Predigt zum Gottesdienst im Grünen am 26. Juli 2026
Liebe Mitchristen!
Heute feiern wir Gottesdienst an einem besonderen Ort- hier in Wehingen-Harras am Harras-See. Zum ersten Mal feiern wir als evangelische Gemeinde hier unseren Gottesdienst im Grünen. Auch ich selbst war noch nicht oft hier draußen, und so habe ich mir vor einigen Tagen den Platz angeschaut. Ich hatte den Harras-See in Erinnerung, die Wasseroberfläche, das Schilf am Ufer. Auch die Anglerhütte war mir bekannt. Aber als ich hier auf dem Platz vor der Hütte war, fiel mir auf: Man sieht den Harras-See ja gar nicht von hier aus. Der See ist ganz nah, aber das schöne Grün hier vorne verstellt uns den Blick. Wir können den See nicht sehen. Aber können wir vielleicht auf andere Weise wahrnehmen, dass der See ganz nahe ist? Wir haben ja fünf Sinne. Außer dem Sehen sind das auch noch das Hören, Riechen, Schmecken und das Fühlen. Vielleicht sind jetzt nicht alle dieser Sinne hilfreich, um den Harras-See wahrzunehmen. Aber probieren sie es trotzdem mal. Schließen Sie die Augen, wenn es Ihnen möglich ist, und achten Sie darauf, was Sie wahrnehmen. Auch wenn Sie mit geschlossenen Augen vielleicht auch nicht den Harras-See wahrnehmen konnten. Viele andere Dinge, auf die wir vorher nicht geachtet haben, haben wir jetzt wahrgenommen: Das Summen der Insekten, den Wind auf der Haut, das Geräusch der vorbeifahrenden Fahrzeuge, das Singen der Vögel.
Wie ist es aber, wenn man immer nur vier Sinne zur Verfügung hat? Wenn einem das Augenlicht fehlt, und man blind ist? Der Predigttext für den heutigen Sonntag erzählt von einem Mann, der in seinem ganzen Leben noch nie etwas sehen konnte (Johannes 9, 1-7): Die Jünger sind mit Jesus unterwegs. Sie wollen von ihm lernen, wollen Gott und die Welt besser verstehen. An der Straße, auf der sie gerade entlanglaufen, sitzt ein Bettler. Er ist blind. Man sieht es ihm an. So wie er aussieht, hat er diese Behinderung von Geburt an.
Ein behindertes Kind wird geboren. So haben die Eltern sich ihr Kind nicht vorgestellt, als sie sich über die Schwangerschaft gefreut haben. Damals zur Zeit Jesu haben die Eltern bei der Geburt erfahren, dass ihr Kind anders ist als andere. Heute erfahren Eltern das oft schon viel früher. Und stehen dann vor der qualvollen Entscheidung, ob sie ihr Kind austragen oder abtreiben sollen. Wer sich dann für sein Kind entscheidet, muss sich später auf der Straße womöglich anhören: Warum habt ihr das denn nicht getestet?
So beschreibt es die Bilderbuchautorin Birte Müller (in: a tempo 09/2011, S. 11-14): „Neun von zehn Menschen, die erfahren, dass mein Sohn das Down-Syndrom hat, reagieren mit der Frage: „Habt ihr das denn nicht getestet?“ (…) DAS ist doch ein Mensch und dazu noch mein Kind. Und kein Test der Welt hätte seine Behinderung verhindern können. (…) Es ist genau diese „Warum-habt-ihr-das-denn-nicht-getestet-Einstellung“, welche den Müttern (und ja, den Vätern auch) eine Art Eigenverantwortung, ja sogar Schuld an der Behinderung ihres Kindes aufbürdet. Das hart erkämpfte Recht auf Abtreibung wird plötzlich zu einer sozialen „Pflicht“ zur Abtreibung. Wer hat die Schuld an der Behinderung meines Sohnes? Niemand! Schuld ist doch immer etwas Negatives. Schuld entsteht, wenn jemand absichtlich gegen ethische oder gesetzliche Wertvorstellungen verstößt. Aber an der Existenz meines Sohnes ist nichts Schlechtes, es ist eine Spielart des Lebens, wie es sie immer gegeben hat- und hoffentlich immer geben wird. Soll dieser Mensch etwa nicht existieren, weil er uns mehr Arbeit macht und mehr Hilfe benötigt? Weil er wahrscheinlich kein Abitur machen kann? Oder weil er im Café andern Menschen auf die Nerven geht, weil er zu laut ist? (…) Das Leben mit Willi ist (und bleibt es auch) in jeder Beziehung deutlich mühevoller- und oft sind wir überfordert. Aber unser Leben ist durch Willi auch viel intensiver. Jeden Tag fühle ich, dass wir WIRKLICH leben. Wir haben so unvorstellbares Leid erfahren durch Willis Krankheiten und so unendliches Glück durch ein einziges Lachen von ihm! Wir leben irgendwie intensiver, in jeder Hinsicht extremer seither. (…) Ohne Willi wäre es sicher einfacher, aber das würden wir nicht merken. Wir wären nicht glücklicher, im Gegenteil, wir wären so viel ärmer an Liebe. Egal, was Willi die Krankenkasse kosten mag, er bereichert unsere Gesellschaft wie jedes andere Kind um ein Vielfaches mehr. Wir können an ihm lernen ein besserer Mensch zu sein. Was kann es Besseres geben?“
So schreibt Birte Müller. Auch die Jünger von Jesus stellen angesichts des von Geburt an behinderten blinden Mannes am Straßenrand die Frage nach der Schuld: „ Wer war ein Sünder, so dass er blind geboren wurde- dieser Mann oder seine Eltern?“ (Johannes 9, 2) Jesus sagt zu seinen Jüngern: Das hat mit Schuld nichts zu tun. Dieser Blinde ist ein besonderer Man, anders als die anderen. Und gerade deshalb, weil er so ist, kann er uns Gott näherbringen und zeigen: Gott ist wirklich da. Mitten in unserer Welt.
Gut, dass Jesus so mit seinen Jüngern redet und sie wegbringt von der Vorstellung, dass irgendjemand schuld sein müsse an der Behinderung dieses Mannes. Noch besser aber: Jesus redet nicht nur über diesen behinderten Mann. Jesus wendet sich ihm zu. Viel zu oft wird über Behinderte nur geredet statt sie wirklich mit einzubeziehen. Jesus wendet sich diesem blinden Mann zu. Wie ein Apotheker rührt er eine Salbe an. Wie ein Arzt streicht er sie ihm auf die Augen und gibt ihm eine Behandlungsanweisung mit: „Geh und wasch dich im Teich von Schiloach!“ (Johannes 9, 7). Der blinde Mann tut es und wird gesund- interessanterweise erst auf dem Rückweg. Heilung braucht Zeit.
Dieser blinde Mann wurde von Jesus geheilt. Aber in Israel zur Zeit Jesu gab es viele Blinde. Nicht alle hat Jesus geheilt. Jesus hat nicht alle Krankheiten und Behinderungen aus der Welt geschafft mit seinem Wirken. Krankheit und Behinderung gehört zum Leben, zu den Aufgaben, die uns in dieser Welt gestellt sind. Warum heilt Jesus aber gerade diesen Behinderten? Jesus tut es, um ein Zeichen zu setzten: Kein Mensch ist schuld daran, dass jemand behindert ist. Und kein Mensch hat das Recht, sich über behinderte Menschen zu erheben und zu meinen, sein eigenes Leben wäre besser, wertvoller oder lebenswerter. Wir sind alle Kinder Gottes- gewollt und geliebt, so wie wir sind.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
