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Gedanken zum Sonntag

14. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. 9. 2026

Liebe Mitchristen!

In unserem heutigen Predigttext (Lukas 19, 1-10) spielt ein Maulbeerbaum eine wichtige Rolle. In Israel zur Zeit Jesu war dieser Baum weit verbreitet- in vergangenen Jahrhunderten aber auch bei uns in Deutschland. In meinem Urlaub in Mecklenburg bin ich daran erinnert worden. Dort habe ich einen Maulbeerbaum gesehen. Er stand in einem Kirchhof: Alt, knorrig und wohl auch ein bisschen morsch. Ein Schild stand neben dem Baum, das auf seine besondere Geschichte hinwies: Im 19. Jahrhundert wurde er gepflanzt, aus wirtschaftlichen Gründen. Seide war damals wichtig. Man hoffte, sie nicht mehr aus China importieren zu müssen. Man hoffte, in Deutschland eine eigene Seidenproduktion aufbauen zu können. Viele Maulbeerbäume wurden deswegen damals in Deutschland gepflanzt- an öffentlichen Plätzen und in Kirchhöfen. Denn Seidenraupen fressen Maulbeerbaumblätter. Einige wenige dieser Maulbeerbäume stehen noch heute- so wie der, den ich in meinem Urlaub in Mecklenburg gesehen habe. Mit den Seidenraupen hat es allerdings nicht so geklappt an den deutschen Maulbeerbäumen. Die Hoffnung, in der Seidenproduktion von China unabhängig zu werden, hat sich nicht erfüllt. Die Seide musste weiter gegen teures Geld und hohe Zölle aus China eingeführt werden.

Hohe Zölle und der verzweifelte Versuch, dagegen anzukommen- das kennen wir auch aus unserer Zeit. Hohe Zölle machen den Menschen das Leben schwer. Alles wird teurer. Handelswege sind blockiert. Kann ein Maulbeerbaum dagegen helfen? In unserem heutigen Predigttext war der Maulbeerbaum tatsächlich hilfreich. Aber nicht weil Seidenraupen auf ihm saßen, mit denen man zollfrei Seide hätte produzieren können. Nein, der Zöllner selbst saß da auf dem Maulbeerbaum- sogar der Oberste von den Zöllnern. Zachäus war sein Name.

Was für eine verrückte Geschichte: Der Oberzöllner Zachäus sitzt auf einem Maulbeerbaum. Dabei sollte er doch eigentlich am Stadttor von Jericho an seiner Zollstation sitzen und dort Zoll kassieren für die kostbaren Seidenstoffe, die die Händler auf dem Markt verkaufen wollen. Und die Bürger von Jericho wissen: Wenn der Oberzöllner Zachäus dort an der Zollstation sitzt, dann ziehen die Preise an bei allem, was die Händler auf dem Markt verkaufen. Denn Zachäus schlägt noch mal kräftig drauf auf die Zölle, die die römische Besatzungsmacht verlangt. Zachäus arbeitet nicht nur für die verhassten Römer. Er wirtschaftet auch in die eigene Tasche.

Zollpolitik, die die Menschen in wirtschaftliche Bedrängnis bringt- und einer, der die Macht hat, wirtschaftet dabei in die eigene Tasche. Das müssen wir auch heute erleben, in viel größerem Stil in der internationalen Politik. Und so einer ist auch dieser Zachäus, von dem unser Predigttext erzählt. Bis zum Oberzöllner hat er es schon gebracht mit seiner schmutzigen Masche. Die römische Besatzungsmacht hat ihn darin unterstützt, indem sie ihn vom Zöllner zum Oberzöllner befördert hat. „Weiter so“ ist also die Devise. Und reich ist er natürlich auch geworden dabei. Zachäus kann sich ganz sicher eine luxuriöse Villa leisten mit seinem schmutzigen Geld. Aber in dieser luxuriösen Villa ist er allein. Von seinen Landsleuten wird Zachäus geächtet wegen seiner Kollaboration mit den Römern und seinen schmutzigen Machenschaften. Und Zachäus hat noch ein anderes Problem: Er ist kleinwüchsig. Schon allein wegen seines Aussehens wird er oft verspottet.

Aber dann ist Jesus in der Stadt, von dem Zachäus an seiner Zollstation schon viel gehört hat. Als er dort die Gespräche belauscht hat, wie die Leute über Jesus redeten, da hat er gemerkt: Es gibt Dinge, die lassen sich nicht mit Geld erkaufen. Die härteste Zollpolitik und die luxuriöseste Villa, die ich mir von diesem schmutzigen Geld gekauft habe- das alles ist nichts gegen das, was die Menschen haben, die Jesus begegnet sind: Ihre Augen strahlen, wenn sie von Jesus erzählen: „Er hat mir geholfen.“ „Seit er mit mir geredet hat, habe ich wieder neue Hoffnung und kann froh und glücklich sein.“ „Kranke macht er gesund, und Armen schenkt er Trost aus Gottes Wort.“ „Meine Sünden hat er mir vergeben.“ So reden die Menschen an der Zollstation. Und eines Tages heißt es: „Jesus kommt! Er kommt in unsere Stadt Jericho. Er ist schon ganz nahe. In Kürze wird er hier sein!“

Da trifft Zachäus eine Entscheidung. Er verlässt seine Zollstation und läuft in die Stadt hinein: „Hier, auf diesem Platz, da wird Jesus auf jeden Fall vorbeikommen. Und es wächst ein Maulbeerbaum hier. Wenn ich da hochsteige, werde ich Jesus auf jeden Fall sehen, auch wenn ich kleinwüchsig bin.“ So kommt es, dass Zachäus, der Oberzöllner oben im Maulbeerbaum sitzt: „Hier oben kann mir keiner was. Hier bleibe ich unentdeckt.“ So wird Zachäus sicherlich gedacht haben. Aber als Jesus zu diesem Platz kommt, fällt sein Blick als erstes auf den Maulbeerbaum und auf Zachäus dort im Geäst. „Zachäus, komm schnell herunter, denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein,“ sagt Jesus.

Jesus ruft Zachäus beim Namen. Für ihn ist Zachäus nicht der Oberzöllner und Römerfreund, nicht der kleinwüchsige Schurke. Für Jesus ist Zachäus einfach Zachäus, ein Sohn Abraham, ein Kind Gottes. Jesus gibt Zachäus seine Würde zurück- die Würde, ein Sohn Abrahams, ein Kind Gottes zu sein. Diese Würde, die jeder Mensch hat- jede und jeder von uns. Nichts und niemand kann uns diese Würde nehmen, nicht einmal wir selbst mit unserem unwürdigen Verhalten. Ja, Zachäus hat sich unwürdig verhalten- nicht wie ein Sohn Abrahams, nicht wie ein Kind Gottes. Aber Jesus lädt sich zu ihm ein. Jesus kehrt bei Zachäus ein. Zuhause in seiner luxuriösen Villa, da setzt sich Jesus mit ihm an einen Tisch. Und Zachäus freut sich über diese unerwartete, unverdiente Gnade. Auch wenn da ein Raunen durch die Menge geht und ein Kopfschütteln: „Bei so einem kehrt Jesus ein?! Wie kann er nur!“

„Komm Her Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ So heißt es in einem alten Tischgebet. Ja, Gnade ist es, dass wir zu unseren Mahlzeiten an einem reich gedeckten Tisch sitzen. Gnade ist es, wenn wir dazu noch liebe Menschen haben, die mit uns zusammen am Tisch sitzen. Und auch wenn wir unsere Mahlzeiten allein einnehmen: Gnade ist es, dass Jesus uns nie allein lässt. Jesus ist unser Tischgenosse. Jesus begleitet uns durchs Leben. Jesus kennt uns durch und durch. Er weiß auch, wo wir Schurken sind und Halunken. Er weiß, wo wir Menschen übervorteilt oder übergangen haben; wo wir einander nicht gerecht geworden sind.

Jesus fragt Zachäus nicht nach seinen Sünden. Er fordert Zachäus nicht auf, sein Leben zu ändern. Nein- zuerst einmal setzt sich Jesus mit Zachäus an seinen Tisch, dort in der luxuriösen Villa, die Zachäus mit unrechtmäßigen Mitteln erworben hat. Jesus reißt die Schranken ein, die wir Menschen zwischen uns aufrichten: Zollschranken. Schranken des guten Tons. Schranken wie: „Der oder die ist aber kein Umgang für dich.“ Zachäus spürt das. Ohne das Jesus ihn darauf anspricht, spürt er: Nachdem Jesus in mein Haus eingekehrt ist, kann ich nicht einfach so weitermachen wie bisher. „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen. Und wenn ich jemanden betrogen habe, so zahle ich es vierfach zurück,“ sagt er zu Jesus. Und Jesus antwortet ihm: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Lassen wir uns ermutigen von dieser Geschichte. Zachäus hat sich verstrickt in ein Netz des Bösen. Zollschranken hat er aufgebaut und immer höher gesetzt. Und auch die Schranken zu seinen Mitmenschen wurden immer höher. Manchmal weiß man nicht mehr, wie man da rauskommen soll aus solchen Verstrickungen. Manchmal braucht es ungewöhnliche Weg, an die wir vorher nicht gedacht hätten. Vielleicht ist das auch in der internationalen Zollpolitik so- wer weiß? Zachäus jedenfalls wählt einen ungewöhnlichen Weg. Er steigt auf einen Maulbeerbaum. Das ist ein Perspektivwechsel. Dort oben lässt er sich von Jesus ansprechen. Er hat Tischgemeinschaft mit Jesus. Er lässt seine Sünden hinter sich und wagt mit Jesus einen Neuanfang.

„Komm Herr Jesu, sei du unser Gast und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ Jesus lädt auch uns heute ein, mit ihm Tischgemeinschaft zu haben. In Brot und Wein schenkt er sich uns. Wir dürfen unsere Sünden hinter uns lassen und mit Jesus einen Neuanfang wagen.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer