Predigt zum Sonntag Judika, 22. 03. 2026
Liebe Mitchristen!
„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebräer 13, 12-14). Wir hören diese Bibelworte mit beinah zweitausend Jahren zeitlichem Abstand. Und doch sind sie auch heute wieder erschreckend aktuell. Wie neueste Statistiken belegen, sind Christen die am stärksten verfolgte religiöse Gemeinschaft der Welt. In über 150 Ländern sind sie Zielscheibe von Diskriminierung und gezielten Angriffen- vor allem in Nordkorea, Afghanistan, Somalia und Libyen. Und auch hierzulande weht den Christen zunehmend ein rauer Wind entgegen. Ein Kreuz hängt an der Wand in öffentlichen Gebäuden? Es gibt Religionsunterricht in den Schulen? Was uns früher selbstverständlich war, wird zunehmend in Frage gestellt. Christliche Werte wie die Nächstenliebe und der Schutz für Schwache und Hilfsbedürftige verlieren an Bedeutung in unserer Gesellschaft. Der Ton wird rauer und unbarmherziger. Die Angst, zu kurz zu kommen, wächst, und wird von radikalen Parteien mit ihren einfachen Parolen schamlos ausgenutzt.
Als Christen leben wir sozusagen im Exil- auch in dem Sinn, dass wir eine Hoffnung haben, die über diese irdische Welt hinausgeht. Eine Hoffnung, die bleibt- auch wenn die beiden großen Kirchen in unserem Land an Mitgliedern verlieren und an Bedeutung. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So sagt es der Predigttext aus dem Hebräerbrief. Wir haben in dieser Welt keine Garantie darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Stattdessen sind wir unterwegs auf der Suche nach dem, was unserem Glauben Hoffnung und Zukunft gibt.
Als Christen haben wir eine Hoffnung, die über diese Welt hinausgeht. Das heißt nicht, dass es uns egal ist, wie es in dieser Welt gerade zugeht. Die christliche Hoffnung ist keine Vertröstung auf ein Jenseits, wie uns Christen immer wieder vorgeworfen wurde und wird. Ja- wir haben diese Hoffnung auf Gottes neue Welt, in der einmal alles gut werden wird. Und wir halten fest an dieser Hoffnung. Aber im Sinne Jesu Christi können wir nur dann an dieser Jenseitshoffnung festhalten, wenn wir schon im Hier und Jetzt anfangen, diese Hoffnung zu leben und in die Tat umzusetzen.
Das zeigt die Geschichte von den beiden Jüngern Jakobus und Johannes (Markus 10, 35-40). Jakobus und Johannes haben eine Jenseitshoffnung, die nicht im Sinne Jesu ist: In Gottes neuer Welt, in seiner Herrlichkeit wollen sie neben Jesus Christus sitzen. Neben seinem Thron im Himmel sollen noch einmal zwei Throne für sie stehen- einer rechts von Jesus und einer links von ihm. Eine sehr diesseitige Jenseitshoffnung ist es, die Jakobus und Johannes da haben. Da geht es um Macht und um Einfluss. An der Schaltstelle der Macht wollen diese beiden in Gottes Himmelreich sitzen- direkt neben Jesus. Aber so ist es nicht in Gottes neuer Welt. So soll es auch unter uns Christen in dieser Welt nicht sein. Sondern: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10, 44-45)
Die beiden großen Kirchen in unserem Land verlieren an Mitgliedern und an Bedeutung. Aber ist es denn wirklich unsere Aufgabe als Kirche, hier in dieser Welt an den Schaltstellen der Macht zu sitzen, einflussreich und mächtig zu sein? Geht es nicht vielmehr darum, einen Gegenpol zu setzen gegen die weit verbreitete Meinung, dass Einfluss, Macht und Geld das Einzige ist, was im Leben zählt? Dem haben wir als Christen etwas entgegenzusetzen, auch -ja vielleicht sogar gerade- wenn unser Einfluss und unsere Macht in dieser Welt schwinden: Die christliche Überzeugung, dass jeder Mensch seine eigene Würde und seinen eigenen Wert hat. Auch die Pflegebedürftigen. Auch die Kranken und Behinderten. Als Christen sehen wir sie nicht als Kostenfaktor. Wir sehen sie als Menschen mit Würde und Wert.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Im Glauben leben heißt auch: sich in Bewegung setzen. Neue Wege suchen, wie wir mit den Herausforderungen unserer Zeit leben können. Und dabei nicht den Mut verlieren, sondern auf Gott vertrauen. Er ist unsere Zukunft. Auf den ersten Seiten der Bibel ist von einem Mann und einer Frau die Rede, die den Aufbruch wagen (1. Mose 12, 1-6). Abraham und Sara verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihre Gewohnheiten. Sie wagen den Aufbruch in die Fremde. Interessant ist dabei, dass gerade dieser Mann zum Urvater des Glaubens wird. Abraham weiß genauso wenig wie Sara, was sie erwartet. Einzig im Vertrauen auf Gott begeben sie sich auf den Weg. In ihrem Herzen die Zuversicht, dass Gott mit ihnen ist. Das reicht ihnen. Das ist ihre Hoffnung. Darauf setzen sie ihr Vertrauen. Das macht sie stark und selbstgewiss. Da ist es egal, wo und wie sie ankommen werden. Ihr Glaube, ihr Vertrauen zu Gott setzt sie in Bewegung.
Machen wir uns hoffnungsvoll auf und suchen wir nach der zukünftigen Stadt – in einer Welt, in der neue Formen des christlichen Miteinanders nötiger werden denn je. In einer Zeit, die uns vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und die größte Herausforderung ist wohl die, dass wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Aus der Erstarrung aufbrechen, sich für unsere Mitmenschen stark machen, Trost und Hoffnung verbreiten, sichtbar unseren Glauben leben. All das ist jetzt mehr gefragt denn je.
Unsere christliche Hoffnung trägt auch in schwierigen Zeiten. Sie ist keine Schönwetter-Hoffnung. Sie ist gegründet in Jesus Christus, der alles Elend und Leid der Welt auf sich genommen hat. Und das nicht als allmächtiger Strahlemann, der über dem allen drübersteht. Sondern als einer, der das Elend und Leid versteht, weil er es selber durchgemacht hat. Draußen vor dem Tor der Stadt hat er gelitten, hat er sein Blut vergossen am Kreuz, verachtet und verspottet. Er lässt uns nicht im Stich, egal was kommt. Zu ihm können wir kommen mit unseren Gebeten, gerade auch in schweren Zeiten. Er versteht, wie es uns geht.
Vertrauen wir einem Gott, bei dem Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene steht für den neuen Weg, der nicht stehen bleibt bei Althergebrachtem. Aus unserem Glauben an Gott sind wir aufgefordert, nach dem Guten zu streben und darin Jesus nachzufolgen. Wir können das, weil wir glauben dürfen, dass wir auf dem Weg in die zukünftige Stadt sind. Im Vertrauen auf Jesus Christus, der nicht so bleiben wollte, wie er war und der nicht alles beim Alten belassen wollte, können wir getrost in die Zukunft blicken.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
