Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2026
Liebe Mitchristen!
Wer bin ich, und was wird mal aus mir? Was denken andere Menschen über mich? Können sie mich leiden, oder sehen sie auf mich herab? Werde ich ein glückliches Leben haben, geliebt und erfolgreich sein, oder als Versager am Rand stehen? Solche Fragen haben mich umgetrieben, als ich Jugendliche war. Fragen, wie Jugendliche sie haben in ihrem Alter. Es kann belastend sein, wenn einen solche Fragen umtreiben. Man kann ins Grübeln kommen und nur schwer wieder rausfinden. Was mir als Jugendlicher geholfen hat bei meinen Fragen, war der Bibelspruch, der einem bei der Taufe zugesprochen wird: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43, 1) Dieser Bibelspruch sagte mir damals: Gott meint wirklich mich. Gott kennt mich. Gott ruft mich beim Namen. Ich brauche keine Angst vor der Zukunft zu haben. Gott ist für mich da.
Weil der Bibelspruch mir wichtig war, habe ich ihn in meiner Bibel gesucht und gefunden- und war enttäuscht. Denn dort in der Bibel stand: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel.“ Aber ich bin doch nicht Jakob und gehöre auch nicht zum Volk Israel, habe ich damals als Jugendliche gedacht. Also meint der Bibelspruch wohl doch nicht mich. Warum hat der Pfarrer das nicht gleich gesagt?
Heute haben wir Taufe gefeiert. Und auch heute haben wir den beiden Taufkindern dieses alte Bibelwort aus dem Jesajabuch zugesprochen. War da richtig so, oder ist dieses Bibelwort eigentlich nur für Israel gedacht, für dieses besondere Volk mit seiner wechselvollen und oft leidvollen Geschichte? In 5. Mose 7, 6-8 heißt es: „Du, Israel bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den HERRN, deinen Gott. Der HERR, dein Gott, hat dich erwählt: Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören. Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker der Erde, empfindet der HERR Zuneigung zu euch. Nicht deswegen hat er euch ausgewählt. Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern. Sondern aus Liebe zu euch hat der HERR es getan.“
Zwei Bibeltexte, eine Frage: Was hat das hier Gesagte und Aufgeschriebene mit mir zu tun? Geht es hier nicht einfach nur um Israel? Zwei Bibeltexte, ein geschichtlicher Hintergrund: Beide Texte wurden in derselben schweren Zeit verfasst. Sowohl der zweite Jesaja, von dem die hinteren Kapitel des Jesajabuchs stammen, als auch der Verfasser des 5. Buchs Mose haben erleben müssen, wie ihre ganze Welt zusammengebrochen ist: Wie Jerusalem von feindlichen Truppen erobert wurde. Wie alle, die Rang und Namen hatten in Israel, verschleppt wurden ins ferne, feindliche Babylon. Wie der Jerusalemer Tempel zerstört wurde- das Allerheiligste, das die Menschen damals kannten; der Ort, wo für sie Gott zuhause war.
Was bleibt, wenn auf einmal alles anders ist? Bleibt uns trotzdem noch unser Glaube? Bleibt Gott auch dann immer noch bei uns, wenn der Ort, an dem wir ihn immer angebetet haben, nicht mehr da ist? Heute haben wir zwei Kinder getauft, hier in unserer Kirche. Ja, wir haben hier eine Kirche und eine Gemeinde, in der wir miteinander von Gott hören und zu ihm beten, ohne dass wir deswegen Verfolgung oder Benachteiligung erleiden müssen. Dafür können wir Gott dankbar sein. Vielen Gläubigen auf der Welt geht es nicht so gut. Kirchen sind zerstört, dort wo Krieg und Terror vorherrschen. Und es gibt viele Länder auf der Welt, in denen der Glaube nicht in Freiheit und Offenheit gelebt werden kann.
Wir können Gott dankbar sein. Und doch fragen wir uns, wenn wir an die beiden Kinder denken, die wir heute getauft haben: Was für eine Kirche wird das sein, in der sie in den Glauben hineinwachsen? Wie wird in 13 oder 14 Jahren der Konfirmandenunterricht aussehen, wenn sie einmal Konfirmation feiern? Wo werden sie als junge Erwachsene Gleichgesinnte treffen, Menschen in ihrem Alter, denen der Glaube an Jesus Christus wichtig ist? Fragen, die wir uns stellen, weil unsere Kirchengemeinden kleiner werden und die Stimme der Kirche immer weniger gehört wird in unserer Gesellschaft. Freilich ist das immer noch etwas Anderes als die kriegerischen Auseinandersetzungen damals zur Zeit des zweiten Jesaja und des Verfassers des 5. Buchs Mose. Wir können Gott dankbar sein, dass wir in unserem Land in Frieden leben. Und wir haben die Aufgabe, alles daran zu setzen, dass die Kriege, die unsere Welt heute erschüttern und zerrütten, ein Ende finden. Aber eines ist doch vergleichbar: Klein und unbedeutend – so hat sich das Volk Israel damals auch erlebt, inmitten der Übermacht der großen Völker ringsum: Wird es bestehen bleiben, dieses kleine Volk? Oder wird es untergehen, und mit ihm auch der Glaube an den einen Gott, der das Kleine und Unbedeutende liebt -gerade dieses kleine Volk Israel. Der Glaube an den Gott, dem es nicht egal ist, wenn Menschen unterdrückt und versklavt werden. Der Glaube an den Gott, der die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat in die Freiheit (5. Mose 7, 8-9).
Ja, Gott liebt und schützt gerade das Kleine und Unbedeutende. Und Gott ist treu. Seine Treue hält 1.000 Generationen, sagt uns die Bibel (5. Mose 7, 9). Deswegen bin ich ganz sicher: Auch seinem Volk Israel hält Gott weiter die Treue. Auch die fragwürdige Politik des Staates Israel, die wir in diesen Zeiten erleben müssen, ändert nichts an Gottes Treue. Gottes Treue bleibt, auch wenn Menschen nicht danach handeln. Gottes Treue deswegen ist kein Freibrief, mit dem ich tun und lassenkann, was ich will. Denn Gottes Treue ist in Stein gemeißelt: Auf den beiden Steintafeln stehen die 10 Gebote- Gottes Regeln für ein gutes Leben in dieser Welt und mit Gott. Wer sich nicht daran hält, wird von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Auch daran erinnert der Bibeltext aus 5. Mose mit mahnenden Worten (5. Mose 7, 10-11).
Warum diese Strenge am Ende dieses Bibeltexts? Eben darum, weil bei Gott das zählt, was in der Welt klein und unbedeutend erscheint: Ein kleines Volk- das Volk Israel. Die kleinen Kinder, die wir heute auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft haben. Ein kleiner, unbedeutender Mann aus Galiläa mit Namen Jesus, Gottes Sohn: Klein und elend stirbt er am Kreuz. Aber Gott macht ihn ganz groß, schenkt ihm neues Leben und holt ihn zu sich an seine rechte Seite in den Himmel. Dort sitzt er mit Gott im Regiment und leitet die Geschicke der Welt.
Ja, Gott macht das Kleine groß. Dabei ist Gott kein erbsenzählerischer strenger Richter. Sondern wer bereit ist, vor Gott kleinlaut zu werden und seine Sünden zu bekennen, dem vergibt er durch Jesus Christus, der den Tod auf sich genommen hat für uns. Jesus Christus, der selbst ein Jude war und aus dem Volk Israel stammte. Er hat uns mit hineingenommen in Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel. Nicht als Ersatz für das Volk Israel, das weiter Gottes Volk bleibt, sondern als Erweiterung von Gottes großer Gnade auf alle, die an ihn glauben.
Ja, auch wir sind gemeint wenn Gott durch den zweiten Propheten Jesaja spricht: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Und ich selbst habe es als Jugendliche trotz der Anfechtung beim Bibellesen dann doch so für mich annehmen können. Und ich habe erfahren dürfen, dass Gott mich bis zum heutigen Tag begleitet hat auf meinem Lebensweg, durch alle Höhen und Tiefen hindurch. So kann ich getrost in die Zukunft schauen.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
