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Gedanken zum Sonntag

3. Sonntag nach Epiphanias

Predigt zur Einführung des neuen Kirchengemeinderats am 25. Januar 2026

Liebe Gemeinde!

„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ So schreibt der Schweizer Pfarrer und Lyriker Kurt Marti in einem Gedicht.

Ja- wo kämen wir hin? Und wem könnten wir dort begegnen? Welche Menschen kämen in unser Blickfeld? Womöglich wären es Menschen, bei denen wir noch gar nicht auf die Idee kamen, dass sie in Gottes Blickfeld sind. Welche spannenden und überraschenden Erfahrungen könnten wir machen, miteinander und mit Gott? Und wo wären wir eigentlich hingekommen, wenn Gott so an sich selbst genug hätte? Gott hat sich nicht zu seinesgleichen gesellt, sondern zu uns. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der sich zu uns auf den Weg gemacht hat. Er, der keiner von uns ist, wird in Jesus Christus einer von uns.

Das alles hatte auch der Apostel Petrus schon oft gepredigt. Er hatte von Jesus erzählt. Was Jesus gesagt hat, wie er gelebt hat und wofür er eingetreten ist mit seinem Leben und mit seinem Sterben. Und doch fiel es Petrus schwer, sich selbst auf den Weg zu machen an diesem Tag, als er zu einem römischen Hauptmann gerufen wurde, denn zu einem Römer ging ein frommer Jude wie er eigentlich nicht. Diese Geschichte von der Bekehrung des römischen Hauptmanns Kornelius, bei der auch Petrus eine Kehrtwende von seinen bisherigen Ansichten macht, lesen wir in der Bibel in Apostelgeschichte 10. Damit Petrus zu diesem ungewöhnlichen, ja nach damaligem Verständnis unerhörten Gang zum Hauptmann Kornelius bereit ist, muss er erstmal runterkommen. Petrus kommt runter vom Obergeschoss seines Hauses, wo er eine Vision hatte. Dieser kräftige Wink des Himmels hat ihm seinen bisherigen Standpunkt eindrücklich zerpflückt. Und so kommt Petrus auch runter vom hohen Ross, dass er meint, vor Gott etwas Besseres zu sein als dieser römische Hauptmann. Ja, Petrus kommt runter und schafft es so, dass er Kornelius auf Augenhöhe begegnet: Er hört zu, fragt nach, versucht zu verstehen. Er kommt nicht mit fertigen Antworten und Glaubenssätzen. Er kommt mit Offenheit. Und er lässt sich überraschen, wo das noch hinführt. Das beeindruckt mich.

Denn Petrus hätte es ja auch anders machen können. Er hätte zu den Boten, die Kornelius zu ihm geschickt hatte, ja auch sagen können: „Na gut, dann geht heim, holt euren Hauptmann, bringt ihn her. Er soll sich auf den Weg zu mir machen. Ich werde ihn in meiner Welt willkommen heißen.“ Aber so funktioniert das nicht, das hat Petrus verstanden: Nicht der andere muss zu ihm kommen. Er selbst muss sich auf den Weg machen. So besucht Petrus den anderen in dessen Welt. Genau so kann Petrus die Botschaft von Jesus Christus rüberbringen. Indem er sich auf den Weg macht, kann er zu Gott einladen, der sich zu uns allen auf den Weg gemacht hat.

Wenn ich den Spuren Jesu folge, führen mich seine Spuren nicht aus der Welt hinaus, sondern in die Welt hinein. Wir haben dieser Welt das Evangelium zu verkündigen. Als Christinnen und Christen können und sollen wir hineinwirken in diese Gesellschaft; mit helfenden Händen und klaren Worten. Das ist unsere Aufgabe- miteinander zu bauen am Reich Gottes. Auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen. Nicht immer nur erwarten, dass die Leute zu uns kommen, sondern selber hingehen zu den Leuten. Offen sein für das Wirken des Heiligen Geistes- auch an ungewöhnlichen Orten. Auch bei den Menschen, die wir mit Glauben und Kirche gar nicht in Verbindung gebracht hätten.

Das alles ist eine Aufgabe, die nicht im Alleingang funktioniert. Auch Petrus geht nicht allein zum Hauptmann Kornelius. Einige Gemeindeglieder gehen mit ihm. Immer wieder steht die christliche Kirche vor Herausforderungen. Damals bei Petrus und Kornelius war es die Frage, ob sich die christliche Gemeinde auch für Heiden öffnen sollte oder auf Menschen aus der jüdischen Religion beschränkt bleiben sollte. Heute stehen wir vor anderen Herausforderungen. Unsere Gemeinden werden kleiner. Wie können wir trotzdem fröhlich, liebevoll und kreativ die frohe Botschaft weitertragen und Menschen für das Evangelium von Jesus Christus begeistern? Welche strukturellen Veränderungen braucht es dafür? Welche neuen Wege lohnt es sich zu beschreiten; von welchen alten und liebgewordenen müssen wir uns vielleicht verabschieden?

Petrus war nicht allein unterwegs auf seinem neuen und für die damalige Zeit unerhörten Weg zum römischen Hauptmann Kornelius. Gut, dass wir auch nicht allein unterwegs sind hier in der Gemeinde. Gut, dass wir wieder ein neu gewähltes Leitungsgremium haben- acht Frauen und Männer, die sich in den Kirchengemeinderat haben wählen lassen. Wir wissen es heute noch nicht, welche neuen, ja vielleicht unerhörten Wege wir in den kommenden sechs Jahren miteinander gehen werden in unserer Gemeinde in diesen bewegten Zeiten. Aber wir können uns darauf verlassen: Gott geht mit. Sein Heiliger Geist begleitet uns.

Ihre Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer