Gedanken zum Sonntag

  • „Prophetinnen- heilig ist meine Wut“

    Predigt zum Thema „Prophetinnen- heilig ist meine Wut“

    Liebe Mitchristen!

    Prophetinnen- heilig ist meine Wut. Ich bin keine Prophetin. Ich bin Gemeindepfarrerin. Ich bin auch keine Heilige. Und Wut? Die hat man mir als Kleinkind ausgetrieben. Brav und angepasst sollte ich sein als Mädchen. Selten habe ich den Mund aufgemacht. In der Schule bin ich rot geworden, wenn der Lehrer mich aufgerufen hat.

    Nur einmal, als Zwölfjährige, bin ich richtig wütend geworden. Wir hatten einen Lehrer, der Schüler und vor allem Schülerinnen beleidigt und verspottet hat, wenn sie in seinen Unterricht nicht so reingepasst haben: „Dich hat man wohl als Kind zu heiß gebadet!“ „Dir ist wohl ein D-Zug durch die Kinderstube gefahren!“ Solche Sprüche hatte er drauf, und an diesem Tag waren sie an mich gerichtet. Ich war stumm vor Wut. Diese Beleidigungen konnte ich nicht runterschlucken. Ich habe dem Lehrer die Zunge rausgestreckt. Das kam an. Jetzt war er wütend. Ich musste den Rest der Stunde vor der Tür stehen und am nächsten Nachmittag zum Nachsitzen kommen, zusammen mit einem frechen Jungen aus der Parallelklasse.

    Wut kann auch stumm sein. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit werden sich Bahn brechen- mit oder ohne Worte:

    „Die beiden Jünger brachten den jungen Esel zu Jesus und legten ihre Mäntel auf seinen Rücken. Dann ließen sie Jesus aufsteigen. Während er weiterzog, breiteten die Jünger ihre Mäntel auf der Straße aus. So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt. Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger in lauten Jubel aus. Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten. Sie riefen: „Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt! Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!“ Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge. Die riefen Jesus zu: „Meister, bring doch deine Jünger zur Vernunft!“ Jesus antwortete ihnen: Das sage ich euch: Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ (Lukas 19, 35-39)

    Die Jüngerinnen und Jünger von Jesus reden prophetisch. Ihr Jubel ist laut und anstößig. „Bring deine Jünger zur Vernunft!“ fordern die Pharisäer von Jesus. Aber Jesus lässt sich nicht einschüchtern. Er antwortet: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!“

    Das prophetische Auftreten der Jüngerinnen und Jünger stört die Ordnung. Ihre Botschaft ist für die Mächtigen unbequem- ja womöglich sogar gefährlich. Mundtot sollen sie gemacht werden. Jesus, ihr Meister, der soll das regeln. Dem müssen sie ja gehorchen. Aber der Plan geht nicht auf. „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!“ sagt Jesus. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit werden sich Bahn brechen. „Darum lasst uns ritterlich gegen Gottes Feinde kämpfen. Er wird sie erschlagen mit dem Atem seines Mundes. Das Wort Gottes muss unsere Waffe sein, nicht mit Waffen dreinzuschlagen, sondern den Nächsten zu lieben und den Frieden untereinander zu haben. So sagt der Herr in Johannes 13 ,34f: Daran erkennt man, dass ihr meine Jünger seid. Der Herr sagt in Jesaja 55 ,11: Sein Wort, das aus seinem Mund kommt, bleibt nicht ohne Frucht. Es ist Zeit, dass die Steine bei uns schreien, Lukas 19 ,40.“

    Argula von Grumbach hat diese prophetischen Worte formuliert. Sie war eine Zeitgenossin Martin Luthers. Acht Flugschriften hat sie geschrieben. Ein Ketzerprozess an der Universität Ingolstadt gegen einen zum lutherischen Glauben übergetretenen Studenten war der Auslöser. Zu diesem schreienden Unrecht konnte Argula von Grumbach nicht schweigen: „Es ist Zeit, dass die Steine bei uns schreien.“

    Auch diese Prophetin der Reformationszeit sollte mundtot gemacht werden. Ihr Ehemann, ihr Meister, der sollte das regeln. Und als er es nicht regeln konnte, da hat er seinen gut bezahlten Beamtenposten verloren. Aber Argula von Grumbach, die Prophetin, mit der er verheiratet war, die hat weitergeschrieben- trotz der Geldsorgen und Eheprobleme, die daraus resultierten.

    Wenn wir schweigen, werden die Steine schreien. Die Wahrheit lässt sich nicht mundtot machen. Die Gerechtigkeit lässt sich nicht so zurechtbiegen, dass sie den Mächtigen in den Kram passt- weder den Tyrannen am Lehrerpult noch denen an den Schalthebeln der Macht in Ost und West.

    Die Wahrheit und die Gerechtigkeit werden sich Bahn brechen. Nicht mit Waffengewalt, nicht in voller Rüstung reitet Jesus in Jerusalem ein. Er reitet auf einem jungen Esel, der nicht für den Kriegsdienst taugt. „Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt! Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!“

    Das ist die Prophetie, die die Mächtigen verunsichert, weil sie ihr System aus Angst und Gewalt zum Einsturz bringt. „Darum lasst uns ritterlich gegen Gottes Feinde kämpfen. Das Wort Gottes muss unsere Waffe sein, nicht mit Waffen dreinzuschlagen, sondern den Nächsten zu lieben und den Frieden untereinander zu haben.“

    Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer