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[Gedanken zu Pfingsten] Pfingstmontag

Predigt zum ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag, 25. Mai 2026

Liebe Mitchristen!

„Jeder knüpft am eignen Netz.“ So haben wir gerade miteinander gesungen. Ja- jeder ist mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Mein Leben ist begrenzt durch den Rahmen, in dem ich lebe: Mein privates und berufliches Umfeld, die Ortschaft, die Kirchengemeinde, meine Kultur, Sprache und Nationalität. „Wir knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, Shalom, ein Friedensnetz.“ So heißt es weiter in dem Lied. Frieden und Verständigung zwischen den Menschen und den Völkern- das ist ein großes Vorhaben, gerade in unserer Zeit, in der mehr von militärischen Fähigkeiten die Rede ist als von der Fähigkeit zum Frieden. Aber wir sind heute hier zusammengekommen- aus unterschiedlichen Kirchengemeinden und Ortschaften, und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Heute wollen wir zusammen an diesem Friedensnetz knüpfen: Bunt gewebt, wie ein Flickenteppich darf es werden, dieses Friedensnetz. Und der Webrahmen dafür steht schon bereit. Damit das gelingen kann, das aneinander Anknüpfen und aufeinander zugehen, brauchen wir Gottes Geist. Rein aus eigener Kraft schaffen wir das nicht.

Nun ist es ja schwer zu erfassen, was Gottes Geist bewirken kann. Nehmen wir deshalb das Bild der Malerin Christel Holl zur Hand. Gerade Gemälde unterliegen der Begrenzung durch vier Seiten: oben unten, links und rechts- so wie auch unser Webrahmen hier vorne. Was darüber hinausgeht, ist abgeschnitten oder jedenfalls nicht sichtbar, aber zugleich offen für unsere Fantasie. Auch mein Leben spielt sich inmitten eines begrenzten Rahmens ab. Oben, unten, links, rechts. Leben ist begrenzt. Einerseits durch die uns gesetzte Lebenszeit, andererseits auch einfach durch die alltäglichen Abläufe, durch die gewohnten und bewährten Gedankengänge, die wir uns angewöhnt haben: Das, was ich schon immer gedacht und gemacht habe. Mein Leben wird begrenzt durch den Horizont meiner Einstellungen und Gefühle, meiner Ansichten und meines Wissens. Aber was ist mit dem, was über diesen begrenzten Rahmen hinausgeht? Blende ich es aus oder bin ich neugierig auf Neues, auf Veränderung?

Ich denke an die Jünger Jesu kurz vor der Ausgießung des Heiligen Geistes: Begrenzt durch die vier Wände des Hauses, in das sie sich zurückgezogen hatten- nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Verbarrikadiert, so dass sie nicht über ihre Denkgewohnheiten hinausgehen konnten. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass und wie es nach Ostern weitergehen sollte mit ihnen und ihren Leuten. Das ist die Ausgangslage von Pfingsten.

Vielleicht ist es das, was die Künstlerin mit dem kräftigen blauen Farbfleck in der unteren Hälfte des Bildes und den nur schemenhaft angedeuteten Personen meint. Die Personen bilden keine Einheit, sondern wirken wie ein verschreckter Haufen. Wie kann da etwas Neues ins Leben kommen? Das ist ja auch die Frage an uns heute. Gottes Geist ist es, der das Neue und die Veränderung in unser Leben bringt- gewissermaßen von außerhalb der vier Seiten des Gemäldes. Die Bibel beschreibt den Geist Gottes wie eine Taube oder wie Feuerflammen. Beide Motive finden wir auch im Bild von Christel Holl. Da ist die Taube, die von oben herunterkommt und Veränderung bewirkt: Während die Personen im unteren Drittel des Bildes noch etwas verwirrt nach links und rechts schauen, da erheben die anderen, die zur Mitte des Bildes hin stehen, ihre Arme. Sie erheben ihre Häupter und schauen auf den Geist Gottes, der von oben herabkommt.

Was für den Heiligen Geist gilt, der von oben, von Gott herkommt, gilt so aber noch lange nicht für die Kirche. Es ist jedenfalls ein gefährliches Bild für Kirchen- und Gemeindeleitungen. Sie könnten nämlich der Gefahr erliegen, es dem Geist Gottes gleich tun zu wollen und von oben nach unten durchzuregieren.

Wohl deswegen hat die Künstlerin ihr Bild „Netzwerk des Geistes“ genannt- ganz ähnlich, wie wir es im Lied vom Friedensnetz gesungen haben. Denn mit dem Begriff des „Netzwerkes“ lässt sich wunderbar beschreiben, was der Geist Gottes in dieser Welt bewirkt. Auf dem Bild ist in den herabfallenden Feuerflammen mit einigen Längs- und Querstrichen ein Netz angedeutet: Der Geist Gottes vernetzt. Das ist die Wirkung des Heiligen Geistes. Er schafft Verbindungen- der Menschen untereinander und mit Gott. Der beschränkte Horizont eines jeden wird aufgesprengt. So ist Kirche entstanden und besteht bis heute: Der Geist Gottes bindet uns ein in das große weltumspannende Netz der Christenheit ein, die jetzt Pfingsten feiert. Und der Geist Gottes verbindet uns auch mit den Christinnen und Christen, die vor uns da waren, und die an diesem Netzwerk gewebt haben über die Jahrhunderte hinweg. Jede und jeder bringt sich auf seine Weise ein und webt seinen Faden in dieses Netzwerk. Welche Gaben hat uns der Geist Gottes gegeben, die wir einbringen können? Kein Beitrag zu diesem Netzwerk ist zu gering, keine Idee zu verrückt, kein Vorhaben zu gewagt. Es kommt nur darauf an, endlich damit anzufangen und miteinander ein Friedensnetz zu knüpfen.

Das klingt ja an sich ganz einfach. Aber warum tun wir uns damit doch so schwer, im Großen wie im Kleinen? Warum fällt es uns offensichtlich leichter, im anderen den Gegner zu sehen als den Mitmenschen? Der Apostel Paulus würde jetzt sagen: Das liegt alles nur daran, weil ihr immer noch natürliche Menschen und keine geistlichen Menschen seid (1. Kor 2, 14-15). Das klingt hart, nicht wahr? Aber die Frage ist doch: Hat Paulus recht oder nicht? Paulus treibt nämlich dieselbe Frage um wie uns heute: Woran liegt es bitte schön, dass der Geist Gottes so wenig Wirkung zeigt bei den Christinnen und Christen? Also was tut der Geist Gottes denn eigentlich? Im 1. Brief an die Korinther schreibt Paulus fast beiläufig: „Wir haben den Geist empfangen, damit wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ (1. Kor 2, 12) Daran also hat der Geist Gottes im Verborgenen gearbeitet: Wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Der Geist hat gewissermaßen die Stelle eines Dolmetschers, eines Übersetzers von Gott zu Mensch und von Mensch zu Gott: Der Geist Gottes öffnet uns das Verständnis von Gottes Wort. Und der Geist Gottes ist es auch, der uns vor Gott mit unaussprechlichem Seufzen vertritt, wie der Apostel Paulus an anderer Stelle schreibt (Röm 8, 26). Der Geist Gottes wird von uns oft unterschätzt. Doch es ist an der Zeit, den Heiligen Geist zu bitten, zu uns zu kommen- tun wir das gemeinsam, heute an diesem Pfingstfest.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer (nach Predigtgedanken von Dr. Thomas Melzl)