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Gedanken zum Sonntag

Evang. Fastenaktion

Predigt vom Sonntag, 1. März 2026 zur evang. Fastenaktion „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“

Liebe Mitchristen!

„Liebe ist alles.“ So heißt es in einem Lied der Band Rosenstolz. Und doch gibt es Streit- diese Härte, diese Unerbittlichkeit. Ein Streitgespräch, und keine Versöhnung in Sicht. Ja, so unversöhnlich ist unsere Welt geworden, dass oft nicht einmal mehr Streitgespräche geführt werden, sondern nur eisiges Schweigen herrscht. Ja, so unversöhnlich ist unsere Welt geworden, dass oft nicht einmal mehr Streitgespräche geführt werden, sondern nur eisiges Schweigen herrscht. So unversöhnlich, dass der Diplomatie nichts mehr zugetraut wird, sondern nur noch die Waffen sprechen. Schon wieder gibt es einen neuen Krieg in der Welt: Angriff auf den Iran. Und die iranischen Gegenschläge lassen in dieser Logik des Krieges natürlich auch nicht auf sich warten. Die Verhandlungen, die vorher geführt wurden, erscheinen da einmal mehr wie eine Farce.

Wir als Christen sind gerade in der Fastenzeit, dieses Mal zeitgleich mit unseren muslimischen Mitmenschen, die gerade Ramadan haben. „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“ Das ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche. Ein Motto, das irgendwie aus der Zeit gefallen erscheint: Ohne Härte, mit Gefühl, Mitgefühl? Wie passt das in unsere Zeit, in der die Waffenindustrie boomt und Aufrüstung und militärische Härte als unumgänglich angesehen werden? Wie passt das in unsere Zei, wo jeder in seiner eigenen Blase, in seinem Elfenbeinturm lebt, und das Verständnis für anders Denkende und anders Lebende immer geringer wird? Wie passt das in unsere Zeit, in der rechte Parolen und Parteien wieder salonfähig geworden sind?

Der hannoversche Landesbischof und Botschafter der evangelischen Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ meint dazu: „Die Fastenzeit ist eine Unterbrechung des Gewohnten. Sie öffnet neue Türen.“ Türen zu uns selbst, zu unseren eigenen Gefühlen: Freude und Trauer, Wut, Angst und Ekel. Jeder Mensch hat diese Gefühle. So hat Gott uns geschaffen. Wie geht es mir mit meinen Gefühlen? Kann ich sie spüren? Oder sind sie auf stumm geschaltet- weil sie mir aberzogen wurden, weil sie unerwünscht sind oder peinlich? Ja, Gefühle wie Wut oder Angst möchten wir lieber vor anderen nicht zeigen, oft nicht einmal vor uns selbst. Aber das Problem daran ist: Unsere Gefühle lassen sich nur insgesamt auf stumm schalten, nicht jeweils einzeln. Wir können nicht die Wut und die Angst, die tief in uns drinstecken, auf stumm schalten, aber bei der Freude drehen wir den Lautstärkeregler hoch. So funktioniert unsere Seele nicht. Denn Gott hat uns alle unsere Gefühle geschenkt, damit wir sie wahrnehmen und auf sie achten.

So wollen wir mit Gefühl durch diese Fastenzeit gehen- mit der Achtsamkeit für das, was unsere Gefühle uns sagen wollen. Mit Gefühl- das kann man in zwei Worten schreiben oder nur in einem Wort: Mitgefühl heißt das Wort dann. Mit Gefühl oder Mitgefühl- beides gehört zusammen. Denn nur wenn ich auf meine eigenen Gefühle achte, kann ich auch mit anderen Menschen mitfühlen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lukas 10,27) So hat es Jesus dem Schriftgelehrten ans Herz gelegt, der ihm gefragt hat, wie er in den Himmel kommen kann. Mitgefühl ist da gefragt: Mit dem anderen mitfühlen. Aber mit wem denn genau? Es gibt so viele Menschen auf der Welt. Da kann ich nicht mit allen mitfühlen. Das würde mich überfordern; kein Mensch kann das schaffen bei all dem Leid und Elend auf dieser Welt.

Aber treten wir deswegen nicht in die Falle, unser Mitgefühl komplett auf stumm zu stellen. Lassen wir uns nicht verhärten, damit die Welt nicht noch härter wird. Es stimmt eben nicht, dass wenn jeder sich selbst der Nächste ist, auch an jeden gedacht ist. Jeder von uns wird in seinem Leben irgendwann einmal eine Situation erlebt haben oder erleben, wo er darauf angewiesen ist, dass andere mitfühlen mit ihm. Diese Woche hat mir jemand erzählt von einem Jungen hier in Wehingen, der schwer mit dem Fahrrad gestürzt ist, mit Knochenbrüchen. Da liegt dieser Junge auf der Straße und erlebt, wie mehrere Autos an ihm vorbeifahren, ohne anzuhalten- bis endlich jemand kommt und den Krankenwagen ruft. Ja, wir brauchen das alle, dass wir uns gegenseitig Mitgefühl entgegenbringen, denn wir alle sind in unserem Leben immer wieder darauf angewiesen, dass andere das auch für uns tun.

Die Geschichte, die Jesus dem Schriftgelehrten erzählt, geht ganz ähnlich (Lukas 10,30-35). Da liegt einer am Straßenrand von der Landstraße von Jerusalem nach Jericho- nackt, verletzt und hilflos. Er hat die volle Brutalität und Härte erlebt, die Menschen sich antun können: Einen Raubüberfall, bei dem er brutal zusammengeschlagen wurde. Ob er überlebt oder nicht, das ist seinen Peinigern egal gewesen. Und auch zwei weiteren Personen war es egal, die da ihres Weges zogen: Ein Priester und ein Tempeldiener- scheinbar fromm, aber ohne Mitgefühl. Sie sagen sich knallhart: Der Gottesdienst im Tempel hat Vorrang. Wir können hier keinen Zwischenstopp einlegen.

Dann kommt ein anderer, Dritter vorbei. Der ist anders als die anderen. Der ist nicht von hier. Der ist aus Samaria und hat einen anderen Glauben. Dieser Samariter hilft. Er übernimmt die Erstversorgung der Wunden des Verletzten. Mit seinem Reittier übernimmt er auch den Krankentransport und sogar die Kosten für die Krankenpflege in der nächsten Herberge, wo er den Verwundeten hinbringt. Solche barmherzigen Samariter gibt es viele, auch in unserem Land. Sie kommen aus Syrien und Afghanistan, aus Osteuropa, dem Iran und vielen anderen Ländern. Viele von ihnen haben einen anderen Glauben. Aber sie leben das, was Jesus wollte: Sie sind da für die Hilflosen und Kranken- in unseren Pflegeheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen. Was wären wir ohne sie? Sehen wir sie? Nehmen wir sie wahr, fühlen wir mit ihnen? Sind wir dankbar dafür, dass wir sie in unserem Land haben, damit die Versorgung unserer älter werdenden Gesellschaft gewährleistet bleibt?

„Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte.“ Neulich habe ich in einem christlichen Gesprächskreis über dieses Thema gesprochen. Ein Mann in diesem Gesprächskreis hat erzählt, das ihm dieses Thema aus dem Herzen spricht. Beruflich kommt er in viele Firmen in der Region- und immer, immer wieder hört er dort fremdenfeindliche Parolen, die ihm ganz zuwider sind und seinem christlichen Menschenbild widersprechen. Für Diskussionen ist in seinem beruflichen Rahmen da weder Raum noch Zeit. Ja, auch in anderem Rahmen sind solche Diskussionen in der Regel sehr schwierig oder gar nicht möglich. Mit Gefühl: Dieser Mann konnte in der vertrauten Gruppe über seine Gefühle sprechen und hat dort Mitgefühl und Verständnis erfahren. Und doch wird ihm diese Härte wohl weiterhin entgegenschlagen in seinem beruflichen Alltag.

Sich selbst trotzdem nicht verhärten zu lassen, auch wenn uns Härte entgegenschlägt- wie kann das gelingen?  Wie ist das- auch in anderen Situationen, wenn man im Streit auseinandergeht, und kein Weg der Versöhnung in Sicht ist? Eine Teilnehmerin der Gesprächsgruppe sagte: „Ich bete für diese Menschen, mit denen ich nicht kann. Ich bitte Gott darum, dass er sie segnet.“ Das hat mich beeindruckt. Wichtig finde ich: Meine Gefühle darf ich zu Gott bringen- alle. Egal ob ich sie selbst als gut oder schlecht einschätze. Meine Wut darf ich genauso zu Gott bringen wie die Angst und den Ekel; meine Trauer genauso wie die Freude. Und genauso darf ich den anderen Menschen, meinen Nächsten, Gott anvertrauen- mit allem, was ich über ihn denke und fühle. Und ich darf mich darauf verlassen: Gott kennt diesen Menschen besser als ich. Ich lege ihn in Gottes Hand. Gott wird es schon richten. Auf ihn will ich vertrauen. So sagt es auch Jesus in seinem Gespräch mit dem Schriftgelehrten. Als erstes legt er diesem Mann und uns allen ans Herz: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (Lukas 10, 27) Ja, wenn ich Gott die Ehre gebe und alle meine Gefühle zu ihm bringe, dann kann auch das Zweite gelingen, das Jesus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

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Invocavit

Predigt zum Familiengottesdienst mit dem Evang. Johannes-Kindergarten am 22. Februar 2026

Liebe Kinder, liebe Erwachsene!

Vielen Dank für Eure Geschichte (Jona 1-3). Wir haben gehört von Petula, dem Wal und Jona, dem Propheten. Jona ist weggelaufen. Schnell weg wollte er, mit dem Schiff übers Meer. Innerlich war er ganz aufgewühlt. Denn Jona hatte eine große Aufgabe vor sich. Damals gab es nämlich ein anderes Volk, das das Volk Israel bedrohte, zu dem Jona gehörte. Das war das Volk der Assyrer. Die Assyrer hatten Waffen und viele, viele Soldaten. Ihr König herrschte in der großen und mächtigen Stadt Ninive. Jona zitterte vor Angst, wenn er an die Assyrer dachte, und alle anderen von seinem Volk Israel zitterten auch. Sie dachten: „Hoffentlich kommen die Soldaten aus Ninive nicht zu uns und nehmen unser Land ein.“ Und sie erzählten sich schlimme Geschichten, wie grausam und gottlos die Menschen in der Stadt Ninive sind. Aber Gott hat alle Menschen lieb und will, dass sie gerettet werden. Dazu braucht Gott Menschen, die den anderen von Gott erzählen. Früher, in der Bibel, hat man diese Menschen Propheten genannt.

Jona war so ein Prophet. Er hatte den Menschen schon viel von Gott erzählt- aber immer nur den Menschen aus seinem Volk, den Menschen aus Israel. Aber jetzt hatte Gott einen neuen Auftrag für Jona. Gott hat zu Jona gesagt: „Jona, mache dich auf den Weg! Verlasse dein Land und gehe in die Stadt Ninive! Warne die Menschen dort! Denn sie richten großes Unheil an.“ Jona bekam einen Riesenschreck: „Nach Ninive?“ sagte er sich „Nein, da gehe ich nicht hin, auf gar keinen Fall! Da wohnen doch meine Feinde! Sollen die Menschen dort machen, was sie wollen! Das geht mich doch nichts an. Und außerdem ist es viel zu gefährlich!“ Jona hat Angst. Jona ist sauer auf Gott. Wieso schickt in Gott nach Ninive, wo die bösen Menschen wohnen und die vielen gefährlichen Soldaten? Jona kann es nicht ertragen, diese Aufgabe, die ihm gestellt ist. Das schaffe ich nie, das wächst mir über den Kopf, das will ich einfach nicht wahrhaben. Also laufe ich weg. So macht es Jona. Ganz aufgewühlt steigt er auf ein Schiff und fährt übers Meer.

Manchmal geht es uns ja auch so, wenn uns etwas Angst macht. Dann laufen wir einfach weg. Und man muss es heute nicht einmal mehr so machen wie Jona, dass man wirklich ein Schiff oder ein Flugzeug besteigt und auswandert in ein fernes Land. Man kann sich auch in die Videospiele auf der Spielkonsole oder am Handy flüchten. Fliehen aus der Realität in eine andere Welt. Aber die Angst geht davon nicht weg. Die Probleme verschwinden dabei nicht. Das war auch beim Propheten Jona so. Innerlich ganz aufgewühlt steigt er auf das Schiff, das ihn in ein fernes Land bringen soll- weit weg von Gottes Auftrag, genau in die entgegengesetzte Richtung wie die Stadt Ninive liegt, in die er eigentlich verreisen sollte. Dort im Schiff legte er sich schlafen und träumte wilde Träume.

Aber Jonas Schiffsreise geht gründlich schief. So aufgewühlt, wie Jona innerlich ist, so aufgewühlt ist es auf einmal auch um ihn herum. Jona wird wachgerüttelt. Der Kapitän vom Schiff steht neben ihm. Alles um ihn herum schwankt und dreht sich und es ist ein Riesenlärm. Jona merkt: Das hier ist kein Alptraum mehr. Das ist die Wirklichkeit. Hier auf dem Schiff sind wir in einen furchtbaren Sturm gekommen. Unser Schiff bricht schon beinahe auseinander. Bald werden wir untergehen. Der Kapitän sagt zu Jona: „Jetzt hilft nur noch beten. Auf, Jona, steh auf und bete mit uns!“ Aber Jona denkt: O je! Ich bin doch weggelaufen vor dem Auftrag, den Gott mir gegeben hat. Wie kann ich jetzt zu Gott beten? Jona merkt: Vor Gott kann ich nicht weglaufen, und auch nicht vor meinen Problemen. Aber der Sturm wird immer schlimmer. Die Matrosen haben schon alles ins Meer geworfen, was auf dem Schiff war, damit es nicht auseinanderbricht und untergeht. Aber immer noch ist das Schiff zu schwer. Da werfen die Matrosen das Los: „Einer von uns muss jetzt ins Meer. Sonst schaffen wir es nicht,“ sagen sie.

Das Los fällt auf Jona. „Bist du schuld an dem Sturm?“ fragen die Matrosen Jona. „Ja“, sagt Jona, und erzählt ihnen, wie er vor Gott weggelaufen ist. Die Matrosen wollen Jona nicht ins Meer werfen. Noch lange kämpfen sie gegen die Wellen. Aber schließlich geht es nicht mehr anders. Sie werfen Jona ins Wasser. Sofort hört der Sturm auf. Das Schiff ist gerettet. Und Jona? Eigentlich müsste er jetzt im Meer ertrinken. Aber Gott hat alle Menschen lieb, auch den Jona, obwohl der vor ihm weglaufen wollte und nicht machen wollte, was Gott gesagt hat. Also schickt Gott den Wal, um Jona zu retten. Petula heißt der Wal, so haben wir es vom Kindergarten gehört. Der Wal verschluckt Jona. Und dort, im dunklen Bauch von Petula, dem Wal, kann Jona überleben.

Eine ganz unglaubliche Geschichte ist das. Ja, liebe Gemeinde, liebe Kinder und Erwachsene: Gott kennt Wege, wo wir keine mehr wissen. Der Bauch von Petula, dem Wal war wie ein Grab für Jona. Wie sollte er da noch lebend rauskommen? Aber Jona bekommt von Gott einen Neuanfang geschenkt. Petula, der Wal, schwimmt mit Jona im Bauch durch das Meer. Und Petula der Wal schwimmt in die andere Richtung wie das Schiff, mit dem Jona unterwegs war. Gott zeigt dem Wal die Richtung. Gott lässt Petula ganz in die Nähe von der großen, bösen Stadt Ninive schwimmen. Dort schwimmt Petula ganz nah an die Küste heran und spuckt den Propheten Jona aus.

Jona reibt sich die Augen: Hurra, er lebt! Er bekommt wieder festen Boden unter den Füßen. Er sieht wieder die Sonne. Drei ganze Tage war er im dunklen Walfischbauch. Das, was er erlebt hat in diesen drei Tagen, das hat ihn verändert. Jetzt kann Jona klar sehen. Er sieht seine Aufgabe: Die Aufgabe, nach Ninive zu gehen und die Menschen dort aus ihrer Scheinwelt zu holen und ihnen die harte Wahrheit vor Augen zu führen. Die Krise als Chance begreifen, das ist ja ein Thema auch in unserer Zeit, in der Manches erschüttert wird, was uns bisher selbstverständlich erschienen ist. Manche Aufgabe, die uns gestellt ist, scheint uns schwer in diesen Zeiten. Jona stellt sich seiner schweren Aufgabe. Er nimmt sie an und führt sie aus, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er hat es geschafft. Und wirklich: Die Menschen in Ninive hören, was Jona ihnen sagt. Sie merken: So, wie wir bisher gelebt haben, geht es nicht weiter. Das war böse. Das war falsch. Wir wollen unser Leben ändern. So hat Gott nicht nur den Propheten Jona gerettet, sondern auch die Menschen in Ninive.

Und das alles war nur möglich, weil Gott Petula den Wal zu Jona geschickt hat. Der Wal hat Jona vor dem Ertrinken gerettet und hat ihn an den Ort gebracht, wo er vielen Menschen helfen konnte, das sie zu Gott finden. Ja, Gott hat viele Möglichkeiten, um uns allen zu zeigen: Gott hat uns lieb.

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

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Sexagesimä

Predigt zum Sonntag Sexagesimä, 8. Februar 2026

Liebe Mitchristen!

Essen Sie gerne Süßes? Schokolade zum Beispiel, die so lecker auf der Zunge zerschmilzt. Oder die leckeren Fasnetsküchle und Berliner, die es um diese Jahreszeit gibt. Ja, in der Fasnet gibt es viel Süßes und Kalorienreiches. Der Grund dafür war ursprünglich, dass die Vorräte an diesen Lebensmitteln noch aufgebraucht werden sollten, bevor dann am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt, in der man auf solch kalorienreiche Lebensmittel verzichtet hat. Süßes, Kalorienreiches und auch Hochprozentiges wird bei uns konsumiert in den närrischen Tagen. Die Welt steht kopf in dieser 5. Jahreszeit: Nicht wer klug und weise gehandelt hat im vergangenen Jahr bekommt da einen Orden verliehen, sondern der, der der größte Narr war.

In der Bibel lesen wir an manchen Stellen auch von Menschen, die sich närrisch verhalten haben- allerdings mit sehr ernstem Hintergrund. Der Prophet Hesekiel oder Ezechiel war einer von ihnen. Offensichtlich mochte der auch Süßes. Süßes- das war in der Zeit der Bibel der Honig. Zucker und Schokolade waren damals noch nicht bekannt. Lecker, denkt der Prophet Ezechiel. Das, was ich gerade in den Mund stecke, das schmeckt süß wie Honig! Ezechiel leckt sich die Lippen und beißt noch einmal ein Stück ab von dieser Leckerei. Aber was ist es, das der Prophet da isst? Ich stelle es mir eigentlich ziemlich trocken und zäh vor, was er sich da in den Mund schiebt: Ein Buch ist es, mit dem Ezechiel seinen Magen füllt; eine Schriftrolle, die hinten und vorne beschrieben ist mit lauter Wehklagen (Ezechiel 2,8-3,3).

Wer war dieser Prophet Ezechiel? Ezechiel war in der Verbannung. Er war ein Priester aus der Oberschicht von Israel. Diese Oberschicht hatte man damals ins ferne und feindliche Babylon verschleppt. Der Krieg mit seinen Toten; der lange und qualvolle Weg von Israel nach Babylon, die die feindlichen Soldaten ihnen aufgezwungen hatten- all diese Bilder des Schreckens sieht Ezechiel vor sich, wenn er die Augen schließt; dort in Babylon in der Fremde, wenn er dort am Fluss sitzt und über das Schicksal seines Volkes nachdenkt: Hatte Gott sie verlassen? Sicherlich war es auch ihre eigene Schuld, dass sie in diese Situation geraten waren, da war sich Ezechiel sicher. Ja, sie hatten Fehler gemacht. Sie hatten sich von Gott abgewandt und auf ihre eigene Stärke vertraut; auf die Stärke ihrer Waffen. Jetzt hatte Gott ihnen einen Denkzettel verpasst. Aber wie sollte es jetzt weitergehen?

Ezechiel schließt wieder die Augen. Aber statt der Bilder von Krieg, Zerstörung und Vertreibung hat er auf einmal ein anderes Bild vor Augen (Ezechiel 1): Er sieht den Thron Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit. Engel fliegen auf und ab, und riesige, leuchtende Räder machen den Thron beweglich. Ezechiel versteht: Gottes Thron steht nicht nur in Jerusalem im Tempel, der jetzt so fern und unerreichbar ist. Gottes Thron kann überall sein. Ja, Gott ist da- hier und jetzt. Er ist bei mir, auch in der Fremde, auch in der Verbannung. Ezechiel schaut noch einmal auf. Jetzt sieht er noch mehr: Gott sitzt auf dem Thron. Seine Gestalt reicht bis zum Himmel, blendend hell wie die Sonne. Ezechiel fällt zu Boden, denn das, was er gesehen hat, ist zu viel für einen Menschen.

Da hört er Gottes Stimme: „Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“ (Ezechiel 2,1) Aber Ezechiel schafft es nicht, alleine aufzustehen. Gottes Geist hilft ihm auf (Ezechiel 2,2). Was er jetzt sieht, ist etwas anderes: Eine Schriftrolle. Diese Schriftrolle ist mehr als nur eine Vision. Ezechiel kann sie nicht nur sehen; er kann sie auch anfassen, fühlen und schmecken. Zuerst liest Ezechiel, was auf dieser Schriftrolle vorne und hinten geschrieben steht. Es sind lauter Wehklagen. Als Ezechiel das liest, wird sein Herz schwer. Denn er weiß, was das zu bedeuten hat: Es werden noch weitere harte Zeiten kommen für sein Volk. Die Verbannung nach Babylon ist noch lange nicht zu Ende. Wie soll er das seinem Volk bloß sagen? Wie soll er ihnen sagen, was er verstanden hat und was Gott ihm aufgetragen hat: Wir sind nicht schuldlos in diese Lage gekommen. Wir müssen bei uns anfangen, wenn es darum geht, die Fehler zu suchen. Es sind nie nur „die anderen“. Welchen Anteil haben wir selbst an dem, was uns widerfahren ist?

Es tut weh, so zu fragen, damals wie heute. So zu fragen, das bedeutet, die Komfortzone zu verlassen, die eigenen Fehler einzugestehen und bereit zu sein, das eigene Leben zu ändern. Auch heute regen sich wieder Geister, die die schmerzhaften Lehren der Vergangenheit in Frage stellen. Wohin wird uns das bringen, wenn Unterschiede gemacht werden zwischen Menschen; wenn die Menschenwürde und die Menschenrechte nicht mehr für alle gleich gelten. Aus Amerika erreichen uns verstörende Bilder von Menschen, die niedergeschossen wurden, weil sie sich für Migranten eingesetzt haben. Aber wie sieht es bei uns aus? Wie gehen wir mit Menschen anderer Herkunft um? Und wohin wird uns das bringen, dass der letzte Atomwaffenvertrag nun ausgelaufen ist und Waffen wieder mehr zugetraut wird als Verhandlungen? Ezechiel hat es in seiner Zeit gespürt, wie der Wind sich drehte, wie die Widerstände mächtiger wurden und der Großmut sich erhob. Hatten sie denn nichts gelernt? Wie konnte das sein: Die Falken griffen erneut nach dem Ruder und verbreiteten einfache Antworten, ohne auf die mahnenden Worte des Propheten zu hören.

Ezechiel wird es ganz flau im Magen. Seine Kräfte schwinden. Wie soll er Gottes Botschaft unter die Leute bringen? Ja, wenn es wenigstens eine hoffnungsvolle Botschaft wäre. Aber seine Botschaft ist hart: Ändert euer Leben, sonst wird es noch schlimmer kommen! So lautet die Botschaft. Wer will eine solche Botschaft hören, damals wie heute? Wer von uns würde auf Wohlstand und die damit verbundenen Annehmlichkeiten verzichten, um die Klimaerwärmung aufzuhalten? Wer will sich für Frieden und Verständigung einsetzen in einer Zeit, wo scheinbar nur die Sprache der Waffen verstanden wird? Wer will sich einsetzen für Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen aus dem globalen Süden und nicht nur für undurchlässige Grenzen in Europa?

Da schwinden die Kräfte, auch bei uns. Vielleicht braucht es das einfach mal was Süßes, Kalorienreiches, das uns wieder neue Energie gibt. Vielleicht braucht es da eine Zeit wie die Fasnet, wo die Welt kopf steht und man auch das ausspricht, was man sonst eher für sich behält. Kinder und Narren sprechen ja bekanntlich die Wahrheit. Vielleicht braucht es eine solch andere, nicht alltägliche Zeit, um sich dann Zeit zu nehmen, die alten und eingefahrenen Wege noch einmal zu überdenken: Nach der Fasnet kommt die Fastenzeit, die Zeit der Umkehr und Neubesinnung. Werden wir diese Zeit nutzen und uns neu besinnen auf das, was wirklich zählt- Mitmenschlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung? Oder werden die Worte, die zur Umkehr rufen, an uns abprallen? Sind auch wir ein Haus des Widerspruchs, Menschen mit harten Köpfen und verstockten Herzen, so wie damals die Zeitgenossen des Propheten Ezechiel (Ezechiel 2,3-5)?

Gottes Wort ergeht auch an uns. Ob wir es annehmen, ist unsere Entscheidung. Auch der Prophet Ezechiel wusste: Die Menschen werden das nicht hören wollen, wenn er zur Umkehr aufruft. Frustrierend, das von vornherein zu ahnen oder gar zu wissen. Ezechiel wird es ganz flau im Magen. Seine Kräfte schwinden. Aber Gott lässt ihn nicht im Stich; Gott bittet ihn zu Tisch und gibt ihm zu Essen. Gott speist Ezechiel mit seinem Wort. Aber Ezechiel lässt sich ein auf diese Speise. Und er merkt: Das schmeckt ja- süß wie Honig. Nun denke ich nicht, dass das Wort Gottes dem Propheten Ezechiel auf der Zunge zerschmolzen ist wie Schokolade. Die Schriftrolle, die er gegessen hat, war sicherlich eher trocken oder zäh. Da musste er sicherlich lange daran kauen, wie an einem trockenen, harten Stück Brot. Wenn man Brot sehr, sehr lange kaut, dann schmeckt es süß. Man muss dazu gar keinen Honig auf das Brot streichen. Die Süße kommt von selber. So ist es auch mit dem Wort Gottes. Es ist nicht immer leicht verdaulich. Es geht nicht immer runter wie Öl. An manchen Worten habe ich lange zu kauen. Nehmen wir uns diese Zeit. Lassen wir uns ein auf Gottes Wort. Und auch wenn wir manches nicht verstehen: Gott meint es gut mit uns.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

 

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3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zur Einführung des neuen Kirchengemeinderats am 25. Januar 2026

Liebe Gemeinde!

„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ So schreibt der Schweizer Pfarrer und Lyriker Kurt Marti in einem Gedicht.

Ja- wo kämen wir hin? Und wem könnten wir dort begegnen? Welche Menschen kämen in unser Blickfeld? Womöglich wären es Menschen, bei denen wir noch gar nicht auf die Idee kamen, dass sie in Gottes Blickfeld sind. Welche spannenden und überraschenden Erfahrungen könnten wir machen, miteinander und mit Gott? Und wo wären wir eigentlich hingekommen, wenn Gott so an sich selbst genug hätte? Gott hat sich nicht zu seinesgleichen gesellt, sondern zu uns. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich zu uns auf den Weg gemacht hat. Er, der keiner von uns ist, wird in Jesus Christus einer von uns.

Das alles hatte auch der Apostel Petrus schon oft gepredigt. Er hatte von Jesus erzählt. Was Jesus gesagt hat, wie er gelebt hat und wofür er eingetreten ist mit seinem Leben und mit seinem Sterben. Und doch fiel es Petrus schwer, sich selbst auf den Weg zu machen an diesem Tag, als er zu einem römischen Hauptmann gerufen wurde, denn zu einem Römer ging ein frommer Jude wie er eigentlich nicht. Diese Geschichte von der Bekehrung des römischen Hauptmanns Kornelius, bei der auch Petrus eine Kehrtwende von seinen bisherigen Ansichten macht, lesen wir in der Bibel in Apostelgeschichte 10. Damit Petrus zu diesem ungewöhnlichen, ja nach damaligem Verständnis unerhörten Gang zum Hauptmann Kornelius bereit ist, muss er erstmal runterkommen. Petrus kommt runter vom Obergeschoss seines Hauses, wo er eine Vision hatte. Dieser kräftige Wink des Himmels hat ihm seinen bisherigen Standpunkt eindrücklich zerpflückt. Und so kommt Petrus auch runter vom hohen Ross, dass er meint, vor Gott etwas Besseres zu sein als dieser römische Hauptmann. Ja, Petrus kommt runter und schafft es so, dass er Kornelius auf Augenhöhe begegnet: Er hört zu, fragt nach, versucht zu verstehen. Er kommt nicht mit fertigen Antworten und Glaubenssätzen. Er kommt mit Offenheit. Und er lässt sich überraschen, wo das noch hinführt. Das beeindruckt mich.

Denn Petrus hätte es ja auch anders machen können. Er hätte zu den Boten, die Kornelius zu ihm geschickt hatte, ja auch sagen können: „Na gut, dann geht heim, holt euren Hauptmann, bringt ihn her. Er soll sich auf den Weg zu mir machen. Ich werde ihn in meiner Welt willkommen heißen.“ Aber so funktioniert das nicht, das hat Petrus verstanden: Nicht der andere muss zu ihm kommen. Er selbst muss sich auf den Weg machen. So besucht Petrus den anderen in dessen Welt. Genau so kann Petrus die Botschaft von Jesus Christus rüberbringen. Indem er sich auf den Weg macht, kann er zu Gott einladen, der sich zu uns allen auf den Weg gemacht hat.

Wenn ich den Spuren Jesu folge, führen mich seine Spuren nicht aus der Welt hinaus, sondern in die Welt hinein. Wir haben dieser Welt das Evangelium zu verkündigen. Als Christinnen und Christen können und sollen wir hineinwirken in diese Gesellschaft; mit helfenden Händen und klaren Worten. Das ist unsere Aufgabe- miteinander zu bauen am Reich Gottes. Auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen. Nicht immer nur erwarten, dass die Leute zu uns kommen, sondern selber hingehen zu den Leuten. Offen sein für das Wirken des Heiligen Geistes- auch an ungewöhnlichen Orten. Auch bei den Menschen, die wir mit Glauben und Kirche gar nicht in Verbindung gebracht hätten.

Das alles ist eine Aufgabe, die nicht im Alleingang funktioniert. Auch Petrus geht nicht allein zum Hauptmann Kornelius. Einige Gemeindeglieder gehen mit ihm. Immer wieder steht die christliche Kirche vor Herausforderungen. Damals bei Petrus und Kornelius war es die Frage, ob sich die christliche Gemeinde auch für Heiden öffnen sollte oder auf Menschen aus der jüdischen Religion beschränkt bleiben sollte. Heute stehen wir vor anderen Herausforderungen. Unsere Gemeinden werden kleiner. Wie können wir trotzdem fröhlich, liebevoll und kreativ die frohe Botschaft weitertragen und Menschen für das Evangelium von Jesus Christus begeistern? Welche strukturellen Veränderungen braucht es dafür? Welche neuen Wege lohnt es sich zu beschreiten; von welchen alten und liebgewordenen müssen wir uns vielleicht verabschieden?

Petrus war nicht allein unterwegs auf seinem neuen und für die damalige Zeit unerhörten Weg zum römischen Hauptmann Kornelius. Gut, dass wir auch nicht allein unterwegs sind hier in der Gemeinde. Gut, dass wir wieder ein neu gewähltes Leitungsgremium haben- acht Frauen und Männer, die sich in den Kirchengemeinderat haben wählen lassen. Wir wissen es heute noch nicht, welche neuen, ja vielleicht unerhörten Wege wir in den kommenden sechs Jahren miteinander gehen werden in unserer Gemeinde in diesen bewegten Zeiten. Aber wir können uns darauf verlassen: Gott geht mit. Sein Heiliger Geist begleitet uns.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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1. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 11. Januar 2026

 

Liebe Mitchristen!

 

Das neue Jahr ist nun schon einige Tage alt. Die Weihnachtsferien sind vorbei, der Alltag hat uns wieder. Auch der Konfirmandenunterricht hat am vergangenen Mittwoch wieder stattgefunden: Wann beginnt eigentlich in der Kirche das neue Jahr? Mit dieser Frage haben wir uns am Mittwoch beschäftigt, und dabei festgestellt: Das neue Kirchenjahr beginnt schon am 1. Advent, mit der Vorbereitung auf Weihnachten. Ja, Weihnachten macht alles neu durch die Geburt von Jesus Christus. Jesus Christus schenkt uns das Leben neu.

 

So sind wir im Konfirmandenunterricht von Advent und Weihnachten her das ganze Kirchenjahr miteinander durchgegangen. Im Herbst haben wir miteinander Erntedank, Reformationstag, Buß- und Bettag und Totensonntag gefeiert. Gründonnerstag und Karfreitag sind die Tage vor Ostern. Da hat Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert und ist am darauffolgenden Tag gekreuzigt worden, wussten die Konfirmanden. Ja, sogar zu Himmelfahrt und Trinitatis hatten die Konfirmanden eigene Gedanken, was an diesen Tagen gefeiert wird: Jesus wird in den Himmel aufgenommen, und wir feiern, dass Gott der Dreieinige ist- Vater, Sohn und Heiliger Geist. Nur bei Pfingsten, dem Fest zwischen Himmelfahrt und Trinitatis, da konnten die Konfirmanden nicht sagen, was wir da eigentlich feiern.

 

So haben wir in der Bibel die Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 miteinander gelesen: Da saßen die Jünger nach der Himmelfahrt von Jesus ohne ihren Herrn in Jerusalem beieinander, und der Heilige Geist hat ihnen auf die Sprünge geholfen. Wie einen Sturm und wie Feuerflammen über ihren Köpfen, so haben die Jünger den Heiligen Geist erlebt. Und sie sind rausgegangen und haben der staunenden Menge draußen gepredigt vom auferstandenen Herrn Jesus Christus. 3.000 Menschen haben sich taufen lassen und die erste christliche Gemeinde gebildet. Und das alles nur durch das Wirken des Heiligen Geistes.

 

„Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Dazu bekennen wir uns, jedes Mal, wenn wir das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen. In unserem Konfirmandenbuch „Anknüpfen. Meine Konfirmation“ ist zu diesem Satz ein Bild abgedruckt. Weil wir nun über das Thema Kirchenjahr zum Thema Heiliger Geist gekommen sind, schauen wir im Konfirmandenunterricht am Mittwoch dieses Bild miteinander an. Aber allein mit der Pfingstgeschichte lässt sich dieses Bild vom Heiligen Geist nicht verstehen: Warum wird der Heilige Geist wie eine Taube dargestellt- hier auf dem Bild und auch in manchen Kirchen?

 

In Matthäus 3, 13-17 lese ich mit den Konfirmanden: „Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten. Er sagte: „Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?“ Jesus antwortete: „Das müssen wir jetzt tun. So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.“ Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm. Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam. Da erklang eine Stimme aus dem Himmel: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.““

 

Als Johannes Jesus tauft, reißt der Himmel auf. Die Weite wird sichtbar. Spiegel der Unendlichkeit. Alle sollen von der Vater-Sohn-Beziehung erfahren. Dier Heilige Geist kommt in Gestalt einer Taube und die Stimme Gottes spricht vom Himmel her für alle hörbar: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude. Das ist die Stimme Gottes des Vaters. Sie spricht uns ihre unfassbare Liebe zu. Sie endet niemals. Und sie gilt auch für uns heute. Ja, auch heute öffnet sich bei jeder Taufe der Himmel. Und für jeden Getauften gilt Gottes Wort: Du bist mein geliebtes Kind. Ja, Gottes Heiliger Geist kommt auch zu uns. Wir sind getauft. Martin Luther hat das täglich neue Kraft gegeben: Ich bin getauft. In einer Predigt zu diesem Thema sagte er: „Noch heute ist der Himmel offen über der ganzen Welt. Diese Geschichte hört nicht auf bis auf den jüngsten Tag.“

 

In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm. Haben Sie das selbst schon einmal erlebt in Ihrem Leben? Jedes Mal, wenn sich zwei fest in die Arme nehmen, öffnet sich der Himmel. Jedes Mal, wen einer dem anderen versöhnlich die Hand reicht, öffnet sich der Himmel. Jedes Mal, wenn es doch noch einen Weg aus der Sackgasse gibt, öffnet sich der Himmel. Und der Heilige Geist kommt herab mitten hinein in unsere Welt. Dann leuchtet das Licht in den Herzen. Dann strahlen die Augen und spiegeln etwas vom Glanz himmlischer Herrlichkeit, und nichts bleibt im Dunkeln. Vielleicht ist es nur für wenige Augenblicke so. Aber wenige Augenblicke können viel, manchmal sogar alles ändern. Ich denke an jemanden der von dem Moment erzählt hat, als in der Klinik der Arzt sagte: „Sie können morgen nach Hause fahren. Alles soweit in Ordnung. Seien Sie unbesorgt!“ Himmelhochjauchzend hat er daraufhin seine Sachen zusammengepackt. So hat er diesen Moment erlebt.

 

Wie Jesus wohl seinen Moment des geöffneten Himmels erlebt hat, als der Heilige Geist auf ihn herabkam und er die Stimme Gottes des Vaters hörte? Sein Wunsch, sich von Johannes taufen zu lassen, stößt bei diesem zunächst auf Unverständnis und Abwehr: Jesus braucht das doch nicht, denkt Johannes. All die anderen, die da zu ihm kommen und sich taufen lassen wollen, ja- die brauchen die Taufe. Sie brauchen sie zur Erneuerung, zur Umkehr, zum Abwaschen von ihren Sünden und von allem, was sie von Gott trennt. Aber doch nicht Jesu, der ohne Sünde ist. Er, Johannes, ist doch nur der Vorläufer von Jesus. Jesus ist der Meister, nicht Johannes der Täufer.

 

Jesus zerstreut die Zweifel des Täufers. Er redet davon, dass der Wille Gottes erfüllt werden muss. Alle sollen ihn als den Sohn Gottes erkennen. Darum will und muss er getauft werden von Johannes. Da spielt es keine Rolle, dass der Meister eigentlich über dem Schüler steht. Denn dass Jesus sich taufen lässt, das geschieht zur Vergebung der Sünden. Für alle, die sich vor ihm von Johannes taufen lassen haben. Und für alle, die sich nach Jesus im Namen Jesu taufen lassen- bis auf den heutigen Tag. Es geschah und geschieht zur Vergebung der Sünden. Ja, Jesus geht mit seiner Taufe den ersten Schritt auf seinem Weg hin zum Kreuz. So erfüllt Jesus die Gerechtigkeit. So werden wir freigesprochen von unserer Schuld. Diese allumfassende Gerechtigkeit beginnt hier zu wirken, und das Zeichen dafür ist, dass Jesus sich Johannes unterordnet. Jesus lässt sich beschenken mit dem reinigenden, belebenden Wasser und mit dem Segen, den ihm Johannes zuspricht.

 

Das Geschenk des offenen Himmels reicht weit hinein in unser Leben, hinein in unsere Welt. Es ist das Geschenk des Heiligen Geistes. Der offene Himmel schenkt den Geist des Friedens, der Versöhnung und der Hoffnung. Das ist es, was wir bekennen, wenn wir im Glaubensbekenntnis sprechen: „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Das ist unsere christliche Hoffnung, an der wir uns festhalten. Auf diese Hoffnung sind wir getauft. Aber manchmal schwindet uns die Kraft dafür, und die schrecklichen Nachrichten, die über uns hereinbrechen, ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Dann ist es gut zu wissen: Wir müssen nicht aus eigener Kraft immer weitermachen. Wir dürfen innehalten. So wie Jesus bei seiner Taufe dürfen auch wir uns beschenken lassen mit Gottes Segen. Sein Heiliger Geist weist uns den Weg. Auch in schweren Zeiten.

 

Trotz allem Unrecht, Krieg und Leid hier auf dieser Welt gilt weiterhin: Der Himmel steht offen. Auf der Erde erheben die Mächtigen Gebietsansprüche und setzen sie mit Krieg und Gewalt durch. Aber der Himmel ist ein Geschenk von Gott, das für alle Menschen reicht. Und der Himmel steht uns offen- hier und jetzt in unserer Welt und unserem Leben.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

3. Advent

Predigt zum 3. Advent, 14. Dezember 2025

 

Liebe Mitchristen!

 

Unser Predigttext (Lukas 3, 1-14+18-20) beginnt mit einer Reihe von Regierungsdaten: Die großen und mächtigen Männer der damaligen Zeit werden da genannt: Der römische Kaiser Tiberius. Sein Statthalter Pontius Pilatus. Herodes, der in Galiläa regierte und viele mehr. Einige dieser Namen klingen in unseren Ohren: „Gelitten unter Pontius Pilatus.“ Mit diesen Worten bekennen wir unseren christlichen Glauben- immer wenn wir das apostolische Glaubensbekenntnis sprechen. Ja, Pontius Pilatus war der, der Jesus foltern und kreuzigen ließ. Und Herodes- war das nicht der, der die Kinder in Bethlehem hat ermorden lassen? Nein, das war ein anderer Herodes. Aber dieser Herodes hier, der schreckte vor Mord auch nicht zurück. Johannes den Täufer ließ er ins Gefängnis werfen. So erfahren wir es am Ende unseres Predigttexts. Dort sollte Johannes nicht mehr lebend herauskommen. Herodes ließ ihn hinrichten. Ja, große und mächtige Männer werden genannt am Anfang und am Ende unseres Predigttexts. Und von denen, deren Namen uns auf Anhieb bekannt vorkommen, wissen wir: An ihren Händen klebte Blut.

 

Ich denke an die großen und mächtigen Männer, die in unserer Zeit die Großmächte regieren. Die mit Waffengewalt, Krieg und Einschüchterung ihren Einflussbereich, ihr Gebiet und ihre Macht vergrößern wollen. Ein Menschenleben zählt da wenig. Ja, nicht einmal Tausende und Abertausende Kriegstote, Verletzte und Traumatisierte. Wie wenig hat sich doch geändert in der Welt in den letzten 2000 Jahren, denke ich. Ein frustrierender Gedanke ist das. Ein Gedanke, der einen lähmen und hoffnungslos machen kann. Aber unser Predigttext bricht diese Hoffnungslosigkeit auf. Er will uns lösen aus der Erstarrung des „Man kann ja doch nichts machen.“

 

In unserem Predigttext hören wir Johannes den Täufer. Er war ein Prediger in der Wüste, der für seine unbequemen Worte am Ende mit seinem Leben bezahlt hat, so wie Jesus selbst. Johannes der Täufer war der Vorläufer von Jesus. Seine Worte waren so hart und kompromisslos wie sein Leben. Johannes der Täufer lebte in der Wüste, ohne ein Dach über dem Kopf. Johannes hatte kein Haus und kein Zelt. Nachts über seinem Kopf das Himmelszelt, das war ihm genug. Viele Gedanken gingen Johannes durch den Kopf, dort in der Einsamkeit der Wüste. Die raue Wüstenlandschaft ließ ihn raue Sätze daraus formen: „Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch auf den Gedanken gebracht, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt! Die Axt ist schon an die Baumwurzel gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Lukas 3, 7-9) 

 

Harte Worte sind das. Eine unbequeme Botschaft ist es, die Johannes der Täufer verkündet. Von heimeliger Adventsstimmung ist da nichts zu spüren. Frieden auf Erden- davon singen und reden wir im Advent und an Weihnachten. Johannes der Täufer erinnert uns daran: Frieden auf Erden gibt es nicht allein durch schöne Reden und gute Vorsätze: Ihr müsst schon was dafür tun, sagt Johannes. Und Gott wird euch einmal danach fragen, was ihr dafür getan habt, wenn ihr vor ihm stehen werdet und Rechenschaft geben sollt über euer Leben. Eine unbequeme Botschaft ist das, und Johannes der Täufer predigt diese Botschaft an einem unbequemen Ort: In der Wüste. Jenseits von aller Gutbürgerlichkeit und Advents-Gemütlichkeit. Die Botschaft des Täufers ist radikal. Er packt die Probleme an der Wurzel an. Ausflüchte wie „Man kann ja doch nichts machen“ lässt er nicht gelten. Die Predigt von Johannes dem Täufer ist eine Zumutung- heute am 3. Advent genauso wie damals in seiner Zeit. 

 

Aber eines finde ich wirklich erstaunlich an diesem Predigttext: Obwohl die Predigt des Täufers eigentlich zum Davonlaufen ist- die Leute damals liefen ihm zu: „Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes heraus, um sich von ihm taufen zu lassen“, heißt es da (Lukas 3, 7). Johannes hatte Zulauf. Die Menschen nahmen den unbequemen Weg in die Wüste auf sich, um die unbequemen Worte von Johannes zu hören. Sie kamen, weil sie ihr Leben ändern wollten. Als Zeichen dafür ließen sie sich von Johannes taufen. Würde Johannes der Täufer heute in unserer Zeit auch solchen Zulauf haben mit seiner Botschaft und seinem Tauf-Angebot? Ich wage es zu bezweifeln. Und doch spricht er heute zu uns durch diesen Predigttext. Seine harten Worte sind nicht in Vergessenheit geraten. Sie stehen in unserer Bibel und fordern uns heraus.

 

Johannes der Täufer hat für jeden eine Botschaft- besonders für die Menschen in Machtpositionen. Herodes ist so ein Mensch in Machtposition. Aber er ist nicht bereit, auf die Botschaft des Johannes zu hören. Er will Johannes mundtot machen. Andere aber, die auch in Machtpositionen sind, machen sich auf den Weg zu Johannes dem Täufer und fragen ihn: „Was sollen wir denn tun?“ (Lukas 3, 10) Da sind die Zolleinnehmer, die am Stadttor sitzen und Geld kassieren. Ob sie mehr verlangen als vorgeschrieben, das kontrolliert keiner. Und an den Zolleinnehmern kommt niemand vorbei. Dann sind da die Soldaten. Damals wie heute nehmen sie Städte ein und bekommen dabei Macht über die Bewohner dieser Städte. Was sollen wir machen mit unserer Macht? fragen sie. Johannes antwortet ihnen: Missbraucht eure Macht nicht! Haltet euch an die Gesetze- auch da, wo sie niemand kontrolliert! „Misshandelt und erpresst niemanden!“ (Lukas 3, 14)

 

Und die anderen Menschen, die zu Johannes kommen, deren Beruf wir nicht erfahren? Die sind auch mächtig. Auch wir, die wir heute die Worte von Johannes dem Täufer hören, sind mächtig. Denn auch Geld und Besitz sind eine Macht. Geld und Besitz sind ungerecht verteilt in unserer Welt. Die einen werden immer reicher, und die anderen haben nicht einmal genug zum Leben. Das kennen wir aus unserer Zeit. Und auch Johannes der Täufer wusste darum. Er, der ohne jeglichen materiellen Besitz in der Wüste lebte, ermahnt alle, die auf Gottes Wort hören und ihr Leben ändern wollen: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eines geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll auf die gleiche Weise handeln.“ (Lukas 3, 11)

 

Mit diesen Worten hat Johannes der Täufer bei mir einen Nerv getroffen. Ich habe nämlich einen ganzen Kleiderschrank voller Kleider und nicht nur zwei Hemden. Und ich habe einen Kühlschrank und einen Vorratsschrank voller Lebensmittel und nicht nur zwei Teller voll. Von Johannes lerne ich: Es ist besser, nicht zu viel Besitz zu haben. Es ist besser, loszulassen und das, was ich nicht unbedingt benötige, zu verschenken. Teilen macht in der Regel nicht ärmer, sondern glücklicher. Johannes der Täufer hat mich nachdenklich gemacht. Ich möchte mir seine Worte zu Herzen nehmen, so rau und herb sie auch klingen. Auch wenn ich es sicherlich nie schaffen werde, alles bis auf das letzte Hemd herzugeben, so wie Johannes das gemacht hat.

 

Aber einen Anfang möchte ich machen, und mich so vorbereiten auf Weihnachten- auf das Kommen unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Johannes der Täufer war nur sein Vorläufer. Und so arm, wie Johannes gelebt hat, so arm ist auch Jesus Christus zur Welt gekommen: In einem armen Stall auf hartem Stroh in einer Futterkrippe hat er gelegen. Und an einfachen Windeln sollten die Hirten dieses kleine Kind als den Heiland und Retter der Welt erkennen, so sagen es ihnen die Engel. Auf sein Kommen will ich mich vorbereiten in diesen Adventstagen, so wie es Johannes der Täufer gesagt hat: „Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. Alle Welt soll sehen, dass Gott die Rettung bringt.“

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Ewigkeitssonntag

Predigt zum Totensonntag, 23. November 2025

Liebe Mitchristen!

Heute ist Totensonntag. Wir denken an unsere Verstorbenen, die wir in diesem Jahr zu Grabe tragen mussten. Der Totensonntag hat aber auch noch einen anderen Namen: Ewigkeitssonntag. Denn gerade auch heute halten wir uns fest an der Hoffnung, die wir als Christinnen und Christen haben: Dass mit dem Tod eben nicht alles aus und vorbei ist. Dass das Leben weitergeht, bei Gott- in Gottes neuer Welt, in Gottes Ewigkeit. Dass unsere Verstorbenen bei Gott sind. Und dass Gott auch uns nicht allein lässt. Keinen Tag, keine Stunde lässt er uns allein. Und auch am Ende unseres Lebens ist er für uns da: Wenn wir gestorben sind, hat Gott einen Platz für uns in seinem ewigen Reich. Ja, für die, die von uns gegangen sind, beginnt Gottes Ewigkeit schon jetzt.

Aber einmal wird der Tag kommen, da wird Gottes Ewigkeit für alle erkennbar sein. Da wird alle Not ein Ende haben: alle Tränen, alles Leid; ja, sogar der Tod. Da wird Gott alles neu machen. Und allen wird es klar vor Augen stehen: Gott ist für uns da. Das wird ein Fest! Ja, die Bibel sagt uns: Wie ein Hochzeitsfest wird es sein. Wie wenn zwei, die sich lieben, ihre Hochzeit feiern; und alle feiern mit.

Aber die Zeit wird lang bis dahin. Krieg und Aggression bestimmen die Welt. Es gilt das Recht des Stärkeren. Konflikte werden militärisch ausgetragen. Die Mächtigen dieser Erde teilen Gebiete untereinander auf und nennen das einen Friedensplan. Wann ist es endlich so weit, dass wir das große Fest des Friedens feiern- alle miteinander und auf Augenhöhe? Ja, die Zeit wird lang bis zu Gottes großem Fest. Wir denken an unsere Lieben, die in diesem Jahr gestorben sind. Still ist es geworden in unserem Haus. Und da ist dieser eine Platz, der leer bleibt- der eine leere Platz am Esstisch, auf dem Sofa. Diese Leere schmerzt. Nichts kann sie ausfüllen. Nichts kann diesen einen vertrauten Menschen, der nicht mehr unter uns ist, ersetzen. Wann ist es endlich so weit, dass wir uns alle wiedersehen- in Gottes neuer Welt, bei Gottes großem Fest.

Wie ein Hochzeitsfest wird es sein, sagt die Bibel. Aber die Bibel weiß auch darum, wie es ist, wenn die Zeit lang wird bis zu diesem Fest. Jesus erzählt davon im Gleichnis von den zehn Brautjungfrauen, die auf den Bräutigam warten, der lange ausbleibt. „Wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ (Matthäus 25,13) Mit diesen Worten endet dieses Gleichnis.

„Wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ Manche Menschen können gar nicht mehr richtig schlafen, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Zu aufwühlend waren die Ereignisse. Zu ungewiss ist, wie es nun weitergehen soll. Andere Menschen fallen in einen tiefen Schlaf, den Schlaf der Erschöpfung. Zu anstrengend war die Pflege des schwer erkrankten oder gebrechlichen Angehörigen in den letzten Monaten und Jahren. Der Körper verlangt nach Schlaf, nach endlich wieder nachts durchschlafen können nach so langer Zeit. Wieder andere Menschen wollen morgens gar nicht mehr aufstehen, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Alles scheint sinnlos, seit er nicht mehr da ist, und es fällt unendlich schwer, den neuen Tag ohne ihn zu beginnen.

„Wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ Was ist damit gemeint? Gemeint ist: Haltet die Hoffnung wach auf Gottes neue Welt. Haltet fest an dem Glauben, dass Gott einmal alles gut machen wird und Trauer und Leid ein Ende haben werden. Haltet fest an dem, was ihr habt. An Gottes Wort. Es ist wie ein Licht in der Nacht. „Jeden Abend habe ich mit meiner Frau das Vaterunser gebetet.“ So hat es mir ein Witwer beim Trauergespräch erzählt. Und ich kann mir vorstellen: Es ist schwer, das jetzt, ohne sie weiter zu tun und jeden Abend allein das Vaterunser zu beten. Noch schwerer ist es womöglich, jetzt neu damit zu beginnen: Jeden Abend ein Vaterunser beten, gerade jetzt in der Zeit der Trauer. Gerade jetzt, wo ich den leeren Platz am Esstisch und auf dem Sofa immer vor Augen habe. Ja, schwer ist es. Und doch kann es helfen: Jeden Abend bete ich ein Vaterunser. Anfangs spüre ich nichts dabei. Anfangs muss ich mich dazu zwingen. Aber irgendwann ist es soweit: Ich spüre, ich bin nicht allein. Ich kann es wirklich glauben: Mein Vater im Himmel ist bei mir und begleitet mich auf diesem schweren Weg.

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ So heißt es in der Bibel in Psalm 119,105. Bibelworte, die ein Licht sind auf meinem Weg- das sind für mich Worte wie das Vaterunser oder der 23. Psalm, wo es heißt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Solche Bibelworte sind für mich wie Lampen, die ganz mit Öl gefüllt sind und noch einen Ölvorrat dabeihaben. Die auf meinem Weg leuchten auch in dunkler Zeit. Auch wenn ich mich frage: Wann ist es endlich soweit mit deiner neuen Welt, Gott? Warum erkenne ich nichts von dir, Gott? Warum spüre ich nicht, dass du für mich da bist? Warum musste dieser geliebte Mensch sterben?

Im Gleichnis von den zehn Brautjungfrauen in Matthäus 25 sitzen da diese jungen Frauen oder Mädchen und warten und warten. Es wird dunkel. Nichts passiert. Weit und breit ist nichts zu sehen vom Bräutigam. Und das, obwohl doch heute Abend Hochzeit gefeiert werden soll. Wird der Bräutigam überhaupt kommen? Ist ihm etwas zugestoßen? Hat er es sich womöglich anders überlegt? Und was wird dann aus der Braut? Was wird aus uns, den Brautjungfern? Ängstlich und verunsichert schlafen die Mädchen ein. Aber dann auf einmal, als es keiner mehr erwartet hat, ist es soweit: Der Bräutigam kommt! Jubelrufe schallen durch das Tal. Jetzt schnell- nichts wie los! Wir sollen ihm doch voranziehen im Hochzeitszug. Seid ihr alle bereit? Nein, nicht alle sind bereit. Fünf von ihnen haben den Ölvorrat für die Lampen vergessen. Ihre Lampen verlöschen. Sie kommen nicht mit.

Wie ein unerschöpflicher Ölvorrat für unsere Lebenslampe- so ist das Wort Gottes. So sind die altvertrauten Gebete, die wir von Jugend auf gelernt haben. So sind tröstliche Worte der Bibel wie diese: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Apokalypse 21,4) Halten wir uns fest an diesen Worten- gerade auch in der Nacht der Trauer, des Zweifels und der Angst. Diese Worte wollen uns durchtragen durch die Nacht. Halten wir uns fest an der Hoffnung auf Gottes neue Welt. Setzen wir unsere Hoffnung auf Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Eines Tages wird er wiederkommen und alles zurechtbringen, und wir werden unsere Lieben wiedersehen. Das wird ein Fest!

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

Reformationsfest

Predigt zum Reformationsfest-Sonntag, 2. November 2025

 

Liebe Mitchristen!

 

Am Reformationsfest besinnen wir uns auf das Wesentliche, auf das, was wirklich trägt: Was ist das Wichtigste am christlichen Glauben? Was sind nur Nebensächlichkeiten, die man auch weglassen könnte, oder die schlimmstenfalls sogar vom Wesentlichen des christlichen Glaubens ablenken? Das sind Fragen, die mit der Reformation eng verbunden sind. Diese Fragen waren nicht nur in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert aktuell, als Martin Luthers Glaubenserkenntnisse für die Zeitgenossen brennende Fragen aufwarfen, die sie so bewegt haben, dass sie sogar auf den Marktplätzen über den christlichen Glauben diskutiert haben.

 

Wir leben heute in einer Zeit, in der der christliche Glaube in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend an Bedeutung verliert. Wir erleben heute nicht mehr, dass auf den Marktplätzen über das richtige Verständnis des christlichen Glaubens diskutiert wird. Aber gerade in dieser Situation, die so ganz anders ist als die Situation zur Zeit von Martin Luther, müssen wir uns die Fragen neu stellen, die auch damals die Menschen bewegt haben: Was ist für uns das Wesentliche am christlichen Glauben? Was ist die Hauptsache daran, was ist nur Nebensache?

 

Der Predigttext zum Reformationsfest ruft in Erinnerung, was das Wesentliche ist am Glauben: „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 5, 4). Gott lieben- das ist die Hauptsache. So wie es auch im Tagesspruch zum Reformationsfest heißt: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Kor 3,11) Ja- ihn lieben, an ihn glauben und auf sein Wort hören, das ist die Hauptsache.

 

Und doch- über eine Formulierung stolpere ich in unserem Predigttext: „Du sollst“ heißt es da. „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben.“ Lieben und „du sollst.“ Das geht für mich schwer zusammen. Denn lieben geht nicht auf Befehl oder per Verordnung. „Du sollst.“ Bei diesen Worten denke ich wieder an Martin Luther. Er hat es versucht, dieses „du sollst“ zu beherzigen. Er hat sich damit abgequält, es Gott recht machen zu wollen. Gott, den er in seiner Gerechtigkeit als strengen Richter gesehen hat. Ja, Martin Luther hat wirklich alles gegeben dafür, es Gott recht zu machen. Aber so sehr er sich auch abgemüht hat mit seinen Frömmigkeitsübungen wie Beten, Fasten und harter Arbeit- er hatte immer das Gefühl: Das reicht noch nicht. Gott zu lieben, das konnte er nicht erzwingen.

 

Zu seinen Frömmigkeitsübungen gehörte auch ein gründliches Bibelstudium. Diese intensive Beschäftigung mit der Bibel bewirkte in Martin Luther so etwas wie einen therapeutischen Prozess: Eine grundlegende Befreiung, ein radikales Umdenken. Den beglückenden Augenblick, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel, beschrieb Martin Luther im Rückblick so: „Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder und mein Gewissen quälte mich sehr. (…) Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: ‚Die Gerechtigkeit Gottes wird ihm offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben.‘ Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. (…) Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein. (…) Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort ‚Gerechtigkeit Gottes‘ gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch.“

 

Diese Einsicht bedeutete für Martin Luther ein tief befreites Aufatmen: „Ich werde geliebt!“ Gottes Liebe verwandelt mich. Gott sieht mich freundlich an- um Jesu Christi willen. In einer seiner 95 Thesen (These 28) bringt Martin Luther das mit folgenden Worten auf den Punkt: „Die Liebe Gottes findet das, was ihm liebenswert ist, nicht vor, sondern schafft es.“ Diese großartige Entdeckung der Rechtfertigung allein aus dem Glauben bedeutet- damals wie heute: Schluss mit der Angst. Schluss mit dem Gefühl, ein unwürdiger Versager zu sein. Schluss mit den Selbstzweifeln.

 

Gerade auch in unserer Zeit ist das wichtig. Lassen wir uns also nicht beirren, wenn dauernd von Selbstoptimierung die Rede ist, und uns das Internet weismachen will, dass es ganz einfache Rezepte dazu gibt, und im wirklichen Leben funktioniert das alles nicht so einfach. Denken wir daran: Wir müssen uns nicht mit Selbstoptimierung quälen. Manchmal mag sie hilfreich sein. Im Grunde aber handelt es sich dabei um Nebensächlichkeiten. Die Hauptsache ist und bleibt: Ich bin von Gott geliebt. So wie ich bin. Und weil ich von Gott geliebt bin, deshalb soll ich Gott auch lieb haben- von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all meiner Kraft. Martin Luthers großartige Entdeckung der Rechtfertigung lässt mich unseren Predigttext besser verstehen: Nicht das „Du sollst“ steht bei diesem Bibelwort im Vordergrund, sondern das Lieben.

 

Als Christen sollten wir nicht vergessen, dass unsere Wurzeln in der jüdischen Religion liegen. Ja, gerade in einer Zeit, in der die Menschen jüdischen Glaubens wieder Angst um ihre Sicherheit haben müssen in unserem Land, ist es mir wichtig, diese Verbindung zu betonen, die wir als Christen zu den Menschen jüdischer Religion haben. Sie waren die Ersten, die das entdeckt haben, was Martin Luther so wichtig wurde: Gott lieben, mit ihm in Verbindung zu sein, das ist die Hauptsache. So hat auch unser Predigttext In der jüdischen Religion eine ganz besondere Bedeutung: „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 5, 4).

 

Unsere jüdischen Glaubensgeschwister setzen diesen Bibeltext ganz praktisch in die Tat um: Sie binden sich kleine Kästchen, in denen dieses Bibelwort aufgeschrieben ist, auf die Stirn und an den Arm, und auch an die Türpfosten vor jeder Tür. Immer, wenn sie zur Tür hineingehen oder herausgehen, legen sie kurz die Hand auf diesen Spruch: Ein Gedanke an Gott, ein kurzes Gebet, ein Gottesdienst im Alltag ist das. Was könnte das bei uns heute sein? Wie könnten wir anfangen, einander zu zeigen, wie sich das anfühlt, von Gott geliebt und durchströmt zu sein? Woran könnten die Leute in unserer Umgebung merken, dass wir gerne Christenmenschen sind, dass es Freude macht, zu Gott zu gehören und sich zu sehnen nach seiner Nähe?

 

Ich denke, es fängt schon mit dem Friedensgruß an, den wir einander im Gottesdienst zusprechen, heute beim Abendmahl. Im Abendmahl dürfen wir all das Kaputte in unserem Leben zu Gott bringen, unsere Lasten abladen und Vergebung erfahren. Jesus Christus hat am Kreuz unsere Sünden auf sich genommen. Wir dürfen neu anfangen bei Gott, der uns liebt- trotz unserer Fehler und Schwächen. So geliebt und gestärkt gehen wir dann weiter unsere Wege- nehmen wir den Frieden, die Liebe und die Freude mit in unseren Alltag! Ich bin sicher, es wird etwas verändern- bei uns und unseren Mitmenschen. Und vielleicht wird dann doch einmal wieder auch in der Öffentlichkeit und auf den Marktplätzen der christliche Glaube zu einem Thema, das die Menschen bewegt und begeistert.

 

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

18. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Pred. 3,1-2.10-14 beim Männersonntag, den 19.10.2025 in Böttingen und Wehingen

 

L. Jäckel:

Selbstständig in einem langen Leben. Ein Kind – im zweiten Weltkrieg, geboren und ihm den Namen „Joachim“, auf Hebräisch „der Herr richtet auf“ zu geben – welchen tiefen Glauben hatten seine Eltern an eine gemeinsame bessere Zukunft! Einen Glauben, eine religiöse Einstellung diesem Menschen mit auf den Weg zu geben – gibt es ein noch besseres Grundgerüst für ein erfülltes Leben? Jetzt im 82.ten Lebensjahr, glaube ich, es gibt nichts Besseres!

Als Schulkind von einigen Lehrern als Handwerker Kind und Kind eines Kapitalisten in der DDR beschimpft, fand ich frühzeitig Unterstützung und Stärkung in der Familie und dem dort vorhandenen christlichen Glauben. Eine langjährige Vorbereitung auf den Wunschberuf (Rundfunk- und Fernsehmechaniker) war durch meine Herkunft (Handwerk) und Ausrichtung (konfirmiert) nicht möglich und wurde staatlich durch gezielte Maßnahmen unterbunden. Die Pflicht einen Lehrberuf zu ergreifen, führte mich dadurch in den elterlichen Friseurbetrieb. Im privaten Bereich gab es eine kirchliche Hochzeit und zwei Mädchen kamen auf diese Welt.

Eine Teilnehmerin meiner Lektoren-Ausbildung hat einmal gesagt: man soll nicht darauf warten, das große Glück zu finden, sondern auf dem Weg dorthin hat man immer ganz verschiedene kleine Momente, die einen heiter machen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich sehr behütet groß geworden bin oder immer lebe, so dörflich und in der Familie. Ich glaube, wenn man zum Schluss noch die Hoffnung, dann hat man gar nichts mehr. Dieser – bewusst getroffene – Lebensentwurf wurde schließlich zu vielen Jahren voller Freude und Dankbarkeit.

Warum resignierte ich zu keiner Zeit? Durch alle Zeiten trug mich die Gewissheit, dass es etwas Größeres, das menschliche Denkvermögen weit übersteigendes gibt. Ich habe in meinen Leben erfahren dürfen, dass es wohl die unendliche Urkraft des Glaubens an die wunderbare Schöpfung der Natur und allen Lebens ist. Sie lässt uns glauben, hoffen und lieben.

Joachim Wagner, Jg. 1943, Friseurmeister, Reinsdorf

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute am landeskirchlichen Männersonntag lese ich einige Verse aus dem 3. Kapitel alttestamentlichen Buches Prediger Salomonis. Sie enthalten auch das diesjährige Motto des Männersonntages: „Pflanzen hat seine Zeit – Wege aus der Resignation

 

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;….

 

Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Liebe Gemeinde!

 

Das Buch Prediger Salomonis spricht von einem Lebenshintergrund, den wir fast alle aus eigener Erfahrung kennen:

Pflanzen hat seine Zeit, so wie auch das, was wir einst gepflanzt haben, später wieder ernten oder herausreißen.

Das sind die Eckpunkte. Und sie enthalten immer einen Gegensatz: So wie bei uns Menschen geborenwerden und sterben die Eckpunkte unserer Lebenszeit benennen.

Und alles, was dazwischen passiert: Das ist unser Lebensweg.

Dann mit den Satz „Ich sah die Arbeit“ wird ein neuer Akzent gesetzt. Wörtlich müsste man Arbeit mit Mühe übersetzen. So wie es in Ps. 90,10 heißt: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre“… und Martin Luther Übersetzung fährt dann so fort: „und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen.“ Und in einem seiner Lieder lässt uns Luther singen: „Es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben“ (EG 299,2 Aus tiefer Not schrei ich zu dir)

Also all diese Sätze sind ein ganz schöner Stolperstein. Sie klingen nach Resignation. Es hat doch alles nicht weil Wert, was ich gearbeitet habe. Und meine Arbeit war oft Mühe und Plage. Wie finden wir Wege aus dieser Resignation. Wir Menschen resignieren, wenn wir kein positives Ziel haben, auf das wir zugehen können. Wenn wir aber ein positives Ziel haben, dann können wir uns getrost auf dem Weg machen. Auch auf den Weg aus der Resignation. Oder wie jüngst die Bundesregierung sagten: Es gilt einen Weg aus der schlechten Laune heraus zu suchen und zu finden.

Ein durch und durch positives Ziel formuliert der Prediger Salomonis: „ Er – Gott – hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Gott hat also etwas Schönes und Köstliches gemacht. Er hat uns die Ahnung von der Ewigkeit ins Herz gelegt. Und wenn wir die harte Realität unseres endlichen und begrenzten Arbeitens und Lebens anerkennen, dann nur so, dass wir nicht resignieren. Denn wo ein positives Ziel vor Augen steht. können wir diese irdische und zeitliche Lebensgrenze akzeptieren. Denn die Einwilligung in diese uns gesetzte Grenze beinhaltet eine kraftvolle Lebensbejahung im Hinblick auf das positive Ziel der Ewigkeit.

Darum heißt es: „Er  – Gott – hat alles schön gemacht

zu seiner Zeit. Nur wir Menschen können alles, was höher ist als unsere Vernunft nicht ergründen. Das Werk,

das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ Das ist das Geheimnis der Welt, in der wir leben und arbeiten.

Dazu möchte ich nochmals an die vorhin gehört Geschichte des Friseurmeisters aus Sachsen erinnern, der mit dieser christlichen Einstellung doch so viele Dinge, die zur Resignation hätten führen können, überwunden hat. Das ist echter christlicher Glaube.

Für sein eigenes, privates Leben, aber

auch für die Versuche, sich auf Abläufe in unserer

Gesellschaft, hat er sich einen Reim machen können.

Pflanzen hat sein Zeit – Wege aus der Resignation.

Es gibt diese verdeckte Schönheit – die Ahnung von der Ewigkeit im Herzen – in, mit und unter dem entstellten und Vergehenden! 

Und auch wir? Auch wir können uns an die Schlusssätze unsere Predigttextes halten:

„Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Amen

 

 

 

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Gedanken zum Sonntag

17. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis, 12. Oktober 2025

Liebe Mitchristen!

Wenn ich an den Tag meiner Konfirmation zurückdenke, dann fällt mir außer meinem eigenen Konfirmationsspruch noch ein weiterer Konfirmationsspruch ein, der nicht mein eigener war. Ein anderes Mädchen aus meiner Konfirmandengruppe hatte dieses Bibelwort als Konfirmationsspruch bekommen. Damals war es ja so, dass die Konfirmanden den Bibelspruch, der sie durchs Leben begleiten sollte, nicht selbst ausgesucht haben. Der Pfarrer hat die Konfirmationssprüche für seine Konfirmanden ausgewählt, sozusagen als Geschenk zur Konfirmation. Man wusste seinen Konfirmationsspruch also erst dann, wenn der Pfarrer ihn im Konfirmationsgottesdienst laut vorlas. Und wie gesagt, nicht nur mein eigener Konfirmationsspruch ist mir von meinem Konfirmationsgottesdienst damals in Erinnerung geblieben, sondern auch der von einer Mitkonfirmandin, von Isabelle.

Als unser Pfarrer den Konfirmationsspruch von Isabelle vorlas, wurde es unruhig unter uns Konfirmanden. Einen solchen Bibelspruch hatten wir noch nie gehört. „Steht das auch in der Bibel?“ fragten wir uns. Der Spruch hieß: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Und ja- er steht wirklich in der Bibel, in Psalm 18,30. Zugegeben- ich war damals ein bisschen neidisch auf Isabelle, dass sie so einen schönen Konfirmationsspruch bekommen hatte: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Das habe ich mir damals als Konfirmandin wohl auch gewünscht. Und dabei habe ich nicht nur an die Mauern aus Stein gedacht, sondern auch an die Mauern im übertragenen Sinn. Immer wieder stoßen wir ja an Grenzen und wissen nicht weiter. Immer wieder ist unsere Perspektive eingeengt und unser Blick getrübt, wie wenn hohe Mauern uns die Sicht nehmen würden. Und dann so ein Bibelwort: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Und plötzlich gibt es doch Wege und Auswege, wo wir fast schon die Hoffnung aufgegeben haben: Ein Waffenstillstand in Gaza. Die Hoffnung auf Frieden wächst. Danke, Gott.

Gegen alle Hoffnungslosigkeit, gegen alle Perspektivlosigkeit wollen wir daran festhalten: Gott ist da. Gott hat seine Welt nicht vergessen. Gott sorgt für uns Menschen. Gott kann helfen. Ja: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Ganz konkret sind die Mauern für viele Menschen auf der Welt: Mauern und Stacheldrähte, die Migranten fernhalten und oft zur Todesfalle werden. Mauern der Verzweiflung. Vergessen wir die Menschen nicht, die auf der Flucht sind!

Ganz konkret waren die Mauern auch in biblischen Zeiten für die Israeliten, die nach langer Wüstenwanderung endlich ins Kulturland kamen (Josua 2, 1-21): War dies wirklich das Land, das Gott ihnen versprochen hatte- das Land, in dem Milch und Honig fließt? Ja, Milch und Honig waren da, das war keine Frage. Aber da waren auch diese Mauern mitten im Land. Hoch und feindlich ragten sie auf, die Mauern der Stadt Jericho. Die Wächter an den Stadttoren waren schwer bewaffnet. Die Israeliten hatten Angst. Denn sie waren die Fremden in diesem Land, und sie spürten, wie waren nicht willkommen. Aber zwei Männer von den Israeliten waren mutig: Wie es wohl hinter den Stadtmauern von Jericho aussieht? Die beiden Männer wollten es wissen. Josua, der Anführer der Israeliten, beriet sich mit ihnen, und schickte sie los. Sie sollten es herausfinden.

Tagsüber war das Stadttor von Jericho offen. Viele Menschen gingen an den Wächtern vorbei: Händler, die auf den Markt wollten und viele mehr. Die beiden israelitischen Männer fielen da kaum auf und konnten unbehelligt passieren. Gleich hinter dem Stadttor war ein Gasthaus. Die Frau, die es führte, hieß Rahab. Sie war eine unverheiratete Frau, die viel Männerbesuch hatte- eine Frau mit einem schlechten Ruf. Auch in Rahabs Haus fallen die beiden fremden Männer zuerst einmal nicht auf, die sich bei ihr einquartiert haben. Aber irgendjemand muss wohl doch bemerkt haben, dass hier etwas nicht stimmte: Zwei Fremde sind in die Stadt gekommen- vielleicht sind sie eine Gefahr für die Stadt? Vielleicht sind es Spione? Der König von Jericho erfährt davon. Er schickt seine Soldaten, um die beiden Männer dingfest zu machen. Bald schon stehen die Soldaten bei Rahab vor der Tür und fragen nach den beiden fremden Männern: Die waren doch hier bei dir, oder? Wo sind sie jetzt? So fragen sie Rahab. Eigentlich wäre jetzt das Naheliegendste gewesen, dass Rahab diese beiden Männer ausliefert. Aber sie tut es nicht. Sie versteckt die beiden bei sich auf dem Dach und sagt den Soldaten: Die beiden Männer sind schon längst wieder weg, raus durchs Stadttor. Lauft schnell hinterher- dann holt ihr sie vielleicht noch ein!

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Die beiden israelitischen Männer saßen in der Falle dort in der Stadt Jericho, die rundherum von Mauern umgeben war, und die wenigen Stadttore wurden am Abend fest verschlossen. Aber Gott wusste einen Weg für diese beiden Männer- einen Weg über die Mauer. Von ihrem Haus direkt an der Stadtmauer ließ Rahab die beiden Männer durchs Fenster an einem Seil die Stadtmauer hinunter. So waren die beiden frei und gerettet.

Zurück bei Josua und den anderen Israeliten konnten sie berichten: Wir brauchen keine Angst zu haben vor den hohen Mauern dieser Stadt, und den fremden Menschen hinter diesen Mauern. Gott hilft uns, auch hier im fremden Land. Ja, auch hier schickt Gott uns Menschen, die uns die Hand reichen und uns helfen, die Mauern zu überwinden, die sonst unüberwindlich sind für uns. Ja, liebe Mitchristen: Mögen wir alle immer wieder solche Menschen sein wie Rahab: Menschen, die anderen helfen, die Mauern zu überwinden, die zwischen uns stehen. Menschen, die einander die Hand reichen, so wie Jesus es gewollt hat.

Jesus, der Sohn Gottes, der ohne Sünde war und Rahab, die Frau aus Jericho mit dem schlechten Ruf- passt das zusammen? In der Bibel passt es zusammen. Im Stammbaum von Jesus in Matthäus 1,5 finden wir auch Rahab aufgezählt unter den Vorfahren von Jesus. Rahab, die Frau, die anderen geholfen hat, Mauern zu überwinden. Ja: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer