Predigt zum Erntedankfest, 4. Oktober 2026
Liebe Mitchristen!
Auch in diesem Jahr ist der Erntealtar in unserer Kirche wieder reich geschmückt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich denke an den Sommer, der hinter uns liegt; an die drückende Hitze, die wir selbst hier auf dem Heuberg hatten, wo das Wetter eigentlich etwas rauer ist als unten im Tal. Ich denke an die Trockenheit, wo statt grünen Wiesen nur noch braune, vertrocknete Grasreste zu sehen waren. Ich denke an die Menschen, die unter diesem heißen Sommer zu leiden hatten, besonders an die Hochbetagten, für die dieses Wetter richtig gefährlich war. Ja, und auch unsere Feld- und Gartenfrüchte hatten es schwer bei diesem heißen Sommer. Die Landwirte, die dafür sorgen, dass wir unser tägliches Brot haben, wissen ein Lied davon zu singen.
Aber nicht um zu jammern, sind wir heute hier zusammengekommen, sondern um zu danken. Danken dafür, dass wir genug zu essen haben. Danken dafür, dass wir nicht Hunger leiden müssen. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir können dankbar sein, dass wir in einem reichen Land leben, wo die Supermarktregale auch dann gut gefüllt bleiben, wenn die Ernte nicht so gut ausfällt. Und trotz steigender Preise und schwieriger Arbeitsmarktsituation werden die meisten von uns wohl auch genug Geld zur Verfügung haben, um beim Wocheneinkauf den Supermarkt mit einem gut gefüllten Einkaufswagen zu verlassen. Ja, auch das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Grund zur Dankbarkeit.
Am vergangenen Mittwoch habe ich mit unseren Konfirmanden und einigen Firmlingen von der katholischen Seelsorgeeinheit den Tafelladen in Trossingen besucht. Es tut weh, zu hören, wie die gespendeten Lebensmittel dort eingeteilt und rationiert werden müssen, weil es viel mehr Bedürftige gibt, die auf diese günstige Einkaufsmöglichkeit angewiesen sind, als Lebensmittelspenden kommen. Es tut weh, dass in unserem reichen Land solche Armut da ist, dass Menschen sich einen normalen Supermarkt-Einkauf nicht mehr leisten können. Mir war es wichtig, mit den Jugendlichen diesen Besuch im Tafelladen zu machen. Denn Armut bleibt zu oft im Verborgenen, und die, die Hunger haben, bleiben unsichtbar und unbemerkt.
Bei Jesus war das anders, so erzählt es uns unser Predigttext aus dem Markusevangelium (Markus 8, 1-9). Eine große Menge an Menschen war zu ihm gekommen. Wie Jesus von Gott erzählt und Kranke heilt, das beeindruckt sie. Die Gegend ist einsam. Man kann nicht schnell mal eben zum Laden an der Ecke und dort ein Brot kaufen. Aber die Worte, die Jesus zu sagt, sind diesen Menschen wichtiger als Brot. Drei Tage sind sie schon bei Jesus. Wer drei Tage nichts gegessen hat, der hat richtig Hunger. Jesus bleibt das nicht verborgen. Der Hunger dieser großen Menschenmenge bleibt bei Jesus nicht unbemerkt. Nein, Jesus macht sich Sorgen um die Menschen. Das Elend dieser hungrigen Menschenmenge geht Jesus richtig nahe: „Mich jammert das Volk,“ sagt er. Für Jesus sind diese Menschen keine anonyme Masse. Er denkt an die einzelnen, die von weither gekommen sind, um ihm zuzuhören. Wenn sie jetzt nichts zu essen bekommen, dann schaffen sie den weiten Heimweg nicht mehr. Dann brechen sie unterwegs zusammen und sterben. Jesus lässt das nicht kalt. Es tut ihm weh. Er zeigt Mitgefühl.
„Wie viele Brote habt ihr?“ fragt Jesus seine Jünger. Es ist eine Frage, die einen beunruhigen kann. Hier will einer buchstäblich ans Eingemachte, an meine Vorräte, die ich für mich selbst zurückgelegt habe. Und ich muss mich fragen: Wie viel brauche ich wirklich zum Leben? Was brauche ich nicht unbedingt und kann es mit anderen teilen, die es nötiger haben als ich? Wo kann ich Energie sparen und auf alternative Energien umsteigen, um das Klima zu schonen, damit unsere Erde sich nicht immer weiter aufheizt und auch für unsere Kinder und Enkel noch ein lebenswerter Ort ist?
„Wie viele Brote habt ihr?“ fragt Jesus. Und er meint damit: Es ist genug für alle da. Jesus wartet nicht, bis er sicher sein kann, dass das Essen für alle reicht. Er lädt ein zum Essen. „Setzt euch zum Essen nieder!“ sagt er der großen Menschenmenge. Denn Jesus weiß: Zum Essen gehört nicht einfach nur ein gedeckter Tisch. Zum Essen gehört Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft stellt Jesus her, indem er die Menschen auffordert, sich zur Mahlzeit zu setzen. Bisher waren sie alle nur auf Jesus fixiert. Jetzt nehmen sie sich gegenseitig wahr.
Jesus stillt nicht nur den Hunger nach Nahrung. Jesus stillt auch den Hunger nach Gemeinschaft. Auch in unserer Zeit gibt es diesen Hunger. Ja, was den Hunger nach Gemeinschaft betrifft, sind viele Menschen unterernährt in unserem Land. Und so wollen wir heute in diesem Gottesdienst auch danken für die Gemeinschaft, die wir miteinander haben, und an all die vielen Menschen denken, die einsam sind- oft auch junge Menschen.
Dankbar können wir sein, selbst dann, wenn wir nur wenig haben an Nahrung oder an Gemeinschaft. Jesus macht es uns vor. Die karge Mahlzeit, zu der er die große Menschenmenge eingeladen hat, beginnt er mit einem Dankgebet. Obwohl nur sieben Brote zu ihm gebracht wurden für diese große Menschenmenge von 4.000 Personen- Jesus verzweifelt nicht. Jesus dankt Gott für das, was da ist. Und tatsächlich- gleich nach Jesu Frage „Wie viele Brote habt ihr?“ taucht da noch mehr Essen auf, das verteilt werden kann: Einige Fische gibt es auch noch, erfahren wir aus unserem Predigttext. Und ja- vielleicht haben nicht nur die Jünger, sondern auch die anderen Menschen mal in ihren Taschen nachgeschaut und entdeckt: Da ist ja noch ein Stück Brot. Da ist noch ein kleines Stück Fisch. Das lege ich mit dazu zu dem Wenigen, was da ist. War es so, damals bei Jesus und der Menschenmenge? Wir wissen es nicht. Die Bibel erzählt uns nicht, wie dieses Wunder geschah. Aber das erzählt uns die Bibel: Jesus hat alle satt gemacht, alle 4.000 Menschen. Ja, von dem Essen blieben sogar noch Reste übrig, 7 Körbe voll.
Ich denke noch einmal an den Besuch im Tafelladen. Die Konfirmanden und Firmlinge hatten Lebensmittelspenden mitgebracht. Am Ende der eine Spendenkorb, der dafür aufgestellt war, übervoll- so voll, dass Manches sogar danebengelegt werden musste. Dankbarkeit für das Wenige, das da ist, und den Mut, dies auch zu verteilen unter die Bedürftigen- das kann man vom Tafelladen lernen. Denn alles, was uns geschenkt ist- die Nahrungsmittel und die Gemeinschaft- kommt von Gott. All das ist ein Grund, Gott zu danken.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
