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Gedanken zum Sonntag

Palmsonntag

Liebe Mitchristen!

Heute am Palmsonntag feiern wir Konfirmationsjubiläum., endlich ist es so weit. Wie ging es Ihnen, den Konfirmationsjubilaren, damals damit am Tag ihrer Konfirmation? Lange hatten sie sich vorbereitet auf dieses Fest, ein ganzes Konfirmandenjahr lang. Dann endlich kam ihr großer Tag – damals im Jahr 1956, 1966, 1976 oder 2001. Endlich ist es so weit. Festliche Musik erklingt. Die Verwandten und alle, die im Gottesdienst sind, stehen auf. Sie als Konfirmanden ziehen feierlich in die Kirche ein, zusammen mit Ihrem Pfarrer: Pfarrer Karnowski, Pfarrer Autenrieth, Pfarrer Bender und Pfarrer Binder waren das damals hier in Wehingen. Erinnern Sie sich noch daran, wie das war? Ein besonderer, ein feierlicher Moment war das damals ganz sicher für Sie. Ja, es ist etwas ganz Besonderes, so im Mittelpunkt zu stehen.

Heute feiern wir Ihr Konfirmationsjubiläum. Heute, 25, 50, 60 oder sogar 70 Jahre nach Ihrer Konfirmation, sind Sie mit einigen ihrer Mitkonfirmanden von damals wieder diesen Weg durch die Kirche gegangen, bis ganz nach vorne unter den feierlichen Klängen der Musik: 27 Konfirmanden waren Sie bei Pfarrer Karnowski am 25. März 1956.  Kalt war es damals in der Fronhofer Kirche. Der heutige schneereiche Märzsonntag erinnert uns an die kalten und langen Winter, die wir früher hier auf dem Heuberg hatten. Vielleicht hat Pfarrer Bender vor 50 Jahren deswegen die Konfirmation am 7. Juni gefeiert- ein ungewöhnliches Datum, an dem er insgesamt 43 Konfirmanden konfirmiert hat, in zwei Gruppen, getrennt nach Ortschaften. Und alle haben denselben Konfirmationsspruch bekommen, den Zuspruch von Gott: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2) Vor 25 Jahren gab es 35 Konfirmanden in unserer Gemeinde. Pfarrer Binder hat sie in zwei Gruppen unterrichtet und an zwei Sonntagen konfirmiert. Am 6. und am 13. Mai haben Sie damals Konfirmation gefeiert. Und auch unsere Diamantenen Konfirmationsjubilare, die an anderen Orten konfirmiert wurden, werden sich sicherlich noch gut erinnern an den Tag ihrer Konfirmation.

Ich denke noch einmal an den Konfirmationsspruch von Ihnen, den goldenen Konfirmanden: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Der Segen ist ja das Kernstück der Konfirmation. Wenn alle Katechismustexte aufgesagt sind, und die Anspannung, ob alles klappt oder ob man beim Aufsagen stecken bleibt, langsam weicht- dann kommt der Segen. Ganz bestimmt erinnern Sie sich noch daran, wie Sie an Ihrer Konfirmation vorne am Altar auf der Kniebank gekniet sind und Ihr Pfarrer Ihnen zum Segen die Hand aufgelegt hat. Das bleibt in Erinnerung- mehr als die Worte, die Ihr Pfarrer dazu gesprochen hat.  Denn solche Rituale sagen oft mehr als viele Worte. Weil wir dabei noch auf einer ganz anderen, viel tieferen Ebene angesprochen werden, wenn Gottes Nähe für uns auch körperlich spürbar wird.

Gottes Nähe wird spürbar in der Wärme der Hand, die mich berührt und segnet. Nähe und persönliche Zuwendung, die körperlich spürbar wird. Davon erzählt auch der Predigttext für den heutigen Palmsonntag (Markus 14, 3-9). Da ist eine Frau, die Jesus körperlich nahekommt. Sie salbt seinen Kopf mit Öl. Eigentlich ist Jesus gerade mit Anderem beschäftigt. Er ist bei Jemanden zum Essen eingeladen. Offen und einladend für alle ist das nun absolut nicht. Man könnte sich vorstellen, an der Tür hängt das Schild: Geschlossene Gesellschaft. Aber diese Frau traut sich, durch diese Tür zu gehen. Sie geht zu Jesus. Auch wenn es für sie so aussehen muss, als ob das eine verschworene Gemeinschaft ist, die ihn da umgibt.

Sie kommt mit ihrer Parfümflasche. Kostbares Nardenöl ist da drin. Das war weit und breit das teuerste Duftöl, das es damals gab. 300 Silbergroschen ist es wert, erfahren wir. Das war damals das Jahreseinkommen eines einfachen Arbeiters. Das Jahreseinkommen! Das muss man sich vorstellen. Und dieses Geld verbrennt sie einfach, wirft es zum Fenster raus, leert es Jesus über den Kopf. Komplett, die ganze Parfümflasche. Alles auf einmal, in einem Schwall. Sie bricht den Flaschenhals auf, der seinen kostbaren Inhalt sonst nur tröpfchenweise preisgeben würde. Kein Wunder, dass sich da Widerstand regt: Das Geld hätte man doch besser den Armen geben sollen!

Ich finde, dieser Einwand wiegt schwer. Kriege und Handelsblockaden verhindern, dass Lebensmittel in die armen Länder kommen. In Afrika verhungern die Menschen.  Und auch in unserem Land wird es für die Menschen, die wenig haben, immer schwieriger bei den steigenden Preisen, die wir haben.  Jeden Tag müssen sie schauen, wie ihnen das Geld reicht zum Lebensnotwendigen. Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus in unserem Predigttext. Das ist die traurige Wahrheit, bis heute. Ich finde es wichtig, dass wir gerade in dieser schwierigen Zeit die Armen nicht vergessen. Ich denke an die sozial Schwachen, die auf den Tafelladen in Trossingen angewiesen sind. Dort fehlt es an Grundnahrungsmitteln, denn die Zahl der Bedürftigen steigt. Vielleicht können Sie ja helfen mit einer Spende.

Arme habt ihr allezeit, sagt Jesus. Und er weiß auch: Die Armen sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Gutes tun. Das ist wichtig. Aber die Sorge um die Armen soll uns nicht den Blick verstellen für das Besondere und Einzigartige. Auch die vielen anderen Sorgen, die wir uns jetzt in dieser Krise machen, sollen uns diesen Blick nicht verstellen. Mich habt ihr nicht allezeit, sagt Jesus. Er weiß, was ihn erwartet – Folterqualen, Schmerzen und Tod. Er weiß, diese Frau salbt ihn zu seinem Begräbnis. Im Blick auf all das Schwere, was er zu erleiden hat, gönnt Jesus sich diesen besonderen Moment der persönlichen Zuwendung. Er genießt die Nähe dieser Frau und den wunderbaren Duft ihres kostbaren Öls.

Jesus macht dieser Frau keine Vorwürfe. Er bezieht Position für diese Frau. Für ihn ist das, was diese Frau macht, eine gute Tag- eine Wohltat, die gut tut; nicht nur ihm, sondern allen, die in diesem Raum sind und diesen Duft riechen können. Und es ist eine gute Nachricht, die diese Frau damit verbreitet: Jesus Christus ist der Gesalbte Gottes- sichtbar für alle, die es sehen wollen, hörbar für alle, die es hören wollen. Das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus, wird davon erzählen und damit auch von dieser Frau mit ihrer guten Tat. Sie hat Jesus geehrt. Sie hat ihm Nähe und Zuwendung geschenkt. Sie hat sich zu ihm gestellt, als er heimlich schon zum Tod verurteilt war.

In der guten Tat dieser Frau leuchtet auf, wie Gott selbst zu uns Menschen steht: Am Ende steht Ostern- nach dem Weg durchs tiefe, dunkle Tal der Leiden und des Todes. Am Ende steht Leben- Leben mit Gott und mit Jesus Christus, seinem Gesalbten. Nach diesem Christus sind wir auch Christen genannt: Gesalbte- konfirmiert zum Tun von guten Taten.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer