- Reformationsfest
Predigt zum Reformationsfest, Sonntag, 1. November 2026
Liebe Mitchristen!
Die Wahrheit kommt ans Licht. In unserem Predigttext zum Reformationsfest wendet sich Jesus gegen alle Heimlichtuerei: „Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht, und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.
Verkündigt auf den Dächern – damals zur Zeit Jesu dachten die Menschen dabei sicherlich an das Schofarhorn, das jeden Freitagabend geblasen wurde, um an den Beginn des Sabbats zu erinnern. Der Synagogendiener stieg dazu auf das höchste Dach der Stadt. Dort oben blies er in sein Horn, so dass der Klang weithin erschallte, und alle es hörten. Jetzt ist Sabbat. Zeit, um auszuruhen. Zeit für Gott.
Verkündigt es auf den Dächern, fordert uns unser Predigttext auf. Verkündigt, dass es mehr gibt als unseren Alltag, in dem jede Minute voll ausgenutzt sein muss. Ja, selbst in der Freizeit sind wir meist verplant. Und wenn wir wirklich einmal freie, unausgefüllte Zeit haben, greifen wir schnell zu unserem Handy- dann ist die Zeit gleich ausgefüllt. Wer erinnert uns heute daran, dass es Sonn- und Feiertage gibt- Zeit, um zur Ruhe zu kommen und sich auf Gott zu besinnen. Zeit, um Gottesdienst zu feiern. Zeit für ein Gebet. Verkündigt das auf den Dächern und von den Türmen, den Kirchtürmen, möchte ich ergänzen. Denn was früher zur Zeit Jesu das Schofarhorn war, sind bei uns heute die Kirchenglocken. Samstagabends läuten sie den Sonntag ein. Sonntags rufen sie zum Gottesdienst und mehrmals täglich zum Gebet.
Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem ich nicht im Gottesdienst war. Es ist schon länger her, ich war damals noch nicht Pfarrerin. Jemand im Haushalt war krank, und ich musste ein Medikament holen in der Sonntagsdienstapotheke im Nachbarort. Unterwegs hörte ich eine Kirchenglocke läuten dort in der Nachbargemeinde. Nicht das volle Geläut, das zum Gottesdienst ruft. Es war auch schon später Sonntagvormittag. Sicherlich hatte der Gottesdienst längst angefangen. Nur eine einzelne Glocke war zu hören. Es war die Vaterunserglocke. Jetzt beten sie im Gottesdienst das Vaterunser, dachte ich. Und im Herzen, in Gedanken stimmte ich in dieses Gebet mit ein. Ich konnte das Vaterunser mit der Gottesdienstgemeinde mitbeten, obwohl ich an diesem Sonntag nicht in den Gottesdienst kommen konnte. Der Klang der Glocke hat es mir ermöglicht.
Verkündigt auf den Dächern! Fürchtet euch nicht! Wer mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Mir fällt Martin Luther ein mit seinem furchtlosen Bekenntnis: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Der Kaiser, die Fürsten, alle waren versammelt auf dem Wormser Reichstag. Martin Luther stand zu seinem Glauben. Allein der Bibel und der Vernunft fühlte er sich verpflichtet, nicht den geistlichen und weltlichen Autoritäten – in der damaligen Zeit eine Ungeheuerlichkeit.
Mir fällt Argula von Grumbach ein, eine Zeitgenossin Martin Luthers, die in ihrer Flugschrift dagegen protestiert, dass an der Universität Ingolstadt einem evangelischen Studenten der Ketzerprozess gemacht wird. In ihrer Schrift bezieht sie sich genau auf die Bibelstelle, die heute unser Predigttext ist, und schreibt: „Ich finde einen Spruch in Matthäus 10, der heißt: „Wer mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.“ Und Lukas 9: „Wer sich meiner schämt und meiner Worte, dessen werde ich mich auch schämen, wenn ich komme in meiner Herrlichkeit.“ Solche Worte, von Gott selbst geredet, sind mir immer vor meinen Augen. Denn es werden weder Frauen noch Männer darin ausgeschlossen. Aus diesen Worten werde ich als ein Christ dazu gedrängt, euch zu schreiben.“Die Worte unseres Predigttexts haben Argula von Grumbach nicht losgelassen. Sie hat sie nicht einfach beiseite geschoben. Sie hat sich nicht gesagt: Was hat das mir heute schon zu sagen? Wir leben doch in ganz anderen Zeiten als die Menschen damals zur Zeit der Bibel. Nein, sie hat diese Bibelworte unmittelbar in ihr Leben sprechen lassen. Sie hat sie unbequem, ja gefährlich werden lassen. Und so hat sie nicht aus Angst vor den Konsequenzen den Mund gehalten. Es hätte sie auch das Leben kosten können.
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Über die Seele haben sie keine Macht, die Mächtigen dieser Welt. Auch das ist die Botschaft der Reformation, die die Glaubens- und Gewissensfreiheit mit auf den Weg gebracht hat. Wir leben heute in einem Land, in dem es Glaubens- und Gewissensfreiheit gibt. Und wir leben in einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich ist- weder der Glaube an Gott noch die Freiheit zum Bekenntnis.
Es ist Zeit, von unserem Glauben zu erzählen, von der Hoffnung die uns trägt, von Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist, von Gott, der auch dort noch Wege weiß, wo wir keinen Ausweg erkennen können. Es ist Zeit, uns einzusetzen für Frieden und Gerechtigkeit- im persönlichen wie im politischen Bereich. Denn das ist unser Auftrag. Das ist unsere Hoffnung, die wir haben in Zeiten der Mutlosigkeit und Resignation. Unseren Glauben bekennen- das muss nicht immer mit großen Worten sein. Wir wollen unserem Gegenüber keine Wahrheiten um die Ohren schlagen, die geglaubt werden müssen. Aber wenn dich dein Kind nach dem Sterben fragt; wenn dich dein Kollege nach deiner Hoffnung fragt; wenn dich deine Nachbarin nach deiner Gelassenheit fragt, dann ist Bekenntniszeit. Zeit, nicht mit großen Worten, sondern mit kleinen Erzählungen das Hilfreiche und Notwendige zu sagen. Es ist keineswegs immer leicht, so einen Standpunkt zu beziehen. Der größte Gegner dabei ist die Furcht. Die Furcht, die richtigen Worte nicht zu finden; sich lächerlich zu machen oder aus einer Gemeinschaft herauszufallen.
Aber wenn ich beginne, von mir und meinem Glauben zu erzählen, da wächst auch mein Vertrauen auf Gott, der mir die richtigen Worte in den Mund legen wird. Wer ein Bekenntnis wagt, wer von seinem Glauben und seiner Hoffnung erzählt, der wird auch die großen Themen unserer Zeit nicht ausklammern können- die Fragen von Frieden und Gerechtigkeit, die Frage nach einem menschlichen und nicht menschenverachtenden Umgang mit Geflüchteten, Ausgegrenzten und Benachteiligten. Und wir sind nicht allein mit unserem Bekenntnis. Wir sind viele. Wir sind christliche Gemeinde- hier vor Ort, und in der weltweiten Christenheit. Gemeinsam vertrauen wir auf Gott, in dessen Namen wir uns versammeln, hier in der Kirche zum Gottesdienst. Gemeinsam hören wir auf die Kirchenglocken, die uns rufen zum Gebet und zum Bekenntnis.
Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer
