Gott wird über sie richten.

Was bedeutet das nun konkret? Im Großen bedeutet es, dass Politik nur der Logik der Abschreckung, Gewalt und Gegengewalt folgt, die den Feinden in Not nicht hilft oder gar das humanitäre Menschenrecht missachtet, nichts Gutes schaffen kann. Aber Politik, die in den Feinden dennoch Menschen sieht und auch im Krieg das humanitäre Menschenrecht achtet und sich um Frieden bemüht, die sammelt „glühende Kohlen auf den Kopf des Feindes.“ Und all das gilt auch im Kleinen, in unserem Umfeld, für meinen Umgang mit dem schwierigen Nachbarn, dem Kollegen, der mit mir konkurriert und in unseren Familien, wo wir es oft auch nicht leicht haben miteinander.

„Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 21) Auf diesen Spitzensatz läuft alles hinaus, was Paulus dort im Römerbrief über die Liebe schreibt. Es ist ein Spitzensatz, der auch gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch gewählt wird. Auch dieser Spruch ist kein Schönwetterspruch, sondern einer der auch in schwierigen Zeiten trägt. Ich erinnere mich an eine Konfirmandin, die diesen Spruch für sich ausgewählt hatte. Es war in der Coronazeit. Ich hatte die Konfirmanden gebeten, mir zu schreiben, warum sie sich für ihren Konfirmationsspruch entschieden hatten. Diese Konfirmandin schrieb: „Diesen Spruch finde ich passend, gerade in dieser Zeit. Durch die häusliche Quarantäne habe ich einen anderen Blick auf die Schule und den Konfirmationsunterricht bekommen. Ein Lächeln, ein kurzer Gruß erlangt nun eine ganz andere Bedeutung.“

Diese Konfirmandin ließ sich nicht blockieren von all dem Schwierigen, was die Coronazeit mit sich brachte. Sie hat sich die Offenheit für das Gute bewahrt, dort wo es ihr begegnet: In einem Lächeln oder einem kurzen Gruß. Diese kleinen Gesten, die wir uns alle schenken können, die erlebt sie jetzt als eine große Hilfe und Bereicherung. Ich finde das sehr ermutigend, auch für uns heute. Und ich erlebe es auch immer wieder selber: Menschen, die mir ein solches Lächeln schenken, und auf einmal sieht die Welt viel freundlicher aus. Menschen, die für andere da sind und helfen, wo es nötig ist. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können etwas tun. „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“

Wir können das, weil Jesus Christus uns die Kraft dazu gibt. Er hat das Böse überwunden. Am Kreuz hat er unsere Schuld weggenommen, und uns einen neuen Anfang geschenkt. Allein aus Liebe hat er das getan. So können wir seine Liebe weitergegen- an die, die uns nah sind, und an die, die uns fern stehen. Wir können es, denn Jesus Christus hat uns zuerst geliebt. Er ist die Hoffnung, an der wir uns festhalten; die Hoffnung für unser Leben und für unsere Welt. Daran glauben wir. Davon leben wir. Daher lieben wir. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

1. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juni 2026

Liebe Mitchristen!

Wie können wir als Christen und Gemeinden heute unseren Glauben überzeugend leben und andere Menschen dafür gewinnen? Zu dieser Frage möchte ich etwas ausholen und mit Ihnen ans andere Ende der Welt blicken. Im Studium habe ich ein Auslandssemester in Neuseeland verbracht. Zu einer damaligen Mitstudierenden habe ich bis heute Kontakt- brieflich oder per Mail. Janet ist inzwischen im Ruhestand und lebt in Australien in der Nähe von Melbourn, wo ihre Enkel wohnen. Dort in ihrer Straße gibt es eine Baptistengemeinde, der sie sich jetzt angeschlossen hat, so schrieb sie mir neulich. Für mich war das unerwartet, denn ich kannte Janet als Presbyterianerin- hier in Deutschland würden wir sagen: Evangelische Landeskirche.

Was hat meine alte Bekannte auf der Südhalbkugel also bewogen, sich den Baptisten anzuschließen? Auch wenn Janet Theologie studiert hat wie ich, waren es offensichtlich keine dogmatischen Fragen. Es ging ihr nicht darum, ob es richtig ist, Kinder zu taufen oder ob die Taufe erst im Erwachsenenalter erfolgen sollte, wie bei Baptisten üblich. Was Janet dazu gebracht hat, sich dieser Gemeinde anzuschließen, beschreibt sie so: „Es ist eine bemerkenswerte Gemeinde. Groß ist sie nicht. Sie betreiben einen Kleiderladen, eine Anlaufstelle für Prostituierte, ein Wohnheim für obdachlose junge Frauen, die so von der Straße geholt werden. Sie haben Wohnungen, die sie an Menschen vermieten, die sich die marktüblichen Mietpreise nicht leisten können. Sie machen Beratung für Leute, die mit der Bürokratie nicht zurechtkommen. Viele ihrer Gemeindemitglieder setzen sich für soziale Gerechtigkeit ein- für die indigene Bevölkerung, für Asylsuchende oder die Befreiung Palästinas. Eingeladen gefühlt habe ich mich durch das Regenbogen-Poster für die Rechte Homosexueller und das Schild am Fenster, das jeden willkommen heißt- alle eingeschlossen.“ So beschreibt meine alte Bekannte Janet in Australien ihre neue Gemeinde. Ganz begeistert ist sie.

Ich denke daran, wie es bei den ersten Christen war, damals an Pfingsten. Da war auch Begeisterung da- durch die feurige Pfingstpredigt des Petrus, durch die am Pfingsttag 3.000 Menschen zum Glauben gekommen sind und die erste christliche Gemeinde gebildet haben. Und auch in der darauffolgenden Zeit sind täglich neue Menschen zur Gemeinde dazugekommen, erfahren wir in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 47). Die Apostelgeschichte liefert dafür eine Erklärung: Es waren nicht nur die Predigten der Apostel, es war auch das soziale Engagement der ersten Gemeinde, das damals so viele Menschen vom christlichen Glauben überzeugt und zur Gemeinde geführt hat. Ganz ähnlich also, wie es heute meine alte Bekannte in Australien erlebt.

Die ersten Christen haben so miteinander gelebt, dass keiner Not leiden musste. Ja, es wurden sogar Grundstücke und Häuser verkauft, und das Geld den Armen gegeben. Josef Barnabas war einer von denen, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung gestellt hat (Apg. 4-36-37). Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der einmal gesagt hat: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Mit diesem Ausspruch hat Bonhoeffer die Diakonie mit auf den Weg gebracht. Innere Mission- so hat man die Diakonie anfangs genannt. Eine Missionierung im Inneren, im eigenen Land sollte es sein, dieses Sich-Kümmern um die Armen, die Kranken, die Bedürftigen in unserem Land. Ja, es ist gut, dass es die Diakonie gibt. Und für viele Menschen in unserem Land, die von der Diakonie Hilfe erfahren- in Beratungsstellen, Tafelläden, Krankenhäusern und vielem mehr-  ist die Diakonie das Gesicht unserer Kirche.

Und doch bleibt ein ungutes Gefühl bei mir. Die Warteschlange vor dem Tafelladen in Trossingen wird immer länger. Die Lebensmittel, die dort zu vergünstigten Preisen ausgegeben werden, reichen bei weitem nicht mehr für alle. Oft gibt es Streit, und die Tafelladen-Mitarbeiter müssen schlichten. Und an der Autobahnraststätte steht einer vor dem großen Mülleimer und fischt dort in der Tiefe nach Pfandflaschen. In der Zeitung lese ich: Eigentlich wäre genug Geld da für eine gute Rente für alle. Aber das Geld konzentriert sich bei den Reichen, die immer reicher werden. Die 5.000 reichsten Menschen in Deutschland besitzen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland, Tendenz steigend. In unserem Land werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Um im Alter würdig leben zu können, ist es inzwischen notwendig, eine private Rentenvorsorge aufzubauen. Für ärmere Menschen ist dies aber finanziell nicht möglich. Die Altersarmut steigt. Und wer ein Eigenheim hat und dies im Alter verkauft, damit dort eine junge Familie einziehen kann, wird in unserem Land finanziell dafür bestraft, wenn er pflegebedürftig wird.

Gut, dass es die Diakonie gibt, kann man bei alldem sagen. Aber das Wort von Bonhoeffer: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist“ meint nicht: Lass mal die Diakonie machen, die regelt das schon, die kümmert sich ja um die Bedürftigen. Nein, das Wort von Bonhoeffer meint uns alle- uns als christliche Gemeinde und uns als Christinnen und Christen in der Welt- jeder und jede einzelne von uns ist gemeint. Das bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und offen zu sein für die Not der anderen. Ja- das haben wir schon in vielen Predigten gehört, dass wir die Not der anderen sehen sollen. Aber Sehen allein genügt ja nicht, ich muss auch was tun gegen die Not der anderen. Einfach ist das sicherlich nicht. Aber einfach war das auch in der ersten Christengemeinde nicht. Auch wenn es in der Apostelgeschichte heißt: „Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32). Gleich im Anschluss an die Geschichte von Josef Barnabas, der sein Grundstück verkauft und das Geld für die Armenfürsorge zur Verfügung stellt erfahren wir, was für Probleme die Regelung, Äcker und Häuser zugunsten der Armen zu verkaufen, in der ersten Gemeinde gemacht hat. Da gab es ein Ehepaar namens Hananias und Saphira in der Gemeinde, die von dem Verkaufserlös ihres Grundstücks etwas für sich zurückbehalten hatten, und die Folgen waren fatal (Apg. 5, 1-11). Ja, Geben muss freiwillig bleiben. Wenn sich jemand dazu gezwungen fühlt und es nicht aus Überzeugung tut, dann wird es schwierig.

Und doch: Wenn die Flamme der Liebe Christi in uns weiterbrennen soll, dann kann uns unser armer Nächster nicht egal sein. Von unserem Verhältnis zu den Bedürftigen und unserem Einsatz für Gerechtigkeit hängt die Existenz unserer Gemeinden ab. Ich denke noch einmal an meine alte Bekannte Janet in Australien. Die konkrete Hilfe für Bedürftige und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit hat sie dazu bewogen, sich der dortigen Baptistengemeinde anzuschließen. An diesem Maßstab werden wir als Kirche gemessen, nicht an dogmatischen Richtigkeiten. So wie Dietrich Bonhoeffer sagte: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Exaudi

Predigt zu Sonntag Exaudi, 17. Mai 2026

 

Liebe Mitchristen!

„Verträge müssen eingehalten werden.“ Das wusste man schon im alten Rom, woher dieses Sprichwort stammt. Eigentlich ist das ja auch selbstverständlich: Wenn ich einen Vertrag abschließe- einen Mietvertrag zum Beispiel oder einen Arbeitsvertrag- dann erwarte ich, dass sich mein Vertragspartner an die vertraglich festgelegten Vereinbarungen hält. Dasselbe erwartet mein Vertragspartner auch von mir.

Unser Predigttext spricht von einem Vertrag Gottes mit seinem Volk Israel (Jeremia 31, 31-34). Er spricht in eine Zeit, die für das Volk Israel katastrophal war. Die Oberschicht ist verschleppt worden ins ferne Babylon, und die, die zurückgeblieben sind, stehen ganz buchstäblich vor einem Trümmerhaufen. Alles liegt in Schutt und Asche. Nichts ist mehr, wie es war. Viele Menschen fragten sich damals: Hat Gott uns verlassen? Hat er uns denn ganz vergessen? Oder ist es, weil wir Gott vergessen hatten? Weil wir keinen Vertrag mehr mit ihm haben wollten. Weil uns seine Gebote nicht mehr interessiert haben, und jeder nur seinen eigenen Vorteil gesucht hat. Deswegen bestraft Gott uns jetzt. So dachten die Menschen damals, in dieser Zeit der Katastrophe.

Wie sieht es in unserer Zeit mit den Verträgen aus? „Verträge müssen eingehalten werden.“ Wie steht es heute mit dieser alten Regel, die seit der Antike ihre Gültigkeit hat? „Verträge müssen eingehalten werden.“ In unserer Zeit ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Dabei wissen wir genau, dass die Welt nur so funktioniert und ein friedliches Zusammenleben zum Wohle aller nur durch Verträge möglich ist. Sicherlich- wenn ich einen Vertrag abschließe, kann ich nicht alle meine Interessen durchsetzen- ob beim Mietvertrag oder beim Arbeitsvertrag. Da sind unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber auch wenn ich manche Kröte schlucken muss und mein Vertragspartner auch: Durch den Vertag haben wir geregelt, wie es miteinander funktionieren kann. Wir müssen nicht dauerhaft im Clinch miteinander liegen. Daher halten wir uns in der Regel auch an unsere Verträge, die wir abschließen- Mietverträge, Kaufverträge und andere mehr.

Auch in der großen Politik gibt es weiterhin solche Verträge, die eingehalten werden- Gott sei Dank! Und doch ist da vieles unsicherer geworden. Die Großmächte in Ost und West setzen sich über das Völkerrecht hinweg und fangen Kriege an, die kein Ende nehmen wollen. Statt internationalen Abkommen zählt für sie nur das Recht des Stärkeren. „Wer sich vertragen will, der muss Verträge schließen.“ So hat es der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt gesagt, als es um die Ostverträge ging. Heute leben wir in einer anderen Zeit. Statt Abrüstung erleben wir Aufrüstung, und in den Nachrichten hören wir nicht von geplanten Verträgen, sondern von Planungen für den militärischen Bedarf in einem bewaffneten Konflikt. Nichts ist mehr, wie es war. Seit internationale Verträge nicht mehr eingehalten werden, steht die Welt vor einem Trümmerhaufen. Immer mehr Länder liegen in Schutt und Asche, und die Menschen dort müssen um ihr Leben bangen- in der Ukraine, im Iran, im Nahen Osten, im Sudan und vielen weiteren Regionen.

„Du sollst nicht töten.“ So heißt eine wichtige Regel, die Gott uns Menschen in der Bibel in den 10 Geboten gegeben hat. Die 10 Gebote- das ist Gottes Vertrag, Gottes Bund mit uns Menschen. Viele Menschen fragen heute nicht mehr nach Gott, wollen keinen Vertrag mehr mit Gott haben. Wenn uns aber Gottes Gebote nicht mehr interessieren, und jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, dann liegt kein Segen auf unserem Leben. Frieden und Freiheit, Wohlstand und Glück sind dann gefährdet. In solch einer Zeit der Gefährdung leben wir heute. In einer Zeit, in der Verträge gebrochen werden- Verträge zwischen Staaten, und auch der Vertrag zwischen Gott und den Menschen.

Was gibt es für Möglichkeiten, wenn ein Vertrag gebrochen wird? Gibt es da nur die Einbahnstraße der Eskalation? Gibt es da nur die Spirale der Gewalt, die sich mit tödlicher Präzision immer weiter nach oben schraubt? Unser Predigttext zeigt uns hier einen anderen Weg: „Siehe, es kommt die Zeit, da werde ich einen neuen Bund schließen,“ lässt Gott durch den Propheten Jeremia den nach Babylon verschleppten Israeliten ausrichten (Jeremia 31, 31).

Gott geht einen anderen Weg. Gott durchbricht die Spirale der Gewalt. Gott zeigt den Ausweg aus der Einbahnstraße der Eskalation. Die Menschen haben den Vertrag gebrochen. Sie haben sich nicht an den Bund gehalten, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Gottes gute Gebote haben sie missachtet. Wenn ein Vertrag gebrochen wird, dann ist das Vertrauen zerstört zwischen den Vertragspartnern. Enttäuschung, Wut, Resignation sind dann die Gefühle. Gefühle, aus denen selten etwas Gutes kommt. Auch Gott ist enttäuscht von den Menschen, die den Vertrag mit ihm gebrochen haben. Aber Gott resigniert nicht. Nein- Gott macht einen neuen Vertrag mit den Menschen.

Gott lässt seine Menschen nicht allein- nicht die nach Babylon verschleppten Israeliten damals, und auch nicht uns, in unserer heutigen schwierigen Zeit. Gott überlässt uns Menschen nicht einfach unserem Schicksal. Gott wendet sich uns Menschen zu. Gleich viermal heißt es in unserem Predigttext: „Es spricht der HERR.“ Und was Gott da verspricht, das ist etwas Großartiges. Gott verspricht einen Neuanfang. Einen neuen Bund will Gott schließen mit den Menschen. Dieser neue Vertrag, den Gott mit den Menschen schließt, hat eine Besonderheit. Er ist kein Vertrag zwischen gleichen Partnern. Gott allein schließt diesen Bund. Gott verspricht: Er wird treu bleiben, unter allen Umständen. Dazu vergibt er den Menschen alle Schuld und denkt nicht mehr an ihre Sünden. Braucht es dann überhaupt noch Regeln? Ja – Gottes gute Gebote bleiben der Inhalt dieses Bundes. Aber Gott gibt sein Gesetz den Menschen in ihr Herz und schreibt es in ihren Sinn, sagt der Prophet Jeremia. Das heißt: Ein Vertrag, der nicht aus Gehorsam oder gar Angst vor Strafe befolgt wird, sondern der ins Herz geschrieben ist. Wenn Gott diesen Vertrag mit den Menschen ganz umsetzt, dann werden alle Gott kennen, Freund wie Feind. Und keiner wird mehr den anderen über den Willen Gottes belehren. Denn jeder weiß Bescheid.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Diese Ankündigung hat Gott seinem Propheten Jeremia in den Mund gelegt. Es werden Tage kommen, an denen nur Gutes passiert. Wie schön, dass es solche Nachrichten auch gibt. Wir sind gewohnt, von Tagen zu hören, an denen sich vor allem Schlechtes ereignet. Tage, die uns sorgenvoll in die Zukunft blicken lassen: Wie lange werden die Kriege noch andauern, die die Großen dieser Welt vom Zaun gebrochen haben? Wie lange werden wir in unserem Land noch in Frieden leben können in dieser angespannten weltpolitischen Lage? Wann wird es endlich Friedensverträge geben- Verträge, die eingehalten werden? Wann werden wir unser Geld wieder in Wohlstand statt in Waffen investieren?

Ja, gerade in unserer Zeit brauchen wir die Zuversicht, dass Gott uns im Blick hat. Dass er gute Nachrichten für uns hat. Dass wir zuversichtlich leben können. Denn wir leben im Bund mit Gott. Durch Jesus Christus sind wir in Gottes Bund mit hineingenommen. Er ist für uns gekreuzigt und auferstanden. Ja, Gottes Vertrag mit uns steht. Nichts und niemand kann diesen Vertrag aufheben. In all unsere Lebensgeschichten hinein spricht Gott, was er uns von Anfang an in der Taufe versprochen hat: „Ich vergebe dir alle Schuld, und ich will mich neu mit dir verbünden. Ich will dein Gott sein. Ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Darauf können wir uns verlassen, egal was kommt.  

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Konfirmation

 

Konfirmationspredigt vom Sonntag, 10. Mai 2026

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. So beginnt der Psalm 23. Und so habt ihr auch auf eurem großen Plakat zu malen begonnen. Als erstes war da der Hirtenstab auf dem Bild. Ein Krummstab ist es geworden. Ob die wirklichen Hirten, die hier auf dem Heuberg ihre Schafe weiden, auch einen solchen Stab haben? Ganz genau weiß ich das nicht, dazu kenne ich mich mit dem Alltag von Hirten zu wenig aus. Bei dem Krummstab, wie ihr ihn gemalt habt, denke ich aber erstmal nicht an die Hirten draußen auf der Weide. Den Krummstab kenne ich von woanders her. Bischof Nikolaus hat so einen, wenn er am 6. Dezember den Kindern Geschenke bringt, ja überhaupt die Bischöfe. Trotzdem ist es ein Hirtenstab. Er erinnert uns daran, dass die Bischöfe, Pfarrerinnen und Pfarrer auch Hirten sind. Und tatsächlich- vor einiger Zeit habe ich mal einen Mann getroffen, den ich nicht kannte, der sagte zu mir: „Ich bin eines Ihrer Schäfchen.“ Da war mir klar: Er gehört zu meiner Kirchengemeinde. Er kennt mich, weil ich seine Pfarrerin bin.

Vom Glauben erzählen und für andere da sein- das ist aber nicht nur etwas für Leute wie mich, die hier im Talar auf der Kanzel stehen und predigen. Alle, die getauft sind und zur Kirche gehören, haben diese Aufgabe. Eine Aufgabe also auch für Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, denn heute sagt Ihr Euer eigenes Ja zu Eurer Taufe. Dieser Gedanke des Priestertums aller Getauften war Martin Luther ganz wichtig und hat unsere evangelische Kirche geprägt. Der Hirtenstab auf Eurem Bild ist allerdings ganz schön mächtig. Gut, dass ich den auch als Pfarrerin nicht alleine schleppen muss. Gut, dass Gott da ist, der unser aller Hirte ist und den Hirtenstab für uns trägt. Ja, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: Auch wenn Ihr im Leben große Aufgaben zu bewältigen habt, auch wenn Euch angesichts solcher großen Aufgaben manchmal Angst und Zweifel kommen, ob ihr dieser Aufgabe gewachsen seid: Vertraut auf Gott. Gottes Versprechen gilt auch Euch: „Ich habe dir doch gesagt, dass du stark und mutig sein sollst! Fürchte dich nicht und schrecke vor nichts zurück! Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst! (Josua 1,9)

Zu diesem Versprechen von Gott passt auf Eurem Bild die große grüne Wiese und der tiefblaue See- so wie es im Psalm 23 heißt: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Ja, Gott sorgt für uns wie ein guter Hirte für seine Schafe sorgt. Wie ein Hirte, der für seine Schafe die saftigsten Wiesen aussucht und das beste, kristallklare Quellwasser. Gott meint es gut mit uns. Er hat ein Herz für uns. Ein Herz voller Liebe. Dafür steht das rote Herz auf Eurem Bild. Es steht für die Barmherzigkeit Gottes. Wir sind Gott nicht egal. Ja, wir sind Gott so wichtig, dass er sein Leben für uns gibt. Am Kreuz ist Jesus Christus für uns gestorben und hat alles weggenommen, was uns von Gott trennt, alle Sünde, alle Schuld. Jesus Christus hat für uns den Weg frei gemacht- den Weg ins Leben, den Weg zu Gott: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben,“ sagt Jesus Christus (Johannes 14, 6a).

 Wer auf diesem Glauben sein Leben gründet, der ist ein richtiger Glückspilz. Ein vierblättriges Kleeblatt habt ihr gemalt als Zeichen für dieses Glück: Da muss ich vor keinem Unglück mehr Angst haben. Egal was auch kommt im Leben, Gott ist bei mir. Auf meinem Lebensweg geht Gott wie ein guter Hirte voraus, damit ich mich nicht verirre. Und wenn es mal unübersichtlich oder schwierig werden sollte in meinem Leben, dann weiß ich: Auf Gott kann ich mich voll verlassen- sogar da, wo das Leben dunkel und gefährlich erscheint. Ich bin nicht allein. Gott, der gute Hirte weiß, wo es langgeht.

„Der Herr ist mein Hirte.“ Unter dieser Überschrift kennen wir den Psalm 23. Und so ist es auch auf Eurem Bild der Hirtenstab, der alles andere überragt. Aber ganz viel Anderes habt ihr auch gemalt: Ein gedeckter Tisch ist da, mit vielen liebevollen Details. Eure Lieblingsessen stehen da auf diesem gedeckten Tisch- leckere Wassermelonenschnitze zum Beispiel. Dazu habt ihr erklärt: „Mir soll es an nichts mangeln, und der Herr schenkt mir voll ein.“ Voll eingeschenkt bis zum Rand ist auch der große Becher, den ihr unten rechts auf Euer Bild gemalt habt. Und was Ihr auch noch dazu erklärt habt: „Der Tisch ist im Angesicht meiner Feinde gedeckt.“

Wenn ich auf Gott vertraue und mein Leben ganz in seine Hand lege, dann kann ich ganz in Ruhe feiern und das Leben genießen, trotz aller Gefahren, die in der Welt auf mich lauern. Auch wenn es da Menschen gibt, die mir Böses wollen, die mich ärgern und mobben. Auch wenn der Frieden in unserem Land zerbrechlich ist und viel Feindschaft da ist zwischen Menschen und Völkern. Das alles ist Grund zur Sorge und zu entschiedenem Handeln. Denn als Christen haben wir die Aufgabe, uns für Frieden und Verständigung einzusetzen zwischen den Menschen und den Völkern. Aber wenn ich auf Gott vertraue und alles, was in meinen Möglichkeiten steht, tue für ein friedliches Zusammenleben, dann müssen mir diese Sorgen nicht nachts den Schlaf rauben. Ja, auch nach einem schwierigen Tag kann ich nach nachts ruhig schlafen, wenn ich abends meine Sorgen im Gebet bei Gott abgebe- so wie es in Psalm 31, 15-17 heißt: „Ich aber vertraute auf dich, HERR: Ich bekannte: Du bist mein Gott! Meine Zukunft liegt in deiner Hand. Rette mich aus der Gewalt meiner Feinde und lass mich meinen Verfolgern entkommen! Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht. Hilf mir und lass mich so deine Güte erfahren.“ 

Und was dann noch auf Eurem Bild kommt, das ist die Krönung von allem. Da habt Ihr Euch gemalt, wie Ihr an diesem reich gedeckten Tisch mit all den leckeren Sachen sitzt, und eine Krone aufhabt: „Der Mensch am Tisch trägt eine Krone, weil er wie ein König behandelt wird, wenn sein Haupt gesalbt wird.“ Dafür steht auch der Krug mit Öl auf dem Bild: Duftendes Salböl ist darin, mit dem der Kopf eingecremt wird- nur vom Feinsten, das Teuerste und Beste ist gerade gut genug. Ja, für Gott seid Ihr alle unendlich viel wert, wie Könige werdet Ihr behandelt. Heute, an Eurem großen Festtag könnt Ihr das spüren: Beim Einzug in die Kirche ist die Gemeinde für Euch aufgestanden, statt rotem Teppich haben wir eine rote Kniebank, und wenn Ihr darauf niederkniet, bekommt Ihr zwar kein Salböl auf den Kopf, aber die Hand aufgelegt zum Segen.

Ja, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Heute an diesem wunderschönen Festtag ist dies für uns alle spürbar, und für Euch, die Hauptpersonen, ganz besonders. Aber auch an all den anderen Tagen, die kommen, soll das spürbar bleiben: Wie ein guter Hirte mit seinem Hirtenstab für die Schafe sorgt, so sorgt Gott für mich. Es ist etwas, woran ihr euch festhalten könnt: Ich bin nicht allein. Gott ist bei mir. Egal, was noch kommt im Leben, Gott verlässt mich nicht. Das wünsche ich Euch, dass Ihr das immer wieder erfahren dürft in Eurem Leben: Gott ist bei Euch, Gott begleitet Euch durchs Leben.

Eure Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Jubilate

Predigt zum Mitarbeiter-Dank-Gottesdienst am 26. April 2026

Liebe Mitchristen!

Für den Mitarbeiter-Dank-Gottesdienst hat unser Vorbereitungsteam aus dem Kirchengemeinderat einen wunderschönen Weinstock gebastelt. Unser aller Namen hängen an diesem Weinstock, geschrieben auf bunte Weintrauben. Bunt und vielfältig ist unsere Gemeinde. Bunt und vielfältig ist auch die Mitarbeit in unserer Gemeinde. Danken möchte ich heute allen, die in unserer Gemeinde mitarbeiten und ihren Teil dazu beitragen, dass der Weinstock Frucht bringt und den Menschen in unserer Gemeinde und darüber hinaus die frohe Botschaft von Jesus Christus nahegebracht wird in Wort und Tat. Jesus Christus ist der wahre Weinstock, und wir sind die Reben. Danke an alle, die hier vor Ort Arbeiter sind im Weinberg des Herrn- ob im Kirchengemeinderat, im Gemeindebüro und der Verwaltung, im Posaunenchor, an der Orgel oder in der Band; ob in den Hauskreisen, im Kreativkreis oder in der Kinderkirche; ob in der Verantwortung für unsere Gebäude als Hausmeister, Mesnerteam, Reinigungdienst oder im Bauausschuss; ob im Besuchsdienst, im Gottesdienst-Team, beim Vorbereiten für Kirchkaffee und Gemeindemittagessen, ob bei der Technik, als Mitarbeiter beim Konfi-Camp, bei Atempause und Osternacht, beim Schmücken des Altars, beim Basteln der Osterkerze oder oder oder…- einfach Danke!

Danke sagen möchte ich auch allen, die wir nicht auf unseren Mitarbeiterlisten führen und die auch ihren Teil dazu beitragen, dass der Weinstock Frucht bringt: Indem sie anderen ihre Zeit schenken, ihnen zuhören und hilfreich zur Seite stehen- die offene Augen, ein offenes Ohr und ein weites Herz haben für die Menschen, die sie gerade brauchen. Wir alle sind die Reben am Weinstock Jesu Christi. Uns allen gilt dieses Wort von Jesus Christus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5)

Gott schenkt uns Kraft zum Leben. Er ist die Kraftquelle, aus der wir schöpfen. Ohne Gott sind wir saft- und kraftlos, so wie die Reben, die vom Weinstock abgeschnitten sind. Sie haben keine Verbindung mehr zu der Wurzel, die die Nährstoffe aus dem Boden zieht- also verdorren sie. (Joh 15, 6) Ich denke, das ist ein einleuchtendes Bild. Ich möchte noch ein Bild aus unserer Zeit dazustellen, ein Bild aus meinem Alltag. Vor längerer Zeit hatte ich fürs Pfarramt einen neuen Computer bekommen. Der Techniker, der mir den neuen Computer eingerichtet hat, hatte auch den Auftrag, den im Pfarramt vorhandenen Drucker anzuschließen. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass der neue Computer und der etwas ältere Drucker sich nicht miteinander kombinieren lassen. Da der Drucker nun keine Verbindung mehr zu meinem Computer hatte, war er für mich nutzlos geworden. Ich konnte nichts mehr mit ihm ausdrucken. Er brachte für mich keine Frucht mehr- so wie die abgeschnittenen Reben des Weinstocks nutzlos geworden sind. Sie haben keine Verbindung mehr zur Wurzel des Weinstocks. Sie können nicht mehr weiter wachsen und keine Früchte mehr tragen.

Ich denke, dass es uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut tut, daran erinnert zu werden, aus welcher Wurzel wir unsere Kraft zum Leben beziehen; auf welchem Grund wir stehen: Wir gehören zu Jesus Christus. Alles, was wir als Kirchengemeinde sind und als Christen tun, muss kompatibel sein mit dieser Grundlage- sonst ist es vergebens: „Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ So sagt es Jesus Christus. Das ist ein Anspruch, den wir an alles, was wir tun, stellen müssen- gerade auch als Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft. Es ist aber auch ein Zuspruch von Jesus Christus an uns: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Was wir tun, wird nicht fruchtlos sein, wenn wir uns dieser Grundlage bewusst sind; wenn wir mit Jesus Christus in Verbindung bleiben. Dann werden Menschen unsere Kirche und Gemeinde als Ort erleben, an dem sie Kraft zum Leben finden- Kraft aus dem Glauben an Jesus Christus. Er ist der Weinstock, wir sind die Reben.

Bleiben wir bei Jesus Christus! Lassen wir uns nicht irre machen von den zahlreichen Kirchenaustritten, die uns Sorge machen. Lassen wir uns auch nicht irre machen von Menschen, die uns fragen, warum wir überhaupt noch dabei bleiben bei der Kirchengemeinde. Wenn wir hier in der Gemeinde beieinander bleiben und unseren Glauben miteinander bekennen, dann können wir es auch schaffen, unseren Glauben im Alltag zu bekennen. Machen wir uns darum keine Sorgend. Uns trägt der Weinstock Jesus Christus. Seine Kraft durchdringt uns, die Reben, und lässt uns Frucht bringen. Denn nicht aus uns selbst heraus glauben wir, vertrauen wir, leben wir Gottes Liebe in die Welt hinein. Sondern: Jesus Christus glaubt, vertraut und handelt aus uns heraus, wo wir durchlässig werden für seine Liebe und seine Kraft.

In Christus bleiben- wie könnte das heute aussehen? Ja, manche Früchte des kirchlichen Leben, die uns wertvoll und wichtig waren, sind inzwischen abgeschnitten. Wir haben keinen Gottesdienst mehr in Gosheim. Wir haben keinen Kirchenchor mehr und keinen Jugendkreis. Der evang. Johanneskindergarten in Gosheim wird jetzt von der evang. Kirchengemeinde Tuttlingen verwaltet und nicht mehr von unserer Kirchengemeinde. All diese Früchte kirchlichen Lebens haben ihre Zeit gehabt. Aber auch, wenn sie jetzt abgeschnitten sind- der Weinstock geht davon nicht ein. Denn die Lebenskraft des Weinstocks, die schöpferische Kraft Gottes bringt viele Früchte, immer wieder neue: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Ein Weinstock kann sehr lange leben, nur seine Reben wachsen und werden abgeschnitten. Ja, der Weinstock bleibt. Jesus Christus ist derselbe- gestern, heute und in Ewigkeit. (Hebräer 13, 8) Wir aber, die Reben am Weinstock Jesu Christi, haben nur eine begrenzte Zeit hier auf dieser Welt. Frucht bringen, die bleibt in Ewigkeit, das können wir nicht aus uns selbst heraus: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ So sagt es Jesus. Mich tröstet dieses Wort. Es ist realistisch. Ja, ich stehe nicht für mich. Ich brauche die Verbindung zu Jesus Christus- so wie mein Drucker die Verbindung braucht zu meinem Computer. Sonst kann er nichts drucken und ist nutzlos und wird weggeworfen.

Frucht bringen- das kann für mich bedeuten: Wahrnehmen, was Gott mir mitgibt, und diese Fähigkeiten entfalten, für und mit anderen. Ja, es gibt viele Fähigkeiten in unserer Mitarbeiterschaft und in unserer Gemeinde, die noch auf Entfaltung warten! Und ich darf darauf vertrauen, dass mir die Kraft zufließen wird für das, was ich anpacke. Frucht bringen kann für uns als Kirchengemeinde auch bedeuten, das, was verdorrt ist, zu verabschieden, und die Kraft dort einzusetzen, wo es lebendig zugeht. Bleiben in Jesus Christus und Frucht bringen gehört zusammen. Denn Früchte sind für den Verzehr bestimmt. Deswegen geht es auch darum, sich in die Welt zu verschenken und die Welt genießbarer zu machen- darin wird Gott verherrlicht! (Joh 15, 8) Und auch unsere Gebete werden nicht fruchtlos bleiben. Denn so hat Jesus Christus es versprochen: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ (Joh 15, 7)

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Palmsonntag

Liebe Mitchristen!

Heute am Palmsonntag feiern wir Konfirmationsjubiläum., endlich ist es so weit. Wie ging es Ihnen, den Konfirmationsjubilaren, damals damit am Tag ihrer Konfirmation? Lange hatten sie sich vorbereitet auf dieses Fest, ein ganzes Konfirmandenjahr lang. Dann endlich kam ihr großer Tag – damals im Jahr 1956, 1966, 1976 oder 2001. Endlich ist es so weit. Festliche Musik erklingt. Die Verwandten und alle, die im Gottesdienst sind, stehen auf. Sie als Konfirmanden ziehen feierlich in die Kirche ein, zusammen mit Ihrem Pfarrer: Pfarrer Karnowski, Pfarrer Autenrieth, Pfarrer Bender und Pfarrer Binder waren das damals hier in Wehingen. Erinnern Sie sich noch daran, wie das war? Ein besonderer, ein feierlicher Moment war das damals ganz sicher für Sie. Ja, es ist etwas ganz Besonderes, so im Mittelpunkt zu stehen.

Heute feiern wir Ihr Konfirmationsjubiläum. Heute, 25, 50, 60 oder sogar 70 Jahre nach Ihrer Konfirmation, sind Sie mit einigen ihrer Mitkonfirmanden von damals wieder diesen Weg durch die Kirche gegangen, bis ganz nach vorne unter den feierlichen Klängen der Musik: 27 Konfirmanden waren Sie bei Pfarrer Karnowski am 25. März 1956.  Kalt war es damals in der Fronhofer Kirche. Der heutige schneereiche Märzsonntag erinnert uns an die kalten und langen Winter, die wir früher hier auf dem Heuberg hatten. Vielleicht hat Pfarrer Bender vor 50 Jahren deswegen die Konfirmation am 7. Juni gefeiert- ein ungewöhnliches Datum, an dem er insgesamt 43 Konfirmanden konfirmiert hat, in zwei Gruppen, getrennt nach Ortschaften. Und alle haben denselben Konfirmationsspruch bekommen, den Zuspruch von Gott: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2) Vor 25 Jahren gab es 35 Konfirmanden in unserer Gemeinde. Pfarrer Binder hat sie in zwei Gruppen unterrichtet und an zwei Sonntagen konfirmiert. Am 6. und am 13. Mai haben Sie damals Konfirmation gefeiert. Und auch unsere Diamantenen Konfirmationsjubilare, die an anderen Orten konfirmiert wurden, werden sich sicherlich noch gut erinnern an den Tag ihrer Konfirmation.

Ich denke noch einmal an den Konfirmationsspruch von Ihnen, den goldenen Konfirmanden: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Der Segen ist ja das Kernstück der Konfirmation. Wenn alle Katechismustexte aufgesagt sind, und die Anspannung, ob alles klappt oder ob man beim Aufsagen stecken bleibt, langsam weicht- dann kommt der Segen. Ganz bestimmt erinnern Sie sich noch daran, wie Sie an Ihrer Konfirmation vorne am Altar auf der Kniebank gekniet sind und Ihr Pfarrer Ihnen zum Segen die Hand aufgelegt hat. Das bleibt in Erinnerung- mehr als die Worte, die Ihr Pfarrer dazu gesprochen hat.  Denn solche Rituale sagen oft mehr als viele Worte. Weil wir dabei noch auf einer ganz anderen, viel tieferen Ebene angesprochen werden, wenn Gottes Nähe für uns auch körperlich spürbar wird.

Gottes Nähe wird spürbar in der Wärme der Hand, die mich berührt und segnet. Nähe und persönliche Zuwendung, die körperlich spürbar wird. Davon erzählt auch der Predigttext für den heutigen Palmsonntag (Markus 14, 3-9). Da ist eine Frau, die Jesus körperlich nahekommt. Sie salbt seinen Kopf mit Öl. Eigentlich ist Jesus gerade mit Anderem beschäftigt. Er ist bei Jemanden zum Essen eingeladen. Offen und einladend für alle ist das nun absolut nicht. Man könnte sich vorstellen, an der Tür hängt das Schild: Geschlossene Gesellschaft. Aber diese Frau traut sich, durch diese Tür zu gehen. Sie geht zu Jesus. Auch wenn es für sie so aussehen muss, als ob das eine verschworene Gemeinschaft ist, die ihn da umgibt.

Sie kommt mit ihrer Parfümflasche. Kostbares Nardenöl ist da drin. Das war weit und breit das teuerste Duftöl, das es damals gab. 300 Silbergroschen ist es wert, erfahren wir. Das war damals das Jahreseinkommen eines einfachen Arbeiters. Das Jahreseinkommen! Das muss man sich vorstellen. Und dieses Geld verbrennt sie einfach, wirft es zum Fenster raus, leert es Jesus über den Kopf. Komplett, die ganze Parfümflasche. Alles auf einmal, in einem Schwall. Sie bricht den Flaschenhals auf, der seinen kostbaren Inhalt sonst nur tröpfchenweise preisgeben würde. Kein Wunder, dass sich da Widerstand regt: Das Geld hätte man doch besser den Armen geben sollen!

Ich finde, dieser Einwand wiegt schwer. Kriege und Handelsblockaden verhindern, dass Lebensmittel in die armen Länder kommen. In Afrika verhungern die Menschen.  Und auch in unserem Land wird es für die Menschen, die wenig haben, immer schwieriger bei den steigenden Preisen, die wir haben.  Jeden Tag müssen sie schauen, wie ihnen das Geld reicht zum Lebensnotwendigen. Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus in unserem Predigttext. Das ist die traurige Wahrheit, bis heute. Ich finde es wichtig, dass wir gerade in dieser schwierigen Zeit die Armen nicht vergessen. Ich denke an die sozial Schwachen, die auf den Tafelladen in Trossingen angewiesen sind. Dort fehlt es an Grundnahrungsmitteln, denn die Zahl der Bedürftigen steigt. Vielleicht können Sie ja helfen mit einer Spende.

Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus. Und er weiß auch: Die Armen sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Gutes tun. Das ist wichtig. Aber die Sorge um die Armen soll uns nicht den Blick verstellen für das Besondere und Einzigartige. Auch die vielen anderen Sorgen, die wir uns jetzt in dieser Krise machen, sollen uns diesen Blick nicht verstellen. Mich habt ihr nicht allezeit, sagt Jesus. Er weiß, was ihn erwartet – Folterqualen, Schmerzen und Tod. Er weiß, diese Frau salbt ihn zu seinem Begräbnis. Im Blick auf all das Schwere, was er zu erleiden hat, gönnt Jesus sich diesen besonderen Moment der persönlichen Zuwendung. Er genießt die Nähe dieser Frau und den wunderbaren Duft ihres kostbaren Öls.

Jesus macht dieser Frau keine Vorwürfe. Er bezieht Position für diese Frau. Für ihn ist das, was diese Frau macht, eine gute Tag- eine Wohltat, die gut tut; nicht nur ihm, sondern allen, die in diesem Raum sind und diesen Duft riechen können. Und es ist eine gute Nachricht, die diese Frau damit verbreitet: Jesus Christus ist der Gesalbte Gottes- sichtbar für alle, die es sehen wollen, hörbar für alle, die es hören wollen. Das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus, wird davon erzählen und damit auch von dieser Frau mit ihrer guten Tat. Sie hat Jesus geehrt. Sie hat ihm Nähe und Zuwendung geschenkt. Sie hat sich zu ihm gestellt, als er heimlich schon zum Tod verurteilt war.

In der guten Tat dieser Frau leuchtet auf, wie Gott selbst zu uns Menschen steht: Am Ende steht Ostern- nach dem Weg durchs tiefe, dunkle Tal der Leiden und des Todes. Am Ende steht Leben- Leben mit Gott und mit Jesus Christus, seinem Gesalbten. Nach diesem Christus sind wir auch Christen genannt: Gesalbte- konfirmiert zum Tun von guten Taten.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Judika

Predigt zum Sonntag Judika, 22. 03. 2026

Liebe Mitchristen!

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebräer 13, 12-14). Wir hören diese Bibelworte mit beinah zweitausend Jahren zeitlichem Abstand. Und doch sind sie auch heute wieder erschreckend aktuell. Wie neueste Statistiken belegen, sind Christen die am stärksten verfolgte religiöse Gemeinschaft der Welt. In über 150 Ländern sind sie Zielscheibe von Diskriminierung und gezielten Angriffen- vor allem in Nordkorea, Afghanistan, Somalia und Libyen. Und auch hierzulande weht den Christen zunehmend ein rauer Wind entgegen. Ein Kreuz hängt an der Wand in öffentlichen Gebäuden? Es gibt Religionsunterricht in den Schulen? Was uns früher selbstverständlich war, wird zunehmend in Frage gestellt. Christliche Werte wie die Nächstenliebe und der Schutz für Schwache und Hilfsbedürftige verlieren an Bedeutung in unserer Gesellschaft. Der Ton wird rauer und unbarmherziger. Die Angst, zu kurz zu kommen, wächst, und wird von radikalen Parteien mit ihren einfachen Parolen schamlos ausgenutzt. 

Als Christen leben wir sozusagen im Exil- auch in dem Sinn, dass wir eine Hoffnung haben, die über diese irdische Welt hinausgeht. Eine Hoffnung, die bleibt- auch wenn die beiden großen Kirchen in unserem Land an Mitgliedern verlieren und an Bedeutung. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So sagt es der Predigttext aus dem Hebräerbrief. Wir haben in dieser Welt keine Garantie darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Stattdessen sind wir unterwegs auf der Suche nach dem, was unserem Glauben Hoffnung und Zukunft gibt.

Als Christen haben wir eine Hoffnung, die über diese Welt hinausgeht. Das heißt nicht, dass es uns egal ist, wie es in dieser Welt gerade zugeht. Die christliche Hoffnung ist keine Vertröstung auf ein Jenseits, wie uns Christen immer wieder vorgeworfen wurde und wird. Ja- wir haben diese Hoffnung auf Gottes neue Welt, in der einmal alles gut werden wird. Und wir halten fest an dieser Hoffnung. Aber im Sinne Jesu Christi können wir nur dann an dieser Jenseitshoffnung festhalten, wenn wir schon im Hier und Jetzt anfangen, diese Hoffnung zu leben und in die Tat umzusetzen.

Das zeigt die Geschichte von den beiden Jüngern Jakobus und Johannes (Markus 10, 35-40). Jakobus und Johannes haben eine Jenseitshoffnung, die nicht im Sinne Jesu ist: In Gottes neuer Welt, in seiner Herrlichkeit wollen sie neben Jesus Christus sitzen. Neben seinem Thron im Himmel sollen noch einmal zwei Throne für sie stehen- einer rechts von Jesus und einer links von ihm. Eine sehr diesseitige Jenseitshoffnung ist es, die Jakobus und Johannes da haben. Da geht es um Macht und um Einfluss. An der Schaltstelle der Macht wollen diese beiden in Gottes Himmelreich sitzen- direkt neben Jesus. Aber so ist es nicht in Gottes neuer Welt. So soll es auch unter uns Christen in dieser Welt nicht sein. Sondern: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10, 44-45)

Die beiden großen Kirchen in unserem Land verlieren an Mitgliedern und an Bedeutung. Aber ist es denn wirklich unsere Aufgabe als Kirche, hier in dieser Welt an den Schaltstellen der Macht zu sitzen, einflussreich und mächtig zu sein? Geht es nicht vielmehr darum, einen Gegenpol zu setzen gegen die weit verbreitete Meinung, dass Einfluss, Macht und Geld das Einzige ist, was im Leben zählt? Dem haben wir als Christen etwas entgegenzusetzen, auch -ja vielleicht sogar gerade- wenn unser Einfluss und unsere Macht in dieser Welt schwinden: Die christliche Überzeugung, dass jeder Mensch seine eigene Würde und seinen eigenen Wert hat. Auch die Pflegebedürftigen. Auch die Kranken und Behinderten. Als Christen sehen wir sie nicht als Kostenfaktor. Wir sehen sie als Menschen mit Würde und Wert.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Im Glauben leben heißt auch: sich in Bewegung setzen. Neue Wege suchen, wie wir mit den Herausforderungen unserer Zeit leben können. Und dabei nicht den Mut verlieren, sondern auf Gott vertrauen. Er ist unsere Zukunft. Auf den ersten Seiten der Bibel ist von einem Mann und einer Frau die Rede, die den Aufbruch wagen (1. Mose 12, 1-6). Abraham und Sara verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihre Gewohnheiten. Sie wagen den Aufbruch in die Fremde. Interessant ist dabei, dass gerade dieser Mann zum Urvater des Glaubens wird. Abraham weiß genauso wenig wie Sara, was sie erwartet. Einzig im Vertrauen auf Gott begeben sie sich auf den Weg. In ihrem Herzen die Zuversicht, dass Gott mit ihnen ist. Das reicht ihnen. Das ist ihre Hoffnung. Darauf setzen sie ihr Vertrauen. Das macht sie stark und selbstgewiss. Da ist es egal, wo und wie sie ankommen werden. Ihr Glaube, ihr Vertrauen zu Gott setzt sie in Bewegung.

Machen wir uns hoffnungsvoll auf und suchen wir nach der zukünftigen Stadt – in einer Welt, in der neue Formen des christlichen Miteinanders nötiger werden denn je. In einer Zeit, die uns vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und die größte Herausforderung ist wohl die, dass wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Aus der Erstarrung aufbrechen, sich für unsere Mitmenschen stark machen, Trost und Hoffnung verbreiten, sichtbar unseren Glauben leben. All das ist jetzt mehr gefragt denn je.

Unsere christliche Hoffnung trägt auch in schwierigen Zeiten. Sie ist keine Schönwetter-Hoffnung. Sie ist gegründet in Jesus Christus, der alles Elend und Leid der Welt auf sich genommen hat. Und das nicht als allmächtiger Strahlemann, der über dem allen drübersteht. Sondern als einer, der das Elend und Leid versteht, weil er es selber durchgemacht hat. Draußen vor dem Tor der Stadt hat er gelitten, hat er sein Blut vergossen am Kreuz, verachtet und verspottet. Er lässt uns nicht im Stich, egal was kommt. Zu ihm können wir kommen mit unseren Gebeten, gerade auch in schweren Zeiten. Er versteht, wie es uns geht.

Vertrauen wir einem Gott, bei dem Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene steht für den neuen Weg, der nicht stehen bleibt bei Althergebrachtem. Aus unserem Glauben an Gott sind wir aufgefordert, nach dem Guten zu streben und darin Jesus nachzufolgen. Wir können das, weil wir glauben dürfen, dass wir auf dem Weg in die zukünftige Stadt sind. Im Vertrauen auf Jesus Christus, der nicht so bleiben wollte, wie er war und der nicht alles beim Alten belassen wollte, können wir getrost in die Zukunft blicken.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

Kategorien
Gedanken zum Sonntag

Lätare

Predigtgedanken aus dem Familiengottesdienst zum Abschluss von Konfi 3 am Sonntag, 15.03.2026

Liebe Mitchristen!

Heute feiern wir den Sonntag Lätare. Lätare bedeutet: Freut euch! Freude mitten in der Passionszeit, wo wir an das Leiden und Sterben von Jesus Christus denken? Manchmal liegen Freud und Leid ja nahe beieinander. Die Konfi 3-Kinder haben sich dazu gestern drei kleine Anspiele überlegt, in dem sie von eigenen leidvollen Erfahrungen erzählen, und wie man in solchen Situationen wieder zur Freude finden kann. Wirklich vielfältige Situationen habt ihr uns vorgespielt- Danke! Ja, ganz verschiedene Gründe gibt es dafür, dass wir Trost brauchen: Hinfallen und das Knie ist aufgeschürft, geärgert werden von einem anderen Kind. Beim Fußball oder beim Musizieren zu merken: Es klappt nicht so, andere machen es besser, sind größer oder geübter. Schön, dass ihr Kinder euch dazu auch überlegt habt, wie das dann wieder gut werden kann in so einer Situation, und was es dazu braucht: Ein paar aufmunternde Worte, ein Pflaster auf dem Knie- das sprichwörtliche Trostpflaster eben- eine helfende Hand. Aber das braucht es eben auch, und das habt ihr uns auch gezeigt mit euren Anspielen: Man muss sich auch mit dem Problem selbst auseinandersetzen, das jemanden traurig gemacht hat, und versuchen, es aus der Welt zu schaffen: Sich wieder vertragen, wenn man sich gestritten hat; sich entschuldigen, wenn man zu jemandem gemein war. Dann wird es wieder gut.

Dann sind wir getröstet. Und noch etwas Anderes habt ihr euch gestern bei unserem Konfi 3- Treffen überlegt: Wer tröstet euch, wenn ihr traurig seid? Ganz oft ist das eure Mutter. Schön, dass ihr eure Mütter heute auch mitgebracht habt. So wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so will uns auch Gott trösten, wenn wir traurig sind oder verletzt oder wütend: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet,“ sagt Gott in der Bibel (Jesaja 66, 13) Aufgeschrieben hat diesen Spruch ein Mann, der in der Bibel den Namen Jesaja hat. Jesaja sitzt an einem Ort, von wo er die ganze Stadt Jerusalem überblicken kann. Jesaja erinnert sich: Früher war Jerusalem eine schöne Stadt, mit hohen Stadtmauern, großen Stadttoren und schönen Häusern. Aber dann kam der Krieg, und alles ging kaputt. Viele Menschen wurden aus der Stadt Jerusalem vertrieben. Erst nach vielen, vielen Jahren konnten sie wieder zurück. Aber in Jerusalem war nichts mehr so wie früher. Und es war schwer, die Stadt wieder aufzubauen, wenn man nichts hatte: Seht ihr die vielen Häuser, die immer noch kaputt sind, sagte Jesaja, und eine Träne rollte aus seinem Auge. „Keiner kann in ihnen wohnen. Die Dächer haben riesige Löcher, die Wände sind eingestürzt und die Türen fehlen. Ach, es ist so traurig, das alles so kaputt ist.“

Bei Jesaja sitzen viele Menschen- Männer, Frauen und Kinder. Sie hören ihm zu. Jesaja hat ihnen schon oft von Gott erzählt. Sie sind ja alle noch nicht lange wieder hier in der Stadt. Da tut es gut, so nahe beieinander zu sitzen. Denn sie haben eine schwere und gefährliche Zeit hinter sich: Sie waren getrennt voneinander, wurden von Feinden verfolgt, hatten große Angst, Hunger und Durst. Ach je! Noch einmal seufzt Jesaja tief. Dann kommt auf einmal ein Lächeln in sein Gesicht: Aber wir sind hier! Und schaut mal- dort drüben sind schon einige Häuser wieder aufgebaut. Wir haben unsere Stadt zurück! Auf einmal springt Jesaja auf und reißt die Arme in die Höhe: „Freut euch mit Jerusalem!“ ruft er. „Jubelt in der Stadt, alle die ihr sie lieb habt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart.“ (Jesaja 66, 10) Jesaja setzt sich wieder hin und sagt: Ich erzähle euch jetzt, was Gott uns versprochen hat (Jesaja 66, 11): Wie Babys, die an der Brust der Mutter saugen so sollen wir uns ab jetzt wieder in unserer Stadt fühlen: Satt, warm und sicher. Genau so hat Gott es zu mir gesagt: „Wie einen Strom leite ich den Frieden in die Stadt und den Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach.“ (Jesaja 66, 12) Und trösten will ich euch (Jesaja 66, 13). Trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet: Auf dem Arm tragen, auf den Knien schaukeln. Festhalten, bis es euch wieder gut geht und ihr wieder fröhlich sein könnt. Ja, trösten, wie eine Mutter tröstet, das kann Gott. Es wird uns wieder gutgehen, hier in unserer geliebten Stadt Jerusalem.

So sagt es Jesaja damals den Menschen in der zerstörten Stadt Jerusalem. Auch wenn das Leben dort wirklich traurig war, Jesaja konnte sich auf einmal freuen. Gott hat den Jesaja getröstet- wie eine Mutter, die ihr Kind tröstet. Und die Freude von Jesaja ist ansteckend. Alle haben sich auf einmal mitfreuen können- obwohl ihre Stadt immer noch kaputt war, und es noch ganz lange gedauert hat, bis alles wieder ganz war. Aber die Menschen wussten: Gott ist da. Gottes Liebe strömt in unser Herz, wie das Wasser von einem Bach. Wir sind nicht mehr allein. Gott ist bei uns. Darauf können wir uns verlassen- auch heute: Jesus ist bei uns. Bevor er am Kreuz gestorben ist, hat Jesus seine Jünger getröstet und hat ihnen das Abendmahl geschenkt. Immer, wenn wir Abendmahl feiern, denken wir daran und wissen: Jesus ist für uns da.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer