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Gedanken zum Sonntag

4. Sonntag nach Trinitatis

 

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2026

Liebe Mitchristen!

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Dieses Bibelwort aus 1. Korinther 13, 13 ist der Taufspruch von dem Kind, das wir heute taufen. Was bleibt? fragt dieses Bibelwort. Was bleibt, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und wir merken, wie wenig das ist, das Menschenmöglich, das getan werden kann? Viele von uns kennen solche Situationen, in denen wir plötzlich hilflos sind; irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. Und vielleicht erinnern wir uns dann daran, was unsere Großeltern in solch einer Situation gesagt haben: „Da hilft nur noch beten,“ haben sie gesagt und das dann auch getan. Sie haben all ihr Hoffen und Bangen in schwieriger Zeit zu Gott gebracht und von ihm Hilfe erbeten. Und vielleicht, ja hoffentlich sogar, erinnern wir uns nicht nur daran, dass unsere Großeltern das so gemacht haben, sondern  machen es selbst auch so, sodass unsere Kinder und Enkel sich später auch daran erinnern und ihr eigenes Hoffen und Bangen in schwierigen Lebenslagen zu Gott bringen.

Denn der Glaube an einen Gott, der mehr kann als nur das Menschenmögliche, der wirklich ein Helfer in der Not ist, dieser Glaube ist eine Kraft, die uns durchs Leben trägt, in guten und in schwierigen Zeiten. Auf diesen Glauben an den dreieinigen Gott- den Schöpfer, der uns das Leben geschenkt hat, den Erlöser, der uns von der Last der Vergangenheit befreit und den Heiligen Geist, der unser Tröster ist, taufen wir heute ein Kind. Warum tun wir das? Nicht nur, weil das eben dazugehört, dass man sein Kind taufen lässt. Sondern auch, weil wir diese Erfahrung gemacht haben, wie das ist, wenn alles Menschenmögliche getan wurde, und man ist zwischen Hoffen und Bangen. Und weil wir die Erfahrung machen dürfen: Die Hoffnung behält Recht. Gott hat alles gut gemacht.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Glaube und Hoffnung sind wirklich etwas ganz Großes. Noch größer aber ist die Liebe, schreibt der Apostel Paulus, von dem dieser Bibelspruch stammt. Ja, die Liebe ist groß. In Liebe finden Menschen zueinander, und aus Liebe schenkt Gott ihnen Kinder. In Liebe wollen wir unsere Kinder erziehen und durchs Leben begleiten. Vielleicht brauche ich über die Liebe, die Paulus in seinem Bibelwort so groß macht, gar nicht viele Worte verlieren, so selbstverständlich ist sie.

Aber ist es wirklich so einfach mit der Liebe? Der Apostel Paulus hat auch an die Gemeinde in Rom einen Brief geschrieben. Dort schreibt er noch mehr über die Liebe (Römer 12, 9-21). Ganz so einfach ist es also doch nicht mit der Liebe. Denn Liebe, das bedeutet mehr als nur für die eigene Familie da sein. Paulus hat hier einen viel weiteren Horizont: Ein Leben in gutem Miteinander, ein Leben in Frieden, das hat er im Blick. Wie kann das gehen, in Zeiten wie den unseren, in denen Kriege zur Normalität geworden sind und das Freund- Feind- Denken wieder Hochkonjunktur hat? Kann da Liebe helfen? Pass das, was Paulus im Römerbrief schreibt, auch für uns heute?

Paulus hat diesen Brief an die junge christliche Gemeinde in Rom geschickt. Diese Gemeinde gab es erst seit einigen Jahren. Das Umfeld dieser Gemeinde war politisch angespannt und teilweise feindlich. Wenige Jahre später hieß es schon: „Die Christen vor die Löwen!“ und es gab massive Christenverfolgungen in Rom. Aber was den Unterschied machte zwischen dieser  kleinen Christengemeinde und den anderen Gemeinschaften, die es dort im multireligiösen Umfeld gab, das ist die Liebe, von der Paulus schreibt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn.“ Und auch: „Nehmt nicht selbst Rache. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.“ (Römer 12, 17+19) Also: Lasst Gott mal machen. Ihr braucht das nicht für ihn zu tun. Ja, Gott ist gerecht. Wir müssen uns nicht rächen. Gott ist da. Er wird es richten. Denn es ist nicht egal, wie wir in dieser Welt leben und was wir tun. Das Böse wird nicht ungestraft bleiben. Gott ist gerecht. Was sollen wir nun tun? Unsere Feinde mit dem Nötigsten versorgen, was jedem Menschen zusteht: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust häufst du glühende Kohlen auf seinen Kopf.“ (Römer 12, 20) Glühende Kohlen, was ist damit gemeint? Der Kopf wird rot. Der Feind ist beschämt. Ja, mit jeder guten Tat an euren Feinde beschämt ihr sie mehr und mehr- und Gott wird über sie richten.

Was bedeutet das nun konkret? Im Großen bedeutet es, dass Politik nur der Logik der Abschreckung, Gewalt und Gegengewalt folgt, die den Feinden in Not nicht hilft oder gar das humanitäre Menschenrecht missachtet, nichts Gutes schaffen kann. Aber Politik, die in den Feinden dennoch Menschen sieht und auch im Krieg das humanitäre Menschenrecht achtet und sich um Frieden bemüht, die sammelt „glühende Kohlen auf den Kopf des Feindes.“ Und all das gilt auch im Kleinen, in unserem Umfeld, für meinen Umgang mit dem schwierigen Nachbarn, dem Kollegen, der mit mir konkurriert und in unseren Familien, wo wir es oft auch nicht leicht haben miteinander.

„Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 21) Auf diesen Spitzensatz läuft alles hinaus, was Paulus dort im Römerbrief über die Liebe schreibt. Es ist ein Spitzensatz, der auch gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch gewählt wird. Auch dieser Spruch ist kein Schönwetterspruch, sondern einer der auch in schwierigen Zeiten trägt. Ich erinnere mich an eine Konfirmandin, die diesen Spruch für sich ausgewählt hatte. Es war in der Coronazeit. Ich hatte die Konfirmanden gebeten, mir zu schreiben, warum sie sich für ihren Konfirmationsspruch entschieden hatten. Diese Konfirmandin schrieb: „Diesen Spruch finde ich passend, gerade in dieser Zeit. Durch die häusliche Quarantäne habe ich einen anderen Blick auf die Schule und den Konfirmationsunterricht bekommen. Ein Lächeln, ein kurzer Gruß erlangt nun eine ganz andere Bedeutung.“

Diese Konfirmandin ließ sich nicht blockieren von all dem Schwierigen, was die Coronazeit mit sich brachte. Sie hat sich die Offenheit für das Gute bewahrt, dort wo es ihr begegnet: In einem Lächeln oder einem kurzen Gruß. Diese kleinen Gesten, die wir uns alle schenken können, die erlebt sie jetzt als eine große Hilfe und Bereicherung. Ich finde das sehr ermutigend, auch für uns heute. Und ich erlebe es auch immer wieder selber: Menschen, die mir ein solches Lächeln schenken, und auf einmal sieht die Welt viel freundlicher aus. Menschen, die für andere da sind und helfen, wo es nötig ist. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können etwas tun. „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.“

Wir können das, weil Jesus Christus uns die Kraft dazu gibt. Er hat das Böse überwunden. Am Kreuz hat er unsere Schuld weggenommen, und uns einen neuen Anfang geschenkt. Allein aus Liebe hat er das getan. So können wir seine Liebe weitergegen- an die, die uns nah sind, und an die, die uns fern stehen. Wir können es, denn Jesus Christus hat uns zuerst geliebt. Er ist die Hoffnung, an der wir uns festhalten; die Hoffnung für unser Leben und für unsere Welt. Daran glauben wir. Davon leben wir. Daher lieben wir. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer