Predigt zum Sonntag Sexagesimä, 8. Februar 2026
Liebe Mitchristen!
Essen Sie gerne Süßes? Schokolade zum Beispiel, die so lecker auf der Zunge zerschmilzt. Oder die leckeren Fasnetsküchle und Berliner, die es um diese Jahreszeit gibt. Ja, in der Fasnet gibt es viel Süßes und Kalorienreiches. Der Grund dafür war ursprünglich, dass die Vorräte an diesen Lebensmitteln noch aufgebraucht werden sollten, bevor dann am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, in der man auf solch kalorienreiche Lebensmittel verzichtet hat. Süßes, Kalorienreiches und auch Hochprozentiges wird bei uns konsumiert in den närrischen Tagen. Die Welt steht kopf in dieser 5. Jahreszeit: Nicht wer klug und weise gehandelt hat im vergangenen Jahr bekommt da einen Orden verliehen, sondern der, der der größte Narr war.
In der Bibel lesen wir an manchen Stellen auch von Menschen, die sich närrisch verhalten haben- allerdings mit sehr ernstem Hintergrund. Der Prophet Hesekiel oder Ezechiel war einer von ihnen. Offensichtlich mochte der auch Süßes. Süßes- das war in der Zeit der Bibel der Honig. Zucker und Schokolade waren damals noch nicht bekannt. Lecker, denkt der Prophet Ezechiel. Das, was ich gerade in den Mund stecke, das schmeckt süß wie Honig! Ezechiel leckt sich die Lippen und beißt noch einmal ein Stück ab von dieser Leckerei. Aber was ist es, das der Prophet da isst? Ich stelle es mir eigentlich ziemlich trocken und zäh vor, was er sich da in den Mund schiebt: Ein Buch ist es, mit dem Ezechiel seinen Magen füllt; eine Schriftrolle, die hinten und vorne beschrieben ist mit lauter Wehklagen (Ezechiel 2,8-3,3).
Wer war dieser Prophet Ezechiel? Ezechiel war in der Verbannung. Er war ein Priester aus der Oberschicht von Israel. Diese Oberschicht hatte man damals ins ferne und feindliche Babylon verschleppt. Der Krieg mit seinen Toten; der lange und qualvolle Weg von Israel nach Babylon, die die feindlichen Soldaten ihnen aufgezwungen hatten- all diese Bilder des Schreckens sieht Ezechiel vor sich, wenn er die Augen schließt; dort in Babylon in der Fremde, wenn er dort am Fluss sitzt und über das Schicksal seines Volkes nachdenkt: Hatte Gott sie verlassen? Sicherlich war es auch ihre eigene Schuld, dass sie in diese Situation geraten waren, da war sich Ezechiel sicher. Ja, sie hatten Fehler gemacht. Sie hatten sich von Gott abgewandt und auf ihre eigene Stärke vertraut; auf die Stärke ihrer Waffen. Jetzt hatte Gott ihnen einen Denkzettel verpasst. Aber wie sollte es jetzt weitergehen?
Ezechiel schließt wieder die Augen. Aber statt der Bilder von Krieg, Zerstörung und Vertreibung hat er auf einmal ein anderes Bild vor Augen (Ezechiel 1): Er sieht den Thron Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit. Engel fliegen auf und ab, und riesige, leuchtende Räder machen den Thron beweglich. Ezechiel versteht: Gottes Thron steht nicht nur in Jerusalem im Tempel, der jetzt so fern und unerreichbar ist. Gottes Thron kann überall sein. Ja, Gott ist da- hier und jetzt. Er ist bei mir, auch in der Fremde, auch in der Verbannung. Ezechiel schaut noch einmal auf. Jetzt sieht er noch mehr: Gott sitzt auf dem Thron. Seine Gestalt reicht bis zum Himmel, blendend hell wie die Sonne. Ezechiel fällt zu Boden, denn das, was er gesehen hat, ist zu viel für einen Menschen.
Da hört er Gottes Stimme: „Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“ (Ezechiel 2,1) Aber Ezechiel schafft es nicht, alleine aufzustehen. Gottes Geist hilft ihm auf (Ezechiel 2,2). Was er jetzt sieht, ist etwas anderes: Eine Schriftrolle. Diese Schriftrolle ist mehr als nur eine Vision. Ezechiel kann sie nicht nur sehen; er kann sie auch anfassen, fühlen und schmecken. Zuerst liest Ezechiel, was auf dieser Schriftrolle vorne und hinten geschrieben steht. Es sind lauter Wehklagen. Als Ezechiel das liest, wird sein Herz schwer. Denn er weiß, was das zu bedeuten hat: Es werden noch weitere harte Zeiten kommen für sein Volk. Die Verbannung nach Babylon ist noch lange nicht zu Ende. Wie soll er das seinem Volk bloß sagen? Wie soll er ihnen sagen, was er verstanden hat und was Gott ihm aufgetragen hat: Wir sind nicht schuldlos in diese Lage gekommen. Wir müssen bei uns anfangen, wenn es darum geht, die Fehler zu suchen. Es sind nie nur „die anderen“. Welchen Anteil haben wir selbst an dem, was uns widerfahren ist?
Es tut weh, so zu fragen, damals wie heute. So zu fragen, das bedeutet, die Komfortzone zu verlassen, die eigenen Fehler einzugestehen und bereit zu sein, das eigene Leben zu ändern. Auch heute regen sich wieder Geister, die die schmerzhaften Lehren der Vergangenheit in Frage stellen. Wohin wird uns das bringen, wenn Unterschiede gemacht werden zwischen Menschen; wenn die Menschenwürde und die Menschenrechte nicht mehr für alle gleich gelten. Aus Amerika erreichen uns verstörende Bilder von Menschen, die niedergeschossen wurden, weil sie sich für Migranten eingesetzt haben. Aber wie sieht es bei uns aus? Wie gehen wir mit Menschen anderer Herkunft um? Und wohin wird uns das bringen, dass der letzte Atomwaffenvertrag nun ausgelaufen ist und Waffen wieder mehr zugetraut wird als Verhandlungen? Ezechiel hat es in seiner Zeit gespürt, wie der Wind sich drehte, wie die Widerstände mächtiger wurden und der Großmut sich erhob. Hatten sie denn nichts gelernt? Wie konnte das sein: Die Falken griffen erneut nach dem Ruder und verbreiteten einfache Antworten, ohne auf die mahnenden Worte des Propheten zu hören.
Ezechiel wird es ganz flau im Magen. Seine Kräfte schwinden. Wie soll er Gottes Botschaft unter die Leute bringen? Ja, wenn es wenigstens eine hoffnungsvolle Botschaft wäre. Aber seine Botschaft ist hart: Ändert euer Leben, sonst wird es noch schlimmer kommen! So lautet die Botschaft. Wer will eine solche Botschaft hören, damals wie heute? Wer von uns würde auf Wohlstand und die damit verbundenen Annehmlichkeiten verzichten, um die Klimaerwärmung aufzuhalten? Wer will sich für Frieden und Verständigung einsetzen in einer Zeit, wo scheinbar nur die Sprache der Waffen verstanden wird? Wer will sich einsetzen für Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen aus dem globalen Süden und nicht nur für undurchlässige Grenzen in Europa?
Da schwinden die Kräfte, auch bei uns. Vielleicht braucht es das einfach mal was Süßes, Kalorienreiches, das uns wieder neue Energie gibt. Vielleicht braucht es da eine Zeit wie die Fasnet, wo die Welt kopf steht und man auch das ausspricht, was man sonst eher für sich behält. Kinder und Narren sprechen ja bekanntlich die Wahrheit. Vielleicht braucht es eine solch andere, nicht alltägliche Zeit, um sich dann Zeit zu nehmen, die alten und eingefahrenen Wege noch einmal zu überdenken: Nach der Fasnet kommt die Fastenzeit, die Zeit der Umkehr und Neubesinnung. Werden wir diese Zeit nutzen und uns neu besinnen auf das, was wirklich zählt- Mitmenschlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung? Oder werden die Worte, die zur Umkehr rufen, an uns abprallen? Sind auch wir ein Haus des Widerspruchs, Menschen mit harten Köpfen und verstockten Herzen, so wie damals die Zeitgenossen des Propheten Ezechiel (Ezechiel 2,3-5)?
Gottes Wort ergeht auch an uns. Ob wir es annehmen, ist unsere Entscheidung. Auch der Prophet Ezechiel wusste: Die Menschen werden das nicht hören wollen, wenn er zur Umkehr aufruft. Frustrierend, das von vornherein zu ahnen oder gar zu wissen. Ezechiel wird es ganz flau im Magen. Seine Kräfte schwinden. Aber Gott lässt ihn nicht im Stich; Gott bittet ihn zu Tisch und gibt ihm zu Essen. Gott speist Ezechiel mit seinem Wort. Aber Ezechiel lässt sich ein auf diese Speise. Und er merkt: Das schmeckt ja- süß wie Honig. Nun denke ich nicht, dass das Wort Gottes dem Propheten Ezechiel auf der Zunge zerschmolzen ist wie Schokolade. Die Schriftrolle, die er gegessen hat, war sicherlich eher trocken oder zäh. Da musste er sicherlich lange daran kauen, wie an einem trockenen, harten Stück Brot. Wenn man Brot sehr, sehr lange kaut, dann schmeckt es süß. Man muss dazu gar keinen Honig auf das Brot streichen. Die Süße kommt von selber. So ist es auch mit dem Wort Gottes. Es ist nicht immer leicht verdaulich. Es geht nicht immer runter wie Öl. An manchen Worten habe ich lange zu kauen. Nehmen wir uns diese Zeit. Lassen wir uns ein auf Gottes Wort. Und auch wenn wir manches nicht verstehen: Gott meint es gut mit uns.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer





