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Gedanken zum Sonntag

19. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2026

Liebe Mitchristen!

Haben Sie heute Morgen beim Aufstehen überlegt, was Sie anziehen, wenn Sie hierher in den Gottesdienst gehen? Was habe ich denn gestern angehabt- das fragt man sich, wenn man morgens beim Aufstehen über die richtige Kleidung nachdenkt. Gestern, da war Samstag. Vielleicht waren Sie draußen im Garten und haben das Laub zusammengerecht. Dann hatten Sie wohl die abgewetzte Hose und den abgetragenen Pulli an, den Sie immer bei der Gartenarbeit tragen. Nein- diese Kleider haben Sie bestimmt nicht passend gefunden, um damit heute am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. Und falls Sie gestern wirklich im Garten tätig waren, wo jetzt das Herbstlaub fällt, dann haben Sie sich nach getaner Arbeit wahrscheinlich erst mal geduscht und dann frische Kleider angezogen- spätestens heute Morgen, bevor Sie sich auf den Weg zu unserem Gottesdienst gemacht haben.

Manchen von uns ist es noch vertraut, dass man für den Gottesdienstbesuch besondere, festlichere Kleider anzieht als im Alltag die ganze Woche über. „Sonntagshäs“- so sagte meine Großmutter aus Balingen-Endingen zu diesen Kleidungsstücken. Denn die Kleidung, die man unter der Woche bei der Arbeit in der Landwirtschaft oder in der Küche beim Kochen und Backen anhatte, die kam für meine Großmutter für den sonntäglichen Kirchgang nicht in Frage. Für den Kirchgang brauchte man das Sonntagshäs- Kleidung, die nur an Sonn- und Festtagen getragen wurde.

Wir waschen uns. Wir wechseln die Kleider. Wir machen uns schön für Gott. Das ist der Grundgedanke, von dem auch unser heutiger Predigttext (Epheser 4, 22-32) ausgeht. Sich waschen oder gewaschen werden und neue Kleider anziehen: Für die junge christliche Gemeinde damals in Ephesus waren diese alltäglichen Verrichtungen ganz eng mit einem besonderen christlichen Fest verbunden, das jeder von ihnen gefeiert hat- ja und auch jeder von uns heutigen Christen: Das Fest der Taufe. Durch die Taufe sind wir mit hineingenommen in den Tod und die Auferstehung von unserem Herrn Jesus Christus. Alles, was uns von Gott trennt und daran hindert, in seiner Liebe zu leben, geht unter im Wasser der Taufe. Als Getaufte sind wir neue Menschen, auferstanden zum neuen Leben. So wie es der Apostel Paulus an anderer Stelle sagt: Wir sind der Sünde gestorben und leben für Gott in Jesus Christus (Römer 6,11).

Das alles steckt im Wasser unserer Taufe: Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und das neue Leben in Gott, das uns dadurch geschenkt ist. In den jungen christlichen Gemeinden wie damals in Ephesus gab es außer dem Taufwasser noch ein weiteres sichtbares Zeichen für dieses neue Leben, das uns durch die Taufe geschenkt ist: Das Taufkleid. Wissen Sie, welche Farbe das Taufkleid hatte? Weiß, ja genau. Das wissen wir heute noch. Denn in vielen Familien gibt es noch so ein weißes Taufkleidchen. Für die Kinder, die getauft werden, wurde es von Generation zu Generation weitergereicht.

Weiß- wofür steht diese Farbe? Weiß ist ein unbeschriebenes Blatt. Weiß ist die sprichwörtlich gewordene weiße Weste. Weiß, das steht für Reset: Neuanfang, das Alte ganz hinter sich lassen dürfen. Wenn man sich damals in Ephesus oder in einer anderen der ersten christlichen Gemeinden taufen lassen hat, dann lief das so ab: Vor der Taufe hat man seine alten Kleider ausgezogen; und nachdem man im Wasser der Taufe gewaschen wurde, hat man die neuen, weißen Taufkleider angezogen. Ja, als neuer Mensch stehe ich vor Gott, wenn ich getauft bin- als ein neuer Mensch mit weißer Weste.

Aber wie geht es dann weiter mit diesem neuen Menschen, der ich durch die Taufe geworden bin? Bleibt die Weste immer weiß, ein Leben lang? Wir alle wissen: Wir sind nur Menschen. Schuld und Versagen sind leider weiterhin Teil unserer Lebensgeschichte, auch wenn wir getauft sind. Jede und jeder von uns könnte dazu seine eigene Geschichte erzählen. Und auch die frühen Christen damals in Ephesus waren keine Engel. Damals wie heute müssen wir erleben: Ich falle zurück in meine alten schlechten Gewohnheiten. Ich schaffe es nicht, immer die Wahrheit zu sagen. Wenn ich wütend bin, kann ich richtig gemein sein zu anderen. Und ist wirklich nichts von dem, was ich mein Eigentum nenne, mit unlauteren Mitteln erworben? Wen habe ich übervorteilt? Wen habe ich übersehen, der meine Unterstützung nötig gehabt hätte? Wo habe ich Menschen verletzt durch unbedachte Worte oder Witze auf Kosten anderer? Oder ich habe andere runtergemacht mit meinem Sarkasmus, meinem Jähzorn, meinem Spott.

Das alles sind die alten schlechten Gewohnheiten. Das alles ist der alte Mensch, der mit unserem neuen Leben als Christen nicht zusammenpasst. So sagt es uns unser Predigttext. Diese alten schlechten Gewohnheiten gilt es abzulegen- so wie man die alten, schmutzigen Kleider ablegt und neue frische Kleider anzieht, wenn man gerade geduscht hat: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Epheser 4, 22-24)

Zieht den neuen Menschen an, sagt uns unser Predigttext. Ihr seid doch reingewaschen durch eure Taufe. Legt die alten schmutzigen Kleider ab: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es
Gnade bringe denen, die es hören. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.     

“ (Epheser 4, 25,27-29,31)

Ja, dazu sind wir aufgerufen: Das Gute zu tun und dem Bösen zu widerstehen. Und auch wenn wir es gerne vergessen, eigentlich wissen wir doch: Jeder kann hier nur bei sich selbst anfangen. Der einzige Mensch, den ich wirklich ändern kann, bin ich selbst. Das hören wir meist nicht so gern. Und auch solche Ermahnungen, wie sie der Epheserbrief hier gibt, hören wir meist nicht gern. Da sehen wir schnell den erhobenen Zeigefinger und wollen uns wegducken. Aber so ist es nicht gemeint. Diese Bibelworte wollen wirklich Lebenshilfe geben und gute Ratschläge sein. Praktische Lebenstipps, wie sie eigentlich gerade heute Konjunktur haben- ob in der Ratgeberliteratur oder bei Influencern im Internet. „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4, 26) Das ist so eine Lebensweisheit, von der viele nicht vermuten würden, dass sie in der Bibel steht. Ja, wahrlich ein guter Ratschlag: Am Abend, bevor die Nacht hereinbricht, da ist es dann wirklich an der Zeit, seinen Zorn verrauchen zu lassen und wieder ruhige, versöhnliche Töne anzuschlagen. Denn den Zorn und den Streit mit ins Bett zu nehmen, das ist keine gute Idee. Wenn ihr zornig seid, sollt ihr nicht sündigen, heißt es auch im Epheserbrief (Epheser 4, 26). Und damit ist auch gesagt: Der Zorn und die Wut, das darf seinen Platz haben in unserem Leben. Denn Zorn und Wut sind menschliche Gemütsregungen, die ihre Berechtigung haben. Erst wenn der Zorn kein Ende findet, erst wenn er zerstörerisch wird, erst dann wird er zur Sünde.

Keinen gnadenlos erhobenen Zeigefinger hält uns unser Predigttext vor. Er weiß um die menschlichen Möglichkeiten, Stärken und Schwächen. Er weiß, unser neues Leben hat schon begonnen in der Taufe. Er weiß um die Vergebung durch Jesus Christus, aus der wir jeden Tag neu leben, wie aus der Taufe gehoben. Auch wenn wir nur Menschen sind. Auch wenn wir es nicht schaffen, mit weißer Weste durchs Leben zu gehen. Gottes Heiliger Geist, der uns mit der Taufe zugesprochen wurde, verlässt uns nicht. Gottes Heiliger Geist begleitet uns wie ein Siegel auf unserem Herzen und macht uns bereit für den Tag der Erlösung.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer